Выбрать главу

Das doppelte Spiel, das Ratcliffe bei dem Versuche, Robertson zu fangen, gespielt hatte, sollte ihm kein Hindernis werden für seine Anstellung als Beifron und Schließer, so wenig sich das auch mit seinem früheren Leben vertrug, denn er war jahrelang der schlimmste Dieb und Straßenräuber von ganz Schottland gewesen; aber Sharpitlaw war sein Fürsprecher bei dem Edinburger Magistrate, und der Umstand, daß er das Gefängnis nicht verlassen, als es der Pöbel gesprengt hatte, sprach erheblich zu seinen Gunsten.

Ratcliffe wurde, kaum im Besitze seines neuen Postens, von Saddletree und anderen bestürmt, eine Zusammenkunft der beiden Schwestern zu vermitteln. Der Magistrat hatte aber, in der Hoffnung, über Robertson schließlich doch noch etwas zu erfahren, wenn die Schwestern nicht zueinander gelassen würden, gegenteilige Weisung erteilt; Jeanie konnte indessen weiter nichts über Robertson aussagen, als sie bisher getan, und Effie hüllte sich in Schweigen, selbst als man ihr eine beträchtliche Strafmilderung zusagte, wenn sie aussagen wollte, was ihr über Robertson bekannt sein; als man ihr ernstlich deshalb zusetzte, ließ sie es nicht bei Tränen bewenden, sondern gab oft, um weitere Fragen abzuschneiden, heftige, unwirsche Antworten. Die Verhandlung war von einer Woche zur andern verschoben worden, immer in der Erwartung, Effie werde sich noch verstehen zu Aussagen, die Robertson in die Hände der Obrigkeit lieferten; als man aber sah, daß sie bei ihrem Eigensinn verharrte, riß dem Magistrat die Geduld, und der Verhandlungstag wurde festgesetzt. Jetzt erst erinnerte sich Sharpitlaw des Versprechens, das er Effie gegeben, die Schwester zu ihr zu führen; vielleicht tat er es auch nur, weil er sich vor Frau Saddletree nicht mehr sehen lassen durfte, die ihm jedesmal die heidnische Grausamkeit vorwarf, zwei gebrochene Herzen in so schweren Kummer zu setzen dadurch, daß man ihnen beharrlich jede Zusammenkunft und Aussprache verweigere; kurz: Jeanie bekam endlich die Nachricht, daß sie die Schwester besuchen dürfe, aber erst am Tage vor dem für die Hauptverhandlung festgesetzten Termine.

Um zwölf Uhr mittags machte sie sich auf den Weg zur Stadt, um die bezeichnete Stunde nicht zu versäumen. O, mit welch schwerem Herzen! und doch war dies nur ein Teil des bitteren Kelches, den sie leeren sollte um anderer Torheit und Vergehens halber.

Ratcliffe führte sie in die Zelle. Als er die dreifach versicherte Tür aufschloß, scheute der Schamlose sich nicht, sie mit grinsendem Gesicht zu fragen, ob sie sich seiner noch entsänne? Jeanies Antwort war ein schüchternes, zaghaftes Nein.

»Was? die Mondnacht an den Muschatsteinen sollten Sie vergessen haben, in der Sie Kliff nach Rob fragte?« rief er, noch immer grinsend; »da muß ich doch wohl Ihr Gedächtnis ein bißchen auffrischen?«

Wenn Jeanies Schmerz um das Schicksal der Schwester noch nicht den höchsten Punkt erreicht hatte, so mußte der Schreck darüber, sie der Gewalt dieses Schurken überantwortet zu sehen, ihn dahin führen. Und doch war Ratcliffe der Schlimmste noch nicht, dem die Arme in die Hände hätte fallen können! Zu denjenigen, die von Natur grausam sind und vor Blutvergießen nicht zurückschrecken, hatte Ratcliffe niemals gehört, und in dem Amte, das ihm ein günstiges Schicksal zugewiesen, ließ er es den Gefangenen gegenüber an Mitgefühl nicht fehlen, ja, wo es anging, erleichterte er, wenn er auch eine rauhe Außenseite behielt, ihre Lage nach besten Kräften, sorgte auch für gute und reichliche Ernährung. Aber Jeanie konnte natürlich den Mann nur nach dem Auftritt bei den Muschatsteinen beurteilen, und die Erinnerung daran ließ sie, und nicht mit Unrecht, das Schlimmste für die Schwester befürchten. Sie fand kaum den Mut, ihm zu sagen, daß sie vom Ratsherrn Middleburgh Bescheid bekommen habe, es sei ihr eine Zusammenkunft mit ihrer Schwester bewilligt worden.

»Ich weiß das schon, Kind,« antwortete Ratcliffe, »und habe auch Befehl bekommen, dabei anwesend zu bleiben.«

»Muß das sein?« erwiderte flehentlich Jeanie.

