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Hier fanden die beiden Jünger der genannten Fakultäten noch zwei Personen: den Sohn und Erben des Lairds, einen arg in die Länge geschossenen, exemplarisch blöde aussehenden Jungen von 14–15 und eine robuste Wirtschafterin zwischen 40 und 50 Jahren, die seit dem Tode der Lady das Regiment im Lairdschen Haushalte geführt hatte. An diese zurzeit im Sterbezimmer anwesenden Personen richtete der Laird, in dessen ohnehin ziemlich beschränktem Kopfe jetzt allerhand Gedanken, auf diese und jene Welt bezüglich, einander jagten, die folgende, hieraus erwachsende Ansprache:

»Das gibt eine harte Nuß für mich, ihr Herren! Weit härter, als die ich anno 89 knacken mußte, als man mir deshalb aufs Fell rückte, weil ich Papist sein sollte. Und dabei habe ich doch – das dürfen Sie mir, weiß Gott! glauben, Pastor – von papistischer Gesinnung mein Lebtag kein Körnchen im Schädel gehabt! Nimm's Dir zum Exempel, John! Solche Schuld, wie ich jetzt müssen wir mal alle berappen; aber für einen, der nie gern im Leben was berappt hat – daß das nicht erlogen ist, kann dir Nichil Novit bestätigen, der Dir dicht vor der Nase sitzt – ist's ein gar schlimmes Ding! – Novit, vergeßt nicht, vom Meier die fällige Pacht zu kassieren! Wer Schulden bezahlen soll, muß auch kassieren, was ihm andre schuldig sind. – Hast Du 'mal nichts zu tun, John, dann pflanze Bäume, denn Bäume wachsen, dieweil Du schläfst, John: das hat mir schon mein Vater ans Herz gelegt, und zwar vor wenigstens vierzig Jahren; es hat mir bloß immer an der Zeit gefehlt, den Rat zu befolgen. Und trink auch keinen Schnaps in der Frühe, John, denn Schnaps ist dem Magen nicht zuträglich, er versäuert; nimm dafür lieber einen Schluck aqua mirabilis, das Zeug versteht Jenny gut zu brauen. Hol's der Teufel, Doktor, mir wird die Luft so knapp wie einem Pfeifer, der einen Tag lang zur Hochzeit aufgespielt hat. Jenny, rück mir das vertrackte Kissen zurecht! Ach, geh! nutzen wird's auch nichts – Pfaff, Ihr könnt mir doch gewiß ein kurzes Stoßgebet vorleiern? Wer weiß, ob's mir nicht gut täte? Wenigstens könnt's mir ein paar Flausen aus dem Kopfe jagen. Also los, Pfaffe, los!«

»Ein Gebet herleiern wie ein Wiegenlied, Laird,« versetzte der würdige Pfarrer, »das kann ich nicht, und wenn Ihr Eure Seele freimachen wollt von Bösem, dann müßt Ihr mir zuvor Euern Sinn offenbaren!«

»Ich dächte, meinen Sinn müßtet Ihr kennen,« versetzte der Kranke, »hat mich doch Pfarrer und Vikar seit 89 Geld über Geld gekostet! Da soll ich das einzige Mal in meinem Leben, wo es mich danach gelüstet, nicht mal ein Stoßgebet dafür haben können? Schert Euch, wenn es mit Eurer Weisheit so erbärmlich bestellt ist. Kommt Ihr mal her, Doktor! vielleicht könnt Ihr mir aus der Patsche helfen?« Der Doktor hatte sich inzwischen bei der Wirtschafterin nach dem bisherigen Krankheitsverlaufe erkundigt und erwiderte nun dem Laird, daß er mit all seiner Kunst ihm das Leben nicht erhalten könne.

»Dann hol euch beide der Teufel!« schrie der Kranke fuchswild; »was wollt ihr denn hier? Von euch nichts weiter zu hören, als daß ihr mir nicht helfen könnt, darauf pfeife ich, versteht ihr?. Jenny, schaff mir die Kerle aus den Augen! Und Du, John, laß Dir's gesagt sein, gibst Du einem von ihnen auch nur sechs Dreier für den Gang, so sollst Du verflucht sein!«

Doktor und Pfarrer zogen sich schnell aus dem Zimmer zurück, während der im Sterben liegende Laird sein Gewissen durch Lästerreden zu betäuben suchte.

»Jenny, die Schnapsflasche!« schrie er mit einer seinen Grimm wie seine Qual zugleich verratenden Stimme; »was brauche ich die beiden, da ich doch sterben kann, wie ich gelebt habe?. Aber,« setzte er leiser hinzu, »eins drückt mich schwer, recht schwer, und das spült mir kein Schnaps vom Herzen! die Deans und die alte Butlern. Ich hab sie hart geschunden in den dürren Jahren, und wenn sie jetzt aus dem Hause sollen, müssen sie umkommen, ohne Frage, John, wie steht's heut ums Wetter?«

»Es schneit, Vater,« antwortete, nach einem Blick zum Fenster hinaus, der langgeschossene Junge mit Seelenruhe.

