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Ratcliffe war wie ein vom Jäger gehetztes Wild zu den Ruinen hinausgestürzt, wo Robertson, nach Jeanies Rede, noch weilen sollte. Ob er ihm zur Flucht verhelfen oder ihn den Häschern ausliefern wollte, damit brauchen wir uns hier nicht zu befassen. Vielleicht war er sich hierüber selbst noch nicht klar, sondern dachte, die Umstände entscheiden zu lassen. Es blieb ihm aber keine lange Wahl, denn kaum hatte er den Fuß zwischen die Ruinen gesetzt, als ihm ein Pistol entgegengehalten wurde und eine rauhe Stimme ihn im Namen des Königs aufforderte, sich zu ergeben.

Verdutzt rief Ratcliffe: »Was? Ihr seid hier, Herr Sharpitlaw?« – »Was, Ihr? Ratcliffe?« rief der andere, über den Fehlschlag seines Unternehmens vor Aerger außer sich. »Weshalb habt Ihr die Dirne im Stiche gelassen?«

»Sie sagte, Robertson sei hier oben, und weil ich Euer Gnaden in den Bergen vermutete, bin ich selbst heraufgerannt, ihn zu fassen.«

»So hätten wir uns umsonst bemüht?« rief Sharpitlaw; »denn daß wir ihn heute noch fassen, ist ausgeschlossen. Aber in eine Bohnenhülse müßte er sich verkriechen, wenn ich ihn nicht auf schottischem Grund und Boden erwischen sollte. Ruft die andern her!«

Ratcliffe holte sie herbei, was ihm nicht sonderlich schwer fiel, denn keiner davon verspürte Lust, einem so verwegenen Menschen wie Robertson Auge in Auge gegenüber zu treten.

»Und die beiden Frauenzimmer?« fragte Sharpitlaw, »wo sind die hingeraten?«

»Die werden sich wohl mitsammen auf die Socken gemacht haben,« antwortete Ratcliffe und brummte vor sich hin:

»Wo ist mein Bräutchen geblieben?

Fort – und entfloh'n!«

»Will man was der Quere gehen sehen, braucht bloß ein Weibsbild dabei zu sein,« sagte Sharpitlaw, der, wie alle seines Zeichens, gegen das schöne Geschlecht ein Aber hatte; »wie konnte ich bloß so dumm sein, mir einzubilden, daß ich was ausrichten würde, wenn ihrer zwei im Spiele sind? Gut wenigstens, daß wir wissen, wo wir die lieben Kinderchen zu suchen haben!«

Es blieb ihm nichts übrig, als seinen kleinen Trupp nach der Hauptstadt zurückzuführen, und das tat er, wenn auch mit der Miene eines geschlagenen Feldherrn. Am Morgen mußte er dem diensttuenden Ratsherrn Bericht erstatten, und zufällig traf es sich, daß es noch derselbe war, der tags vorher Reuben Butler vernommen hatte: ein bei der Bürgerschaft sehr angesehener Mann, von gesundem Sinne, mit einem tüchtigen Schatze von Kenntnissen und im Rufe, sein Amt ehrlich und gewissenhaft zu führen.

Er war kaum in das Amtszimmer eingetreten, als ihm ein Brief überreicht wurde. »Für den Ratsherrn Middleburgh. – Eiligst!« Er brach ihn auf und las:

»Herr Rat! Sie sind mir bekannt als Mann von Verstand und Gefühl, auch als Mann, der, und sei es auf Teufels Begehren, Gott dem Herrn gern dient. Darum hoffe und erwarte ich, daß Sie mein Zeugnis gelten lassen werden, wenn ich auch durch die Unterzeichnung dieses Schreibens mich des Anteils an einer Handlung für schuldig bekenne, die ich, zu andrer Zeit und an anderm Orte, mich weder scheuen würde, zu gestehen, noch zu beschönigen. Der Geistliche Butler ist unschuldig. Er ist zur Anwesenheit bei der betreffenden Handlung gezwungen worden. Sie gutzuheißen, hat es ihm an dem nötigen Schwunge gefehlt. Er hat es sich vielmehr angelegen sein lassen, sie uns auszureden. Indessen wende ich mich nicht an Sie, um diesen Mann weiß zu waschen. Mich interessiert vielmehr ein Mädchen, das in Ihren Kerkern schmachtet, dem Schwert eines grausamen Gesetzes verfallen, das jahrzehntelang im Aktenschranke gemodert hat und nun hervorgesucht wird, das schönste, lieblichste Geschöpf zu treffen, das je in einem Kerker schmachtete – ihre Schwester, Herr, kennt ihre Schuld, denn ihr hat sie es gesagt, daß sie von einem Schurken hintergangen und betrogen wurde. O, daß der Himmel

