»Herr,« mischte Ratcliffe sich dazwischen, »auf Madge Wildfire bleiben Gründe ohne Einfluß, die bei vernünftigen Leuten gelten, weder Geld noch Galgen noch Rute, aber ich brächte schließlich doch was aus ihr heraus.«
»Dann probiert's,« erwiderte Sharpitlaw, »ich hab das blöde Gewäsch der Person ohnehin satt.«
»Madge,« redete Ratcliffe sie an, »sag mir doch, wer ist denn jetzt Dein Schatz?«
»Fragt Dich wer, dann sprich, Ratcliffe, Du wüßtest's nicht. Ei, schau mir einer den Papa Kliff! läßt's sich einfallen, von meinem Schatz zu sprechen!«
»Aber ich sollte doch meinen, Du seiest nie ohne Schatz?« fragte Ratcliffe.
»Bin ich auch nicht,« rief sie, »sollt mir einfallen!« rief sie, den Kopf als gekränkte Schöne stolz zurückwerfend, »ein Leben ohne Schatz, das wär 'ne schöne Hatz! Na, Ratcliffe! besinnst Du Dich noch auf Robin den Wilden? und wer kam dann? der Willi aus Flandern, nicht wahr? und dann der Robertson, der Georg Robertson!
Heisa, heisa, trallala!
Robertson ist wieder da.«
Ratcliffe lachte, winkte dem Polizisten zu und fuhr in seiner Weise fort, sie auszufragen. »Aber, Madge, ich weiß doch, die feinen Jungen machen sich bloß was aus Dir, wenn Du in Deiner Sonntagskluft steckst. In Deinen Alltagslumpen gefällst Du keinem. Da möchten sie Dich kaum mit der Ofengabel anfassen.«
Wieder warf sie stolz den Kopf zurück. »Du alter, elender Lügenstrick!« rief sie, »hat nicht erst gestern der feine Georg Robertson sich meine Alltagslumpen angezogen? Ist er nicht durch die ganze Stadt drin spaziert? und hat er nicht drin ausgesehen wie eine Königin?«
Wieder winkte Ratcliffe dem Polizisten und wieder fuhr er fort: »Madge, davon glaub ich Dir kein Wort! Die Lumpen hatten wohl Mondscheinfarbe? He? und der Rock sah himmelblau aus?«
»Was Ihr nicht wißt, Vater Kliff!« rief Madge, im Eifer des Widerspruchs alles ausplaudernd, was sie bei besserer Ueberlegung schwerlich gesagt hätte, »weder rot noch blau ist er gewesen, der Rock, sondern meinen kurzen braunen hat er angehabt, mit dem roten Ueberwurf, und dazu die alte Haube von Muttern aufgesetzt, eine Krone hat er mir dafür gegeben, daß ich ihm die Lumpen lieh, und der Mutter eine halbe, mir auch noch einen Kuß, ja, und dafür mag ihn der Himmel unter seinen Schutz nehmen, wenn er mir auch teuer, gar teuer zu stehen gekommen.«
»Und wo hat er sich wieder umgezogen, Kind?« fragte Sharpitlaw mit aller Freundlichkeit, die er seiner Stimme geben konnte.
»Der Polizeimeister verdirbt uns die ganze Pastete,« brummte Ratcliffe, und er hatte recht, denn diese so direkt gestellte Frage erweckte in der Brust des Mädchens, das Ratcliffe auf so kluge Weise zum Plaudern gebracht hatte, sogleich Argwohn.
»Warum paßt Ihr denn so auf, Herr?« fragte sie, indem sie sich wieder blöde stellte, was erkennen ließ, daß ihr geistiger Defekt zum Teil nichts weiter als List und Verstellung war.
»Ich wollte ja nur wissen, wann und wohin Robertson Deine Sachen wieder gebracht hat?« fragte Sharpitlaw. »Robertson?« wiederholte sie; »Jesus! was denn für ein Robertson?«
»Na, der, von dem Du uns erzählt hast,« sagte Sharpitlaw, »der schöne Georg, wie Du ihn nanntest.«
»Der schöne Georg?« rief sie, helle Verwunderung heuchelnd; »kenn ich denn jemand, der so heißt?«
»Höre, Kind,« sagte Sharpitlaw, die Stimme verschärfend; »damit kommst Du bei mir nicht durch! Du mußt mir sagen, was Du mit Deinen Kleidern gemacht hast.«
Madge gab Antwort, doch nur mit einem Liederverse:
Was hast Du mit Deinem Ringlein gemacht?
Dem Ringlein, Ringlein, Ringlein klein?
Sag, wo hast Du's hingebracht,
Dein Ringlein, Ringlein, Ringlein klein?
Ich hab's dem Jäger gegeben,
Dem Liebsten, Liebsten im Leben,
Mein Ringelein, mein Ringelein,
Dazu das bunteste Kränzelein,
Dem Liebsten, Allerliebsten mein,
Nun rat, wer mag es sein?
