»Nun, für so entzündlichen Gemüts halte ich Butlern nicht!« unterbrach ihn der Ratsherr, »ich glaube, wir brauchen uns in dieser Hinsicht nicht zu sorgen. Befassen wir uns mit den anderen Ressortsachen!«
Aber sie kamen nicht dazu, denn im nämlichen Augenblick erzwang sich eine alte Frau aus den niederen Ständen, laut keifend den Weg zum Verhandlungszimmer.
»Was ich hier will?« schrie sie trotzig; »mein Kind will ich, weiter nichts von Euch, und wenn Ihr Euch noch so vornehm habt!« In sich hinein murmelte sie ingrimmig: »Gnädiger Lord und Euer Gnaden, und wer weiß mit was noch soll man ihnen aufwarten, dem Pack! aber was Rechtes ist doch nicht drunter!« Zu dem Ratsherrn sich wendend, rief sie: »Euer Gnaden, mein Kind, mein armes, blödes Kind!« und wieder murmelte sie sich in sich hinein: »Schöner Kerl, dieser Herr Rat und Euer Gnaden, kann mich noch gut auf die Zeit besinnen, wo er mit ein bißchen weniger auch zufrieden gewesen wäre, der Schiffersjunge!«
»Sagt uns, was Euch herführt, Frau,« sagte der Ratsherr, »aber stört die Verhandlungen nicht!«
»Das heißt soviel, als: schert Euch zum Geier! Aber,« rief sie mit kreischender Stimme, »ich sage Euch, mein Kind will ich heraushaben! Ich dächte, das wäre deutlich genug!«
»Wer seid Ihr, Frau, und wer ist Euer Kind?«
»Wer ich bin? Ei, die Grete Murdockson, wer sonst? und wer soll mein Kind anders sein als die Magdalene Murdockson? Eure Schergen kennen uns, haben sie uns doch oft genug die paar Lumpen vom Leibe und das bißchen Kleingeld aus den Taschen gerissen, wenn sie uns in den Käfig schleppten, um uns wieder mal auf Wasser und Brot zu setzen!«
»Wer, ist die Frau?« wandte Rat Middelburgh sich an einen der in der Stube befindlichen Frone.
»Na, eine von der sittsamen Sorte nicht gerade,« antwortete der Fron, indem er unter Lachen die Achsel zuckte. »So? Du erfrechst Dich, über unsereinen herzuziehen?« erwiderte die keifige Alte, deren Augen wie wildes Feuer sprühten. »Wenn ich Dich draußen hätte, solltest Du meine zehn Finger flugs in Deiner Schelmenfratze dafür sehen!« Dabei streckte sie die Fäuste dem Fron entgegen und zischte wie eine Schlange.
Dem Ratsherrn riß endlich die Geduld. »Was hat Sie hier zu suchen?« rief er barsch, »Sie mag ihr Anliegen sagen und dann gehen!«
»Mein Anliegen?« schrie die Alte, »Ihr wollt sagen, was ich zu fordern habe? He? Nun, habt Ihr Watte in den Ohren? Wievielmal soll ich's Euch denn sagen? Mein Kind will ich haben, die Maggie Murdockson, und wenn Ihr nicht hören mögt, was man Euch zuschreit, dann braucht Ihr Euch nicht so breitspurig auf Euern Sessel zu pflanzen und andere anzufahren!«
»Sie will ihre Tochter wiederhaben, Herr Rat,« mischte der Fron sich ein, der eben von ihr angeschrieen worden, »die Madge Wildfire ist's, die gestern eingebracht worden ist.«
»Madge Wildfire [Wildfeuer], sagst Du Schuft, warum denn nicht gar Madge Hellfire [Höllenfeuer]? schrie die Alte, »brauchst Du denn ehrlicher Weiber Kindern Schimpfnamen anzuhängen?«
»Ehrlicher Weiber Kindern?« wiederholte der Fron, laut lachend, worüber die Alte ganz außer sich geriet; »Ihr habt Ursache zu solcher Rede – das muß man Euch lassen.«
»Wenn ich ein ehrlich Weib nicht mehr bin, so war ich es doch, Du Scheusal!« keifte sie, »und das kannst Du geborener Dieb von Dir nicht sagen, der sein Leben lang nicht anderer Leute Gut vom seinigen hat unterscheiden können. Du, und ehrlich? Hast Deiner Mutter schon das Geld aus der Tasche gestohlen, als Du noch kaum Hosen anhattest. Kannst Dich nicht mehr besinnen, wie sie Dich an dem Tage braun und blau peitschten, als sie Deinen Vater vom Galgen schnitten?«
»Na, die hat's Euch gegeben,« riefen die Kameraden des von der Alten also gehudelten Dieners der Gerechtigkeit, und das Lachen, mit dem sie ihre Worte begleiteten, konnte einigermaßen als Beweis gelten, daß ihm damit nicht so ganz unrecht geschehen war.