Zuchtruten legen möcht in jede Manneshand,

Den Bösewicht zu peitschen durch das Land,

Herr, ich bin außer mir, ich bin von Sinnen! Aber diese Schwester, diese Jeanie Deans, ist eine verstockte Puritanerin, in Aberglauben versunken und in allem, was sie denkt und tut, mit Bibel und Katechismus bei der Hand wie ihre ganze Sekte, und deshalb beschwöre ich Sie, Herr, ihr recht eindringlich vorzuhalten, daß das Leben ihrer Schwester von ihrem Zeugnisse abhängt, auch, die Angeklagte nicht ohne weiteres für schuldig zu halten, wenn ihre Schwester sich weigern sollte, Zeugnis abzulegen; noch weniger lassen Sie sich beikommen, Herr, sie dem Schafott zu überantworten. Denken Sie daran, wie grimmig Wilsons Hinrichtung gerächt wurde, und seine Rächer sind noch am Leben, sie können und werden auch das Mädchen nicht ungerochen lassen, wenn sie zu Unrecht vom Leben zum Tode gebracht werden sollte. Ich wiederhole, vergessen Sie den Hauptmann Porteous nicht, und verschließe niemand sich dem gutgemeinten Rate, den hiermit gibt einer von den Porteous-Mördern.«

Der Ratsherr las den Brief ein paarmal. Zuerst erschien er ihm als das Werk eines Irrsinnigen, wozu ihn vor allem die zwei eingestreuten Verszeilen bewogen. Nachher aber kam es ihm vor, als sei der Brief mehr ein Erguß, wenn auch seltsamer Art, eines Uebermaßes gereizter Leidenschaft.

»Das Gesetz ist wirklich streng und grausam,« sagte er, »und wenn es nach mir ginge, sollte es auf das Mädchen buchstäbliche Anwendung nicht finden; kann ja doch das Kind, während die Mutter bewußtlos lag, weggeschafft worden sein; kann es doch aus Mangel an Nahrung eingegangen sein, die ihm die Mutter in ihrem qualvollen, verzweifelten Gemütszustände hat nicht reichen können! Und doch wird sich die Hinrichtung nicht abwenden lassen, sofern die Aermste nicht dem Gesetzeslaute entrückt werden kann. Das Verbrechen ist zu oft verübt worden, und ein warnendes Exempel unumgänglich.«

»Wenn aber die andre, die Schwester,« meinte der Stadtschreiber, »aussagt, sie sei von der Angeklagten über ihren Zustand unterrichtet worden«

»Dann wäre sie gerettet,« antwortete der Ratsherr; »nun, ich will nächster Tage mal zu dem alten Deans hinaus gehen und mit ihm und seiner andern Tochter reden; ihn kenne ich freilich als einen so zähen Presbyterianer, daß er eher Kind und Kindeskind zu Grunde gehen ließe, als sich in neue, seiner Meinung nach sündhafte Bräuche fügte, und dazu rechnet er sicher auch die Eidespflicht. Vielleicht mildert das Schicksal des eignen Kindes die starre Denkweise. Wie gesagt, wenn mir der Porteous-Prozeß ein wenig Luft macht, will ich nach Sankt-Leonard hinaus, Vater und Tochter werden dann zugänglicher und einsichtsvoller sein, als wenn sie unvorbereitet eine Vorladung bekommen.«

»Butler soll noch im Gefängnisse bleiben?« fragte der Stadtschreiber.

»Vorläufig. Ich hoffe aber, ihn bald auf Bürgschaft entlassen zu können.«

»Halten Sie etwas von dem verrückten Schreiben?«

»Wenigstens und doch muß ich sagen, es macht Eindruck, mir scheint es von einem Menschen geschrieben, der durch maßlose Leidenschaft oder das Bewußtsein einer schweren Schuld alle Herrschaft über sich verloren hat.«

»Mir kommt es vor, als sei es von einem wandernden Komödianten verfaßt, der mit seiner ganzen Bande gehängt zu werden verdiente, echtes Bühnen-Strohfeuer!«

»Hm, so barbarisch, eine ganze Bande hängen zu lassen, bin. ich doch nicht, lieber Stadtschreiber. Um aber auf unsern Geistlichen zurückzukommen, so haben die Erkundigungen, ergeben, daß er sich eines vorzüglichen Rufes erfreut und erst vorgestern in die Stadt gekommen ist, also in die Pläne der Aufrührer kaum verwickelt gewesen sein kann; daß er ihnen aber sollte so plötzlich beigetreten sein, ist doch unwahrscheinlich.«

»Dagegen läßt sich immerhin geltend machen, daß Feuer auch durch Funken entsteht. Habe ich doch selbst einen Prediger gekannt, rechtlich und ruhig, wie nur einer im Kirchspiel, den die bloßen Worte Abschwörungsformel und Toleranz so in Grimm brachten, daß er Haus und Hof verließ und sich der ärgsten Pöbelrotte anschloß, die...«