Bei der Dämmerung steckte Andreas den Kopf zur Tür herein, um zu fragen, ob ich Licht haben wolle; es sei doch schon aus Rücksicht auf Gespenster nicht gut, im Finstern zu sitzen. Ich hieß ihn mürrisch seines Weges gehen, schürte das Feuer an, setzte mich in einen der großen ledernen Armstühle, die an dem gotischen Kamine standen, und blickte träumend in die lodernde Flamme, die ich genährt hatte. »Und so,« sprach ich vor mich hin, »entstehen, wachsen und enden die Wünsche der Sterblichen! Lappalien wecken sie, die Phantasie entzündet sie, die Hoffnung nährt sie, bis sie verzehren, was sie entflammen, und der Mensch mitsamt seinen Hoffnungen, Leidenschaften und Wünschen in einem Aschenhaufen versinkt.«
Ein tiefer Seufzer aus dem andern Ende des Zimmers schien mir zu antworten. Erschrocken fuhr ich auf, und vor mir stand – Diana Vernon, auf den Arm eines Mannes gestützt, der dem oft erwähnten Großvaterbildnis so ähnlich war, daß ich schnell nach dem Rahmen blickte, in der Meinung, die Gestalt sei daraus herniedergestiegen. Dann beschlich mich der Gedanke, ich müsse wohl plötzlich wahnsinnig geworden sein, oder die Geister der Toten wären aus ihren Gräbern gestiegen. Ein Blick auf meine Gestalt überzeugte mich aber, daß ich bei Sinnen sei, und ein andrer Blick, es seien nicht Schemen, sondern lebendige Wesen, die vor mir ständen. Ja, es war Diana selbst, aber bleicher und magerer als sonst, und kein Bewohner des Grabes stand neben ihr, sondern Vaughan, oder vielmehr Sir Vernon, in einem Anzuge, der dem seines Ahnherrn glich, mit dessen Bild sein Gesicht Familienähnlichkeit hatte. Er sprach zuerst, denn Diana heftete ihre Augen fest auf den Boden, und mir fesselte Erstaunen die Zunge.
»Wir erscheinen als Bittsteller, Herr Osbaldistone,« sagte er, »und suchen Zuflucht und Schutz unter Eurem Dache, bis wir eine Reise fortsetzen können, wo Kerker und Tod auf jedem Schritt uns drohen.«
»Gewiß,« antwortete ich mit Anstrengung – »Fräulein Vernon kann nicht vermuten – Ihr, mein Herr, könnt nicht glauben, daß ich vergessen habe, welchen Anteil Ihr mir in meinen Bedrängnissen gezeigt habt, oder daß ich fähig wäre, jemand zu verraten, am wenigsten Euch.«
»Ich weiß es,« sprach Vernon; »dennoch setze ich mit unaussprechlichem Widerstreben ein Vertrauen in Euch, das vielleicht mißfällig, gewiß gefährlich ist, und das ich lieber jedem andern erteilen möchte. Aber mein Schicksal, das mich durch ein gefahrvolles Leben verfolgte, bedrängt mich jetzt hart, und es bleibt mir keine Wahl.«
In diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und die Stimme meines geschäftigen Dieners ließ sich hören: »Ich bringe die Lichter. Ihr könnt sie anstecken, wenn's Euch recht ist.«
Ich eilte zur Tür, um ihn am Eintritt zu verhindern. Hastig schob ich ihn hinaus, schloß die Tür hinter ihm zu und verriegelte sie – dann fielen mir plötzlich die beiden Gefährten ein, die er unten hatte; mit fiel ein, was Syddall über sie geäußert hatte, und daß man den einen für einen Spion halte, und schnell ging ich Andreas in die Dienstbotenstube nach, wo sie saßen. Andreas sprach laut, als ich die Tür öffnete, verstummte aber gleich, als er mich eintreten sah,
»Was ist Euch?« fragte ich, »Ihr seht ja aus, als ob Ihr einen Geist gesehen hättet.«
»M – mir ist g – gar nichts,« antwortete Andreas; »aber Ihr – Ihr hattets g – gar so eilig –«
»Eilig? – Ihr müßt nicht recht klug sein,« gab ich zur Antwort – »ich dächte doch, Ihr hättets sehen müssen, daß Ihr mich aus dem Schlafe wecktet – unmanierlich genug, das muß ich sagen, und möcht mirs verbitten fürs nächste Mal – aber Syddall sagt mir, er könne keine Betten für die Leute schaffen, und Herr Wardlaw hälts für unnötig, daß sie hier bleiben. Da ist eine Krone für Euch, Leutchen; ich danke für Euren guten Willen; aber Ihr könnt sogleich wieder gehen.«
Die Männer nahmen das Geld und gingen, zufrieden und, wie es schien, ohne Argwohn. Ich wartete, bis sie sich entfernt hatten und bis ich sicher war, daß sie für diesen Abend nicht mehr mit Andreas sprechen konnten. Dann begab ich mich, halbwegs beruhigt und in der Ueberzeugung, zunächst besser für die Sicherheit meiner Gäste nicht handeln zu können, in den Büchersaal zurück, um ihnen meine Maßregeln mitzuteilen. Sobald ich dies getan, unterrichtete ich sie noch, daß ich Syddall beauftragt hätte, niemand in den Büchersaal hinauf zu lassen, sondern was dort zu besorgen sei, selbst zu besorgen, weil ich annehmen müsse, daß sie die Zuflucht hier doch nur durch ihn gefunden hätten. Diana dankte mir durch einen freundlichen Blick für meine Vorsicht.
