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Sharpitlaw setzte sich auf den Schemel, der die Stelle eines Stuhles vertrat, und hieß den Schließer gehen. Dann nahm er das Wort, bemüht, in seine Stimme und Miene alles Mitleid zu legen, dessen er fähig war; aber seine Stimme verlor nicht all die Härte und Rauheit, die ihr eigen war, und aus seiner Miene verschwand nicht alle List, Strenge und. Selbstsucht, die sie abstoßend machten.

»Nun, Effie, wie geht's denn? Wie geht's, Kind?« fragte er.

Ein schwerer Seufzer war die Antwort.

»Geht man artig mit Dir um? Es ist meine Pflicht, mich danach zu erkundigen.«

»O, recht artig,« antwortete sie, aber es fiel ihr schwer, Worte zu finden; es schien, als wisse sie kaum, was sie sprach.

»Und über das Essen hast Du nicht zu klagen? Bekommst Du, was Du Dir wünschest, oder hast Du Verlangen nach was Besonderm? Mit der Gesundheit scheint's nicht zum Besten?«

»Ich danke, Herr. Es ist alles gut – viel zu gut für mich!« erwiderte die arme Gefangene – ach! wie so ganz anders klang ihre Sprache als ehedem in Sankt-Leonard! alle Frische, alle Munterkeit waren daraus geschwunden. Sie war die Lilie von Sankt-Leonard nicht mehr!

»Es muß doch ein recht schlechter Kerl gewesen sein, der Dich so ins Elend gebracht hat, Effie!« Die Aeußerung hatte ihren Ursprung zum Teil in einem natürlichen Gefühl, von dem er sich trotz aller Härte seines Wesens nicht völlig frei machen konnte; zum größern Teil aber in der Absicht, die Unterhaltung auf den Gegenstand hinzuleiten, der ihn herführte. »Ja, ein miserabler Kerl,« sagte er wieder, »hätt' ich ihn bloß unter den Fingern, die Peitsche wäre ihm sicher!« »Mich trifft mehr Schuld als ihn,« sagte Effie, »ich mußte weiter sehen, aber er, der Aermste!« sie hielt inne.

»Den Du so nennst,« fiel der Polizeimeister ihr ins Wort, »war ein Taugenichts, einer aus nichtschottischem Lande, Effie, und ein Kumpan des nichtsnutzigen Kerls, des Andrew Wilson.«

»O, ihm wär's besser, hätte er den Wilson nie gesehen!«

»Magst recht haben, Effie. Aber wo trafst Du Dich gewöhnlich mit ihm, Kind? Beim Calton-Grunde, nicht wahr?«

Bis hierher war das arme, niedergebeugte Mädchen dem Wege gefolgt, den Sharpitlaw sie führte; denn was er listig vorbrachte, war so auf ihren augenblicklichen Seelenzustand berechnet, daß ihre Antworten gleichsam nur die laute Wiedergabe ihrer Gedanken waren: eine Beobachtung, die man oft bei Menschen findet, die durch Krankheit oder schweres Herzeleid zu Geistesabwesenheit neigen. Die letzte Frage war aber zu schroff gestellt, als daß sie die Absicht nicht hätte merken sollen, aus der sie gestellt wurde; und indem sie sich aus ihrer gebeugten Stellung aufrichtete und sich das Haar aus dem bleichen, noch immer schönen Gesicht strich, richtete sie das Auge durchdringend auf den ihr gegenüber sitzenden Mann und rief: »Was habe ich gesagt? Was habe ich gesagt? O, Herr, Sie sind zu brav und gut, als daß Sie auf die Worte, die ein armes Geschöpf spricht, das kaum noch seine Sinne beisammen hat, sonderlich achten sollten. Gott steh mir bei! Gott steh mir bei!«

»Ja, Gott helfe uns, und Zwar zu Deinem Besten!« knüpfte Sharpitlaw an ihre Worte an; »Dir könnte eins nützen, Kind, wenn's uns nämlich glückte, den Schurken hinter Schloß und Riegel zu bringen.«

»O, schmähen Sie ihn nicht, Herr,« flehte Effie, denn er hat auch Sie nie geschmäht, Robertson? O, ich habe gegen keinen Mann etwas zu sagen, der diesen Namen führt, und will und werde nichts sagen.«

»Aber, Effie, wenn Du auch Dein eignes Leid nicht achtest, so solltest Du doch jenes andern Leids nicht vergessen, das er über die Deinigen gebracht hat!«

»O, helf mir Gott!« rief die Unglückliche, »mein armer Vater! meine liebe Jeanie! Ach, Herr, das ist das Schrecklichste! O, wenn Sie ein Herz im Leibe, nur einen Funken von Mitleid haben – denn hier ist jeder Mensch so hart wie Stein – dann geben Sie Weisung, daß man die Schwester zu mir lasse, wenn sie herkommt und mit mir sprechen will. Ach, wenn ich höre, wie sie weggewiesen wird, wenn ich umsonst versuche, zu dem Fenster hinaufzusteigen, wenn ich nichts von ihr sehe als einen Zipfel ihres Kleides, dann muß ich, muß ich ja von Sinnen kommen!« Sie sah ihn so flehentlich, so demütig an, und ihr Blick ging ihm so unmittelbar zu Herzen, daß er in seinem Vorsatze wankend wurde, daß er stockend antwortete:

»Nun, Effie, Du sollst sie sehen, die Schwester, und wenn Du mir sagst ...« Aber er brach schnell ab, sprang auf und sah sie einen Augenblick lang an. »Nein, nein!« rief er dann, »Du sollst sie sehen, die Schwester, ob Du mir etwas sagst oder nicht!«

Er stand auf und ging aus der Zelle.