Der Polizeimeister war außer sich. »Ich will dem verrückten Balge die Hölle so heiß machen, daß sie sich wieder besinnen lernt!«
»Mit Verlaub, Euer Gnaden,« bemerkte Ratcliffe, »es wäre schon besser, man ließe sie erst wieder ruhig werden. Einiges habt Ihr ja schon von ihr gehört.«
»Freilich,« erwiderte, sich aufblähend, Sharpitlaw, »den braunen Rock, die Haube, den roten Ueberwurf. Sagen Sie, Herr Butler, war die Madge Wildfire, die Sie gesehen, so angezogen?«
»Jawohl,« versetzte Butler.
»Bei diesem hundsföttischen Ueberfall hatte er allerdings Anlaß genug, sich hinter Tracht und Namen dieses verrückten Weibsbilds zu stecken!« rief Sharpitlaw.
»Und ich erkläre nun meinerseits,« wollte Ratcliffe beginnen; aber Sharpitlaw ließ ihn nicht ausreden, sondern rief: »Richtig, weil Ihr seht, daß es auch ohne Euch zu Tage kommt!«
»Ja doch, Euer Gnaden,« sagte Ratcliffe, ruhig wie immer, »ich wollte meinerseits bloß feststellen, »daß ich Robertson gestern nacht in solcher Tracht an der Spitze der Aufrührer gesehen habe.« »Das ist eine bestimmte Aussage,« erwiderte Sharpitlaw, »auf die wir zurückkommen werden; merkt sie Euch also, Ratcliffe! Ich werde dem Herrn Präsidenten Bericht über Euch erstatten; günstigen Bericht, denn ich habe für Euch heute noch weitere Arbeit. Vorderhand muß ich nach Hause; es ist spät geworden, und ich möchte ein paar Bissen essen, werde aber nicht lange wegbleiben. Behaltet das Weibsbild bei Euch, Ratcliffe, und versucht, sie wieder zur Ruhe zu bringen, und, wenn's geht, bei guter Laune zu erhalten.«
Mit diesen Worten verließ er das Gefängnis.
Fünfzehntes Kapitel
Dorthin zurückgekehrt, setzte er die Unterredung mit Ratcliffe, dessen Beistandes er sich nun versichert hielt, fort.
»Was sich jetzt als das notwendigste erweist, Kliff,« sagte er, »ist ein Besuch bei der Dirne, die wegen Kindsmords sitzt, bei der Effie Deans, die müßt Ihr unbedingt einmal ins Gebet nehmen! Die kennt doch bestimmt Robertsons Schlupfwinkel! Säumt nicht, Ratcliffe, sondern befragt sie auf der Stelle!«
»Nichts für ungut, Herr Sharpitlaw,« sagte der Beifronskandidat, »aber das kann ich nicht, das geht nicht, Euer Gnaden.«
»Das geht nicht, Kliff? und warum nicht? Was hält Euch davon ab? Ich dachte, wir seien hierüber im reinen?«
»Pardon, Euer Gnaden,« antwortete Ratcliffe, »der Dirne ist hier alles fremd, Aufenthalt, Ort und Behandlung. Sie flennt den ganzen Tag und grämt sich um den wilden Buben, und wenn sie ihn ins Unglück brächte, dann bräch' ihr das Herz! Damit muß man rechnen.«
»So geschwind bricht kein Weiberherz,« versetzte Sharpitlaw, »und viel Zeit dazu wird ihr ohnehin nicht bleiben, denn sie muß ja so wie so auch bald an die Kreide!«
»Sei dem, wie ihm wolle,« entgegnete Ratcliffe, »ich kann's nicht machen, es geht mir wider das Gewissen.«
Mit Hohnlachen fragte Sharpitlaw: »Wider das Gewissen? Euch?«
»Ja, wieder das Gewissen,« versetzte Ratcliffe, ruhig wie bisher, »jedermann hat ein Gewissen, wenn es auch zuweilen schwer wird, den Weg zu ihm zu finden. Meines liegt, wie ich gern glaube, ein starkes Stück seitab, weiter seitab als bei den meisten Menschen, und doch geht's mir wie ihnen, manchmal gibt's einen Knacks, wie wenn man sich den Ellbogen wo stößt, und dann tut's einem eine Weile infam weh.«
»Na, Kliff, wenn Ihr so weichherzig seid, werde ich selber mit dem Weibsbild reden müssen,« sagte Sharpitlaw und ließ sich in die Zelle der unglücklichen Effie führen.
Sie saß, in tiefes Sinnen verloren, auf dem kleinen Strohlager, das ihr als Bett diente; auf dem Tische daneben stand ein bißchen Essen, von besserer Art, als es Gefangenen sonst zuteil wird. Aber der Fron, in dessen Ressort sie gehörte, sagte, sie nähme oft in vierundzwanzig Stunden nichts als einen Trunk Wasser zu sich.