Dumbiedike kannte weder das lateinische Wort, noch suchte er, wie vielleicht andere an seiner Stelle getan hätten, sich den Schein davon zu geben; er hatte all seine Fähigkeiten zu einer einzigen Hauptfrage gesammelt und konnte kein einziges Wort davon früher aussprechen, als bis er alles dazu in sich verarbeitet hatte.
»Ich wollte bloß fragen, Herr Butler,« stieß er nun hervor, »ob Sie wissen, ob Herr Saddletree wirklich ein großer Rechtsgelehrter ist?«
»Ich weiß darüber nichts, als was er selbst spricht,« versetzte Butler trocken, »bin indessen der Meinung, daß er doch am besten wissen muß, was er wert ist.«
»Ich verstehe, Herr Butler,« antwortete der wortkarge Laird, »und meine daraufhin, daß es wohl besser sein wird, meinen eignen Anwalt, Nichil Novit, den Sohn vom alten Nichil, der seinem Vater wohl kaum viel nachsteht, mit der Sache zu betrauen.«
Darauf legte er die Hand höflich an den goldverbrämten Tressenhut und gab seinem Klepper einen Hieb mit der Peitsche, den dieser, da er seinem Drange nach dem Stalle entgegenkam, sofort richtig auffaßte und befolgte, indem er Kehrt machte.
Auch Butler, der von dem gesunden Verstande des Lairds mit einem Male eine recht gute Meinung gewann, setzte nun rüstig seinen Weg fort. Hatte sich auch der schon längere Zeit genährte Argwohn gegen den ehrlichen Laird, daß seine Anhänglichkeit an die Familie Deans nicht bloß auf Freundschaft mit dem greisen Vater beruhen möchte, nach den Erfahrungen des heutigen Tages nicht verringert, sondern im Gegenteil verstärkt, so war er doch viel zu rechtlichen Sinnes, selbstsüchtige Gedanken aufkommen zu lassen. »Der Laird hat Ueberfluß an dem, was mir fehlt,« sagte er bei sich, »und unbillig wäre es von mir, darüber zu schmähen, daß er ein paar Pfund von seinem Reichtum zum Wohle der armen Leute opfern will, zumal ich mich doch nur auf den guten Willen, ihnen zu helfen, beschränken muß. Tue jeder, was in seinen Kräften steht, sie wieder glücklich zu machen und vor dem Jammer, vor der Schande zu bewahren, die ihr drohen. Wenn mir der Herr nur dazu verhälfe, Jeanie vor dem Schrecklichen zu behüten, das sie vorhat! Ich will ja, und wenn mir auch das Herz darüber bricht, auf alle Hoffnung fassungsvoll verzichten.« Er beschleunigte seine Schritte und hatte bald das Edinburger Gefängnis erreicht. Seine nächtliche Begegnung mit dem seltsamen Fremden, dessen Auftrag an Jeanie, die darauf folgende, ihm so schmerzliche Unterredung mit ihr und dann die Szene zwischen dem Vater und Saddletree hatten seine Sinne so vollständig eingenommen, daß ihm die tragische Begebenheit der Nacht, deren Teilnahme ihm aufgezwungen worden, ganz aus der Erinnerung gekommen war; ja weder die vielen Gruppen, die flüsternd in den Straßen herumstanden, noch die überall herumspionierenden Schergen und Häscher, noch das im Bewußtsein der Schuld scheu und ängstlich herumschleichende gemeine Volk und die verstärkten Stadt- und Torwachen konnten seine Gedanken darauf zurückführen. Erst als er vor dem Portale stand, vor dem eine Doppelreihe von Grenadieren aufmarschiert war, die ihm ein wiederholtes »Halt!« zuschrieen, und die Spuren von Feuer und Rauch an den Steinmauern und Torflügeln sah, traten ihm die grausen Vorgänge nacheinander wieder ins Gedächtnis. Der gleiche lange, hagere Schließer mit dem Silberhaar, den er am verwichenen Abend gesehen, trat ihm, als er nach Effie Deans fragte, entgegen.
»Ihr seid wohl derselbe,« fragte der Schließer, Butlers Wunsch, zu der Gefangenen geführt zu werden, auf echte Schottenmanier mit einer Gegenfrage umgehend, »der schon gestern nach der Dirne gefragt hat?«
Butler räumte ein, daß er dieselbe Person sei.
