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»O, hättest Du mir doch nur ein einziges Wort gesagt, Effie,« klagte Jeanie, »daß ich für Dich zeugen könnte, dann könnte Dir niemand ans Leben!«

»Und Du kannst es nicht?« fragte Effie, und in ihrer Stimme klang es wie ein stiller Vorwurf denn das Leben bleibt dem Menschen auch dann lieb und wert, wenn es ihm als Bürde erscheint. »Jeanie, wer hat Dir das gesagt?«

»Einer, der recht gut gewußt hat, was er sprach,« antwortete Jeanie, ausweichend.

»Wer? Sage es mir, Jeanie!« rief Effie aufspringend, »ich beschwöre Dich, Jeanie! Wer konnte solchen Anteil nehmen an mir, die doch verstoßen und verlassen ist? War es ... o, war es...«

»Ei,« sagte Ratcliffe, »wozu quälen Sie die Arme so? Ich wette, es ist kein anderer gewesen als Robertson, und damals bei den Muschatsteinen hat er's Ihnen gesagt!«

»War er's?« rief Effie, noch dringlicher als zuvor, »Jeanie, war er's? war er's wirklich? Ja, er war's! er war's! Der Arme! Und wie schwer mag es ihm dabei um sein Herz gewesen sein! und dabei selbst in so schlimmer Gefahr, der arme Georg!«

»Effie,« rief Jeanie, fast unwillig: »Wie kannst Du von solchem Menschen so reden?« »Sollen wir denn unsern Feinden nicht vergeben?« sagte Effie, doch mit scheuem Blick und gedämpfter Stimme, denn ihr Gewissen flüsterte ihr zu, daß es doch andere Gefühle als christlicher Liebe seien, mit denen sie ihres Verführers gedachte, und daß es sündhaft von ihr sei, sie mit solchem Mantel zu decken.

»Und trotz allem, was Du seinetwegen gelitten, hängst Du ihm noch mit Liebe an?« fragte Jeanie.

»Ihm anhängen, mit Liebe?« wiederholte Effie; »hätte ich ihn nicht geliebt, wie selten ein Weib liebt, so säße ich nicht jetzt hier, hinter Schloß und Riegel, und solche Liebe, wähnst Du, lasse sich vergessen? Nein, Jeanie, ein Baum läßt sich umhauen, aber nicht biegen. Willst Du mir was zu liebe tun, Jeanie, dann sage mir, was er Dir sagte, und ob ihm die arme Effie leid tut oder nicht?«

»Was kann es helfen, darüber zu sprechen, Effie?« erwiderte Jeanie, »er hatte doch wahrlich genug mit sich zu tun, als daß er sich viel um andere hätte kümmern sollen.«

»Das ist nicht wahr, Jeanie, und wenn es eine Heilige redete,« rief Effie, und ihr altes heftiges Temperament kam zum Durchbruch; »Du kannst ja auch nicht wissen, wie ich, welcher Gefahr er sein Leben aussetzte, bloß um das meinige zu retten.« Da fiel ihr Blick auf Ratcliffe, und sie brach jäh ab.

»Das Mädel scheint sich, weiß, Gott! einzubilden,« rief Ratcliffe, wie vorhin grinsend, »es habe kein anderer Mensch Augen im Kopfe als sie! Hab ich den seinen Jungen nicht gesehen, wie er dabei war, ganz andre Leute als den Porteous aus dem Kasten zu holen? Brauchst mich gar so verwundert nicht anzustieren, Mädel,« rief er, »ich weiß noch ganz andre Dinge!«

»Gott, mein Gott!« schrie Effie und warf sich ihm zu Füßen, »so wißt Ihr auch, wo sie mein Kind haben, die Ruchlosen? Mein Kind, o Gott! mein Kind! das arme, unschuldige, hilflose Wesen! Fleisch von meinem Fleische, Blut von meinem Blute! O, wenn Ihr noch Anspruch erhebt auf himmlische Gnade, wenn Ihr den Segen eines unglücklichen Wesens nicht mißachtet, dann sagt mir, Mann, was aus meinem Kinde geworden! wohin sie das Zeichen meiner Schande, das Wesen, das teilnahm an meinem Schmerz, an meinen Wehen, gebracht haben? Sagt es mir, wer es mir genommen hat, und was aus ihm geworden ist!«

»Nicht so stürmisch, Mädel,« rief der Schließer, indem er sich von den Händen freizumachen suchte, die ihn umklammert hielten, »nach so was mußt Du mich nicht fragen, sondern die Grete Murdockson, wenn Du es nicht schon selber weißt!«

Die Unglückliche, so jäh wieder aus ihrem wilden Hoffen gerissen, ließ die Hände von ihm und schlug, von Krämpfen geschüttelt, auf den Boden. Jeanie, die auch beim schwersten Herzeleid ihre klare Einsicht nicht verlor, die sich, so schwere Schläge sie auch trafen, nie übermannen ließ, widmete der Schwester auf der Stelle die liebevollste Pflege, während Ratcliffe rücksichtsvoll genug war, sich in den entlegensten Winkel zurückzuziehen. Effie erholte sich aber verhältnismäßig schnell und beschwor, sobald sie die Fähigkeit zur Sprache wiedergewonnen, Jeanie so ungestüm, ihr alles von der Zusammenkunft mit Robertson zu erzählen, daß Jeanie ihr nicht länger widerstehen konnte.

