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Und doch hielten diese angstvollen Gedanken sie nicht ab, sich langsamen, aber festen Schrittes dem Steinhügel zu nähern. Da richtete sich plötzlich, als sie ihn beinahe erreicht hatte, eine düstere Gestalt dahinter auf, und Jeanie, die schlimmste ihrer Ahnungen erfüllt sehend, konnte kaum einen Aufschrei unterdrücken. Mit verhaltenem Atem wartete sie, daß der Mann sie anreden solle. Nach einem kurzen Schweigen geschah es. Mit tiefer, von innerer Bewegung kündender Stimme fragte die Gestalt:

»Sind Sie die Schwester jenes tiefunglücklichen jungen Geschöpfes?«

»Ich bin« – erwiderte Jeanie, – »die Schwester von Effie – Effie Deans; und wenn Sie je in Ihrer letzten Stunde auf die göttliche Gnade rechnen, dann sagen Sie mir, was im stande ist, sie zu retten, ob Sie im stande sind, sie zu retten.«

»Nein,« lautete seine unheimliche Antwort, »ich rechne nicht auf seine Gnade in meiner letzten Stunde; denn ich verdiene sie nicht!« Aber der Ton seiner Stimme war, so verzweifelt auch seine Worte waren, ruhiger geworden, vielleicht weil er die Scheu der ersten Anrede überwunden hatte.

Jeanie, starr vor Entsetzen, fand kein Wort mehr, denn was sie gehört hatte, war so ganz allem zuwider, was bisher zu ihren Ohren aus dem Munde des Vaters und Reuben Butlers gedrungen war, daß sie wirklich zu meinen anfing, keinem menschlichen, sondern einem Wesen der Hölle gegenüber zu stehen. Ohne aber ihres Grausens zu achten, fuhr die Gestalt fort: »Mädchen, Du siehst einen Elenden vor Dir, zu zeitlicher und ewiger Not verdammt!«

»Um des Ewigen willen, der uns hört,« schrie Jeanie bang, »führt nicht solche verzweifelten Reden! Der Wohltat des Evangeliums hat auch der Sündhafteste, der Elendste, teil!«

»Dann wäre ich freilich nicht davon ausgeschlossen!« erwiderte der Unbekannte; »wenn Du es sündhaft nennst, Mädchen, daß ich die Mutter, die mich gebar, den Freund, der mich liebte, das Weib, das mir vertraute, das unschuldige Kindlein, das dieses Weib mir gebar, in Verderben und Elend riß, dann bin ich fürwahr der sündhafteste, aber auch elendste Mensch unter der Sonne!«

»Also habt Ihr das Unglück meiner Schwester auf dem Gewissen?« fragte Jeanie, und aus ihrer Stimme klang es wie rächender Zorn.

»Ja, Mädchen, fluche mir, wenn es Dein Wille! verdient an Dir Hab ich's hundertfältig!«

»Besser ziemt es mir, Gott um Vergebung für Euch zu bitten,« antwortete Jeanie.

»Tue, wie Du willst, und was Du für gut hältst!« rief er heftig, »nur schwöre mir, Dich nach meinen Worten zu richten und Deiner Schwester das Leben zu retten!«

»Ich werde, was einer Christin erlaubt ist zu tun, um der Schwester das Leben zu retten, auch ohne Schwur tun,« erklärte Jeanie.

»Nichts von Vorbehalt!« rief der Fremde mit mächtig lauter Stimme, »nichts von erlaubt oder nicht erlaubt, nichts von Christin oder Heidin! Schwöre, mein Gebot zu erfüllen, oder, Du weißt nicht, Mädchen, wessen Grimm Du Dich aussetzest!«

Erschreckt durch seine Heftigkeit, und im Zweifel, ob sie es Mit einem Rasenden oder einem Geiste der Hölle zu tun habe, erwiderte Jeanie: »Ich will mit mir zu Rate gehen und Euch morgen die Antwort bringen.« »Morgen?« rief er, hohnlachend; »ha! wo werde ich morgen sein? oder, wo wirst Du heute nacht sein, falls Du nicht schwören willst, mir zu gehorchen? Eine verfluchte Tat ward schon an dieser Stätte verübt, und eine andere soll an ihr verübt werden, wenn Du nicht mit Seele und Leib Dich mir überantwortest!«

Er riß ein Pistol unter dem Mantel hervor und hielt es der Unglücklichen vor die Stirn, sie versuchte nicht zu fliehen – sie erlag nicht dem Schrecken – aber auf die Kniee stürzte sie und flehte um ihr Leben.

