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»Ich hab doch aber gedacht, Nachbar,« sagte die Greisin, »Ihr würdet Euch ein bißchen freuen, den Reuben, meinen lieben Jungen, wieder bei uns zu sehen?«

»Na, ich freue mich ja,« versetzte der Nachbar kurz angebunden.

»Der arme Junge hat doch, seit er den Großvater und den Vater verlor, keinen Menschen mehr in der Welt gehabt, der sich seiner so brav und ehrlich angenommen hätte, wie Ihr, Nachbar!« »Der einzige wahrhafte Vater der Waisen ist Gott im Himmel,« erwiderte, den Blick aufwärts richtend, Vater Deans. »Gebt also die Ehre auch Ihm, nicht einem seiner unwürdigen Werkzeuge!«

»Ja doch, Nachbar, so beliebt Ihr immer die Dinge zu drehen, und am besten wißt Ihr ja auch sicher, was recht und in Ordnung ist, aber ich vergesse es Euch trotzdem nicht, wie Ihr, obgleich in Eurer Mühle selbst kein Stein mehr auf dem andern war, nach Beersheba einen Scheffel Mehl schicktet.«

»Frau Butlern, laßt das,« fiel Deans ihr ins Wort, »dergleichen Aufhebens um solche Kleinigkeit dient bloß dazu, unsern innern Menschen eitel und hoffärtig zu machen.«

»Nachbar, was wahr ist, muß auch wahr bleiben!« antwortete die Greisin, »Ihr wißt es doch selber, daß Ihr noch mehr getan habt! Und daß Ihr Euch über meinen Jungen freut, des bin ich sicher, auch wenn Ihr's nicht frei heraus sagt. Na, seht, mit seinem Fuße geht's auch besser; er kann meilenweit laufen, ohne müde zu werden, und besser im Gesicht sieht er auch aus, er hat ja richtig schon rote Backen, und das, Nachbar, tut meinen alten Augen wohl. Auch einen ordentlichen Rock hat er auf dem Leibe, Nachbar sieht er nicht ganz aus wie ein Geistlicher?«

»Freilich, Butlern, freilich, und daß er so gesund und ordentlich daher kommt, na, das ist mir lieb, sehr lieb, das muß ich sagen,« erwiderte David Deans, aber mit solch gemessenem Tone, daß jeder, bloß nicht eine alte Frau, die sich einmal was vorgenommen hat, gemerkt hätte, daß er die Unterhaltung abbrechen möchte.

»Und auf jede Kanzel kann er treten, Nachbar,« fuhr die alte Frau fort, »und wenn ich ihn mir vorstelle, wie er predigt und wie alles mit offnem Munde dasitzt und seinen Reden lauscht, als wäre er der Papst in Person.«

»Was sind das für Reden, Frau?« rief Deans in strengem Tone.

»Ach, lieber Himmel!« rief die Frau, »da ist mir ja ganz aus den Gedanken gekommen, wie ungehalten Ihr grade über den Papst seid, wie ja mein seliger Mann auch, der Stephan, der von früh bis abends am Tische saß und ein Zeugnis aufsetzte wider die römische Herrschaft und wider die Wiedertaufe, und was nicht alles noch.«

»Frau, redet, was Ihr verantworten könnt, sonst haltet lieber den Mund!« rief Deans; »ich sage Euch, was sich bei uns zu Lande als unabhängige Richtung ausgibt, ist lauter Ketzerei, und das Widertaufen gar erst ein verderblicher, betrügerischer Irrtum, der mit allem Feuer des Geistes aus den Herzen und mit dem Schwert des Gesetzes aus dem Lande gerissen werden sollte!«

»Ja doch, ja doch, Nachbar,« erwiderte die Frau, »Ihr habt ja ganz gewiß recht, denn wer so klug in allen Wirtschaftsdingen ist, der muß ja auch in kirchlichen Fragen beschlagen sein, aber was meinen Reuben angeht, so ...«

»Liebe Butlern,« antwortete Deans, »der Reuben ist ein junger Mensch, dem ich von Herzen wohl will, wie meinem eignen Sohne, aber ich befürchte, sein Geist wird sich übernehmen, wird bis rechte Gnade nicht finden; denn er hat der weltlichen Gelehrsamkeit zuviel und sinnt zu sehr, wie er den streitigen Satz darstellen soll in blumenreicher Rede, als daß er den Grund des Heils in seiner Seele fände, er ist zu stolz darauf, daß er die Gabe hat, was er gelernt im Flitterstaate schöner Worte wiederzugeben; indessen,« lenkte er ein, als er sah, welche Kümmernis sich auf dem Gesichte der Greisin malte, »Trübsal kann ihn ja von diesen Schlacken läutern, Trübsal wird ihn demütiger machen, und dann, dann werdet Ihr noch Eure helle Freude an dem Jungen haben, denn er wird ein Licht der Kirche werden!«

Wenn auch die alte Frau nicht alles richtig verstand, was Deans vorbrachte, so beunruhigte sie doch manches Wort aus dem Munde des alten Freundes, so daß die Freude, die sie erst über die Wiederkunft ihres Enkels empfunden, einen starken Dämpfer erhielt. So ganz unrecht hatte Deans zudem nicht, denn Reuben litt halb und halb an der Schwäche, mehr Wissen auszukramen, als sich bei mancher Gelegenheit für nötig erwiesen hätte; und daß es den alten Mann, der sich in geistlichen Streitfragen für ein Orakel dünkte, unangenehm berührte, hin und wieder bei dem jungen Menschen auf begründeten Widerspruch zu stoßen, ist auch begreiflich.

