»Freilich, der Stadt hat er genützt,« erwiderte der Ratsherr, »wenngleich er kein Muster in sittlicher Hinsicht war. Könnte Ratcliffe uns zur Entdeckung seiner Mörder helfen, so möchte ich wohl dafür sein, daß wir ihm das Leben schenken und ein Stück Geld obendrein. In London wird man uns die Geschichte sehr übel vermerken, denn Königin Karoline. Sie sind zwar nicht verheiratet, lieber Stadtschreiber, wissen wohl aber auch von dem Weibsvolk ihr Liedchen zu singen? ist eine von jenen Damen, die selber eigensinnig genug sind, um bei andern keinen Eigensinn zu dulden. Ich möchte nicht bei ihr in London zu tun haben, wenn sie durch unsern Kurier wieder hören muß, daß noch immer niemand wegen diesem – weiß Gott! hundsföttischen Falle hat festgenommen werden können!« »Na, wenn's darauf ankommt, Herr Syndikus, dann ließe sich ja ein bißchen Gesindel leicht aufgreifen; einige Herrschaften habe ich auf meiner Liste, denen ein paar Wochen hinter Schloß und Riegel ganz gut täten; und sollten sie diesmal wirklich ohne Schuld ins Kittchen wandern, so könnt man's ihnen ja gutschreiben fürs nächste Mal, wenn sie uns Anlaß geben, ihrer wieder mit christlicher Liebe zu gedenken.«
»Nun,« sagte der Ratsherr, »ich will Ratcliffes wegen mit dem Präsidenten Rücksprache nehmen. Kommen Sie mit, Herr Polizeimeister! Vielleicht läßt sich auch aus der Geschichte mit diesem Butler und seinem Unbekannten von den Salisbury-Felsen etwas machen? Jedenfalls ist es mir nicht geheuer, wie sich ein Mensch dort herumtreiben und als Teufel ausgeben kann, bloß um harmlose Leute zu schrecken, die genug vom Teufel schon Sonntags von der Kanzel hören. Daß der Geistliche den Pöbel selbst angeführt hat, mag ich nicht glauben, wenn er freilich auch der erste seines Standes nicht wäre, der sich dazu hergegeben.«
»Das wird aber schon ein Weilchen her sein,« meinte der Polizeimeister, »jetzt wird's kaum noch vorkommen. Um aber bei Ratcliffe zu bleiben, Herr Syndikus, so will ich, falls der Herr Oberrichter sich mit unserer Ansicht einverstanden erklären sollte, selbst mit ihm reden – mit Vater Kliff meine ich – denn ich denke, mehr aus ihm herauszubringen, als Sie, Herr Syndikus.«
Noch am selben Tage bekam Sharpitlaw – so hieß der Polizeimeister von Edinburg – Instruktion, sich ins Gefängnis zu begeben und zu versuchen, ob er aus dem Arrestanten Ratcliffe etwas herausbekomme, was der Stadt in ihrer gegenwärtigen Verlegenheit zum Nutzen gereichen könne.
Die Art, wie sich ein Polizist mit einem Spitzbuben abfindet, den er in seine besondere Behandlung nehmen soll, ist immer von den Umständen abhängig. Er kann nicht in allen Fällen Habicht sein, der aus der Höhe auf seine Beute herabschießt; oft muß er Katze sein, die mit der Maus spielt, ehe sie zubeißt; oft aber auch Klapperschlange, die das vor ihren Augen flatternde Opfer so lange fasziniert, bis es ihr aus Furcht oder Verwirrung von selbst in den Rachen gerät. Die Begegnung Ratcliffs und Sharpitlaws gestaltete sich noch anders. Fünf Minuten lang saßen sie einander gegenüber wie zwei Hunde, die miteinander spielen, listig spähend, wer zuerst sich eine Schwäche beikommen läßt, die dem andern das Zubeißen erleichtert. Endlich fand es der Polizeimeister am Platze, das Wort zu nehmen.
