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»Schlimm, sehr schlimm,« dachte Ratcliffe bei sich, »aber sitzt einer mal so tief drin wie ich, dann kann er, weiß Gott! nicht mehr ehrlich sein, mag er's gleich anfangen, wie er will.«

Sharpitlaw überließ ihn, um die Vorbereitungen zu der nächtlichen Expedition zu treffen, ein paar Minuten sich selbst und seinen Betrachtungen.

Als aber der Mond sich am Himmel zeigte, hatte der kleine Trupp schon die Stadtmauern hinter sich. Bald lagen die Salisbury-Felsen, gleich einem mächtigen granitnen Gürtel, mit dem an das Bild eines ruhenden Löwen erinnernden Artursberge im Nebel vor ihnen. Sie schlugen den Pfad ein, der auf der Südseite von Canongate zu der Abtei von Holyrood führt. Zuerst waren es ihrer vier, aus denen sich der Trupp Zusammensetzte: Sharpitlaw, ein Fron, beide mit Pistolen und Hirschfänger bewaffnet, Ratcliffe, der keine Waffen hatte, weil man ihm noch immer nicht traute, und die Madge Wildfire.

Am Fuße der Berge stießen noch zwei Frone zu ihnen, die Sharpitlaw, um kein Aufsehen zu machen, vorausgeschickt hatte. Ratcliffe schien diese Verstärkung ungern zu sehen, da er bisher geglaubt haben mochte, daß es Robertson durch Mut und Schnelligkeit gelingen werde, sich Sharpitlaw und dem Frone durch Flucht zu entziehen. Jetzt war aber die Uebermacht zu bedeutend, und wenn er noch versuchen wollte, Robertson zu retten, – ein Plan, der in Ratcliffes grauem Sünderhaupte keimte, seitdem ihn Sharpitlaw zur Teilnahme an der Expedition gezwungen – so blieb kein anderes Mittel mehr als ihn durch ein Signal zu warnen.

Dieser Gedanke mochte ihn wohl schon geleitet haben, als er vorgeschlagen hatte, die Madge Wildfire mitzunehmen; denn zu ihrer Lunge hatte er Vertrauen, und in ihre List, draußen im Freien zu singen, setzte er keinen Zweifel, Sie täuschte ihn auch in beiden Annahmen nicht; denn sobald sie die Berge sah, fing sie an, so redselig zu werden, daß Sharpitlaw nicht übel Lust hatte, sie mit einem der Frone wieder in die Stadt zurückzuschicken.

»Weiß denn wirklich keiner von Euch den Weg zu der vertrackten Stelle?« fragte er ärgerlich; »soll ich allein auf das verrückte Weibsbild angewiesen sein?«

Da sich keiner bereit finden wollte, die Verantwortlichkeit auf sich zu nehmen, wandte sich Sharpitlaw mit der Frage, was er für das klügste halte, an Ratcliffe, der dabei blieb, daß es ohne die Madge kaum gehen werde. »Und was soll's schließlich schaden können, wenn sie ein bißchen lärmt und singt? Selbst wenn er's hört, so braucht er doch nicht gleich zu wittern, daß sie in solcher Gesellschaft kommt!«

»Ihr habt vielleicht nicht unrecht,« sagte Sharpitlaw, »ja vielleicht kommt er sogar in der Meinung, sie streife allein herum, aus seinem Versteck heraus, statt sich vor ihr zu verstecken? Jedenfalls haben wir schon zuviel Zeit verloren, als daß wir uns noch lange besinnen dürften. Seht wenigstens zu, daß sie uns nicht vom rechten Wege abbringt.«

Ratcliffe ließ sie, um keinen Argwohn in ihr zu wecken, ruhig ein Stück vorausgehen, hielt sich aber ziemlich dicht auf ihren Fersen. Plötzlich blieb sie auf der Spitze eines niedrigen Hügels stehen, sah sich um, dann in die Höhe, stand noch eine Weile wie in Gedanken versunken und stieß plötzlich einen schweren Seufzer aus.

»Was ist denn mit ihr?« rief Sharpitlaw, »sagt ihr doch, Ratcliffe, daß wir weiter wollen.«

»Da kann bloß Geduld helfen, Euer Gnaden,« versetzte Ratcliffe, »wenn sie nicht will, dann setzt sie keinen Fuß vom Flecke.«

Sie fing wieder zu lachen an, hob wieder die Augen zum Himmel und die Arme zum Monde, dann fing sie auf einmal laut zu singen an:

Guter Mond, ich grüße dich,

Guter Mond, ich bitte dich,

Laß mich meinen Liebsten sehn,

Guter Mond, ich bitte schön.

