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Der Ratsherr begann mit der Bemerkung, Butler habe sich nach Libberton begeben wollen und wolle doch am Westtor vom Pöbel gestellt worden sein. »Ist das Ihr gewöhnlicher Weg nach Libberton?« fragte er, nicht ohne Ironie; »durch das Westtor?«

Von Eifer erfüllt, seine Unschuld darzutun, versetzte Butler schnelclass="underline" »Nein, freilich nicht, aber ich befand mich zufällig dem Westtore am nächsten, und der Torschluß stand unmittelbar bevor.«

»Allerdings ein recht unglücklicher Zufall!« bemerkte der Ratsherr trocken; »aber als Diener der Kirche, zumal Sie zur Teilnahme an dem gesetzlosen Tun gezwungen wurden, haben Sie doch Widerstand und Flucht versucht?«

Die große Zahl der Meuterer, erwiderte Butler, habe seine Widerstands- und Fluchtversuche unmöglich gemacht,

»Abermals ein recht verdrießlicher Zufall!« sagte ebenso trocken wie vorhin der Ratsherr, worauf er noch eine Reihe von Fragen über das Verhalten des Pöbels und die Kleidung, die die Rädelsführer getragen hätten, stellte und dann unvermittelt zu andern Punkten des von Butler gegebenen Berichts übersprang, immer bemüht, durch hinterlistige Fragen ihm Fallen zu legen. Indessen ertappte er Butler auf keinem Widerspruche, der auch nur einigen Halt gegeben hätte, den gegen ihn bestehenden Argwohn tiefer zu begründen. Endlich fiel in dem Verhöre der Name Madge Wildfire, und hierbei wechselten Ratsherr und Stadtschreiber einen vielsagenden Blick. Es folgte nun eine peinliche Befragung Butlers über Gesicht und Kleidung dieser Person, aber über das erstere viel zu sagen, war Butlern insofern nicht möglich, als es durch Schminke und Ruß völlig unkenntlich gemacht und obendrein durch eine über die Stirn gezogene Weiberhaube verdunkelt worden war. Auf Befragung erklärte er sich außer stande, besagte Madge Wildfire, wenn sie ihm in andrer Kleidung vorgeführt würde, anders als an ihrer Stimme wiederzuerkennen.

Der Ratsherr stellte ihm nun die Frage, zu welchem Tore er am Morgen nach der Begebenheit zur Stadt hinausgegangen sei.

Butler nannte das Cowgate-Tor.

»Und war dieses der nächste Weg nach Libberton?« fragte der Richter.

Butler erwiderte, abermals nicht ohne Verlegenheit: »Das freilich nicht; aber es wäre mir keiner näher gewesen, mich aus der Nähe des Pöbels zu entfernen.«

Ratsherr und Stadtschreiber sahen einander wieder an.

»Ist es vom Grasmarkt nach Libberton näher als durch das Cowgater oder Bristoler Tor?« fragte der Ratsherr.

»Das nicht,« entgegnete Butler; »aber ich wollte zu einem Freunde mit herangehen.« »So?« fragte der Ratsherr, »es war Ihnen also wohl darum zu tun, die Kunde von dem Vorfalle unter die Leute zu bringen?«

»Nein, gewiß, nicht. Ich habe mit keiner Silbe von den Ereignissen der Nacht gesprochen, so lange ich in Sankt-Leonard war.«

»Auf welchem Wege begaben Sie sich nach Sankt-Leonard?« »Ueber die Salisbury-Felsen,« erwiderte Butler.

»So? über die Salisbury-Felsen? Nun, nehmen Sie mir das nicht übel, aber Sie scheinen ein recht großer Freund von Umwegen zu sein, und wen haben Sie gesehen, seit Sie der Stadt den Rücken wandten?«

Butler schilderte all die verschiedenen Gruppen und Haufen, an denen er im Laufe des Morgens vorbeigekommen war, ihre Anzahl, ihr Aussehen, ihr Verhalten. Endlich tat er des geheimnisvollen Fremden Erwähnung, den er zwischen den Felsen getroffen hatte, und über den er gern rasch hinweggegangen wäre. Aber kaum hatte er ein Wort über ihn geäußert, als ihm vom Ratsherrn die eingehendsten Fragen gestellt wurden, mit der Ermahnung, sich aufs strengste an die Wahrheit zu halten und nichts unerwähnt zu lassen, so geringfügig es ihm auch erscheine.

»Sie stehen ja in gutem Rufe,« fügte der Ratsherr, »wie ich durchaus nicht verhehlen will; aber es ist uns recht gut bekannt, daß sich Männer aus Ihrem Stande, sonst von untadelhaftem Charakter, von Unternehmungen nicht fern gehalten haben, die sich wider Ruhe und Wohlfahrt des Staats richteten. Ich will ganz offen gegen Sie sein. Daß Sie hier sagen, Sie hätten sich auf zwei verschiedenen und recht großen Umwegen nach Ihrem Heimatsdorfe begeben wollen, gefällt mir ganz und gar nicht, zumal kein bis jetzt von uns vernommener Zeuge ausgesagt hat, es sei ihm so vorgekommen, als hätten Sie sich irgendwie gezwungen bei der Affäre gefühlt. Die Wächter am Cowgate-Tor wollen im Gegenteil bemerkt haben, Ihr Benehmen hätte einen ängstlichen Eindruck gemacht, wie wenn Sie sich von Schuld bedrückt gefühlt hätten, ja einer von ihnen hat ausgesagt, Sie hätten ganz so befohlen das Tor zu öffnen, als hätten Sie gemeint, noch an der Spitze der Aufrührer zu stehen.«

