»Wünsche guten Morgen, Herr Deans! Ei, guten Morgen, Herr Butler! Hab keine Ahnung davon gehabt, daß Sie hier im Hause bekannt sind.«
Reuben gab nur flüchtige Antwort, denn es konnte ihm begreiflicherweise nicht beikommen, einem ihm so gleichgültigen Menschen wie Saddletree in seine ihm heiligen Beziehungen zu Deans und seiner Tochter Einblick zu geben. Der ehrsame Bürger und Sattlermeister ließ sich würdevoll auf einen Stuhl nieder, wischte sich den Schweiß von der Stirn, schöpfte tief Atem und hub mit einem schweren Seufzer an:
»Eine schreckliche Zeit, in der wir leben, Nachbar, wirklich eine schreckliche Zeit!«
»Eine sündhafte, schmachvolle, gottlose Zeit!« versetzte leise der tiefgebeugte Pächter.«
Saddletree, die Backen aufblasend, nahm auf der Stelle wieder, das Wort: »Mit mir ist's jetzt wirklich zu arg, ich weiß kaum noch, um was ich mich zuerst und zuletzt kümmern soll, ob um die Not meiner Freunde oder, um die Not meines Vaterlandes. Aller Witz, den die Leute sonst an mir rühmten, geht mir noch verloren, so daß ich mir nachgerade vorkomme, als lebte ich nicht unter gebildeten Menschen, sondern inter rusticos et asinos [unter Bauern und Eseln]. Stehe ich da heute in aller Herrgottsfrühe auf, mit den klarsten Ideen darüber, was sich zur Verteidigung der armen Effie unternehmen ließe; und kommt mir nicht, wie vom Himmel geschneit, die Geschichte mit dem Porteous-Krawall dazwischen, daß mir alle guten Gedanken wie Splint in Rauch aufgingen?«
Trotz des schweren Leides, das auf seinem Herzen lastete, erregte die Mitteilung, den Hauptmann betreffend, die Aufmerksamkeit des greisen Pächters. Saddletree war sogleich bei der Hand, eine ausführliche Schilderung des Vorfalles und der wahrscheinlich mit ihm verknüpften Folgen zu geben. Butler hielt die Gelegenheit für günstig zu einer Rücksprache mit Jeanie, und das Mädchen schien einen ähnlichen Gedanken zu haben, denn sie verließ, als habe sie draußen zu tun, die Stube. Butler folgte ihr, und Deans wurde durch Saddletree so in Anspruch genommen, daß er seine, wie auch Jeanies Abwesenheit nicht merkte.
Butler fand sie in der Milchkammer, still, niedergeschlagen, mit Mühe die Tränen zurückhaltend. Sonst ließ sie, auch während der Unterhaltung, die Hände nie ruhen; heute aber war sie von ihren Gedanken so niedergedrückt, daß sie wie blöde in einem Winkel hockte. Aber als Butler sich zeigte, wischte sie sich die Tränen aus den Augen und richtete mit der ihr eigentümlichen Schlichtheit das Wort an ihn.
