Vielleicht lag es an dieser Harmonie, in die er seinen Glauben und sein praktisches Amt zeit seines Lebens zu setzen beflissen war, daß niemand sich im Grunde genommen recht darüber klar zu werden wußte, ob er der einen oder der andern Kirche, die sich um die Herrschaft im Lande stritten, angehörig sei. Sein Andenken gilt noch im Dorfe Cairnvreckan als eine Art Abschnitt für die Zeitrechnung, so daß man heute noch hören kann, um etwas, das sich vor sechzig Jahren zugetragen hat, zu bezeichnen, »es war zur Zeit, da unser guter Pfarrer Morton lebte«.
Dieser ehrwürdige Herr war durch den Knall des Schusses und durch das wachsende Getöse um die Schmiede herum aus seiner Ruhe aufgeschreckt worden. Er leitete sofort die Verhaftung Waverleys in die Wege, wendete aber jede Gewalttätigkeit von ihm ab, was um so schwerer für ihn und um so wichtiger für Waverley war, als sich jetzt die rasende Frau, die den Mann noch eben so geschimpft und verwünscht hatte, jammernd und wehklagend über ihn stürzte und sich wie wahnsinnig die Haare raufte.
Die erste Entdeckung, als man den Schmied von der Erde aufhob, war, daß er noch lebte, und die nächste, die darauf folgte, und die sich bei der ärztlichen Untersuchung herausstellte, daß er wahrscheinlich ebenso lange leben würde, wie wenn er in seinem ganzen Leben niemals einen Pistolenschuß hätte knallen hören. Der einem Haar aber wäre es ihm ans Leben gegangen, denn die Kugel hatte seinen Kopf gestreift und ihm auf ein paar Augenblicke die Besinnung geraubt.
Racheschnaubend stand er auf und schrie nach Waverley, beziehungsweise dem Fremden, für den er das Pferd hatte beschlagen sollen, und nur mit vieler Mühe gelang es dem Geistlichen, ihn zu beruhigen, recht aber erst dann, als ihm gesagt wurde, daß Edward vor den Friedensrichter geführt werde und dort sein Urteil abwarten müsse.
Hiermit waren auch alle übrigen Anwesenden einverstanden, sogar Frau Grimmig, die sich langsam wieder aus ihrem ohnmachtähnlichen Zustande emporhalf und schließlich bloß noch Dank gegen den Herrn Pastor winselte, »der immer ein viel besserer Herr Pastor gewesen sei, als ihn das Dorf verdient hätte, und der weit eher als mancher andre einen Bischofsrock verdiente.«
Da auf diese Weise die ganze Lärmszene beigelegt war, blieb nur noch übrig, Waverley zum Friedensrichter auf das Schloß von Cairnbreckan zu schaffen, das etwa eine halbe Stunde vom Wurfe entfernt war. Und das geschah denn auch unter dem Geleit der ganzen Dorfbewohnerschaft, von der sich bloß diejenigen fern hielten, die gichtbrüchig und bettlägerig waren.
Schluß des ersten Bandes
Zweiter Teil
Erstes Kapitel
Major Melville auf und zu Cairnvreckan war ein bejahrter Herr, der in seinen jüngern Jahren, wie Waverley, im britischen Heere Kriegsdienste geleistet hatte. Er empfing den Ortspfarrer mit verbindlicher Herzlichkeit und unsern jugendlichen Helden mit großer Höflichkeit. Hierdurch wurde die Situation des letztern jedoch nur unangenehmer. Die Wunde des Schmieds erwies sich als unerheblich, und da außer Zweifel stand, daß Waverley in Notwehr gehandelt hatte, erachtete der Major diesen Fall für erledigt, nachdem Waverley ohnedem noch ein Stück Geld dem Schmied als Schmerzensgroschen in die Hand gedrückt hatte.
»Mir wäre es ja am liebsten,« sagte nun der Major, »wenn ich jetzt überhaupt mit Euch fertig wäre, aber ich muß doch in so erregter Zeit wie jetzt feststellen, wer Ihr seid und zu welchem Zweck und aus welchem Grunde Ihr Euch auf der Reise befindet.«
Da trat nun Ebenezer Cruikshanks, der puritanische Dorfwirt, vor und sagte aus, daß das Pferd, das Waverley ritte, dem Häuptling Vich-Ian-Vohr gehöre; und daß er seine Aussage beschwören könne, denn ihm sei das Pferd von früheren Beschlagen genau bekannt. Wenn er darüber bisher geschwiegen habe, so sei es darum geschehen, weil er befürchtet habe, der verkleidete Hochschotte, der Edward bis zu seinem Gasthofe gebracht habe, werde ihm die gottlose Meute seines Häuptlings auf den Hals hetzen. Für seine Zeugenaussage und für den ihm entstehenden Verlust an Zeitverdienst verlange er Entschädigung, und dann wolle er ohne Aufenthalt umkehren und heimreiten.