Aber schrill brach sie ihren Gesang ab. »Wozu brauch ich den Mond zu bitten? Ich kann doch den Liebsten sehen, wann es mir paßt, es soll aber niemand hinter mir herreden, ich hätte was geschwatzt oder ihn gar verpetzt. Nein, niemand! niemand! Aber das Kleine, wollt ich, wär noch am Leben! Du lieber Gott! Der Himmel wölbt sich über uns allen,« – sie seufzte wieder schwer – »und der Mond scheint auch über uns allen und die Steine funkeln auch über uns allen,« und jetzt lachte sie wieder.

Sharptitlaw wurde ungeduldig. »Sie läßt uns womöglich die ganze Nacht hier stehen. Ratcliffe, zieht sie doch hinter Euch her!«

»Ganz gut und schön, Euer Gnaden,« antwortete Ratcliffe, »aber wir wissen bloß nicht, wohin wir sie ziehen sollen. Madge, komm, wir treffen, wenn wir uns unterwegs so lang aufhalten, zuletzt den Nikol Muschat gar nicht mehr. Führ uns doch weiter zu den Steinen!«

»Ja doch, Kliffchen! ja doch,« antwortete sie, nahm ihn beim Arme und schritt tüchtig wieder aus. »O, Kliffchen, wie sich der Nichil freuen wird, daß wir kommen, und die Frau auch. Als sie noch auf dem Posten war, Kliff – als ihr der Nichil den Hals noch nicht umgedreht hatte, Ihr wißt doch – ach! die Blutflecke! sie wollen gar nicht aus der Leinwand heraus, auch nicht, wenn man sie im Sankt-Antons-Brunnen wäscht – auch nicht mit dem neuen Bleichwasser das Meister Sanders verkauft – ich sage, Kliff, als sie noch laufen konnte – nein, nein! Blut geht nicht aus Leinwand: ich hab selbst zu Haus probiert mit einem Lumpen, drin Blutflecke von einem kleinen Schreibalge waren – der irgendwie zu Schaden gekommen – nein, nein! die sind waschecht, Kliff – wie gesagt, Kliff, als sie noch gesund war, dem Nichil seine Frau, da hat sie immer gesagt, geht mir bloß mit dem Kliff! das ist ein Höllenhund, wie es keinen zweiten mehr in der Welt gibt, aber ich gäb was drum, wenn ich 'mal mit ihm reden könnt! Ihr wißt schon, Kliff, gleich und gleich, das Sprichwort bleibt immer wahr, und ihr beide seid ein Paar Teufelsrangen, wer von euch beiden den wärmsten Platz an Teufels Herde verdient, wer könnte wagen, es zu sagen?«

Ratcliffe fing am ganzen Leibe zu zittern an. »Madge! schwatzt keinen Unsinn! ich hab nie Blut vergossen!«

»Aber verhandelt hast Du's, Kliff, oft genug. Mit der Zunge läßt sich's ebenso morden wie mit der Hand, mit Worten manchmal leichter als mit dem Messer.

Sieh, da kommt der Metzger her!

Mit der Mulde groß und schwer –

Was er Freitags niedersticht,

Hält er Samstags feil, der Wicht!«

»Und mach ich's wohl anders?« dachte Ratcliffe, »aber, hol's der Teufel! ich mag nicht schuld sein an Robertsons Elend, so lang ich's ändern kann.« – Er trat näher, zu der Irren heran und fragte leise, ob sie denn keines von ihren alten lustigen Liedern mehr wisse?

»O, viele, Kliffchen, gar viele! und lustig singen kann ich sie immer noch wie ehedem!« und plötzlich fing sie an zu schmettern, daß es weit in den Wald hinein schallte:

Steigt der Falke in die Höh',

Duckt die Lerche sich ins Korn,

Scheu im Busch duckt sich das Reh,

Stößt der Jäger in das Horn.

»Stopf ihr den Schnabel, Kliff, und wenn Du ihr den Hals umdrehen mußt!« rief Sharpitlaw; »dort regt sich jemand; heran, Jungens! zu mir heran! schleicht die Höhe hinauf! George, Ihr bleibt bei Ratcliff und dem Weibsbild. Ihr andern, im Schatten voran!«

»Mit Robertson ist's vorbei,« dachte Ratcliffe, als er die drei Häscher, verschlagen wie Indianer, möglichst das Mondlicht meidend, entlang kriechen sah. »Das junge Volk ist aber auch zu unbedacht! Muß er sich mit dieser Jeanie Deans hier treffen! Ich dächte, er könnt an der einen genug haben. Nein! da muß er seinen Hals in solche Gefahr bringen. Und dieses dumme Weibsstück hier? Die ganze Nacht hat sie gekräht wie ein Hahn, der den Koller hat, und jetzt, wo's drauf ankommt, kann sie den Schnabel nicht rühren? Aber so ist's immer mit dem vertrackten Weibsvolk. Ich muß sie aufs Tapet zu bringen suchen, ohne daß es der sakrische Spürhund merkt.«