Die Stunde, da der Delinquent herbeigeführt werden sollte, war bereits vorüber, und noch immer zeigte sich die Spitze des Zuges nicht. Minute auf Minute verstrich, und noch immer stand die Menge und harrte. »Sollte es die Stadt wagen, den Missetäter zu begnadigen?« so ging die Rede nun unter der Menge. – »Nicht doch! das wagt selbst der Bürgermeister nicht!« ward von mehreren Seiten erwidert. Je länger es aber dauerte, ohne daß der Zug mit dem Delinquenten sichtbar wurde, desto höher schwoll die Flutwelle des Zornes: man sagte sich, der Hauptmann sei bei der Stadtbehörde beliebt, und man wolle ihm seinen Amtseifer zugute rechnen; deshalb sei an die Regierung nach London berichtet worden, und dort sei man ja immer der Meinung, um ein paar aufrührerische Schotten sei es ganz gewiß nicht schade. Nun ist aber der Edinburger Pöbel, wenn er gereizt wird, seit jeher einer der wildesten von allen Städten Europas gewesen, und als nun wirklich nach Verlauf einer ganzen Viertelstunde, die Nachricht kam, daß aus der geheimen Staatskanzlei ein Schreiben beim Edinburger Magistrate eingelaufen sei, mit der Weisung, die Vollstreckung des Urteils zu verschieben, und zwar auf die Zeit von sechs Wochen gerechnet von dem für die Hinrichtung festgesetzten Tage, da ging ein dumpfes Brausen über den Platz, und aller Blicke richteten sich grimmig nach dem Galgen. »Der arme Wilson wurde ohne Gnade und Barmherzigkeit hingeschlachtet, bloß weil er einen Beutel voll Gold gemaust hat, und ein Mensch, der so viel Mitmenschen hingemordet hat, darf ruhig weiter leben!« so murrten die Leute.
Die Frone begannen das Schafott abzuschlagen, die Fenster wurden leer, die Menge räumte den Platz, aber es blieb nicht unbemerkt, daß sich unterwegs neue Gruppen bildeten, daß gewisse Leute bald von der einen Seite zur andern liefen, bald stehen blieben und lebhaft diskutierten; an ihren Reden merkte man, daß es Freunde und Kameraden Andrew Wilsons waren, und daß sie die Bürgerschaft zur Rache an Porteous aufstachelten. Aber für den Augenblick schien ihre Absicht keinen Erfolg zu haben, denn die Menge verlief sich ruhig; wer aber einen schärferen Blick auf ihre Mienen heftete oder gar von ihren Reden, die sie leise führten, einiges aufschnappte, der mußte sich sagen, daß das Trauerspiel mit dem heutigen Tage noch nicht zu Ende sei. Gesellen wir uns, um dem Leser zu einem richtigen Urteil über die Situation zu verhelfen, zu einer der Gruppen, die sich, auf dem Wege nach ihren am Lawn-Markt gelegenen Wohnungen, den steilen Abhang hinauf bewegen, der nach diesem Teile der Stadt führt.
»Man sollte es wirklich nicht für möglich halten, liebe Frau Howden,« sagte der alte Herr Plumdamas zu seiner Nachbarin, die einen Trödel betrieb, und reichte ihr artig den Arm, um sie bei dem beschwerlichen Aufstiege zu stützen, »daß es unter unsern vornehmen Leuten welche geben kann, die einem solchen Kerl wie diesem Porteous erlauben, gegen eine friedliebende Stadtbürgerschaft die Waffen zu erheben. Das heißt doch, sich wider Gesetz und Evangelium in der frivolsten Weise auflehnen!«
»Ja, da muß man sich umsonst solchen mühsamen Weg machen,« versetzte Frau Howden, ächzend und stöhnend, »und das Geld für eines der bestgelegenen Fenster hinauswerfen, knapp einen Steinwurf vom Galgen! O, ich hätte jedes Wort hören können, das ihm der Pfarrer gesagt hätte, und nun bin ich mein Geld los, statt was gesehen zu haben!«
»Mir scheint,« antwortete Herr Plumdamas, »wenn unser altschottisches Gesetz noch Geltung hätte, wenn wir unser autonomes Königreich noch hätten, dann wäre es mit solchem Königs-Gnadenbriefe nicht weit her gewesen!«
»Hm, ich weiß in Gesetzbüchern nicht viel Bescheid,« sagte Frau Howden hierauf, »aber das weiß ich, daß wir, als es noch König, Kanzler und Parlament in Schottland gab, mit Steinen nach ihnen werfen konnten, wenn sie sich nicht manierlich benahmen.«
»Soll die Pest über London kommen!« rief die alte Jungfrau Grizell Damahoy, die sich mit Weißnäherei durchs Leben schlug, »und über das ganze Londoner Pack, das uns Parlament und Handel genommen hat! Mit unserm Adel ist's, weiß Gott! schon so weit, daß sie sich in Schottland keine Krause mehr an ein Hemd setzen lassen wollen!«