»Sie haben wohl auch gefragt,« examinierte ihn der Schließer weiter, »wann wir schlössen, oder ob wir des Porteous-Krawalls wegen früher schlössen als sonst?«
»Kann sein,« antwortete Butler; »ich frage doch aber jetzt, ob ich Effie Deans sprechen kann?«
»Darüber steht mir kein Entscheid zu,« antwortete der Schließer, »gehen Sie hier die Treppe hinauf, und dann in die erste Tür links, dort fragen Sie wieder!«
Butler stieg die Treppe hinauf, gefolgt von dem Schließer, in dessen Hand das Schlüsselbund unheimlich rasselte. Kaum war Butler in den ihm bezeichneten Raum getreten, als der Schließer, mit geübter Hand den richtigen Schlüssel fassend, die Tür von außen zuschloß. Im ersten Augenblick meinte Butler, hierin nur eine übliche Vorsichtsmaßregel erblicken zu sollen; als der Schließer jetzt aber nach der Wache rief und gleich darauf Waffenklirren an sein Ohr schlug, rief Butler:
»Aber, mein Lieber, ich muß auf der Stelle mit Effie Deans reden; bringen Sie mich also bald in ihre Zelle!«
Keine Antwort.
»Geht es wider Ihre Instruktion, mich zu der Gefangenen zu führen,« rief Butler wieder, »so sagen Sie es, bitte, und lassen Sie mich meinen Geschäften wieder nachgehen.« – In sich hinein aber murmelte er den lateinischen Vers: »Fugit irreparible tempus [Es flieht die unwiederbringliche Zeit] «.
»Wenn Sie in der Stadt noch was zu besorgen hatten,« antwortete von draußen der Schließer, »so wär's gescheiter gewesen, Sie hätten das vorher abgemacht; denn es wird Ihnen wohl gehen wie manchem andern, der auch schneller hinein als heraus war.«
»Was sollen solche Reden?« fragte Butler; »Sie scheinen mich für einen andern zu halten? Ich bin Geistlicher, Reuben Butler aus Libberton.«
»Ich weiß, ich weiß,« versetzte der Schließer, ohne aus seiner Ruhe zu kommen.
»Nun, wenn Sie wissen, wer ich bin,« rief Butler, »so verlange ich zu wissen, auf Grund welcher Vollmacht Sie mich zurückhalten, als Recht, das jedem britischen Untertan zusteht.«
»Vollmacht?« wiederholte der Schließer; »es sind zwei Frone nach Libberton unterwegs, Sie zu holen. Hätten Sie, nach ehrlicher Leute Art, die Nacht zu Hause verlebt, so wäre Ihnen solcher Besuch wohl erspart geblieben; wenn Sie sich nun aber gar selbst herbemühen, sich einsperren zu lassen, so kann ich Ihnen am allerwenigsten dabei helfen, mein Lieber!«
»Also kann ich Effie Deans nicht sprechen?« rief Butler; »und frei lassen wollen Sie mich auch nicht?«
»Allerdings nicht,« erwiderte der grämliche Alte; »statt um Effie Deans, bekümmern Sie sich wohl besser um Ihre eigenen Sachen? Und hinausgelassen werden Sie kaum früher werden, als das Gericht es anordnet. Einstweilen machen Sie es sich also hier bequem! Ich muß den Zimmerleuten auf die Finger sehen, die uns die Türen wieder einsetzen sollen, die Ihre feinen Kameraden uns gestern nacht zertrümmert haben.«
Butler war es im ersten Augenblick, als sei er nicht recht bei Verstand. Sich hinter Schloß und Riegel zu wissen, wenn auch zufolge falscher Anklage, hat immer, selbst für starke Menschen, etwas Schreckliches; nun war aber heute Butlers Nervenapparat in der größten Aufregung, und wenn ihm auch die Festigkeit nicht fehlte, die uns Pflichtgefühl und guter Wille verleihen, so fehlte ihm bei seiner schwachen Konstitution und lebendigen Einbildungskraft doch jener Gleichmut gegen Gefahren, die das glückliche Erbteil von Menschen mit starker Gesundheit und schwachem Empfindungsvermögen sind. Wie ein Nebel schwamm ihm die unklare Vorstellung dessen, was ihm drohte, vor den Augen; und in der Hoffnung, daß sich ihm Mittel und Wege zeigen würden, seine Anwesenheit unter dem Pöbelhaufen zu rechtfertigen oder wenigstens zu erklären, – denn nur darin, sagte er sich, war der Grund zu seiner Verhaftung zu suchen – rief er sich die Vorgänge der Nacht wieder in das Gedächtnis. Daß ihm kein Zeuge zur Seite stand, auszusagen, wie sehr er sich umsonst bemüht habe, der aufrührerischen Menge den Rücken oder doch ihren Sinn zum Bessern zu kehren, milderte die bange Stimmung, die ihn jetzt beschlich, so wenig, wie der Gedanke an die Not der Familie Deans und an die gefährliche Zusammenkunft Jeanies mit dem seltsamen Fremden, die er nun nicht mehr verhindern konnte. Eine Stünde mochte so verronnen sein, als ein Fron in seine Zelle trat, um ihn vor den Magistrat zu führen. So sehr es ihn verlangte, Klarheit über seine Verhaftung zu erlangen, ergriff ihn doch, als er die starke Bedeckung sah, unter der er nach dem Verhandlungszimmer geführt wurde, ein Beben, das ihm nichts Gutes zu bedeuten schien.