»Es ist mir recht lieb, daß Sie kommen, Herr Butler,« sagte sie, »weil ... weil ich Ihnen doch sagen muß, daß nun alles zwischen uns aus ist, aus sein muß, und Reuben, es ist so am besten für uns beide.«
»Aus?« fragte Butler erstaunt, »und warum, Jeanie? Es ist wohl eine schwere Prüfung über uns gekommen, aber nicht Sie, Jeanie, haben Sie verschuldet. Unglück, das uns Gott sendet, müssen wir tragen, aber gelobte Treue braucht deshalb nicht gebrochen zu werden, kann deshalb nicht gebrochen werden, solange sie beiden Teilen heilig ist.«
Jeanie richtete einen zärtlichen Blick auf ihn. »Ich weiß schon, Reuben,« sagte sie, »daß Sie mehr für mich sorgen als für sich! und eben darum kann ich Ihnen meinen Dank jetzt dadurch erstatten, daß ich Ihr Glück ins Auge fasse gleich meinem eignen. Sie sind unbescholten, Reuben, gehören dem geistlichen Stande an und werden es, wenn auch Armut Sie zurzeit niederdrückt, dereinst sicher zu Ansehen in der Kirche bringen. Armut ist freilich ein schlimmer Freund, Reuben, das wissen Sie recht gut; aber übler Ruf ist ein schlimmerer Feind, und durch mich sollen Sie diese Wahrheit nie kennen lernen, Reuben!«
»Was meinen Sie mit diesen Worten?« fragte Butler mit Ungeduld; »in welchem Zusammenhange steht die Schuld Ihrer Schwester, wenn sie in der Tat schuldig ist, mit unserm Verlöbnis? Wie kann sie uns, wie Ihnen oder mir, von Schaden sein?«
»Wie können Sie so fragen, Butler? Wird die Schmach, so lange wir diesseits des Grabes weilen, jemals vergessen werden? Wird sie nicht uns und unsern Kindern und Kindeskindern anhängen? Die Tochter eines rechtlichen Mannes zu sein, konnte mir zur Ehre gereichen, aber die Schwester einer... o Gott! o Gott!«
Die mühsam aufrecht gehaltene Fassung verließ sie, und Tränen schossen aus ihren Augen.
Reuben gab sich alle Mühe, ihren Schmerz zu stillen, und es gelang ihm auch; aber sie gewann die Fassung nur wieder, um die eben geäußerte Meinung auf das bestimmteste zu wiederholen. »Nein, Reuben, ich mag keinem Manne Schande ins Haus bringen. Das eigne Elend kann ich tragen, muß ich tragen; aber es einem andern aufbürden, nein, Reuben, nein! das kann ich nicht, das werde ich nicht, nun und nimmer!«
Wer liebt, neigt immer zu Argwohn, und Jeanies Wille, mit ihm zu brechen, unter dem Vorwande der Rücksicht auf sein Wohl und seinen Frieden, schien ihm in schrecklichem Zusammenhange mit dem Auftrage zu stehen, den ihm jener Unbekannte draußen bei den Salisbury-Felsen gegeben hatte. Zitternd, mit stockender Stimme, fragte er sie, ob wirklich nichts anderes als das Unglück der Schwester sie zu solchen Worten bewege? – »Was sonst?« fragte sie schlicht, »was sonst als dies? Sind wir uns nicht seit zehn Jahren schon im Worte?«
»Zehn Jahre?« wiederholte Butler; »eine lange Zeit, Jeanie, eine, so lange Zeit, daß es ein Mädchen wohl satt bekommen kann!«
»Satt bekommen, Reuben?« wiederholte sie, »ja, ein Kleid wohl, wenn sie Lust am Putze hat; aber nicht einen Freund, Reuben. Nach Abwechslung mag sich das Auge sehnen, das Herz kann es nie!«
»Nie, Jeanie?« wiederholte Butler, und setzte nach kurzer Pause hinzu: »Ein kühnes Versprechen, Jeanie, ein sehr kühnes Versprechen!«
»Nicht kühner, Reuben, als wahr,« antwortete sie mit jener Ruhe und Ehrlichkeit, die nie von ihr wich, weder in bösen noch in guten Stunden, weder in Augenblicken der Erregung noch in dem Einerlei des Lebens.
Butler gab keine Antwort, richtete aber den Blick fest auf sie, und nach einer Weile sagte er:»Jeanie, ich habe was an Sie auszurichten.«
»Was an mich auszurichten? und von wem?« fragte sie; »was kann mir jemand mitzuteilen haben?«
»Ein Fremder hat's mir aufgetragen,« versetzte Butler, bemüht, ruhig zu sprechen; aber das Zittern in seiner Stimme strafte ihn Lügen: »ein junger Mensch, den ich heute morgen zwischen den Salisbury-Felsen getroffen habe.«
»O Himmel!« rief Jeanie eifrig, »und was sagte er? Reuben! was sagte er?«
»Daß er dort, wo er gedacht, nicht länger auf Sie warten könne, daß er aber verlange, von Ihnen verlange, Jeanie, daß Sie ihn heute nacht, nach Mondesaufgang, bei den Muschatfelsen erwarten.«