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Was ihr von Butler mitgeteilt worden war, stimmte mit dem Inhalt des Zettels überein bis auf den Ort und die Zeit, die sich verändert hatten. Dem Anschein nach war der Fremde durch irgendwelche Notwendigkeit zu dem Entschlusse gedrängt worden, sich Butlern gegenüber einigermaßen zu offenbaren; und deshalb war auch Jeanie wiederholt willens gewesen, dem Freunde den Zettel zu zeigen, wenn auch nur, um den von ihm wider sie gefaßten Verdacht zu beseitigen; aber gekränkter Unschuld wird es gar oft schwer, sich zu rechtfertigen; zudem ängstigte sie die Warnung vor den schweren Folgen irgendwelcher Andeutung, daß sie solchen Zettel bekommen habe, und doch hätte sie sich, wäre sie länger mit Butler zusammen gewesen, dazu entschlossen, ihn ins Vertrauen zu Ziehen; nun aber die Gelegenheit dazu verloren war, schmerzte es sie bitter, denn ihr Herz sagte ihr, daß sie gegen einen Freund, dessen Rat ihr von so großem Nutzen hätte sein können, und dessen treue Anhänglichkeit ihr unbedingtes Vertrauen verdiene, höchst ungerecht gehandelt habe.

Dem Vater von der befremdlichen Zumutung etwas zu sagen, erschien ihr bedenklich, denn in welchem Lichte er den Fall betrachten würde, ließ sich gar nicht beurteilen, traten doch bei so außerordentlichen Vorfällen seine starren Grundsätze immer in einen sehr bedenklichen Vordergrund. Am schicklichsten wäre es freilich gewesen, eine Freundin um Begleitung zu bitten; aber sie hatte unter den Nachbarsleuten nur oberflächliche Bekanntschaft, was bei der zurückgezogenen Lebensweise, die sie führte, und ihrer Gemütstiefe nur zu erklärlich sein dürfte.

Alles irdischen Rates ermangelnd, nahm ihre Seele nun den Weg zu jenem Führer, dessen Ohr sich dem Rufe des Bedrängten nimmer verschlossen hält. Niederknieend, flehte sie inbrünstig zu Gott, ihr den rechten Weg in dieser schweren Lage zu zeigen, und Gott zeigte ihr den Weg, den sie zu gehen habe. »Ich will den Unglücklichen sprechen,« sagte sie zu sich, als sie sich mit gestärkten Herzen erhob, »denn unglücklich muß er ja sein, wenn er, wie ich nicht zweifle, der Urheber all des Unglücks ist, das meine arme Effie trifft. Mag werden daraus, was wolle, sprechen muß ich ihn, denn ich will mir später nicht den Vorwurf machen, ich hätte aus Rücksicht auf das eigne Wohl oder aus persönlicher Furcht irgend etwas nicht getan, was ihr doch vielleicht noch hätte Rechnung bringen können.«

Als sich der Tag neigte, traf sie die Vorbereitungen zu ihrem nächtlichen Gange. Von dem Vater, nachdem sie das Abendgebet mit ihm verrichtet hatte, vermißt zu werden, durfte sie nicht fürchten. Er schlief in einem andern Teile des kleinen Hauses, und bei seiner Regelmäßigkeit in allen Lebensdingen kam es nie vor, daß er die Schlafkammer wieder verließ, wenn er sie erst einmal aufgesucht hatte. Es war mithin leicht für Jeanie, zu der bezeichneten Zeit sich ans dem Hause zu schleichen, und doch fiel es ihr zentnerschwer, als der Augenblick da war. Ihr Leben war in der stillen Einförmigkeit friedlichen Familienlebens verstrichen; sie hatte ihrem Vater nie etwas zu verbergen brauchen und nie etwas verborgen: sie hatte niemals Zeit für sich zu irgend welcher Zerstreuung, Zu einem Gang ins Freie oder einem abendlichen Vergnügen beansprucht, außer in Begleitung des strengen Vaters; und nun allein so weit, obendrein bei Nacht gehen zu wollen, kam ihr so abenteuerlich, so gewagt vor, daß sie mehr denn einmal in dem gefaßten Entschlusse wankend wurde.

