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An einem langen, grünen Tische saßen die Ratsherren versammelt. Am untern Ende desselben stand ein Mann, den sie verhörten. Als Butler vom Frone herbeigeführt wurde, fragte einer der Räte, ob das der Geistliche aus Libberton sei. Als der Fron mit Ja antwortete, sagte der Ratsherr, es werde nicht mehr lange dauern, das Verhör vielmehr bald zu Ende sein, Butler solle sich setzen. Einer der Beisitzer fragte, ob Butler nicht besser so lange wieder abgeführt werde? Der Ratsherr verneinte. Butler mußte sich, während ein Soldat von der Wache neben ihm Posten faßte, am entgegengesetzten Ende des Zimmers auf eine Bank setzen.

Es war ein sehr großer Raum, aber eigentümlich beleuchtet. Alles Licht von dem einzigen Fenster, das er hatte, fiel, ob nun zufällig oder vom Baumeister so eingerichtet, auf den untern Teil der Tafel, wo sich die angeklagten Personen aufstellen mußten, während der obere Teil, wo die Richter ihre Plätze hatten, in tiefem Schatten lag.

In der Erwartung, in dem Gefangenen, mit dessen Verhöre sich die Ratsherren befaßten, einen der Aufrührer der gestrigen Nacht zu erkennen, richtete Butler die Blicke auf ihn. Aber so auffallend auch das Gesicht des Mannes war, so konnte Butler sich doch nicht entsinnen, ihn je vorher im Leben gesehen zu haben. Er war von dunkler Farbe und schon im vorgerückten Alter. Das tiefschwarze, doch schon grau gesprenkelte Haar trug er kurz geschoren und glatt über die Stirn gekämmt. Sein Gesichtsausdruck war eher verschmitzt als gewalttätig, und die grellen schwarzen Augen, die scharfen Züge, das hämische, gemeine Lächeln mit dem frechen Zug um seine Lippen gaben ihm ganz das Aussehen eines verschlagenen Halunken, den man, wenn man ihm auf einem Jahrmarkte begegnet wäre, aus den ersten Blick für einen Pferdehändler gehalten hätte. Auch die Kleidung, die er trug, die lange bis an den Hals zugeknöpfte Reitjacke, die spitzen Metallknöpfe daran, die groben blauen Drillichhosen mit den daran festgemachten Wadenstrümpfen und der heruntergeklappte Hut, ließ auf diesen Stand schließen. Nur eins fehlte, den Eindruck vollständig zu machen: die Peitsche unterm Arme und die Sporen am Fuße. »Euer Name ist Ratcliffe, James Ratcliffe?« fragte der Ratsherr.

»Mit Verlaub, Euer Gnaden, ja.«

»Das heißt: falls mir der Name nicht genehm wäre, würdet Ihr Ja auch zu einem andern Namen sagen?«

»Mit Verlaub, Euer Gnaden, bei etwa zwei Dutzend Namen könnte das zutreffen, Euer Gnaden,« erwiderte der Mann.

»Aber Euer gegenwärtiger Name ist Ratcliffe?« Der Mann nickte. »Und welches Gewerbe betreibt Ihr?« fragte der Ratsherr weiter.

»Gewerbe wäre wohl kaum der richtige Name für das, was ich treibe, Euer Gnaden,« sagte der Mann.

»Nun, dann wollen wir die Frage so stellen: wovon lebt Ihr?« fragte der Ratsherr.

»Je nun, Euer Gnaden, ich meine, das wissen Eure Gnaden doch gerade so gut wie ich.«

»Mag sein. Aber Ihr müßt Euch darüber hier deutlich aussprechen.«

»Ich, Euer Gnaden? Hier, Euer Gnaden? Solches sei ferne von James Ratcliffe!«

»Keine solchen Ausflüchte, Mann! Ihr habt hier klare und bestimmte Antwort auf jede Frage zu geben.«

»Richtig, Euer Gnaden,« antwortete der Mann, wem's drum zu tun ist, pardonniert zu werden, der soll von der Leber weg reden. Euer Gnaden verlangen, daß ich aussage, was ich treibe? wovon ich lebe? Ein nicht sonderlich günstiger Ort, auf solche Fragen klippklar zu antworten, Euer Gnaden, wenigstens für mich nicht. Aber, Euer Gnaden, wie heißt das siebente Gebot?«

»Du sollst nicht stehlen,« antwortete der Richter.

»Wirklich? heißt's so?« fragte der Mann; »dann steht meine Arbeit freilich im krassen Widerspruche zu dem Gebot, denn ich hab den Text immer gelesen: Du sollst stehlen! Wenn's auch bloß ein kleines Wörtchen ist, das fehlt, so macht's doch einen argen Unterschied aus.«

»Kurz also, Ratcliffe, Ihr seid ein berüchtigter Dieb?« fragte der Ratsherr.

»Hoch- und Unterland können's bezeugen, und England und Holland dazu, Euer Gnaden,« versetzte der Angeklagte mit maßloser Frechheit.

»Auf welches Ende habt Ihr mithin zu rechnen?« fragte der Ratsherr. »Gestern hätte ich's aufs Haar prophezeit, aber heute bin ich meiner Sachen nicht mehr sicher.«

»Und welches Ende hättet Ihr Euch gestern prophezeit, Ratcliffe?«

»Den Galgen, Euer Gnaden,« erwiderte Ratcliffe mit Seelenruhe.

