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Reuben Butler kam infolgedessen weniger oft mit seiner Jeanie zusammen, die dem Vater wacker an die Hand ging. Er hatte nach mancherlei Enttäuschungen in einem von Edinburg etwas ferner gelegenen Dorfe eine Stelle als Hilfslehrer angenommen, hatte dort eine segensreiche Wirksamkeit entfaltet und die Schule bald in einen so guten Ruf gebracht, daß verschiedene Bürger sich entschlossen hatten, ihre Söhne dorthin in Erziehung zu geben.

Seine Lebensaussichten schienen sich auf diese Weise günstiger gestalten zu wollen, und jedesmal, wenn er nach Sankt-Leonard kam, ließ er es sich nicht nehmen, seiner Jeanie ein paar hoffnungsreiche Worte zuzuraunen. Aber da ihn sein Beruf jetzt mehr in Anspruch nahm, wurden seine Besuche dort immer seltener; zumal er sich nicht entschließen konnte, alle freie Zeit, die ihm blieb, dort zu verbringen, denn so freundlich ihn auch Deans immer willkommen hieß, so war es ihm doch zumute, als ob derselbe das Geheimnis seines Herzens ahnte, und sprechen darüber wollte er noch nicht, aus Furcht, eine Abweisung zu erhalten. Darum schien es ihm klüger, nur so oft dort vorzusprechen, wie es ihm alte Bekanntschaft und ehemalige Nachbarschaft erlaubte.

Dagegen stellte sich in Sankt-Leonard ein anderer Gast weit öfter ein, und das war kein anderer als der junge Laird Dumbiedike.

Als David Deans dem Laird von seiner Absicht, Woodend aufzugeben, Kenntnis gab, hatte dieser ihn wortlos angegafft, war aber, ohne des Falles mit einem Worte zu erwähnen, wie immer zur gewohnten Zeit und Stunde gekommen. Als aber der Tag da war, den Deans für den Auszug bestimmt hatte, und als der große Heuwagen aus dem Schuppen geschafft wurde, um das Hausgerät aufzunehmen, da hatte der Laird, ärger als bisher gegafft und schließlich sogar den Mund aufgemacht und die Worte: »Ei, Leute, ei! ei!« hervorgestoßen.

Und als Deans den Pachthof geräumt hatte, da war der Laird noch immer zur gewohnten Zeit und Stunde wieder dort erschienen und war verdutzt vor der versperrten Tür stehen geblieben, als wisse er nicht im geringsten, was das zu bedeuten habe. »Ach, Gott!« hatte er dann gerufen, und darüber hatte sich alles gewundert, denn jedermann wußte, daß er diesen Ausruf nur tat, wenn er sich in ganz besonders starker Gemütserregung befand.

Seitdem hatte sich sein Wesen vollständig verändert, er war aus seiner gewohnten Regelmäßigkeit herausgekommen, etwa wie ein Uhrwerk, dessen Gang plötzlich gehemmt worden. In alle Hütten lief er, und alle Dirnen gaffte er an. Aber ob es auch bessere Pachthöfe gab als Woodend, und niedlichere Dirnen als Jeanie Deans, war es doch, als wenn sich für die Lücke, die in dem Tageslaufe des Lebens seiner Lairdschaft entstanden war, kein Ersatz, als wenn sich kein Plätzchen finden wolle, wo es sich so nett und bequem und behaglich hätte sitzen lassen wie auf der Fensterbank in Woodend, als wenn es kein Mädchengesicht gäbe, das sich so wohlig angaffen ließe wie das der Jeanie Deans. Endlich, nachdem er eine ganze Woche lang sich gleichsam um sein eigen Werk gedreht und dann eine ganze Weile, als wäre sein eigen Werk abgelaufen, noch stillgestanden hatte, war ihm der Gedanke gekommen, daß er es doch nicht nötig habe, sich ständig auf der gleichen Angel zu drehen wie der Zeiger einer Uhr, sondern seine Kreisbahn auch einmal verändern und erweitern könne. Um von diesem, wie er endlich begriff, ihm gehörigen Rechte den rechten Gebrauch zu machen, erstand er von einem Viehtreiber aus dem Hochlande einen Klepper, und auf ihm ritt oder vielmehr stolperte er nach Sankt-Leonard hinauf.

