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Als kluger Vater konnte sich Deans über die eigentümliche Gepflogenheit des Lairds, während seiner Vorträge keinen Blick von seiner Tochter zu lassen, nicht lange im unklaren sein. Mehr aber noch als ihn, beschäftigte die Sache ein anderes Mitglied seiner Familie, die zweite Frau nämlich, die er sich zehn Jahre nach dem Tode seiner ersten genommen hatte. Sie hieß Rebekka, und vielfach herrschte im Lande die Meinung, Deans habe sich mit seiner zweiten Heirat, trotzdem er zehn Jahre damit gewartet, doch übereilt, und diese Meinung stützte sich zumeist darauf, daß Deans im allgemeinen zu fromm sei, um der Ehe hold sein zu können, sondern sie doch nur als ein der Menschheit in ihrem unfertigen Zustande notwendiges Uebel ansehen könne.

Rebekka aber war, wenn solche Meinung über ihren Mann vielleicht zutraf, dem Ehestande nichts weniger als abhold, ja sie neigte sogar dazu, sich mit ein bißchen Kuppelei zu befassen, und gleichwie sie schon manches Mädchen in der Gegend unter die Haube gebracht hatte, wäre ihr solche Absicht hinsichtlich des Lairds und ihrer Stieftochter wohl zuzutrauen gewesen, wenigstens ließ sie es hin und wieder an einer Anspielung darauf nicht fehlen. Der alte Deans zog dann aber immer die Stirn in Falten, und das einzige, was er dazu sagte, war ein geringschätziges »Pah!« – wollte aber die Frau gar einmal davon zu reden anfangen, so nahm er still die Mütze und schritt aus dem Hause, den dämmernden Strahl selbstgefälligen Lächelns zu verbergen, der ihm unwillkürlich über das strenge Antlitz huschte.

Der jüngere Leser wird hier sicher fragen, durch welche Vorzüge Jeanie diese Aufmerksamkeit des jungen Lairds erregte? und da muß ich als Erzähler, der es mit der Wahrheit genau nimmt, sagen, daß Jeanie eine hervorragende Schönheit nicht war, denn sie war klein und ihre Figur fast zu stark; ihr Gesicht war zwar von angenehmer Rundung, jedoch durch den ständigen Aufenthalt im Freien stark gebräunt; sie hatte zudem hellbraunes Haar, aber stark ins Graue spielende Augen. Sympathisch aber war ihr Wesen als Abglanz einer unbeschreiblichen Lauterkeit des Gemütes und jener milden Fröhlichkeit, die nur aus einem guten Gewissen und einem zufriedenen Sinne erwächst. Der Leser wird daraufhin zugeben, daß Jeanie Deans, wenn auch eine ganz passable Dirne, so doch keine Schönheit war; nichtsdestoweniger fand sich Laird Dumbiedike, sei es nun aus Gewohnheit, oder aus Unkenntnis seines Gemütszustandes, oder aus Mangel an Willenskraft, einen Tag wie alle Tage, einen Monat nach dem andern und ein Jahr nach dem andern, in Woodend ein, um sich an dem Blick »der Dirne«, wie er sie nannte, zu weiden, kam aber niemals zu einer noch so schwachen Andeutung, daß es seine Absicht sei, die Anspielungen von Jeanies Stiefmutter wahr zu machen.