»Gott verzeih es den Leuten!« erwiderte Butler, »ich habe nichts weiter begehrt, als frei durch das Tor zu passieren. Wollen mir die Leute nicht wissentlich zu Schaden sein, so müssen sie zugeben, sich in solcher Meinung geirrt zu haben.«

»Ich will gern das Beste annehmen, Herr Butler,« versetzte der Ratsherr, »aber wenn Sie Ihre Situation nicht verschlimmern wollen, dann müssen Sie offen gegen mich sein. Sie haben bekannt, mit einem fremden Manne zwischen den Sankt-Leonard-Felsen zusammengekommen zu sein; ich muß darauf bestehen, daß Sie mir über die Unterredung, die Sie mit dem Fremden geführt haben, genauen Aufschluß geben.«

Butler hatte die Unterredung nur verschweigen wollen, weil er befürchtete, Jeanie Deans durch sie bloßzustellen; zufolge der eindringlichen Aufforderung des Richters hielt er es aber für besser, nichts darüber zu verschweigen.

»Sie glauben also,« fragte der Ratsherr, als Butler zu Ende war, »daß die Person sich zu dem Orte begeben werde, so geheimnisvoll die Aufforderung dazu ist?«

»Ich fürchte, daß das Mädchen es tun werde,« antwortete Butler.

»Warum fürchten Sie es?«

»Weil mir um ihre Sicherheit bangt, wenn sie zu solcher Zeit und an solchem Orte, auf solche Botschaft hin, sich mit einem Menschen trifft, der mir den Eindruck zu machen schien, als sei er mehr als desperat.«

»Für die Sicherheit ihrer Person soll Sorge getragen werden,« erklärte der Ratsherr; »und was Sie selbst betrifft, Herr Butler,« setzte er hinzu, »so muß ich Ihnen leider sagen, daß es nicht angeht, Sie schon jetzt in Freiheit zu setzen. Ich denke aber, es wird nicht notwendig sein, Sie lange in Ihrer Freiheit zu beschränken. Fron, führen Sie den Gefangenen wieder in seine Zelle, tragen Sie aber Sorge, daß es ihm an nichts fehlt, und daß er über nichts zu Beschwerde oder Klage Veranlassung findet.«

Butler wurde wieder ins Gefängnis abgeführt. Die vom Ratsherrn gegebenen Weisungen betreffs seiner Haltung wurden streng beobachtet.

Zwölftes Kapitel

Wir lassen jetzt Butler allein in seiner Zelle, allein mit seinen trüben Gedanken, die bei der mißlichen Lage, in die er geraten ist, nicht ausbleiben können, und die vor allem auf den Schmerz fußen, daß ihm alle Möglichkeit genommen worden, der unglücklichen Familie in Sankt-Leonard in ihrer schwersten Not beizustehen. Wir kehren zurück zu der armen Jeanie Deans, die den Freund scheiden sah, ohne daß ihr Gelegenheit zu weiterer Befragung blieb, und nun auf all die zarten Wünsche und Hoffnungen Verzicht leisten sollte, die sie so lange in ihrem Busen gehegt. Sich von zarten, zwischen Lust und Schmerz die Wage haltenden Empfindungen zu trennen, fällt starken Herzen – und Jeanie trug das Herz einer Heldin unter ihrem dörflichen Mieder – wohl am schwersten! Eine Weile lang konnte sie auch den Tränen nicht Einhalt tun, die ihr in die Augen drangen; aber bald verdrängte die Erinnerung an den tiefen Gram des Vaters, an den namenlosen Schmerz der Schwester alles persönliche Herzeleid, sie besann sich auf den Brief, der ihr heut in aller Frühe zum Fenster hineingeworfen worden, nahm ihn aus der Tasche und las ihn. Er war von seltsamer Fassung, heftig, ergreifend, fast auf Wahnsinn deutend: »Wenn Jeanie ein menschliches Geschöpf von der allerschwersten Schuld und ihren gräßlichen Folgen erretten, wenn Jeanie Leben und Ehre der Schwester aus den Fängen des ungerechtesten Gesetzes, das je erlassen worden, befreien, wenn Jeanie nicht ihr eigenes zeitliches und ewiges Glück gefährden wolle,« – so lautete die wilde Beschwörung, – »so solle sie sich bereit finden lassen, dem Schreiber dieser Zeilen eine sichre, geheime Zusammenkunft zu bewilligen; denn sie allein könne ihn, und er allein die Schwester retten.« Auf dem Zettel stand weiter, die Lage des Schreibers dieser Zeilen legte ihm die Bedingung auf, ihr dringend ans Herz zu legen, daß sie sich unter keinen Umständen beikommen lasse, einen Zeugen zu der Zusammenkunft mitzubringen, weder ihren Vater noch sonst jemand, auch niemand, sei es, wer es sei, diesen Zettel zu zeigen oder von diesem Anliegen irgend welche Andeutung zu geben, denn sie würde dann nicht bloß die Unterredung in Frage stellen, sondern Unglück über ihn und die Schwester bringen; der Zettel schloß mit eindringlichen Beteuerungen, daß sie für ihre Person nichts zu fürchten habe.