»Ueberschreitung?« wiederholte Frau Howden, »wann hätte wohl John Porteous jemals den Hals voll bekommen? Ich weiß doch schon von seinem Vater.«
»Aber, Frau Howden!« fiel Saddletree ihr ins Wort.
»Ja, und ich weiß auch recht gut, wie seine Mutter,« wollte Jungfer Damahoy anfangen, wurde aber von Herrn Saddletree ebenfalls mit einem »Aber, meine Dame!« zur Ruhe verwiesen.
»O,« kam nun auch Herr Plumdamas noch, »wenn ich mich darauf besinne, wie seine Frau.«
»Aber, meine Herrschaften,« nahm nun Saddletree energisch das Wort, »lassen Sie sich doch, bitte, nur so viel sagen: bei der Sache ist, wie Ratsanwalt Croßmyloof immer zu sagen pflegt, ein Unterschied: Die Exekution war vorbei, mithin Porteous nicht länger in Funktion, denn sowie der Delinquent am Galgen hing, hatte er eben nichts mehr zu überwachen, sondern war, wie jeder andere auf dem Platze, cuivis ex Populo.«
»Quivis, quivis, wenn Sie nichts dawider haben, Herr Saddletree, nicht cuivis,« bemerkte, mit starker Betonung der ersten Silbe, Herr Butler, Unterlehrer an einer Dorfschule, unweit von Edinburg, der gerade zu der Gruppe trat, als Saddletree das lateinische Wort falsch aussprach.
»Deshalb brauchen Sie mir doch nicht in die Rede zu fallen, Herr Butler,« verwies nun auch ihm Saddletree das Wort, »immerhin freut es mich recht, Sie zu sehen. Wenn ich cuivis sagte, so berufe ich mich auf den Kriminalrichter Bluefeather, der das Wort nie anders spricht.«
»Sollte Bluefeather sich einfallen lassen, vor mir einmal den Dativ statt des Nominativs zu brauchen,« versetzte der Schulmeister, »so würde ich seinem Namen Ehre antun und ihm das Fell verbläuen, mein lieber Saddletree, wie jedem Jungen in meiner Schule, der sich solchen Schnitzer zuschulden kommen ließe.«
»Ich spreche Latein nicht wie ein pedantischer Schulmann, Herr Butler, sondern wie es in unsern Gerichtssälen gesprochen wird,« versetzte Saddletree.
»Nicht wie ein Schulmann?« sagte Butler, »sagen Sie lieber: nicht einmal wie ein Schuljunge!«
»Darauf kommt es ja jetzt gar nicht an,« verwies ihm Bartel wieder das Wort, »ich wollte doch eben nur sagen, daß Porteous niemals die poena extra ordinem, also die Todesstrafe, hätte treffen können, wenn er hätte schießen lassen oder selbst geschossen hätte, solange er in amtlicher Funktion war, statt es erst zu tun oder tun zu lassen, als das Urteil vollzogen, seine Funktion also erloschen war.«
»Ihre Meinung geht also dahin, lieber Nachbar,« richtete jetzt Plumdamas das Wort an ihn, »daß es um John Porteous besser stünde, wenn er mit Schießen nicht so lange gewartet hätte, bis mit Steinen nach ihm geworfen wurde?«
»Ganz entschieden meine ich das, Nachbar,« versetzte Bartel Saddletree, die schon einmal angeführten Gründe noch einmal erörternd und zu ihrer Verstärkung sich auf die Autorität verschiedener Lords berufend, der von ihm beliebten Gewohnheit gemäß, sich der Bekanntschaft mit hohen Herren zu rühmen.
Nun fing die um ihn versammelte Clique wieder an, allerhand Klagelieder über den Verfall von Schottlands Größe und guten Sitten zu singen und allerlei Beschwerden über erlittene Unbill zu erheben.