Dagegen fand Jeanie Deans weniger Ursache, Reuben wegen dieser ihrem Vater anstößigen Schwäche zu grollen, im Gegenteil freute sie sich darüber, vielleicht aus dem gleichen Grunde, wie sich Weiber über Mut bei Männern freuen: weil ihnen selbst nämlich diese Eigenschaft abgeht. Da die Verhältnisse sich auf beiden Pachtgütern während Reubens Abwesenheit wenig verändert hatten, die Beziehungen also dieselben waren wie früher, kamen die beiden jungen Leute auch wie früher oft zusammen, und das alte Verhältnis zwischen ihnen lebte wieder auf; jedoch in einer ihrem fortgeschrittnen Alter gemäßen Weise; sie gewannen nicht bloß wieder Zuneigung zueinander, sondern versprachen sich sogar, ein Paar zu werden, sobald es Reuben geglückt sei, ein sicheres, wenn auch nur mäßiges Einkommen zu erlangen. Das war indessen keine so leichte und einfache Sache, wenn auch mancher Plan dazu geschmiedet wurde. Jeanies Wangen verloren ihre erste Frische, und auf Reubens Stirn zeigten sich die ersten Falten, aber noch immer schien die Möglichkeit zu einem Bunde ausgeschlossen. Zum Glück waren beide nüchterne Naturen, denen ihr Pflichtgefühl vorschrieb, die Zeit mit Geduld abzuwarten, bis ihre Hoffnungen sich erfüllen würden.

Aber, wie immer, führte nun auch in ihren Verhältnissen die Zeit Veränderungen herbei. Stephan Butlers Witwe wurde von hinnen gerufen, und ihr bald hinterher auch Rebekka, David Deans' fürsorgliche Hausfrau. Am Morgen nach Rebekkas Ableben begab sich Reuben zu dem alten Freunde und Wohltäter, um ihm ein paar Worte des Trostes zu sagen. Da sollte er nun Zeuge eines wunderlichen Kampfes werden zwischen menschlichen Regungen und religiösem Starrsinn, alles Irdische dem Ausblick auf Gott und Ewigkeit unterzuordnen.

Kaum war er in das kleine Pachthäuschen getreten, so wies ihn Jeanie in den Gemüsegarten, »wo Vater,« wie sie mit gebrochener Stimme sagte, »sich seit dem schrecklichen Unglücke aufhielte, das über ihn hereingebrochen sei.«

Reuben ging erschreckt in den Garten. Sein alter Freund saß in einer Laube, in tiefen Schmerz versunken. Als er des jungen Mannes ansichtig wurde, verfinsterte sich sein Gesicht, wie wenn ihm die Störung zuwider sei; als aber Reuben unschlüssig wurde, ob er weiter auf Deans zugehen oder sich wieder entfernen solle, erhob sich Deans und trat ihm mit Selbstbeherrschung und Würde entgegen.

»Junger Mann, wir sollen es uns nicht zu Herzen gehen lassen, wenn Gerechte von hinnen gerufen werden. Besser, zu sagen: Siehe! sie sind den Mühsalen dieses Lebens enthoben. Wehe über mich, wenn ich eine Träne über meines Herzens Weib vergösse, da ich Ströme weinen sollte über den Verfall der Kirche, die immer tiefer in den Pfuhl der Sünde sinkt.«

»Es ist mir eine Freude, lieber Herr Deans, zu hören,« erwiderte Butler, »daß die Sorge für das Wohl der Kirche Euch den eignen Kummer vergessen läßt.«

»Vergessen, Reuben?« wiederholte der Arme, sich die Augen wischend, »o, vergessen kann ich sie nimmer; Er aber, der die Wunden schlägt, kann auch den Balsam spenden, sie zu heilen, und so bekenne ich, daß ich während der Nacht in so tiefe Betrachtungen versunken war, daß ich meines schweren Verlustes nicht mehr gedachte. An den Ufern des Ulai habe ich in meinen Gedanken geweilt, die köstlichsten Früchte pflückend.«

Und doch ging ihm der Tod seines geliebten Weibes so tief zu Herzen, daß ihm Woodend ganz verhaßt wurde und er sich vornahm, anderswohin zu ziehen. So tat er auch und mietete sich bei den Sankt Leonard-Felsen, zwischen Edinburg und dem als »Sitz Arturs« bekannten Berge, ein einsames Häuschen mit weiten. Wiesengründen, knapp eine Meile von der Stadt, um dort Viehzucht zu treiben.