»Das stimmt, Jungfer Damahoy, das stimmt!« erwiderte Herr Plumdamas, »ich kenne Leute, die sich die Rosinen scheffelweise von London kommen lassen! Und nun muß uns gar noch ein Rudel von Zöllnern auf den Hals gehetzt werden? Es kann sich, weiß Gott! kein Mensch mehr sein Fäßchen Branntwein ins Haus legen, ohne Gefahr, daß sie ihm sein bißchen Gut, für das er sein schönes Geld hingegeben hat, mir nichts, Dir nichts wieder abholen! Na, ich will ja schließlich dem Wilson nicht die Stange halten, denn er hat sich auch an fremdem Geld vergriffen; zwischen ihm und diesem Herrgottssackermenter von Porteous ist aber noch immer ein himmelweiter Unterschied, denn er hat ja noch gar nicht einmal so viel genommen, wie er zu fordern hat!«
»Ei, wenn wir uns über das unterhalten wollen, was Recht und Gesetz bei uns zu Lande bedeutet,« rief Frau Howden, »da wollen wir doch den Herrn Saddletree heranrufen. Der weiß in unsern Gesetzen besser Bescheid als der beste Advokat.«
Es war ein alter Herr, auf den sich diese Worte bezogen, der sehr reputierlich aussah, eine hohe Perücke trug und ganz schwarz angezogen ging, was ohne Frage ein gutes Zeichen für seine behäbigen Verhältnisse war. Er war auch ein artiger Herr, der wußte, was sich schickte, denn er bot der Jungfrau Damahoy sogleich den Arm. Erwähnen wir weiter noch, daß er einen gut eingerichteten Sattlerladen hatte, »zum goldenen Hengst« firmierend, in welchem alles, was Kutscher und Fuhrherren brauchten, zu reellem Preise zu haben war, wie: Peitschen, Zaumzeug, Sättel und Sattelzeug, Kumte und so weiter. Aber Herr Bartel Saddletree – Bartel war sein Vorname – hatte noch eine besondere Passion, das ihm von der Natur verliehene Genie zu betätigen: er war versessen auf die edle Rechtswissenschaft und fehlte bei keiner Gerichtsverhandlung. Das vertrug sich freilich mit seiner Eigenschaft als Ladeninhaber schlecht, und wenn er nicht eine so außerordentlich tüchtige Frau gehabt hätte, die mit seinem Geschäft besseren Bescheid wußte, und mit Gesellen und Lehrjungen zum mindesten ebensogut umzugehen wußte wie er selbst, so hätte er sich wohl anders im Leben umsehen sollen! Frau Saddletree hatte sich mit der Zeit daran gewöhnt, ihren Mann seiner Wege gehen zu lassen und ihm seine Passion für die Rechtswissenschaft nicht zu verkümmern; dagegen bestand sie darauf, daß er ihr in der Hauswirtschaft wie auch im Laden freie Hand ließ. So war denn mit der Zeit ein Witzwort in Umlauf gekommen über besagten Herrn Bartel Saddletree: daß er über seinem Laden einen goldenen Hengst, in seinem Laden aber eine gar störrige Stute habe; und dadurch war wieder im Gemüte des Herrn Saddletree die Neigung geweckt worden, gegen seine brave Frau einen recht stolzen Ton anzuschlagen, der aber keineswegs tragisch von ihr genommen wurde und sie zu offener Widersetzlichkeit nur immer dann reizte, wenn Herr Saddletree wirklich einmal probierte, in seinem Hause das Regiment zu führen. Das kam jedoch nur höchst selten vor. Herr Bartel Saddletree hatte in dieser Hinsicht eine gewisse Aehnlichkeit mit dem biederen König Jakob, der auch lieber von seiner Macht als Landesherrscher viel schöne Worte machte, statt sie energisch zu üben. Mit dieser Denk- und Handlungsweise zog nun Herr Bartel Saddletree durchaus nicht den kürzeren, denn er konnte von sich sagen, daß sich seine Habe, einerseits ohne alles persönliche Zutun, anderseits, ohne daß er sich in seiner Passion für die Rechtswissenschaft Zwang aufzuerlegen brauchte, ständig vermehrte. Während wir dem Leser diese Schilderung des Herrn Bartel Saddletree geben, hatte er seinem Auditorium eine peinliche Vorlesung über den Fall des Hauptmannes Porteous gehalten, und war dabei zu dem Spruche gelangt, daß Porteous, wenn er fünf Minuten früher, als der Delinquent vom Galgen geschnitten worden, gefeuert hätte, »versans in licito« auf dem Boden des Gesetzes gestanden, und nur »propter excessum«, also wegen Ueberschreitens der Amtsgewalt, in gewöhnliche Strafe (Poeva ordinaria) hätte genommen werden können.