Da nun die liebe Frau Rebekka Deans nach einigen Jahren unfruchtbarer Ehe ihren David ebenfalls mit einem Töchterchen beschenkte, dem in der Taufe der Name Euphemia, abgekürzt Effie, gegeben wurde, läßt es sich erklären, daß ihr über diesem ewigen Zaudern des hochadeligen Werbers die Geduld zu reißen drohte. Rebekka sagte sich nämlich, und wohl mit Recht, daß die ältere Tochter, wenn sie zur Lady Dumbiedike erhoben würde, keine Aussteuer mitzubekommen brauche, sondern daß dann das ganze väterliche und mütterliche Erbteil ihrer eigenen Tochter zufallen müsse; darum wandte sie alle mögliche List an, den Laird zu einer Erklärung zu veranlassen, mußte es aber über sich ergehen lassen, daß sie bei all diesen Versuchen Niederlagen erlitt, bis sie sich zuletzt vorkam wie ein täppischer Angler, der die Forelle, statt fängt, scheucht. Einmal vornehmlich, als sie mit dem Laird über die Notwendigkeit scherzte, dem Schlosse Dumbiedike endlich eine Herrin zu schenken, kam dieser in solche Begriffswirrnis, daß er sich volle vierzehn Tage lang in Woodend mit seinem Tressenhut und seiner leeren Pfeife nicht wieder sehen ließ. Rebekka zog hieraus die Lehre, daß es klüger sei, den Laird bei seinem Schneckentempo zu lassen, gemäß der alten Totengräber-Rede, daß kein Esel, man möge ihm noch so derbe Prügel geben, schneller zu Grabe komme, als er es sich in den Kopf gesetzt habe.

Mittlerweile studierte Reuben in Saint-Andrews weiter und verschaffte sich die Mittel zu seinem Unterhalt durch Unterrichtsstunden, die er solchen erteilte, die das erst lernen wollten, was er schon gelernt hatte. Ja, es gelang ihm aus dieser Tätigkeit soviel zu lösen, daß er der alten Großmutter nicht unerhebliche Unterstützungen zuwenden konnte: eine heilige Pflicht, deren Verletzung er sich, wie jeder Schotte, zum Verbrechen angerechnet hätte. Er erwarb sich tüchtige Kenntnisse in allen Wissensfächern, vornehmlich in demjenigen, welches er zu seinem Beruf erwählt hatte, der Theologie; aber sein überbescheidenes Wesen hinderte ihn, sie richtig Zur Geltung zu bringen, und so hätte er, wenn er über Mißgeschick, Ungerechtigkeit und Zurücksetzung hätte klagen wollen, ebensoviel Ursache gehabt wie manch anderer, der vielleicht nicht in so trüben Lebensverhältnissen war wie er.

Die Lizenz als Geistlicher bekam er »summa cum laude« ausgestellt, aber kein Amt, in welchem er sie hätte ausüben können, und so blieb ihm nichts weiter übrig, als nach Beendigung seines Studiums sich wieder nach Beersheba in die Hütte der Großmutter zu flüchten; einige Privatstunden in benachbarten Gutshöfen verschafften ihm dort ein kärgliches, zudem unsicheres Einkommen. Einer seiner ersten Besuche galt dem Pachthofe in Woodend. Jeanie hieß ihn mit warmer Freundschaft willkommen, Frau Rebekka bewies ihm wohlwollende Gastfreundschaft und David Deans begrüßte ihn auf seine Weise: das heißt: er rückte ihm sogleich mit allen Möglichen Zeit- und Streitfragen auf den Leib, um zu ermitteln, ob er es verstanden habe, sich von den Irrungen und Wirkungen der Zeit das Herz frei zu halten.

Reuben war nun seiner Gesinnung nach strenger Presbyterianer, aber jederzeit bereit, Dinge aus der Diskussion zu lassen, die seinen alten Freund und Gönner hätten kränken können, und so durfte er füglich erwarten, rein wie geläutertes Gold aus diesem Deansschen »Schmelztiegel von Prüfungsfragen« hervorzugehen. Aber vor solch strengem Examinator wie dem Vater Deans war es nicht so leicht, mit Erfolg zu bestehen.

Die alte Großmutter hatte es sich nicht nehmen lassen, den Enkel nach Woodend zu begleiten, mußte ihr doch daran liegen, mit anzuhören, wie sich »ihr Reuben« dem Nachbar als Gelehrter offenbaren würde. Da war es ihr nun recht schmerzlich, wahrnehmen zu müssen, daß Nachbar Deans sich ganz anders zeigte, als sie sich gedacht hatte, weder etwas sagte, noch nach etwas fragte, sondern erst, nachdem ihm Frau Buttler wiederholt das Wort vergönnt hatte, sich mürrisch zu einem Gespräche herbeiließ.