»O, sagen Sie ihm,« antwortete Jeanie nicht minder eifrig, »daß ich dort sein werde, gewiß dort sein werde!«
Reubens Argwohn mehrte sich zufolge des Eifers, mit dem Jeanie ihm antwortete, und er erwiderte mit auffälliger Kälte: »Ich darf wohl fragen, wer der Mann ist, dem Sie zu so ungewohnter Zeit und an solchem Orte eine Zusammenkunft gewähren?« »Man muß manches tun,« antwortete sie, »was man nicht gern tut.«
»Zugegeben,« antwortete ihr Geliebter, »aber was zwingt Sie jetzt zu solchem Schritte? Und wer ist der Mann? Was ich von ihm gesehen, sprach nicht zu seinen Gunsten, wer ist der Mann, Jeanie, und was ist der Mann?«
»Ich weiß es nicht« antwortete sie.
»Sie wissen es nicht?« fragte Butler, ungeduldig in der Kammer hin und her gehend; »und doch wollen Sie ihm, einem jungen Menschen, nächtlicherweile an diesen einsamen Ort folgen? folgen auf seinen Befehl? Wie kann jemand, den Sie nicht kennen, solche Gewalt über Sie haben? Jeanie, was soll ich davon denken?« »Nichts Reuben, als daß ich Wahrheit rede, als stünde ich vor dem jüngsten Gericht! Ich kenne den Mann nicht – weiß nicht, ob ich ihn je gesehen, und doch muß ich ihm die Zusammenkunft, die er fordert, gewähren, ich muß, Reuben, denn es gilt Leben und Tod!«
»Wollen Sie es dem Vater nicht sagen?« fragte Reuben, »oder ihn mitnehmen?«
»Ich kann nicht,« versetzte Jeanie, »mir fehlt die Erlaubnis dazu.«
»Darf ich mitgehen? Ich will mich bis zur Nacht bei den Felsen aufhalten und Euch dort treffen.«
»Es kann nicht sein,« erwiderte sie, »denn es darf niemand hören, was der Mann mit mir spricht.«
»Haben Sie auch bedacht, was Sie tun wollen, Jeanie? Ort und Zeit, und den verdächtigen Eindruck, den der Mensch macht? Sie hätten's ihm, wenn er's hier, in Rufnähe des Vaters, von Ihnen verlangt hätte, weigern müssen, mit ihm allein zu sein!«
»Reuben, ich muß mein Wort halten«, antwortete sie. »Mein Leben steht in Gottes Hand und meine Sicherheit nicht minder; aber beides zu wagen bei dieser Zusammenkunft, darf ich mich nicht besinnen.«
»Dann müssen wir,« sagte er fest, »miteinander brechen, Jeanie, kurz und bündig, und Abschied voneinander nehmen für immer, denn kann zwischen einem Mann und der ihm verlobten Braut in einem so wichtigen Punkte kein Vertrauen bestehen, so muß er dies als Beweis dafür ansehen, daß sie ihm nicht mehr jene Achtung entgegenbringt, die für ein dauerndes Verhältnis schicklich und notwendig ist.«
Jeanie sah ihn an, ein schwerer Seufzer entrang sich ihrer Brust, und sie sagte: »Ich hatte gemeint, die Trennung überwinden zu können, bin aber nicht darauf gefaßt gewesen, daß es im Unfrieden sein werde. Nun, ich bin Weib, und Sie sind Mann: bei Ihnen mag das anders sein. Gewährt es Ihrem Gemüt Erleichterung, Schlimmes von mir zu denken, so mag ich Ihnen nicht zumuten, Ihre Meinung zu ändern,«
»Sie sind, wie immer, Jeanie, besser und weiser als ich,« sagte Butler, »aus angeborenem Gefühle, und darum auch weniger egoistisch, als ich, trotz aller Hilfe, die ein Christ aus der Philosophie zu schöpfen vermag. Aber trotzdem frage ich: warum – warum wollen Sie auf einem so verzweifelten Unternehmen beharren? warum soll ich Ihnen nicht als Begleiter oder Beschützer oder doch wenigstens Berater dienen dürfen?«
»Aus keiner andern Ursache, als weil ich nicht die Erlaubnis habe, jemand mitzubringen,« antwortete schlicht und ehrlich das Mädchen, fuhr aber, plötzlich erschreckt auf. »Still! Was war das? Vater wird doch nicht krank geworden sein?«
In dem Raume nebenan wurden Stimmen laut.
Als Jeanie und Butler die Stube verlassen hatten, war Saddletree von dem Thema Porteous rasch auf das andere übergegangen, das dem unglücklichen Greise näher lag. Deans hatte, niedergedrückt durch das Unglück, das auf ihm lastete, ohne Widerspruch angehört, was ihm Saddletree vorgeschwatzt hatte über die Gefahr, die über seiner Tochter schwebte, über die Gattung des Verbrechens, unter dessen Anklage sie stand, und über die Schritte, die zu ihrer Verteidigung eingeleitet werden müßten. Bei jeder Pause, die Saddletree in seinem Vortrage machte, hatte Deans gesagt, er bezweifle nicht, daß es Saddletree gut mit ihm meine, sei doch seine Frau weitläufig mit ihnen verwandt. Erst als Saddletree den Wortlaut der Anklageschrift gegen seine Tochter, von der er sich eine Kopie zu verschaffen gewußt hatte, rekapitulierte, war Deans aufgesprungen und hatte ihn gebeten, einzuhalten.