»Erfrieren werden sie,« sagte der Laird, »und ich – ich werde, wenn's zutrifft, was man mir gesagt hat – bald schmoren!«

Diese Worte rangen sich so dumpf und hohl aus der geängstigten Brust des Sterbenden herauf, daß es sogar den Advokaten schauderte, und zum ersten Male in seinem Leben versuchte er es, durch einen frommen Rat einem Sterbenden die letzte Stunde zu erleichtern: er legte dem Laird ans Herz, den beiden vom Unglück so schwer heimgesuchten Familien das ihnen auf hinterhältige Weise genommene Gut wieder zurückzugeben. Aber der Geiz, der so lange in diesem Herzen gewohnt hatte, ließ auch jetzt die Reue nicht aufkommen.

»Das geht nicht an, Novit, nein, nein!« rief der Laird in verzweifeltem Tone, »Ihr wißt, wie nötig ich Geld brauche, und Beersheba gehört ja schon von Natur zu Dumbiedike, nein, nein! ich müßte sterben, wenn ich das täte!«

»Aber sterben müßt Ihr ja doch!« sagte darauf der Advokat, »und tut Ihr,, was ich Euch sage, dann habt Ihr doch vielleicht einen leichteren Tod! Probiert's doch!« »Kein Wort mehr, Novit, kein Wort mehr davon, sonst schmeiß ich Euch die Schnapspulle an den Kopf! John, Du siehst's, wie mich das auf meinem Sterbebette quält! Höre, sei nicht hart gegen die Leute, ich meine die Butlern und die Deans, John, klammre Dich nicht zu fest an irdischen Kram! Du siehst, wie es mir zusetzt! Aber halt Hab und Gut zusammen, hörst Du? und aus den Händen gibst Du Beersheba nicht, denn unser Land soll nicht wieder zerrissen werden, aber laß die Leute billig in der Pacht, damit sie ihr bißchen Brot haben, vielleicht verhilft's Deinem Vater zu einem leichten Tode, John!«

Nachdem er durch diese widerspruchsvollen Sätze sich so weit beruhigt hatte, daß er drei große Gläser Schnaps hintereinander hinuntergießen konnte, lallte er: »Der Teufel schickt den Pfaffen aus, er soll den Doktor holen!« aber er kam nicht weiter in dem Liede, sondern schnappte, wie die dicke Haushälterin sagte, zum letzten Male nach Luft.

Der Laird war tot, und sein Ableben brachte in der Lage der beiden unglücklichen Familien eine große Veränderung zu stande. John Dumbiedike war zwar auch engherzig und selbstsüchtig, aber doch nicht so unersättlich wie sein Vater, und sein Vormund stimmte mit dem Anwalt Novit darin überein, daß man den letzten mündlichen Willen des Verstorbenen achten und ausführen müsse. Zufolgedessen wurden Deans und Butlers nicht in die kalte Winternacht hinausgetrieben, sondern man vergönnte ihnen, sich nach wie vor Buttermilch und Erbsenbrei im Schweiße ihres Angesichts zu verdienen.

Woodend, David Deans' Pachthof, lag nicht weit von dem Butlerschen Beersheba, und doch hatten beide Familien sich früher kaum einmal im Jahre gesehen. Deans war ein starrsinniger Schotte und mochte von England, sei es, was es wolle, nichts wissen. Zudem war er ein ebenso starrer Presbyterianer, der um keines Haares Breite von dem einzig wahren Wege abwich, der seiner Rede nach »gerade zwischen den leidenschaftlichen Uebertreibungen der rechten und den Irrtümern der linken Hand hindurch führte«. Nichtsdestoweniger führte die Lage der beiden Familien mit der Zeit eine Annäherung herbei: sie hatten die gleiche Gefahr durch einen unvorhergesehenen Zufall überstanden und waren, um sich ihr karges Heim zu erhalten, auf die gleichen Mittel und Wege angewiesen, ähnlich wie Menschen, die zusammen durch ein Wasser schwimmen müssen, das für einen zu reißend ist, darauf angewiesen sind, einander unter die Arme zu greifen und sich gegenseitig zu halten, um nicht einzeln von der Flut fortgespült zu werden.

Je enger sie bekannt wurden, desto mehr schwanden auch die Vorurteile, die Deans noch immer in Glaubenssachen hatte, denn er erfuhr jetzt erst, daß die alte Butlern keine Englische sei und, wenn auch nicht so recht an dem wahren, die Irrtümer der Zeit bekämpfenden Nonkonformisten-Glauben hing, sich doch auch nicht viel um die sogenannte unabhängige Richtung der Kirche scherte. Es ließ sich also doch vielleicht hoffen, daß ihr Enkel, trotzdem er von einem Dragoner Oliver Cromwells stammte, weder zu dieser noch zu der papistischen Lehre sich zu bekennen, sondern die Glaubensgrundsätze des alten Deans, der ein starrer Nonkonformist war, zu den seinigen machen würde.