Jeanie Deans hatte sich an das Gaffen des Lords freilich schon so gewöhnt, daß sie kaum noch wußte, ob er da sei oder nicht, und doch befiel sie zuweilen Unruhe, daß sich seine Blicke einmal in Worte übersetzen könnten, denn in solchem Falle hätte es geheißen, ade Hoffen und Sehnen nach Reuben! denn so kernfest auch ihr Vater in religiösen und bürgerlichen Dingen war, so wohnte ihm doch, wie damals allen schottischen Pächtern, ein gewisses Untertänigkeitsgefühl gegen seinen Laird im Herzen, während er Reuben noch immer seinen weltlichen Wissenskram, wie er sich ausdrückte, nicht ganz vergessen hatte. Ein bißchen Eitelkeit auf solche Standeserhebung seines Kindes kam auch mit in Betracht bei diesem Eiferer, der sich so oft so bitter beklagte, daß er sich trotz allem manchmal von irdischem Tand angezogen fühle. Aus alledem ergab sich, daß dem Mädchen die täglichen Besuche des Lairds recht unangenehm geworden waren, und daß sie sich verhältnismäßig leicht darüber hinweghob, den Fuß von der Stätte setzen zu müssen, wo sie ihre ganze Jugendzeit verlebt hatte; nahm sie doch den Trost mit hinweg, den Laird mit seinem Tressenhut und seiner Pfeife zum letzten Male vor Augen gehabt zu haben, denn eher hätte sie geglaubt, die Obstbäume und Kohlstrünke aus dem Woodender Gärtchen würden ihr hinterher ziehen, als den Laird solches Entschlusses für fähig zu halten. Daß sie sich also vorkam, als müsse sie in die Erde sinken, wie sie nach vierzehn Tagen den Laird mit Tressenhut und Pfeife wieder, wie ehedem in Woodend, jetzt in Sankt-Leonard einziehen, sich mit dem gleichen Gruße und der gleichen Frage: »Na, Dirne, wie geht's? wo ist denn Vater Deans?« wie dort jetzt hier auf die Fensterbank pflanzen und seine regelmäßige Zeit absitzen sah, das wird der Leser dem wahrhaften Erzähler dieser wahrhaften Geschichte gewiß ohne weitere Beteuerung glauben. Aber am zweiten Tage hatte der Laird sich kaum auf die Fensterbank niedergelassen, als er eine ganz ungewohnte Redseligkeit entfaltete. »Jeanie; Du, Jeanie! Dirne Du!« sagte er, mit einer Richtung auf ihre Schulter hin die Finger spreizend, wie wenn er sie dorthin legen wollte, aber die Hand wie eine Vogelklaue steif in der Luft haltend, als Jeanie vor den Fingern schnell zurückwich. »Jeanie,« sagte er wieder, schwärmerisch angehaucht wie ein verliebter Schäfer, »heut ist's gar schön draußen, und auch mit den Wegen geht's, wenn man Stiefel anhat.«

»In den langweiligen Tobies muß der Böse gefahren sein!« sagte Jeanie in sich hinein, »wer hätte glauben mögen, daß er sich so weit von seinem Dorfe wagen würde?« Ja, sie tat heute recht brummig und ärgerlich, denn Vater Deans war gerade nicht da, und der Laird kam ihr heute so unternehmend vor, daß sie Angst hatte, er möchte es heute mit einer Erklärung versuchen.

Ihre Brummigkeit wirkte auch niederschlagend, wie sie gerechnet hatte. Der Laird verfiel gleich wieder in seine gewohnte Ebenmäßigkeit, kam drei-, viermal in der Woche nach Sankt-Leonard, wie es die Witterung erlaubte, setzte sich wieder, wie ehedem, auf die Fensterbank, gaffte wieder, wie ehedem, Jeanie an und ließ sich wieder, wie ehedem, von Vater Deans Vortrag über die religiösen Streitfragen vom Tage halten.

Achtes Kapitel

Mittlerweile war Effie Deans unter der zärtlichen Fürsorge ihrer Schwester Jeanie zu einem schönen blühenden Mädchen herangewachsen. Hellbraune Locken, von einem blauseidnen Netze mühsam gehalten, wallten von dem schönen Haupte, das an griechische Formen erinnerte, auf ein jugendlich lachendes Antlitz, das Bild der Gesundheit und Freude, nieder, und ihre ländliche, eng anschließende Kleidung von dunklem Braun zeichnete die Konturen der lieblichen Gestalt, die mit der Zeit wohl versprach, in den gewöhnlichen Fehler schottischer Schönheiten, die Fülle, zu verfallen, jetzt aber noch das herrlichste Ebenmaß der Formen zeigte.

Den Laird Dumbiedike ausgenommen, den ihr Jugendglanz nicht bewog, seine Blicke von Jeanie zu heben, gehörte ihr die allgemeine Bewunderung: kein Auge konnte das frische, blühende Mädchen betrachten, ohne die innigste Freude im Herzen zu fühlen; wen der Weg an Sankt-Leonard vorbeiführte, hielt in seiner Wanderung inne, wenn er ihr begegnete, und schaute ihr nach; die Jünglinge, die abends aus der Stadt ins Freie hinaus kamen, um sich mit frohem Spiel zu erlustigen, neideten einander jeden Blick von ihr; sie hieß die Lilie von Sankt-Leonard, und nicht bloß um ihrer Schönheit und Lieblichkeit, sondern auch der Unschuld willen, die über ihrer ganzen Erscheinung lag.