Der Alten mochte dieser Beifall schmeich ein, denn ihr häßliches Gesicht verzog sich zu einem widerlichen Grinsen, und als der Ratsherr sie jetzt noch einmal aufforderte, ihr Begehren deutlich vorzubringen, entschloß sie sich, auf vernünftige Weise Rede und Antwort zu stehen. »Ihr Kind, sagte sie, sei doch ihr Kind und sie wolle es nicht im Gefängnis lassen, weil es nichts verbrochen habe und dort bloß schlecht würde, und wenn ihr Kind nicht soviel Verstand hätte wie andrer Leute Kinder, so hätte es auch mehr Herzeleid überstanden; durch ein Schock Zeugen könne sie beweisen, daß ihr Kind den Porteous kein einziges Mal, weder tot noch lebendig, gesehen habe, als einmal am Geburtstage des Herrn Kurfürsten von Hannover von Gottes Gnaden, als sie dem Lordmayor eine tote Katze an die Perücke geworfen und ihr der Lümmel von Porteous eine Tracht Prügel deshalb aufgezogen.«
So widerwärtig dem Ratsherrn die Alte auch war, so verschloß er sich der Meinung doch nicht, daß auch ihr ein Recht zustehe, ihr Kind zu lieben wie jeder andern Mutter auch, und er ließ sich sofort Bericht darüber erstatten, weshalb das Mädchen hinter Schloß und Riegel gehalten werde. Als sich dabei herausstellte, daß sie ihr Alibi schon nachgewiesen habe, ließ er sie aus der Zelle holen, wohin sie erst am Morgen, durch Sharpitlaw aufgegriffen, eingeliefert worden war. Der Ratsherr versuchte inzwischen von der Alten zu erfahren, ob ihr bekannt sei, wann und wo Robertson sich wieder umgekleidet und wo er die Kleider ihrer Tochter gelassen habe. Aber die Alte ging nicht von ihrer Behauptung ab sie habe Robertson, seit er aus der Zöllnerkirche entwichen, kein einziges Mal mehr gesehen, wisse auch gar nicht, daß ihre Tochter ihm Sachen geliehen habe. Da sie Beweise dafür anführen konnte, daß sie die Nacht, in welcher sich der Porteous-Krawall abgespielt, in einem Dorfe anderthalb Meilen von der Stadt zugebracht hatte, blieb dem Ratsherrn nichts übrig, als das Verhör mit ihr einzustellen. Der Alten schien das wieder zu schmeicheln, denn sie beugte sich zu dem Rate hinüber und sagte: »Aber etwas über den Lümmel von Porteous könnt ich euch am Ende sagen, was ihr alle in eurem hohen Rate, und wenn ihr euch noch so anstrengtet, nicht herausbrächtet.«
»So redet!« befahl ihr der Ratsherr, während sich aller Blicke auf sie richteten.
»Es kann Euch bloß von Nutzen sein, wenn Ihr damit nicht hinterm Berge haltet,« sagte der Stadtschreiber.
Ein paar Minuten lang verhielt sie sich in tückischem Schweigen, sah sich aber im Kreise um, wie wenn sie sich an der Spannung weiden wollte, mit der ihre Antwort erwartet würde. Dann rief sie plötzlich: »Hm, ich weiß doch nichts weiter von ihm, als daß er auch bloß ein Spitzbube und Taugenichts war, wie die meisten von euch. Aber bis man so etwas herauskriegt, meine ehrsamen Herren, kann man schon ein paar Jahre mit in eurem hohen Rate sitzen, nicht?«
Während keiner in dem Verhandlungszimmer im ersten Augenblick wußte, was er zu solcher Frechheit sagen sollte, wurde Maggie Wildfire hereingeführt. Kaum hatte sie die Alte erblickt, als sie auch rief: »Na, dacht ich's mir doch! Da ist ja unser altes Reibeisen von Mutter auch da! Uns beide auf einmal im Stockhaus zu haben, muß ja eine große Freude für die Herren sein, aber es hat auch einmal bessere Tage für uns gegeben nicht wahr, Mütterchen?«
Als die Alte ihr Kind wiedersah, huschte im ersten Augenblick ein freudiger Zug über ihr Gesicht; aber ob sie nun, nach Tigerweise, ihre Liebe nicht anders zeigen konnte als unter Ausbrüchen von Wildheit, oder ob durch die Worte ihrer Tochter Erinnerungen geweckt worden waren, die ihren Haß wieder wachriefen, kurz, sie packte die Tochter am Arme und riß sie hinter sich her zur Tür.
»Was geht's Dich an, Du Landflüchtige, daß wir bessere Tage gesehen? Kümmre Dich drum, was jetzt mit Dir los ist. Hast's wieder so getrieben, Du Faulenzerin, daß Dir vierzehn Tage bei Brot und Wasser winken zur Strafe dafür, daß Du mir wieder solche Schererei machst!«