»Nicht bloß vergossenes Blut schreit zu uns,« sagte Frau Howden, »sondern auch Blut, das hätte vergossen werden können! Nehmen Sie zum Beispiel mein Enkelkind, die kleine Eppie Daidle – Sie kennen sie ja, Jungfer Damahoy? – die hatte die Schule geschwänzt, was bei Kindern wohl einmal vorkommt – nicht wahr, Herr Butler?«
»Dafür müssen sie aber auch,« erwiderte der pedantische Schulmeister, »von jedem, der ihr Bestes im Auge hat, derb gezüchtigt werden!« »Sie war, neugierig, wie nun Kinder einmal sind, um sich den Galgen anzusehen, dicht unter die Balken gekrochen und hätte, wie die andern Menschen ja auch, ganz leicht erschossen werden können – Jesus! was hätten wir dann bloß alle gemacht? Was würde wohl die Königin Karoline gesagt haben, wenn sie eins von ihren Kindern in solcher Gefahr gewußt hätte?«
»Es gibt Leute,« versetzte Butler, »die wissen wollen, daß sich Majestät solchen Fall nicht besonders schwer zu Herzen genommen haben würde!«
»Um wieder auf unsern Hammel zu kommen,« nahm jetzt Frau Howden wieder das Wort, »so sollte mir John Porteous, wenn ich ein Mann wäre, dran glauben müssen, und wenn alle Karle und Karolinen zehnmal auf das Gegenteil geschworen hätten!«
»Ich müßte ihn auch unter meine Finger bekommen,« rief Jungfer Damahoy, »und wenn ich die Tür zu seinem Kerker mit den Fingernägeln aufkratzen müßte!« –
»Meine Damen, Sie mögen ja recht haben und meinetwegen noch drüber,« erwiderte Butler, »aber ich möchte Ihnen doch raten, leiser zu sprechen.«
»Was? nicht einmal mehr laut reden sollen wir?« riefen die beiden Damen wie aus einem Munde. »Kein anderes Wort wird fallen vom Hafen bis zum andern Stadtende, bis die Geschichte entweder ihr Ende gefunden oder das Blatt sich gewendet hat!« –
Die Weiber verfügten sich nun heim, Herr Plumdamas meinte, im Einklange mit den andern beiden Herren, in einer Butike auf dem Lawn-Markte sich noch ein kleines Stampferl genehmigen zu sollen. Als sie das getan, verfügte Herr Plumadams sich schleunig in seinen Laden, während Herr Butler, der gerade Bedarf, nach einem Ochsenziemer hatte – weshalb, darauf wären seine Jungen sicher nicht um die Antwort verlegen gewesen – mit Herrn Saddletree über den gleichen Markt ging, den die beiden Damen vor ihnen passierten, und während beide fleißig schwatzten: Saddletree über schottisches Recht, Butler über lateinische Aussprache, ohne daß aber einer für des andern Ausführungen ein aufmerksames Ohr hatte.
Drittes Kapitel
»John Driver, der Fuhrmann, war da und hat nach seinem Zaume gefragt,« rief Frau Saddletree ihrem Manne entgegen, als er den Fuß über die Schwelle setzte, nicht um ihn in einer Sache, die mehr ihn als sie anging, merken zu lassen, daß sie sich auch darum kümmere, sondern bloß, um damit groß zu tun, was alles in seiner Abwesenheit hätte besorgt werden müssen.
»Schön,« antwortete Bartel, ohne weiter etwas zu sagen.
»Der Laird von Girdingburst hat auch hergeschickt und fragen lassen, wann er die gestickte Satteldecke für seinen Rotfuchs haben könnte, er ist dann auch selbst dagewesen – ein sehr netter und artiger junger Herr – und hat gesagt, daß er sie zum nächsten Pferderennen in Kelso haben müsse.«
»Schön, schön,« sagte Bartel wieder, ebenso lakonisch wie vorher.
»Seine Erlaucht Graf von Blazonbury, der ja immer gleich aus der Jacke fährt, hat geschimpft und gewettert, daß die Geschirre für seine sechs flandrischen Stuten noch immer nicht abgeliefert seien; er will sie mit den Federbüschen und Kronen, Satteldecken und Steigbügeln noch heute haben.«
»Schön, schön, schön, Frau,« antwortete Saddletree, noch immer die Ruhe wahrend; »wenn er's zu toll macht, so lassen wir ihn ins Tollhaus bringen, alles ganz schön, Frau, alles ganz schön!«
»Nur schön, daß Du so denkst, Saddletree,« sagte seine Frau darauf, durch seine Gleichgiltigkeit langsam in Hitze geratend, »mancher sähe es doch für eine Schande an, wenn so viel Kunden in den Laden kämen und immer von einem Frauenzimmer abgefertigt werden müßten. Du verstehst nun einmal nicht, Deine Leute in Zucht und Ordnung zu halten; denn kaum warst Du zum Hause hinaus, so liefen auch alle Gesellen und Jungen zum Galgen hin, den Porteous baumeln zu sehen, und da Du eben nicht zu Hause bleiben konntest.«