»Was kann's denn schaden?« erwiderte Ratcliffe, »ich höre ein paar Mädel immer gern zusammen plaudern, wenn sich auch die Meinung, die ich von dem Weibsvolk habe, dadurch nicht ändern wird. Und wenn ihr nicht grade von dem Sturme auf den alten Kasten hier redet, so könnt ihr sagen, was ihr wollt; mich soll's nicht weiter anfechten, und euch zum Schaden will ich's auch nicht nützen.«

Darauf führte er sie in die Zelle, in welcher Effie untergebracht war.

»Jeanie, liebe gute Jeanie,« rief ihr Effie, die den ganzen Tag zwischen Furcht, Scham und Schmerz geschwankt hatte, entgegen; die Freude aber, als die Tür sich öffnete, ließ sich nicht zurückhalten. »Jeanie, liebe gute Jeanie! wie lange habe ich Dich nicht mehr gesehen!«

Jeanie umarmte die Schwester mit einer Innigkeit, die fast an Jubel grenzte, aber es war doch nur eine flüchtige Erscheinung, gleich dem Sonnenstrahl, der durch Gewitterwolken bricht, um gleich wieder in Nacht zu versinken. Sie setzten sich nebeneinander auf das Strohlager, das Effie als Bett diente, hielten sich umschlungen und sahen sich lange, stumm und weinend, an. Selbst Ratcliffe konnte sich der Rührung nicht verschließen; sein Mitgefühl verriet sich durch eine an sich geringfügige Handlung, durch die er aber einen größeren Zartsinn bekundete, als sein Charakter hätte erwarten lassen. Das durch ein dichtes Gitter verschlossene Fenster stand offen, so daß das Licht die beiden Schwestern traf, und leise, fast ehrerbietig, ging er hin und klappte den Laden zu, wie wenn er die schmerzliche Szene durch einen Schleier verdecken wollte.

»Effie, Du bist krank,« waren die ersten Worte, die Jeanie über die Lippen zu bringen vermochte, »sehr krank!«

»Ach, was gäbe ich drum,« antwortete Effie, »wenn ich noch zehnmal kränker wäre, wenn ich tot und kalt daläge, ehe es wieder Morgen würde! Und der Vater? Aber ich bin ja sein Kind nicht mehr. Jeanie, Jeanie! Ich habe keinen Freund auf der Welt! Ach, läge ich doch draußen auf dem Friedhofe neben meiner Mutter!«

»Reden Sie doch nicht so, Fräulein!« sagte Ratcliffe, »es hat schon manches Wild schußrecht gestanden, ohne getroffen zu werden, und mancher Advokat hat manchen durchgebracht, der weit Böseres auf dem Kerbholz hatte, und den Sie haben, Fräulein, der Nichil Novit, der versteht's auch, den schlimmsten Fall zu wenden. Wer mit solchem Verteidiger versorgt ist, kann schon halb am Stricke baumeln und kommt doch davon. So ein feines Ding wie Sie, braucht sich ja nur ein bißchen herauszuputzen, und welchem Richter möchte es dann beikommen, ihr nur ein Härchen zu krümmen? Mit solchem alten Kerl wie mir, ist's freilich was anders, der muß dran glauben, wenn er auch nur einen Floh geknickt hat!«

Diese seltsamen Trostesworte blieben ohne Antwort, denn die Schwestern waren so vertieft in ihren Schmerz, daß sie sich der Anwesenheit Ratcliffes kaum bewußt waren.

»Ach, Effie, Effie! Warum mußtest Du mir Deinen Zustand verheimlichen? Hab ich das um Dich verdient? Wenn Du mir bloß ein einziges Wort gesagt hättest, dann wäre all dieser Jammer nicht über uns gekommen!«

»Was hätte dadurch wieder gut werden können, Jeanie?« versetzte die Gefangene; »nein, Jeanie, nein! es war alles aus und vorbei, als ich meines Versprechens vergaß und des Blattes, das ich zum Zeichen dafür in die Bibel legte. Da, sieh!« fuhr sie fort, nach dem heiligen Buch greifend, »die Stelle schlägt sich von selbst auf, mir mein schreckliches Urteil zu künden. O, Jeanie, ein schrecklicher Spruch!«

Jeanie nahm das Buch auf und fand die Stelle im Buche Hiob: »Er hat meine Ehre mir ausgezogen und die Krone von meinem Haupte genommen. Er hat mich zerbrochen um und um und läßt mich gehen und hat ausgerissen meine Hoffnung wie einen Baum. Sein Zorn ist über mich ergrimmet, und er achtet mich für seinen Feind.«

»Und ist der Spruch nicht wahr? Trifft er mich nicht zu recht?« klagte Effie. »Ist mir die Krone nicht vom Haupte genommen? Ist mir nicht meine Ehre geraubt? Und was bin ich anders denn ein armer, vertrockneter Baum, an der Wurzel verdorben und achtlos hinausgeworfen auf die Landstraße, daß Menschen und Tiere ihn mit Füßen treten? Ach, als der Vater den kleinen Dornbusch aus unserm Garten riß und auf den Hof hinauswarf, wo er zertreten wurde, das hübsche grüne Ding mit allen seinen Blüten, da hab ich nicht gedacht, daß es mit mir einmal auch so kommen würde!«