»Aber Ihr sagtet doch, ein Mittel dazu gäbe es?« rief Jeanie in Herzensangst. »Eins gibt's,« erwiderte er dumpf, »und das ruht in Deiner Hand! Der Kraft des Gesetzes läßt sich entrinnen, aber ihr widerstehen läßt sich nicht. Du hast Deine Schwester in der Zeit vor der Geburt des Kindes gesehen; mithin läßt sich annehmen, daß sie ihres Zustandes Dir gegenüber Erwähnung tat. Solche Aussage kann Deine Schwester retten, muß Deine Schwester retten, denn sie hebt die Anklage der Verheimlichung auf, und nur hierauf stützt sich das Gesetz im vorliegenden Falle. Effie hat sicher mit Dir über ihren Zustand gesprochen, besinn Dich, Mädchen, denke nach, Mädchen! ich bin fest überzeugt, daß sie Dir davon gesagt hat!«
»Weh' mir,« rief Jeanie; »kein Laut darüber ist über ihre Lippen gekommen; nur Tränen, bittere Tränen hat sie vergossen, als ich sie über ihre Traurigkeit, über ihr verändertes Aussehen fragte.«
»Darüber hast Du sie gefragt?« rief er eindringlich, »so mußt Du Dich auch besinnen, daß sie Dir gesagt hat, ein schlechter Mensch habe sie verführt, ja, sage nur so! sage, ein verworfener Bösewicht! und nimm kein Blatt vor den Mund! und nun trage sie die Folgen seiner Schlechtigkeit und ihrer Schwäche unterm Herzen, aber er habe versprochen, während der ihr bevorstehenden schweren Zeit für ihre Unterkunft zu sorgen. O, er hat Wort gehalten! vortrefflich Wort gehalten!« Wild, gegen sich selbst gerichtet, stieß er die letzten Worte hervor; gleich darauf aber sprach er wieder ruhiger: »Du besinnst Dich doch auf dies alles? O, Du mußt Dich darauf besinnen, so und nicht anders hat es sich verhalten, und so, und nicht anders brauchst Du nur auszusagen!«
»Wie soll ich mich,« versetzte Jeanie mit natürlicher Offenheit, »auf Worte besinnen, die Effie niemals zu mir gesprochen hat?«
»Begreifst Du so schwer, Mädchen, oder blendet Dich Furcht?« rief er und schüttelte sie am Arme. »Ich sage Dir doch,« fuhr er, die Zähne aufeinander pressend, mit gedämpfter, und doch harter, eindringlicher Stimme fort, »ich sage Dir doch, daß Du Dich hierauf besinnen mußt, daß Du so aussagen mußt, auch wenn sie kein Sterbenswort davon zu Dir gesprochen. Du sprichst keine Unwahrheit, außer daß sie mit Dir gesprochen habe, und ersparst ihren blutgierigen Richtern ein Verbrechen, einen Mord, rettest das Leben Deiner Schwester, ersparst ihr den Tod durch Henkershand! Zaudere nicht, Mädchen! ich verpfände Leben und Seligkeit, daß Du die lautere Wahrheit redest, wenn Du redest, wie ich Dich heiße.«
»Ich muß doch aussagen unter meinem Eide,« erwiderte Jeanie, ohne sich durch die Spitzfindigkeit des Mannes beirren zu lassen, »denn die arme Effie steht doch eben unter Anklage der Verheimlichung ihres Zustandes. Wie können Sie mich verleiten zu einem Meineid?«
»Ich sehe, daß ich recht hatte, Dir zu mißtrauen,« rief er; »und daß Du lieber Deine junge, unschuldige Schwester, die keine andere Schuld trifft, als daß sie einem unwürdigen Subjekt vertraute, den Tot durch Henkershand leiden lassen, als daß Du die Lippen öffnen willst, sie zu retten, trotzdem es Dich nur ein Wort, ein einziges, kostet.«
»Mein Blut will ich für sie lassen,« rief Jeanie, während ihr die Tränen über die Wangen flossen, »aber Recht in Unrecht wandeln oder Falsches wahr machen, kann ich nicht.«
»Albernes, dickköpfiges Ding!« fuhr er sie hart an, »fürchtest Du etwa Schlimmes für Dich daraus? Verlaß Dich drauf, Du tust den Richtern, so gierig sie auch sind nach Menschenblut, selbst einen Gefallen, wenn Du ihnen die Möglichkeit schaffst, ein so junges liebes Geschöpf wie Deine Schwester vor dem Schlimmsten zu bewahren, nicht bloß verzeihlich werden sie es finden, wenn Du so aussagst, wie ich Dich heiße, sondern löblich!«
»Nicht Menschen fürchte ich,« versetzte Jeanie, die Augen zum Himmel emporrichtend, »sondern Gott! und Seinen Namen muß ich anrufen zur Bekräftigung meiner Worte. Ihm wird die Unwahrheit offenbar sein, deren ich mich schuldig mache!«
»Und der Grund, der Dich dazu treibt, sollte nichts gelten bei ihm? auch nicht, daß Dich nicht Eigennutz bestimmt? daß Du die Richter an einem Verbrechen zu hindern trachtest, das ärger wäre als dasjenige, daß sie mit ihrem Spruche strafen wollen?«