Major Melville wies ihn kurz ab. Er solle froh sein, daß er ihn nicht in harte Buße nehme, weil er die sofortige Meldung des in seinem Gasthof abgestiegenen Fremden bei der Polizei unterlassen habe, und verwies es ihm, sich mit seiner Frömmigkeit, die er doch wirklich nicht übe, zu protzen. Daraufhin ging Ebenezer Cruikshanks brummig hinaus. Dann befahl der Major auch den Dörflern, sich heim zu begeben, und bat nur den Ortspfarrer, zu bleiben und den weitern Verhandlungen als Zeuge anzuwohnen. Nach einer unangenehmen Pause, in derer hin und wieder einen teilnahmvollen Blick auf Waverley geheftet hatte, legte er einen Bogen Aktenpapier vor sich hin, spitzte sich einen Gänsekiel und fragte Waverley nach seinem Namen. Waverley nannte sich der Wahrheit gemäß.
»So!« meinte er, »dacht ich es mir doch! zuletzt bei den ... Dragonern und Neffe von Sir Everard Waverley auf und zu Waverley-Würden?«
»Jawohl.«
»Bedaure lebhaft, daß gerade mir die Erfüllung dieser unangenehmen Pflicht anheimfällt.«
»Pflicht, Major Melville, macht alle Entschuldigung unnütz.«
»Wo waret Ihr die Wochen seit Eurer Verabschiedung?«
»Meine Antwort bleibt abhängig von der Natur der Anklage, die gegen mich erhoben wird. Ich frage also erst, wessen ich angeklagt bin und auf grund welches Gesetzesparagraphen ich verhaftet werde vor allem Verhör?«
»Ihr steht, wie ich zu meinem Bedauern sagen muß, unter sehr schwerer Anklage. Als Soldat klagt man Euch an, Anlaß gegeben zu haben zu Rebellion und Meuterei, insofern als Ihr Euch von Eurem Regiment ohne Urlaub entfernt und Eure Schwadron ohne Befehl hinterlassen habt. Als Staatsbürger seid Ihr angeklagt des Schlimmsten, was man als solcher zu gewärtigen haben kann, des Hochverrats und der Vornahme kriegerischer Handlungen gegen Euer Königshaus.«
»Und welche Behörde erhebt solche Anklage gegen mich?«
Der Major legte Waverley den Verhaftsbefehl vor, erlassen von dem höchsten Kriminalgerichtshofe von Schottland gegen Edward Waverley, Esquire, mit dem Beisatze, ihn bei Habhaftwerdung sofort nach Edinburg ins Staatsgefängnis zu transportieren unter sicherstem Geleit.
»Ich muß Euch zufolgedessen bitten, mir Eure Papiere auszufolgen,« sagte der Major. Waverley legte Brieftasche und Notizbuch vor dem Beamten hin.
Der Major nahm Einblick in beides und trug dem Sekretär auf, über den Effektivbestand die notwendigen Vermerke zu machen. Als dies geschehen war, gab er dem Delinquenten beides wieder zurück mit dem Bemerken, sie zur ständigen Verfügung des Majors zu halten.
Hierauf begann das Verhör.
»Ob Mr. Waverley einen Dragonerunteroffizier Humphry Houghton gekannt habe?«
»Allerdings. Er war Sergeant in meiner Schwadron und Sohn eines Hörigen von meinem Oheim.«
»Ganz richtig. Er war Euer Vertrauter und beliebt bei den Soldaten?«
»Ich habe mein Vertrauen niemals einem Manne dieser Herkunft geschenkt. Houghton war ein tüchtiger Mensch und verwendbar. Deshalb wurde er befördert und stand bei den Kameraden in Achtung.«
»Ihr bedientet Euch aber Houghtons, um der in Waverley-Würden für Euch geworbenen Mannschaft Eurer Schwadron Vorteile zuzuwenden?«
»Allerdings. Die Regimentsmannschaft bestand zumeist aus Schotten und Iren und hatte sich daran gewöhnt, bei besondern Anlässen von mir Zuweisungen in Geld zu erhalten. Hierzu pflegte ich mich der Vermittlung des Sergeanten Houghton zu bedienen.«