Als sie ihr schönes Haar unter das Band schlang, das den einzigen Kopfschmuck der Mädchen im Hochlande bildet, zitterten ihr die Hände; als sie das karierte schottische Tuch umnahm, das bei den schottischen Frauen Mantel und Schleier vertritt, wäre sie fast umgesunken; so bange war ihr vor der Gefahr, die mit dem, was sie vorhatte, schließlich doch verbunden sein konnte, und vor der Unschicklichkeit solches Schrittes. Als sie die Tür des väterlichen Hauses aufklinkte, um den Fuß zur Nachtzeit über seine Schwelle zu setzen, überkam sie neue Besorgnis, und als sie sich auf freiem Felde sah, fehlte wenig, so wäre sie umgekehrt. Auf dem Wege mehrten sich die Schrecknisse. Manch schauerliche Sage knüpfte sich an die dunklen Klüfte und an die grünen, von Felsblöcken bedeckten Schluchten, die oft der Schlupfwinkel von Räubern und Missetätern gewesen waren, wo auch Hexen und böse Geister gehaust hatten. Mit jedem Schritt weiter auf dem öden, stellenweis wild überwucherten Pfade wuchs das Grauen und wich die Aussicht auf menschlichen Beistand; schreckensvolle Bilder von allerhand Greueln, die ihr von dieser Einöde zu Ohren gekommen, stiegen vor ihren Augen auf, als sie den Fuß zwischen die kahlen Felsen setzte; der Mond warf sein zitterndes Licht über die Gegend, und eine unbeschreibliche Angst ergriff das einsame Mädchen, das mit bebendem Fuße über Dorn und Stein bald im Schatten, bald im Mondlicht, entlang schritt, aber der Gedanke an die Schwester hielt sie aufrecht, und wieder empfahl sie sich dem Schutze dessen, der sie schon so oft gestützt und getröstet, der ihr den Weg bis hierher gezeigt hatte.

Dreizehntes Kapitel

In der Tiefe des für die geheimnisvolle Zusammenkunft bestimmten Tales, dem sich Jeanie endlich nahte, hinter den Felsen von Salisbury mit dem als »Arturs Sitz« bekannten Berge im Vordergrunde, befinden sich noch heutzutage die Ruinen einer Einsiedelei oder Kapelle, die dem heiligen Antonius geweiht war. Eine bessere Lage hätte sich für sie kaum finden lassen, denn zwischen ranken, pfadlosen Klüften erbaut, stand sie in einer richtigen Oedenei und doch in unmittelbarer Nähe einer volkreichen, unruhigen Stadt, deren Lärm aber nur dumpf, wie seines Wogenbrausen eines Meeres, in die Gebete des Einsiedlers drang.

Unfern der Kapelle, ziemlich am Fuße der Höhe, zeigt man wohl noch heute die grause Stätte, wo ein aufgeschichteter Steinhaufen das Gedächtnis an einen Mord, verübt nach schändlichen Grausamkeiten von einem Mann an seinem Weibe, erhielt. Der alte britische Fluch: »Sei ein Steinhaufen dein Grab!« schien hier tatsächlich verwirklicht, denn jeder Passant hatte zum Zeichen seines Abscheus gegen den Elenden einen Stein dorthin geschleudert, bis zuletzt ein richtiger Haufen entstanden war, der nach ihm – Nichil Muschat hieß der Mörder – »die Muschatsteine« genannt wurde.

Jeanie blieb an dem unheimlichen Orte stehen, den Blick zum Monde hinauf richtend, der jetzt am nordwestlichen Himmel aufstieg; mit Zittern und Zagen wandte sie langsam den Kopf zu dem Steinhaufen hin, der sich, grauweiß im Mondlicht schimmernd, vor ihr erhob. Zuerst sah sie nichts von einem Menschen dahinter, und schon fingen Zweifel sich in ihrer Brust zu regen an. War sie getäuscht worden? Brach der Schreiber, des Zettels sein Worte? Hatte er den Zeitpunkt verpaßt, oder hielt ihn ein unvermuteter Zwischenfall zurück? Oder sollte er gar, wie eine geheime Stimme ihr zuflüsterte, ein überirdisches Wesen sein, daß sie durch falsche Hoffnungen in unnütze Schrecken und Qualen stürzen wollte? Oft genug hatte sie von dergleichen irrenden Geistern vernommen!