»Gott hat uns ein Gesetz gegeben, daß es uns eine Leuchte sei auf unserm Wege,« antwortete Jeanie, »und wir irren wissentlich, wenn wir davon abweichen. Ich mag nichts Böses tun, auch wenn Gutes daraus hervorgehen kann. Aber Ihr, Ihr kennt die Wahrheit dessen, was doch mir bloß Ihr Wort verbürgt, und Ihr, Ihr verhießet, wenn ich Euch recht verstanden habe, der armen Effie Hilfe und Beistand in ihrer Not, warum tretet nicht Ihr hervor und legt das erforderliche Zeugnis für sie ab, wie Ihr es mit reinem Gewissen könnt?«
Da erwachte der wilde Trotz wieder in ihm, der Jeanie schon einmal so tief erschreckt hatte. »Zu wem sprichst Du von reinem Gewissen, Mädchen?« rief er, »zu mir? Ich weiß seit Jahren nicht, was solches Wort bedeutet; und ich soll Zeugnis für sie ablegen? Ha! ein schöner Zeuge, der, um mit einem harmlosen Geschöpfe wie Du bist, ein paar Worte zu reden, solchen Ort und solche Zeit wählen muß. Doch halt! was war das?«
Eine jener wilden, eintönigen Weisen, nach denen der Schotte seine alten Balladen singt, klang aus der Ferne herüber; bald verschwammen die Töne, bald klangen sie heller. Der Fremde horchte gespannt und packte Jeanie, die heftig erschrocken war, wieder am Arme, wie wenn er sie hindern wollte, den Gesang durch eine Bewegung oder durch Worte zu stören. Jetzt schallten die Worte ganz deutlich herüber:
Steigt der Falke in die Höh',
Duckt die Lerche sich ins Korn, –
Scheu im Busch duckt sich das Reh,
Stößt der Jäger in das Horn.
Die Stimme klang hell und laut. Fast schien es, als sei es drauf abgesehen, daß sie in recht weite Ferne dränge. Sobald sie verstummte, ließ sich dumpfes Geräusch, wie von nahenden Tritten und leisem Geflüster, hören. Von neuem hub der Gesang an, doch nach einer andern Melodie:
Herr Ritter, rief sie, hurtig auf!
Gefahr ist im Verzuge
Spornt Euer Roß zu wildem Lauf!
Der Feind rückt an im Fluge.
»Ich muß weg!« rief der Fremde wild, und doch leise. »Lauf heim, oder warte, bis sie da sind: »Zu fürchten hast Du nichts; aber sage nicht, daß Du mich gesehen! Und vergiß nicht: der Schwester Schicksal liegt in Deiner Hand!«
Während er sich schnell und doch behutsam in einer Richtung entfernte, entgegengesetzt derjenigen, aus welcher das Lied erklang, und im andern Augenblick schon im Dunkel der Nacht verschwunden war, blieb Jeanie, schier ohnmächtig vor Schreck, bei dem Steinhaufen zurück. Sollte sie fliehen? oder auf die Menschen, die herkamen, warten? Sie blieb nicht lange darüber im Zweifel, denn nach wenigen Sekunden erblickte sie Männer um sich herum, und sie mußte erkennen, daß jetzt ein Fluchtversuch ebenso nutzlos wie töricht sein würde.
Vierzehntes Kapitel
Gleich dem an Episoden reichen Ariost, muß ich hier, um die verschiedenen Zweige zu dem Stamme zu fügen, den meine Erzählung bildet, die Erlebnisse einiger andern darin handelnden Personen bis zu eben dem Punkte führen, wo wir Jeanie Deans verließen.
»Wetten möchte ich,« sagte der Stadtschreiber zu seinem Freunde, dem Ratsherrn, »daß dieser Galgenstrick von Ratcliffe, wenn man ihm das Leben ließe, uns mehr als ein Dutzend Polizisten und Frone nützen würde, aus dieser Porteous-Affäre herauszukommen. Er heißt doch nicht umsonst bei allen Gaunern im Lande seit zwanzig Jahren Vater Kliff!«
»Ein gerissener Patron, das muß man sagen,« erwiderte der Ratsherr, »sich auf ein städtisches Amt zu spitzen!«
»Pardon, Euer Gnaden,« bemerkte der Polizeimeister, ich glaube, der Herr Stadtschreiber sind nicht im Unrecht. So einen Menschen wie Ratcliffe kann die Stadt gut brauchen, und wenn er sich drauf einlassen will, der Unsrige zu werden, so können wir uns ebensogut drauf einlassen, ihn zu nehmen, denn einen besseren Kandidaten für das Beifronsamt werden wir schwerlich auftreiben. Wenn wir warten wollen, bis sich einer aus der Heiligen Gilde dazu findet, so wird's wohl ein Weilchen dauern. Denken wir doch an den Porteous! der war auch sein Dutzend Kollegen wert und weder vor Hölle noch Teufel bange, wenn es galt, Order zu parieren.«