Выбрать главу

Der Geistliche und der Major sahen einander an. Der Geistliche hustete wieder, wie schon ein paar mal während des Verhörs, um seine Teilnahme am Verlauf desselben zu äußern, schnupfte und schnäuzte sich. Der Major hingegen erwiderte:

»Mr. Waverley, Ihr mißversteht augenscheinlich meine Absicht. Es ist jedoch jetzt keine Zeit, darüber zu rechten, was als Beleidigung angesehen werden kann, was nicht. Ich verzichte deshalb auf die Fortsetzung des Verhörs, das schließlich zu dergleichen führen könnte. Ich bedaure jedoch, Eure Verhaftung anordnen zu müssen und erkläre Euch bis auf weitre Ordre als meinen Hausgefangnen. Darf ich Euch anbieten, das Vesperbrot an meinem Tische zu nehmen?«

Waverley schüttelte mit dem Kopfe.

»Nun, wie Ihr wollt,« erwiderte der Major, »so werde ich Euch ein paar Erfrischungen auf Eure Stube bringen lassen.«

Waverley verneigte sich und begab sich unter dem Geleit eines Beifrons in das ihm angewiesene Zimmer, wo er sich, ohne Speise und Trank anzurühren, auf das Lager warf, betäubt von den qualvollen Vorgängen des Tages, und in einem Zustande vollständiger geistiger und körperlicher Erschöpfung versank er alsbald in einen tiefen und festen Schlaf.

Der Geistliche und der Major saßen eine Zeitlang einander schweigend gegenüber, jeder mit seinen eignen Gedanken über die Angelegenheit befaßt. Endlich goß der Major die beiden Gläser voll, die auf dem Tische standen, und sagte:

»Mein lieber Morton, das ist eine kreuzdumme Geschichte. Ich glaube fast, der junge Mann hat sich den Weg zum Galgen gepflastert.«

»Da sei Gott vor!« versetzte der Geistliche. »Das müßte doch, sollte ich meinen, nach dem heute Vernommenen abwendbar sein.« »Ich wünsche es ganz gewiß. Aber wir haben sehr schlimme Zeit. Hunderte von irre geführten Edelleuten sind im Aufruhr gegen die Regierung, manche, unzweifelhaft infolge von Grundsätzen, die durch Erziehung und Vorurteile geschaffen worden sind und die sich mit den Begriffen Patriotismus und Heroismus zu decken suchen. Aber auch unter Rücksichtnahme selbst auf solche mildernden Umstände dürfte sich kein Gerichtshof finden lassen, der in einem so schweren Falle nicht auf strenge Haft erkennen wurde.«

»Daß Ihr den jungen Mann so lange in häuslicher Haft behieltet, bis sich der Zustand im Lande gebessert hat und bis die Sicherheit wieder einigermaßen zurückgekehrt ist, ginge nicht an?«

»Lieber Freund! soweit ich zu beurteilen weiß,« sagte der Major, »wird weder Euer noch mein Haus noch lange den nötigen Schutz gewähren können, selbst wenn es sich mit den Gesetzen vertrüge, den Delinquenten hier zu behalten. Habe ich doch soeben vernommen, daß der General, der in die Hochlande kommandiert ist, einem Kampfe bei Corryerick ausgewichen und mit sämtlichen Streitkräften nach Invernes abgerückt ist, wodurch er natürlich den hochländischen Truppen den Weg nach dem Unterlande freigegeben hat.«

»Gerechter Himmel! Ist der Mann denn eine Memme oder ein Verräter oder ein unfähiger Mensch?«

»Nichts von alledem, meines Dafürhaltens, sondern einer von jenen Soldaten, die gern nach dem Befehle gehen und selbständigen Handlungen streng abhold sind. Ich werde mich in der Sache kurz entschließen und den Gefangenen einem der Freiwilligenkommandos zum Weitertransport übergeben, die seit kurzem ausgehoben werden, um die im Aufruhr befindlichen Gegenden in Rand, und Band zu halten. Morgen oder übermorgen wird ein solches Kommando hier durchmarschieren, das von ... na, wie heißt doch der Mensch gleich? ein Westländer ists, Ihr habt ihn auch schon gesehen und sagtet damals, er sähe aus, als wäre er das leibhaftige Konterfei eines Kriegsheiligen aus der Cromwellschen Zeit.«

»Ach, Ihr meint den Cameronier Gilfillan? Nun, da wünschte ich dem jungen Manne schließlich doch bessre Hände!« sagte der Pfarrer. »Der Mann gehört, fürchte ich, einer Sekte an, die schwere Verfolgung erlitten und die Barmherzigkeit verlernt hat.« »Ich werde dem Manne strenge Befehle erteilen. Er soll ihn gut behandeln und aufs Schloß Stirling schaffen. Ich wüßte nicht, was ich sonst mit ihm machen sollte. Denn ihn frei zu machen und mich dadurch in dumme Verantwortlichkeit zu setzen, dazu ratet Ihr mir doch auch nicht?«

Kaum hatte der Major ausgeredet, so erschallte draußen ein dumpfer Trommelschlag, nicht taktmäßig und militärisch, sondern nach Art der Wirbel, die bei Feuerlärm geschlagen werden.

