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Nunmehr rückte ein auserlesener Trupp gegen das Stockhaus selbst vor und donnerte, Einlaß begehrend, gegen die Tore. Da sich der Schließer aber, sobald der Tumult anhob, mit seinen Schlüsseln aus dem Staube gemacht hatte, rückte und rührte sich nichts an den Toren. Alle Versuche, sie einzuschlagen, blieben fruchtlos, denn gegen die starken Eisenbeschläge der eichenen Flügel richtete kein Schmiedehammer, keine Brechstange etwas aus. Butler, der mit hergeschleppt worden war, verlor von den dröhnenden Schlägen der schweren Hämmer fast das Gehör. Er hoffte aber, die Wut des Volkes werde sich an diesem Hindernisse kühlen, wenn nicht mittlerweile von irgendwelcher Seite Hilfe herannahte. Zeitweilig gewann die Aussicht auf solche an Wahrscheinlichkeit. Die Ratsherren hatten nämlich ihre Dienstmannen und solche der Bürgerschaft zu sich herangezogen, die noch nicht allen Mut verloren hatten, sich gegen das drohende Ungewitter aufzulehnen, und rückten nun von dem Wirtshause, wo sie ihre Beratung gepflogen, gegen das Stockhaus vor. Dienstmannen mit Fackeln in der Hand geleiteten einen Herold vor die aufrührerische Menge, um ihr das Aufruhrgesetz zu Gemüte führen zu lassen. Als sie aber den um den Durchgang herum befindlichen Buden sich näherten, wurden sie mit Steinwürfen zurückgetrieben. Ein Ratsdiener war so mutig, einen aus dem Haufen zu packen und ihm die Muskete aus der Hand zu reißen. Da ihn seine Kameraden jedoch im Stiche ließen, wurde er auf der Stelle zu Boden gerissen und entwaffnet; aber auch gegen ihn unternahm die Menge nichts weiter, sondern ließ ihn laufen. Die Ratsherren machten zwar noch verschiedene Versuche, sich Gehör zu verschaffen, mußten zuletzt aber einsehen, daß hier alles umsonst sei, und daß ihnen, wenn sie ihr Leben nicht gefährden wollten, nichts anderes übrig bliebe, als den Aufrührern das Feld zu lassen.

Besser hielt sich noch immer das Stockhaus selbst, denn seine Tore widerstanden allen Versuchen einer gewaltsamen Oeffnung. Das Getöse der schweren Hämmer, die nach wie vor gegen das Portal schmetterten, mußte bis zur Burg hinauf dringen und die Besatzung derselben alarmieren, und nicht lange, so ging unter der Menge das Gerede, es wären Soldaten von dorther im Anmarsche, ja sogar Geschütze würden aufgefahren, sie auseinander zu treiben.

Was zunächst durch solches Gerücht bewirkt wurde, war, daß die Menge ihre Angriffe auf die Kerkertore mit verstärktem Eifer ausführte. Aber sie leisteten nach wie vor Widerstand. Da ertönte der Ruf aus der Menge: »Feuer! Feuer!« und nun wurde Teer in Tonnen zur Stelle geschafft. Nicht lange, so schlug die Lohe an dem Tore empor, das Feuer wurde mit allen nur irgend erreichbaren Brennstoffen gespeist, und bald verkündete wildes Geschrei, daß das Tor zu brennen anfange und bald keinen Widerstand mehr leisten werde.

Der Flammenschein traf die wilden Gesichter der den Platz füllenden Menge und die bleichen, von Angst verzerrten Gesichter der in den Häuserfenstern liegenden Bürger. Da kam ein anderer Ruf: »Die Tür kracht!« Das Feuer wurde gedämpft, der Brand gelöscht, aber die Rasenden sprangen über die Glut hinweg in das Stockhaus hinein, daß die Funken hochstoben, und nun ward es Butler zur grausen Gewißheit, daß der unglückliche Hauptmann Porteous der Wut des Edinburger Pöbels verfallen sei, und daß keine Macht ihn mehr werde retten können.