»Ihr seid ein gar frecher Kujon, Ratcliffe! Und wie kommt Ihr dazu, für Euch etwas Besseres zu erhoffen?«

»Ich meine, Euer Gnaden, es sei doch ein himmelweiter Unterschied, ob einer im Loche sitzt, weil er muß, oder weil er gutwillig drin bleibt. Was hätte mich gestern, als die Menge mit Kapitän Porteous abzog, am Verduften gehindert? Und daß ich expreß geblieben sei, um Hanf zu riechen, das werden doch Euer Gnaden nicht glauben?«

»Weshalb Ihr da geblieben seid, weiß ich nicht; weshalb Euch das Gericht aber eingesteckt hat, weiß ich, Ratcliffe! um Euch nächsten Mittwoch über acht Tage hängen zu lassen!«

»Nicht doch, Euer Gnaden,« erwiderte Ratcliffe zuversichtlich, »mit Verlaub, Euer Gnaden; aber das glaube ich erst, wenn ich unterm Galgen stehe. Mit den Gerichten bin ich doch jahrelang auf Verkehrsfuß, habe auch schon manchen Tanz mit ihnen gedreht; aber so schlimm wie ihr Ruf, sind sie nicht, bei weitem nicht. Ich hab im Gegenteil immer gefunden, daß sie mehr bellen als beißen.«

»Ratcliffe, meines Wissens seid Ihr schon zum vierten Male zum Galgen verurteilt,« sagte der Ratsherr, »wenn Ihr nun nicht darauf rechnet, gehängt zu werden, als Ihr vorzogt dazubleiben, statt wie die andern auszubrechen, worauf habt Ihr dann gerechnet?«

»Auf ein Pöstchen in dem alten Kasten, an dem ich nun mal Geschmack gefunden habe,« sagte Ratcliffe.

»Auf ein Pöstchen am Pranger, meint Ihr?« rief der Richter.

»Nicht doch, Euer Gnaden, an den Pranger hab ich nicht gedacht, denn wer viermal zum Galgen verurteilt worden, der ist über Pranger und Stockhiebe doch längst hinaus.«

»Dann sagt mir aber, auf was für einen Posten könnt Ihr zu rechnen meinen?«

»Auf den eines Beifrons, Euer Gnaden,« erwiderte Ratcliffe mit maßloser Ruhe; »ich habe gehört, es sei einer vakant. Um den des Scharfrichters will ich mich nicht bewerben, denn der paßte nicht so gut für mich wie für andere, ich wenigstens hab in meinem ganzen Leben kein Tier umbringen können, geschweige einen Menschen.«

»Das spricht wenigstens nicht zu Euren Ungunsten,« sagte der Richter, den Ratcliffe, so schlau er seine Absicht zu bemänteln wußte, wirklich zur Milde gegen sich stimmte. »Aber,« fragte der Richter, »wie könnt Ihr Euch auf einen Posten als Beifron spitzen, nachdem Ihr doch aus nahezu allen Gefängnissen Schottlands ausgebrochen seid?«

»Mit Verlaub, Euer Gnaden,« versetzte Ratcliffe, »wenn ich es gut verstanden habe, zu entwischen, so werde ich es wohl besser noch verstehen, Leute am Entwischen zu verhindern. Wer mich halten will, wenn ich fort will, muß früh aufstehen, Euer Gnaden; aber noch früher müßte der aufstehen, der fort will, wenn ich mir vorsetze, ihn zu halten.« – Dem Richter schien das einzuleuchten; er gab Ratcliffe keinen Bescheid, sondern ließ ihn abführen, beugte sich aber, sobald der verwegene Wicht verschwunden war, zu dem Stadtschreiber und fragte ihn, was er zu solcher Frechheit sage.

»Es steht mir nicht zu, ein Urteil zu fällen,« antwortete dieser, »soviel aber meine ich, sagen zu dürfen, daß es, falls es Ratcliffe wirklich darum geht, gut zu tun, keinen zweiten in der Stadt gibt, der ihr im Diebesfache soviel nützen könnte wie er.«

Nun wurde Butler zum untern Ende der Tafel geführt. Der Ratsherr begann das Verhör, höflich, aber doch in einem Tone, der nicht verkennen ließ, daß er starken Verdacht gegen Butler habe. Dieser räumte mit der seinem Stand und Charakter angemessenen Ehrlichkeit seine ihm aufgezwungene Gegenwart bei der Ermordung des Hauptmanns Porteous ein, legte auch, auf Verlangen des Ratsherrn, einen ausführlichen Bericht der schrecklichen Begebenheit ab, der vom Schreiber zu Protokoll genommen wurde. Sobald er geendigt hatte, nahm ihn der Richter ins Kreuzverhör, dem auch der Unschuldigste leicht erliegt, auch wenn sich ein Fall nicht so schwierig gestaltet wie gerade der Butlers nach einer mit so ergreifenden Umständen verknüpften Schilderung, die unmöglich so klar vorgetragen werden konnte, daß nicht Zweifel und Widersprüche hätten wachgerufen werden sollen.