»Ratcliffe,« sagte er, als er in seine Stube zurückkehrte, »Ihr habt recht, mit dem Frauenzimmer ist nichts anzufangen. Bloß eins weiß ich jetzt bestimmt, daß Robertson der Vater ihres Kindes ist. Also wird's wohl auch Robertson sein, der heute nacht bei den Muschat-Steinen die Schwester treffen will, und dort, Kliff, dort wollen wir ihn fassen, oder ich müßte nicht Gideon Sharpitlaw sein!«

»Aber, wenn es an dem wäre,« meinte Ratcliffe, dem an Robertsons Verhaftung nicht viel zu liegen schien, »so müßte ihn doch Butler, als er ihn bei den Salisbury-Felsen traf, für die Person erkannt haben, die in der Maske der Madge Wildfire den Pöbel anführte.«

»Das kann man nicht ohne weiteres sagen, Ratcliffe,« versetzte Sharpitlaw, »bedenkt doch den Tumult, das unsichre Licht, die Verkleidung, die Schminke! Und hab ich nicht Euch selbst schon so vermummt gesehen, daß Euch der Gottseibeiuns, so gut er Euch doch kennt, so wenig gewittert hätte wie ich?«

»Da habt Ihr freilich 'mal recht,« sagte Ratcliffe.

»Zudem, Ratcliffe,« fuhr Sharpitlaw fort, »hat der Geistliche denn nicht gesagt, es sei ihm vorgekommen, als habe er die Züge des Burschen, den er bei den Felsen traf, schon früher 'mal gesehen, bloß wisse er nicht, wo?«

»Mir leuchtet ein, daß Euer Gnaden recht haben,« antwortete Ratcliffe.

»Drum wollen wir uns zusammen heute nacht auf den Fang hinaus begeben, Kliff, aber beizeiten, daß er uns nicht entwischen kann!«

»Ich werde Euer Gnaden dabei wenig nützen, Herr,« sagte Ratcliffe, sichtlich zögernd.

»Aber Ihr seid doch mit der Lokalität bekannt, Ratcliffe! Wie sollt Ihr da nicht nützen können? Nein, nein! Ihr müßt mit, Freund! und verlaßt Euch drauf, ich lasse Euch nicht aus den Augen, bis uns der Bursche sicher ist!«

»Nun, wenn Ihr drauf besteht, Herr,« sagte Ratcliffe, »dann meinetwegen! Aber vergeßt nicht, daß wir's mit einem Menschen zu tun haben, der zu allem fähig ist!«

»Wir wollen schon für Mittel sorgen, seiner Herr zu werden!«

»Aber Euch bei Nacht nach den Muschat-Steinen zu führen, Herr, das kann ich wirklich nicht auf mich nehmen. Bei Tage finde ich den Platz so gut wie jeder andere, aber im Mondschein sieht dort ein Stein aus wie der andere, da finde ich mich unmöglich zurecht.«

»Kommt mir nicht dumm, Ratcliffe,« rief Sharpitlaw zornig; »Ihr wißt doch wohl, daß das über Euch verhängte Urteil noch nicht aufgehoben worden ist?«

»Freilich weiß ich das, Euer Gnaden,« antwortete Ratcliffe, »denn so was vergißt sich nicht, und wenn Euer Gnaden meine Gegenwart nicht missen wollen, nun, so muß ich eben mit, aber ich hätte doch gedacht, die Madge Wildfire müßte Euch eine bessere Führerin sein als ich, kennt sie doch den Weg und Steg dort ganz genau.«

»Teufel auch! Bildet Ihr Euch ein, ich hätte Lust, mich solch verrücktem Weibsbild in die Hände zu geben?«

»Nun, wie Ihr meint, Herr! So was versteht Ihr schließlich besser als ich, aber wenn man sie bei guter Laune hielte – und dafür würde ich gern sorgen – ließe sich schon was erreichen, treibt sich das tolle Weibsbild doch im Sommer ganze Nächte in den Felsenklüften herum!«

»Wenn Ihr meint, Ratcliffe, daß sie uns richtig führen kann,« erwiderte Sharpitlaw, »so hätt' ich ja nichts dawider, sie mitzunehmen. Aber seht Euch vor! denn von Eurem Verhalten in diesem Falle hängt Euer Leben ab.«