»Ihr versteht jetzt mein Geheimnis, Herr Franz,« sprach sie. »Ihr wißt, wie nah und teuer mir der Verwandte ist, der so oft hier Zuflucht gefunden hat, und werdet Euch nicht länger wundern, daß Rashleigh, der unser Mitwisser war, mich mit eiserner Rute beherrschte.«
Ihr Vater fügte hinzu, es sei ihre Absicht, mich nicht lange durch ihre Gegenwart zu beunruhigen.
Ich bat die Flüchtlinge, nur auf ihre Sicherheit Rücksicht zu nehmen und sich andernfalls versichert zu halten, daß meinerseits alles geschehen sollte, was ihre Flucht erleichtern könne.
»Rashleigh war mir immer verdächtig,« nahm Sir Vernon wieder das Wort, »aber die Art und Weise, wie er sich gegen meine Tochter betrug, und seine Treulosigkeit gegen Euren Vater haben ihn mir verhaßt und verächtlich gemacht.
Bei unsrer letzten Zusammenkunft vergaß ich die Klugheit und sagte ihm rundheraus meine Meinung, und die Folge war, daß er Glauben und Vaterland verriet. Damals hegte ich noch die Hoffnung, seine Abtrünnigkeit würde von geringer Bedeutung sein. Der Graf von Mar unterhielt ein tapferes Heer in Schottland; Lord Derwentwater, Foster, Kenmore, Winton und andre Edelleute sammelten Truppen an der Grenze. Meine ausgebreiteten Verbindungen mit den englischen Edelleuten in dieser Gegend ließen es für angemessen erscheinen, daß ich mich einer Abteilung anschloß, die über den Frith und Forth durch Niederschottland ging, um sich an der Grenze mit den englischen Insurgenten zu vereinigen. Meine Tochter begleitete mich auf diesem langen, gefahr- und mühevollen Zuge.«
»Und sie wird nie ihren treuen Vater verlassen!« rief Diana, sich zärtlich an seinen Arm schmiegend. »Kaum waren wir mit unsern englischen Freunden vereinigt, so sah ich, daß unsre Sache verloren war. Die Zahl der Streiter verminderte sich, anstatt zuzunehmen, und es verband sich niemand mit uns, als Anhänger unseres Glaubens. Die Torys der herrschenden Kirche verhielten sich unschlüssig, und endlich wurden wir von einer überlegenen Macht bei der kleinen Stadt Preston eingeschlossen. Wir verteidigten uns einen Tag lang tapfer. Am folgenden Tage aber sank unsern Führern der Mut, und sie beschlossen, sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Das hieß aber nichts anderes, als freiwillig das Haupt auf den Block legen. Ungefähr dreißig Edelleute dachten wie ich. Wir stiegen zu Pferde und nahmen meine Tochter, die durchaus mein Schicksal teilen wollte, in die Mitte. Betroffen durch ihren Mut und ihre kindliche Liebe, erklärten ihre Gefährten, lieber zu sterben, als sie zurückzulassen. Wir ritten über einen sumpfigen Wiesengrund, der sich bis zum Fluß Ribble ausdehnte, durch den uns einer von der Partei eine gute Furt zu zeigen versprach. Dieser Sumpf war von dem Feinde nicht stark besetzt worden, so daß wir nur einige Reiter fanden, die wir zerstreuten und niederhieben. Wir setzten über den Fluß, erreichten die Straße nach Liverpool und trennten uns, um an verschiedenen Orten Zuflucht zu suchen. Mein Schicksal führte mich nach Wales, wo ich noch manchen Anhänger habe. Dennoch fand sich keine sichere Gelegenheit, zur See zu entkommen, und ich mußte mich wieder nordwärts wenden. Ein erprobter Freund will mich hier treffen und mich zu dem Hafen von Solway geleiten, wo ein Schiff bereitliegt, das mich für immer aus meinem Vaterlande entfernt. Da das Schloß Osbaldistone leer und unbewohnt war und unter Syddalls Aufsicht stand, der schon früher unser Vertrauen besessen hätte, wählten wir es zum Zufluchtsort. Wir erwarteten von Tag zu Tag die Ankunft unseres freundlichen Führers. Da zwang uns Eure unerwartete Rückkunft, uns an Euch zu wenden und um Eure Hilfe zu bitten.«