»Besinnst Du Dich noch, Effie,« sagte sie, »wie böse damals Deine Mutter war, als Du krank zu Bett lagst und ich Dir Milch gab, weil Du Durst hattest und weinend danach verlangtest? Damals warst Du noch Kind; jetzt aber, als erwachsenes Mädchen, solltest Du doch nicht nach Dingen begehren, die Dir schaden . Aber mag nun Gutes oder Böses daraus kommen, ich kann Dir auch heute noch nicht abschlagen, um was Du mich mit Tränen in den Augen bittest.«

Effie umschlang sie, küßte sie und flüsterte: »Ach, wüßtest Du, wie lange ich seinen Namen nicht mehr hörte, und wie wohl es mir tun wird, etwas von ihm zu hören, was mir von seiner Liebe und Güte erzählt. Ach, Jeanie, Du kannst es nicht fassen, wie sehr ich mich danach sehne.«

Tief aufzeufzend berichtete nun Jeanie, sich so kurz fassend, wie möglich, von dem Auftritte, der sich zwischen Robertson und ihr abgespielt hatte. Die Schwester lauschte ihr mit verhaltenem Atem, keinen Blick von ihr wendend, ihr die Worte förmlich vom Munde lesend. »Armer Mensch! Armer Georg!« waren die einzigen Ausrufe, mit denen sie, an besonders zum Herzen gehenden Stellen, die Erzählung unterbrach.

»So? Und dazu hat er geraten?« fragte sie, als Jeanie zu Ende war.

Jeanie nickte.

»Und er hat Dich aufgefordert, dort etwas auszusagen, was mein junges Leben retten, könnte?«

»Ich solle einen Meineid schwören, verlangte er von mir.«

»Und Du hast ihm drauf geantwortet, daß Du nichts davon wissen möchtest, Dich zwischen mich und den Tod zu stellen, den ich leiden müsse, und bin noch keine achtzehn Jahr?«

»Ich habe ihm gesagt, was ich ihm sagen mußte,« erwiderte Jeanie, geängstigt durch diese bittre Entgegnung Effies, »daß ich nicht wahr machen könne, was unwahr sei.«

»Was nennst Du unwahr?« rief Effie, wiederum in einer Anwandlung ihres früheren Temperaments, »Du kannst doch nicht glauben, Mädchen, daß eine Mutter ihr eignes Kind morden könne? Jeanie, ich und morden? mein Kind morden? Das Leben hätte ich dran gesetzt, ein Blinken seines Auges zu sehen!«

»Daß Du an solcher Tat so unschuldig bist wie das neugeborne Wesen selbst,« sagte Jeanie, »glaube ich, auch ohne daß Du es versicherst.«

»Daß Du mir soviel Gerechtigkeit antust, Jeanie,« versetzte Effie stolz, »erfüllt mich mit Freude, Menschen von Deiner exemplarischen Frömmigkeit verfallen gern in den Fehler, ihre Mitmenschen aller Sünde für fähig zu halten.«

»Schwester, solche Worte habe ich nicht von Dir verdient und nicht erwartet,« erwiderte Jeanie, schluchzend vor Schmerz, obwohl sie Effies Gemütszustande mitleidsvoll viel von der Ungerechtigkeit des Vorwurfs zu gute rechnete.

»Mag sein, Schwester,« erwiderte Effie; »aber Du bist mir böse, weil ich Robertson liebe, und doch, Jeanie! wie sollte ich ihn nicht lieben, dem ich doch mehr bin als Leben und Seligkeit? Hat er nicht eben erst, um mich zu befreien, sein Leben gewagt, indem er den Sturm auf das Gefängnis unternahm? Ach, wäre er an Deiner Stelle, dann weiß ich.« Aber sie brach ab und blickte stumm vor sich hin.

»Effie, müßte ich bloß mein Leben wagen, Dich zu retten!« erwiderte Jeanie.

»Leicht gesagt, Jeanie,« rief Effie, »aber wer soll's Dir glauben, da Dir schon ein Wort für mich zuviel ist? Und mag das Wort wirklich unrechter Art sein, das Leben währt doch lange genug, um zu bereuen.«