»Na, Ratcliffe, ist's denn wirklich an dem, was ich höre? Ihr wollt ein anderer Mensch werden?«
»Jawohl, Herr,« versetzte Ratcliffe, »ich hab's satt bekommen, recht satt. Zudem meine ich, daß ich so manchem dadurch Arbeit erspare.«
»Hm, daß man Euch wieder mal zum Galgen verurteilt hat, Ratcliffe,« fragte Sharpitlaw, »wißt Ihr doch?«
»Gegen den Tod ist nun mal kein Kraut gewachsen, wie der ehrwürdige Pfaff in der Zöllnerkirche sagte, als Robertson auskniff. Sie wissen doch, ohne daß einer von uns merkte, wohin? Meiner Treu! der Pfaff hatte triftigeren Grund zu solcher Rede, als ich mir dachte, die böse Geschichte in der Nacht drauf hat's erwiesen.«
»Na, Kliff,« sagte Sharpitlaw in leisem, gleichsam vertraulichem Tone, »was den Robertson angeht, könntet Ihr da nicht mal zusehen, ob Ihr wißt, wo er sich auffinden oder wo sich wenigstens was über ihn erfahren ließe?«
»Ja, Herr Polizeimeister, mit dem ist's ein eigen Ding. Er ist im Grunde genommen von anderm Schlage als unsereins. Ein Satanskerl war er ja immer, und ausgefressen hat er allerhand. Aber die Affäre mit dem Zöllner, zu der ihn Wilson angestiftet hat, und ein paar Grenzbalgereien ausgenommen, hat er uns eigentlich niemals ins Handwerk gepfuscht.«
»Sonderbar, die Gesellschaft in Betracht gezogen, mit der er sich abgibt.«
»Und doch ist's wahr, was ich sage,« versetzte Ratcliffe; »von unsern Affären hat er sich immer fern gehalten, was sich vom Wilson nicht eben sagen ließ; denn mit dem hab ich doch manchen Tanz ausgefochten. Aber auch der Robertson wird noch dahin kommen, wo wir sind, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche, es kann niemand ein Leben führen wie er, ohne diesen Schlußakkord.«
»Ihr wißt, wer er ist und was er ist?«
»Meiner Meinung nach ist er von besserem Herkommen, als er bekennen will. Soldat ist er gewesen und dann Komödiant, wohl auch noch was anderes, ich kann nicht sagen was alles, denn so jung er ist, hat er's an Tollheiten doch nicht fehlen lassen.«
»Ja, er mag manches auf dem Kerbholz haben, worüber am besten nicht geredet wird, nicht wahr, Ratcliffe?« »Meine Meinung auch,« sagte Ratcliffe, listig den Finger an die Nase haltend; »und keine Dirne war vor ihm sicher.«
»Mag wohl sein,« erwiderte Sharpitlaw; »aber, Ratcliffe, wir wollen nicht soviel Worte machen, auch nicht soviel Umstände. Was Ihr zu tun habt, um pardonniert zu werden, wißt Ihr ... Ihr müßt Euch der Stadt nützlich machen.«
»Gewiß, gewiß, soviel in meinen Kräften steht, Herr Sharpitlaw. für nichts ist nichts, das weiß ich recht gut.«
»Was die Stadt jetzt am meisten tangiert, ist dieser vermaledeite Porteous-Fall, und wenn Ihr da einiges Licht schaffen konntet, wäre Euch der Beifron als Anfang sicher, während Euch der Aufseher für später winkte. Ihr versteht, was ich meine?«
»Selbstverständlich, Herr Sharpitlaw! aber ich hab ja doch während des ganzen Rummels im Loche gesteckt. wie soll ich da was wissen? Gelacht hab ich freilich, als der Hauptmann um Gnade bettelte, wie ihn die Kerle beim Schlafittchen nahmen; na, Junge, dachte ich da bei mir, nun schmeckst Du selber mal, wie's Hängen tut.«
»Das hilft Euch aber weder aus der Patsche noch zum Beifron, Ratcliffe, denn daß wir den berüchtigten Papa Kliff pardonnieren sollten, ohne daß er es verdiente. auf Grund gewisser Aussagen verdiente. das werdet Ihr wohl selbst nicht denken!«
»Na, denn meinetwegen,« platzte Ratcliffe heraus, »wenn's mal nicht anders geht, so mögt Ihr eben wissen, daß der Robertson mit unter den Schlingeln war, die das Stockhaus stürmten. Das wird Euch nützlich sein, nicht wahr?«
»Weiter im Texte,« sagte Sharpitlaw; »wenn wir nicht wissen, wo wir ihn erwischen, nützt uns das noch verdammt wenig.«
»Ja, Sharpitlaw,« sagte Ratcliffe, »das mag der Teufel wissen! denn in eins seiner Eulennester wird er sich jetzt schwerlich verkriechen. Ich denke, er wird längst aus dem Lande sein; denn ein so tolles Leben er auch führt, so steht doch eben fest, daß er hohe Anverwandte hat, bei denen ihn niemand vermutet und deshalb auch niemand sucht, und dorthin begibt er sich wohl jedesmal, wenn ihm irgendwo der Boden zu heiß unter den Füßen wird.«
»Desto besser wird er sich am Galgen ausnehmen,« versetzte Sharpitlaw; »ist das ein Kerl, einen Diener der Obrigkeit abzuschlachten, weil er seine Schuldigkeit getan hat! So was ist ja noch nie dagewesen! Wenn das ungestraft hinginge, könnte sich ja kein Teufel mehr sicher glauben. Ihr seid doch Eurer Sache gewiß, ihn gesehen zu haben?«