Dann gebot eine rauhe, dem Rollen des Donners ähnliche Stimme Ruhe.

Zweites Kapitel

Major Melville trat, als er den Trommelwirbel hörte, mit dem Geistlichen auf die Terrasse hinaus, die sich vor seinem Hause befand. Draußen nahte ein feierlicher Zug, den der Trommelvirtuos eröffnete. Hinter ihm wurde eine große Fahne getragen mit vier Feldern, auf denen die vier Worte standen: Glaube, Kirche, König, Königreich.

Auf den Fahnenträger folgte der Kommandant: ein hagerer, finstrer Mann mit strengem Blicke, der ein Sechziger an Jahren sein konnte. In seinem Gesicht stand der wilde Fanatismus des Sektierers ausgeprägt. Es war unmöglich, ihn anzusehen, ohne daß man an einen Märtyrer am Pfahle oder an einen Inquisitor der strengkatholischen Richtung dachte.

Aber in dem theatralischen Aufputz, in der affektierten Weise seiner Haltung, in der großspurigen Art seiner Rede lag etwas, das an Lächerlichkeit grenzte. Seine Kleidung war der im ganzen Westen übliche braune Lodenrock, jedoch von besserm Stoffe, als man ihn bei der niedern Bevölkerung antrifft, und seine Bewaffnung bestand aus Schwert und Pistole, die ihrem Aussehen nach wohl schon die Schlachten bei Bentland oder Bothwell-Brigg mitgemacht haben mochten.

Er stieg jetzt ein paar Stufen der Terrasse hinauf, um den Major zu begrüßen, und griff dabei mit militärischem Aplomb an die leicht auf den Kopf gestülpte blaue Mütze, zur Antwort auf das Kompliment des Majors, der höflich sein dreieckiges, goldbordiertes Hütchen lüftete.

Das Korps, das der seltsame Fanatiker kommandierte, bestand aus etwa dreißig Mann, die sämtlich die unterländische Tracht trugen, aber in allerhand Farben, die zu den Waffen, die sie führten, in dem wunderlichsten Gegensatze standen und ihnen ein buntscheckiges, recht ordinäres Aussehen gaben. In den vordersten Reihen standen einige Mann, die von dem gleichen Enthusiasmus wie ihr Führer beseelt zu sein schienen, und die wohl in einem Kampfe furchtbare Gegner sein mochten, wenn ihr Mut durch religiösen Eifer verstärkt wurde. Andre stolzierten wie Pfaue herum und brüsteten sich mit ihren Waffen, die sie wahrscheinlich erst seit kurzer Zeit trugen. Noch andre schleppten sich zu Fuß hinter den Berittnen her oder »drückten sich« von ihren Kameraden, um sich irgendwo in einer Dorfhütte oder im Dorfkrug nach Erfrischungen umzusehen.

Der Major fragte, als er den Kameronier bekomplimentiert hatte, ob ihm das Schreiben zugegangen sei, das er ihm entgegengeschickt habe, und worin er ihm den Transport eines Staatsgefangenen nach dem Schlosse Stirling angekündigt habe.

»Jawohl,« war die kurze, abgeschlossene Antwort des Kameroniers.

»Aber Euer Kommando ist nicht so stark, wie ich gerechnet habe.«

»Ein paar Mann sind unterwegs dem Durst und Hunger verfallen und harren der göttlichen Tröstung.«

»Ihr habt zu solcher Zeit, wo die Rebellen darauf aus sind, Fuß im Unterlande zu fassen, einen Teil Eures Kommandos auf dem Marsche zurücklassen können?«

»Wenn sie doch dürsteten nach geistlicher Nahrung?« antwortete der Sektierer.«

»Indessen möchte ich doch, da Ihr den Gefangenen, den Ihr von mir nehmt, nach Schloß Stirling bringt, Euch eine geschlossenere Kriegszucht anempfehlen. Es möchte wohl besser sein, Ihr hieltet so lange Eure Mannschaft fester zusammen, ohne Rücksicht auf Eure sonst ja recht löblichen frommen Bräuche. Aber wie ich bemerke, leiht Ihr meinen Worten kein Ohr, Mr. Gilfillan! Da brauche ich mich also wohl nicht weiter zu bemühen? Bloß eins wollt Ihr nicht außer acht lassen: Ihr habt Euren Gefangenen anständig und höflich zu behandeln und sollt ihn unter keinen Umständen einem andern Zwange unterwerfen, als zu sicherm Transport unbedingt erforderlich ist.«