»Weiter hast Du mir nichts zu sagen, Weib?« fragte der Bösewicht, ohne eine Spur von Rührung.

»Taucht Eure Hände nicht in das Blut einer Wehrlosen, die Euch vertraute!« flehte Jeanie, noch immer auf den Knieen liegend.

»Weißt Du sonst nichts zu sagen, das Leben Dir zu erhalten? Willst Du mir das Versprechen geben oder nicht? Willst Du wirklich die Schwester verderben und mich zwingen, mehr Blut zu vergießen?«

»Ich kann nichts versprechen, was wider das Christentum geht!«

Er spannte den Hahn seinem Waffe und richtete ihren Lauf auf sie.

»Verzeih es Euch Gott!« rief sie, angstvoll die Hände vor die Augen schlagend.

»Verflucht!« murmelte der Fremde; dann wandte er sich ab von ihr, setzte den Hahn in Ruhe und steckte die Pistole wieder unter den Mantel. Dann sprach er: »Ich bin ein ruchloser Bösewicht, belastet mit Schuld und Schimpf, aber nicht so in Sünde versunken, daß ich auch Dir Böses antun möchte. Ich habe Dich bloß schrecken wollen. Hab Dich bloß durch Schreck zwingen wollen. Ha! sie hört mich nicht! sie ist tot! Großer Gott! zu welch einem Schurken bin ich geworden!«

Während dieser heftig hervorgestoßenen Sätze kam sie langsam wieder Zum Bewußtsein zurück aus einem Zustande, der mit wirklichem Todeskampfe verzweifelte Aehnlichkeit hatte, aber noch lange währte es, bis sie begriff, daß er ihr nicht nach dem Leben trachtete.

»Nein,« rief er wieder, »ich will nicht noch Deinen Mord dem Morde Deiner Schwester und ihres Kindes hinzugesellen! Wenn ich auch rase vor Wut, und Furcht und Mitleid verschlossen bin, wenn ich auch dem Bösen zur Beute anheimgefallen und verlassen von allem Guten bin, so könnte ich Dir doch kein Leid antun, Mädchen, und böte man mir eine Welt zum Lohne! Aber, bei allem, was Dir lieb und wert ist, Mädchen, schwöre mir, zu tun, wie ich Dich heiße! Nimm diese Mordwaffe, jage mir die Kugel durch die Stirn und räche mit eigner Hand das herbe Leid, das ich ihr angetan, oder schwöre, daß Du den einzigen Weg ergreifen willst, der sie zu retten vermag!«

»Beim Ewigen, Mann! ist sie unschuldig oder nicht?«

»Unschuldig, bis auf die Schwäche, daß sie einem Bösewicht Vertrauen schenkte, aber wenn es nicht noch ärgere Bösewichte gäbe, – ja, ärgere als ich, wenn ich auch Bösewicht genug bin – dann wäre es soweit doch nicht gekommen.«

»Und das Kind meiner Schwester? Lebt es?« fragte Jeanie.

»Nein! es ist tot, ist umgebracht worden, grausam umgebracht, das neugeborne Wesen,« antwortete er dumpf, »aber ohne ihr Wissen, ohne daß sie es gewollt hat,« setzte er hastig hinzu.

»Und warum kann der Mörder nicht zur Strafe gezogen, die unschuldige Effie nicht freigesprochen werden?« fragte Effie mit fliegender Hast.

»Quäle mich nicht mit müßigen Fragen, Mädchen!« rief er finster. »Die die Tat verübten, sind weit genug, um vor Entdeckung sicher zu sein! Nur Du, Mädchen, kannst Deine Schwester retten!«

»Weh mir! Wie soll ich es können?« rief Jeanie hoffnungslos.

»Höre, was ich Dir sage. Du bist vernünftig, kannst mich nicht mißverstehen. Deine Schwester, sage ich, ist unschuldig an dem Verbrechen, dessen man sie anklagt.«

»Gott sei gepriesen!«

»Höre weiter und unterbrich mich nicht! Das Weib, das ihr in ihrer schweren Stunde beistand, hat das Kind umgebracht; aber die Mutter hat nichts davon gewußt, die Mutter ist unschuldig, sage ich Dir, so unschuldig wie das neugeborene Wesen, das nur wenige Augenblicke in dieser schlimmen Welt geatmet hat. Wohl ihm, daß es so schnell dem irdischen Jammer entrückt worden! Deine Schwester ist unschuldig, hörst Du? und doch muß sie sterben, denn es ist nicht möglich, sie dem Gesetz zu entziehen.«