»Nicht weiter, nicht weiter!« hatte er gerufen, »lieber stoßt mir ein Schwert in die Brust, als daß Ihr noch eine Silbe hinzufügt.« »Es möchte Euch aber zum Troste gereichen, Deans,« sagte Saddletree, der sich so leicht nicht werfen ließ, »wenn Ihr alles gut übersähet. Aber, wie Ihr wollt. Wir kämen also zu der Frage, was in solchem Falle am besten zu tun bleibt.«
»Nichts, nichts, Nachbar,« versetzte Deans heftig, »als zu dulden, was der Herr über uns ergehen läßt. O, wenn Er es doch gefügt hatte, daß dieses graue Haupt vor dieser schrecklichen Heimsuchung in die Grube gefahren wäre! Aber Sein Wille geschehe! Sein Wille geschehe!«
Als ihm Saddletree darauf riet, für seine Tochter einen Anwalt zu nehmen, war er über dem Für und Wider in den heftigsten Zorn geraten.
»Bleibt mir vom Leibe damit!« hatte er gerufen; »ich tue es nicht, und wenn Ihr noch soviel redet. Ich stehe auf den heiligen Worten der Bibelschrift: Auge um Auge, Zahn um Zahn, Blut um Blut! und wenn das Leben meines unglücklichen Kindes, wenn Jeanies Leben und mein eignes davon abhinge, daß ich solchen Sklaven Satans aufforderte, sich mit einer Silbe für uns zu verwenden, so mögen wir alle lieber untergehen!«
Die leidenschaftliche Art, wie er diese Worte geschrien, war es gewesen, die Jeanie so erschreckte, daß sie das Gespräch mit Butler abbrach und, von ihm gefolgt, in die Stube stürzte. Hier fanden sie den Greis in der stärksten Erregung, schier außer sich vor Gram und Aerger; sein Gesicht glühte, seine Stimme war heiser, er hielt die Faust geballt, und Tränen standen ihm in den Augen: Butler, von solcher heftigen Erschütterung die schlimmsten Folgen für den hochbejahrten Mann fürchtend, trat zu ihm, nahm seine Hand und wagte es, ihn zu Geduld und Ruhe zu mahnen.
»Ich bin geduldig – ich bin ruhig,« versetzte der Greis bitter, »ruhiger als irgend einer, der den schmerzlichen Verfall dieser Zeiten mit durchlebt, es sein sollte! und brauche wahrlich niemand, am wenigsten aber Söhne von Cromwellschen Reitern, mein graues Haupt zu lehren, wie es sein Kreuz tragen soll.«
Butler nahm den herben Ausfall gegen seinen längst im Grabe ruhenden Großvater mit Ruhe hin, ihn der Erregtheit des unglücklichen Greises zu gute haltend, und bemühte sich, ihn milder zu stimmen. Aber es war alles vergeblich. Deans erhob sich mühsam von dem Stuhle, auf den er wieder niedergesunken war, richtete sich zu voller Höhe auf, streckte, wie wenn er der Reden und Anwesenheit der beiden Männer müde sei, abwehrend die Hand aus, schüttelte den Kopf und verließ die Stube, um sich in seine Schlafkammer zu flüchten.
»Das heißt doch, das Leben eines Kindes geradezu wegwerfen,« rief Saddletree, als er mit Butler und Jeanie allein in der Stube stand; »wer hätte je, etwas davon gehört, daß man in solchem schweren Falle keinen Anwalt nimmt?«
Da trat ein neuer Gast ein: Lord Dumbiedike, der den Zaum seines Kleppers um den gewohnten Haken schlang und sich auf seinen gewohnten Platz, begab. Seine Augen aber hatten einen ungewohnten Glanz und wanderten unruhig vom einen zum andern, bis ihm durch Saddletrees letzte Worte der traurige Sinn der schon draußen gehörten Worte des alten Pächters klar wurde. Er blieb auf dem Wege zu seinem gewohnten Platze stehen, trat langsam auf Saddletree zu, näherte die Lippen dem Ohre desselben und fragte mit unsichrer ängstlicher Stimme:
»Kann ... kann Geld nicht helfen?«
Saddletree legte das Gesicht in ernste Falten. »Hm,« sagte er mit Wichtigkeit, »Geld kann freilich helfen, kann mehr im Parlamentshause helfen als irgend sonst etwas. Aber woher soll Geld kommen? Sie haben ja doch gehört, daß Herr Deans von nichts wissen will. Meine Frau ist freilich weitläufig mit der Familie verwandt; aber allein wird sie ein so großes Opfer auch nicht bringen. Ja, wenn sich jeder Freund der Familie zu etwas verstehen wollte, dann ließe sich schon reden. Ich möchte gewiß am allerwenigsten, daß die Sache zum Schlimmsten käme, ohne verfochten zu werden. Es wäre ja auch gar nicht mit der Ehre verträglich, mag der eigensinnige Mann reden, soviel er will.«