Fünftes Kapitel

Hauptmann Porteous hatte die verschiedensten Stimmungen an diesem Tage durchlebt: erst hatte er es nicht für möglich gehalten, daß, nachdem das Schwurgericht das Todesurteil über ihn verhängt, die Staatsregierung zu seinen Gunsten intervenieren werde, und weidlich Trübsal geblasen; als ihm aber die Nachricht gebracht wurde, daß dieser Fall doch eingetreten sei, hatte sich wilde Freude seines Herzens bemächtigt und er wiegte sich in der Hoffnung, seiner Begnadigung überhaupt sicher zu sein. Manche aber, die es wirklich gut mit ihm meinten, hatten aus dem eigentümlichen Verhalten des Volkes bei Verkündigung des Urteilsaufschubs auf ganz andere Dinge geschlossen und dem Freunde geraten, ohne Säumen die vorgesetzte Behörde um Ueberführung nach der Burg zu ersuchen. Porteous aber, der niemals eine hohe Meinung von dem Mut und der Energie eines städtischen Pöbels gehabt hatte, hielt jeden Versuch, gegen das feste Stockhaus einen Angriff zu unternehmen, für ein Unding und erklärte, da bleiben zu wollen, wohin man ihn wider Recht und Gesetz gesteckt habe. Er verlebte den für ihn so glücklichen Tag in dulci jubilo, gab seinen guten Bekannten zur Feier desselben einen fulminanten Schmaus und hatte nicht ermangelt, sich hierbei einen tüchtigen Rausch anzutrinken. In diese Fidelitas hinein, an der sich auch der Gefängnisinspektor, ein alter guter Freund des ehemaligen Hauptmanns der Bürgergarde, beteiligte, schallte plötzlich von der Straße herauf das wilde Geschrei der aufrührerischen Menge. Gleich darauf erschien der Schließer mit der Kunde, daß sich der Pöbel aller Stadttore, wie auch des Wachtlokals der Bürgergarde bemächtigt habe und nun das Stockhaustor einzuschlagen versuche. Vielleicht wäre es auch jetzt noch dem unglücklichen Hauptmanne möglich gewesen, sich zu retten, wenn er sich hätte entschließen können, mit seinen Zechkumpanen in einer geschickten Verkleidung zu entfliehen. Aber er konnte sich zu keinem Entschlusse aufraffen, und seine Bekannten und Freunde suchten so schnell wie möglich die eigene Haut in Sicherheit zu bringen. Da war draußen wieder plötzlich Ruhe eingetreten, und Porteous hatte sich ein paar Augenblicke in der Zuversicht gewiegt, daß von irgend einer Seite her Militär gegen den Pöbel im Anrücken befindlich sei und ihn befreien werde. Bald aber belehrte ihn der Feuerschein eines andern, freilich nicht Besseren. Jetzt blieb ihm bloß ein Weg noch zur Flucht, der durch den Kamin. Er zauderte nicht, wurde aber bald inne, daß ihm die eisernen Gitter, die in den Schornsteinen von Gefängnissen eingesetzt werden, den Häftlingen den Ausbruch zu erschweren, das Emporklimmen unmöglich machten. Da aber der Lärm von Schritten auf den Gängen verriet, daß die Menge bereits in das Stockhaus eingedrungen sei, suchte er sich wenigstens an den Gittern festzuhalten und so zu verbergen. Es war der Strohhalm, an den sich der Ertrinkende klammert!

Bald erhellte Fackelschein seine Zelle, die durch ein paar Sträflinge den Aufrührern verraten worden war, und nicht lange währte es, so hatten ihn seine Verfolger aus seinem Schlupfwinkel gezerrt und schleppten ihn unter dem Johlen der Menge die Treppe hinunter auf die Straße. Hier richtete sich mehr denn eine Muskete auf ihn; aber der als Mannweib kostümierte Verschworene, der schon mehrfach Butlers Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hatte, rief: »Musketen weg! Seid ihr verrückt, Kerle? An dem Orte soll der Wicht vom Leben zum Tode gebracht werden, wo er das Blut sovieler Kameraden von uns freventlich vergossen hat!«

Wildes Beifallsgeschrei lohnte dem Redner, und von allen Seiten her erscholl jetzt der Ruf: »Zum Galgen! Zum Galgen! Auf den Grasmarkt mit dem Mörder!«

»Daß ihm keiner was antue!« fuhr der Anführer fort; »wenn er kann, soll er seine Rechnung mit dem Himmel machen. Durch uns soll seine Seele nicht mit dem Leibe verderben.«

»Hat er besseren Menschen Zeit dazu gelassen?« rief ein anderer aus der Menge; »wozu sollen wir ihm was Besonderes vergönnen?«

Aber die Meinung des ersten gewann die Oberhand; dem Hauptmann wurde anbefohlen, seinen letzten Willen aufzusetzen, und ein schuldenhalber im Stockhaus sitzender Kaufmann übernahm das Schriftstück zur Besorgung an die Behörde. Den übrigen Arrestanten wurde erlaubt zu fliehen, und natürlich ließ sich keiner dazu nötigen: manche schlossen sich mit Jubel dem Haufen der Aufrührer an, andere suchten auf Nebenwegen bekannte Schlupfwinkel und Diebshöhlen zu erreichen, wo sie sich besser aufgehoben dünkten; im Stockhause blieben nur zwei zurück: ein Mann von etwa fünfzig und ein Mädchen von etwa achtzehn Jahren. Beide wurden wiederholt aufgefordert, mitzufliehen; der Mann aber sagte, er habe es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, das alte Handwerk an den Nagel zu hängen und ein ehrlicher Mensch zu werden. Es half auch nichts, daß ihm einer, der zu seinen engeren Bekannten gehören mochte, sagte: »Bist ein Esel, Willie; wenn Du bleibst, so mußt Du baumeln!« Er blieb bei seinem Vorsatze und ging in die Zelle zurück.