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Höchst geringschätzig bemerkte Saddletree: »Da wird geschwatzt von häufigem Kindermord. Glauben Sie denn, unsre alten Erbfeinde drüben in England scheren sich was drum, ob wir uns alle zusammen totaliter totschlagen? Daran liegt's nicht, daß das arme Ding nicht pardonniert wird. Die Geschichte hat einen ganz andern Haken, und darüber will ich Euch reinen Wein einschenken. Der König und die Königin haben sich über den Porteous-Krawall so gefuchst, daß sie sich im Leben nicht wieder einfallen, lassen werden, einem Kinde Schottlands Pardon zu geben, und wenn ganz Edinburg am Galgen baumelte.«

»König Georg soll seine Perücke aus Wut ins Feuer geschmissen haben,« meinte Jungfer Damahoy.

»Das soll er schon bei geringeren Anlässen getan haben,« versetzte Saddletree.

»Meinetwegen,« sagte Jungfer Damahoy, »je öfter, desto besser – wenigstens für seinen Perückenmacher.«

»Die Königin, heißt's,« bemerkte Plumdamas, »soll aus Wut ihre Haube zerfleddert haben? Ja, Sir Robert Walpole soll mit Fußtritten regaliert worden sein, aus Aerger darüber, daß er den Edinburger Pöbel nicht besser im Zaume hält; aber ich glaube doch nicht, daß sich unser verehrter König so weit vergangen haben sollte!«

»Den Herzog von Argyle mißhandeln,« riefen verschiedene in höchster Entrüstung.

»Ja, aber Mac Cullamores Blut wird so etwas nicht auf sich sitzen lassen!« riefen andere; »da hätte Andrea Ferrera [vergl. den Roman »Der Abt« von Walter Scott.] leicht den dritten Mann abgeben können.«

»Der Herzog ist ein echter Schotte,« riefen die ersten wieder, »der auf Schottland hält und auf Schottland nichts sitzen läßt!«

»Freilich, das trifft zu!« sagte Saddletree, »und wenn Ihr auf ein paar Augenblicke in meinen Laden kommen wollt, will ich's Euch sagen, wie alles zugegangen ist. Ueber so etwas schwatzt man am besten inter parites

Er schickte den Lehrbuben fort, schloß sein Pult auf und nahm mit selbstgefälliger Miene ein zerknülltes Papier heraus. »Ganz nagelneu,« sagte er, »das könnt' Euch kein Mensch sonst zeigen. Des Herzogs Rede über den Porteous-Rummel wird seit ein paar Tagen in den Straßen von London verkauft. Ein Bekannter von mir hat's im Schloßhofe gefunden, dicht vor der Nase des Königs. Ich hab's mit einem Wechsel, den der Mann prolongiert haben will, in einem Briefe bekommen. Du, Frau, sieh doch einmal nach, wie es damit steht!«

Die brave Frau Saddletree war aber dermaßen mit der armen Effie und ihrem Schicksale befaßt gewesen, daß sie sich in den letzten Tagen um die Geschäfte wenig gekümmert hatte. Erst die Worte Wechsel und prolongieren weckten ihre Aufmerksamkeit. Sie nahm den Brief, den Saddletree ihr hinhielt, wischte sich die Augen, setzte sich die Brille auf und suchte sich über den Fall zu informieren, so gut es ihr mit ihren noch von Tränen umflorten Augen möglich war.

Nach einer Weile riß sie Saddletree auf die Seite, ihn jäh in dem Vortrage der herzoglichen Rede unterbrechend. »Aber was fällt Dir ein, Mann? Hier stehst Du und schwatzest vom Herzog von Argyle, und dabei will uns der Hasenfuß in London um bare 60 Pfund bringen? Welcher Herzog wird sie uns ersetzen? Mir wär's schon lieber, der Herzog bezahlte, was er selbst schuldig ist. Er steht auch noch mit tausend Pfund Schottisch in der Kreide. Er mag ein ganz gerechter Herr sein, auch einer, mit dem es sich umgehen läßt, aber wie kann ein Mensch von Herzögen, Wechseln undsoweiter faseln, wenn man in der Nebenstube solch arme Leute hat, wie Jeanie Deans mit ihrem Vater?

Aber, Nachbarn, verzeiht doch, bitte! Ich will euch ja gar nicht stören. Bloß meinem Manne macht das Gericht noch ganz den Kopf verdreht, das werden wir alle noch erleben!«

Sie eilte in die andere Stube, wo Deans mit seiner Tochter einstweilen Unterkunft gefunden hatte, und sah mit Freude, wie sich die Nachbarn langsam aus ihrem Hause entfernten.

Ende des ersten Bandes

Zweiter Band

Erstes Kapitel

David Deans war, wie im letzten Kapitel des ersten Bandes schon gesagt worden, von Frau Saddletree aufgenommen und in ihrer guten Stube gebettet worden. Auf die Ohnmacht, die ihn im Gerichtssaale beim Schlusse der Verhandlung befallen, war eine tiefe Schwäche gefolgt, und es hatte geraume Zeit bedurft, bis er das Bewußtsein wiedererlangte. Seine ältere Tochter saß stumm und starr an seinem Bett. Die Vorhänge waren zugezogen, die Fensterläden geschlossen, als Frau Saddletree, nachdem sie sich ihrer andern Gäste entledigt, bei ihnen eintrat. Sie war eine gutmütige Frau, aber keine Frau, die zarte Rücksichten kannte; so zog sie ohne weiteres die Läden in die Höhe, schob den Bettvorhang zurück und trat zu dem alten Manne, hieß ihn sich aufrichten und sich ermannen. Leid, das über den Menschen komme, müsse er eben tragen, sagte sie; da könne nichts helfen. Aber er konnte sich nicht aufrecht halten, seine Hand sank, als die Frau sie losließ, kraftlos auf das Bett, und die Stimme versagte ihm.

»Ist's zu Ende?« fragte Jeanie die Frau, bleich wie der Tod, »besteht keine Hoffnung mehr?« –

»So gut wie keine,« versetzte Frau Saddletree, »ich hab das Urteil noch mit angehört. Viel gehört wahrlich nicht dazu für diese Sippe in ihren schwarzen Kaftanen, einem armen, harmlosen Dinge das Leben abzusprechen. Viel hab ich nie auf sie gehalten, auf dieses Gevattervolk von meinem Manne, wie ich sie nenne; aber jetzt sind sie mir in den Tod zuwider. Das einzige, was noch einigermaßen Hand und Fuß hatte, war die Rede vom Herrn Kirk, dem ersten Geschworenen, der dem Gericht anempfahl, die königliche Gnade für das arme Ding nachzusuchen. Aber er hätte sich den Atem sparen können, denn er sprach doch zu tauben Ohren.«

»Der König kann sie aber begnadigen?« fragte Jeanie lebhaft; »ich hörte, in Fällen wie dem ihrigen stünde ihm kein Begnadigungsrecht zu?«

»Selbstverständlich kann er sie begnadigen, wenn er es will. Solcher Fälle, wo er's getan, könnte ich Dir manchen nennen, Jeanie. War's denn nicht eben erst der Fall mit dem Hauptmann, dem Porteous? Bloß darum handelt es sich, den Weg zu ihm zu finden!«

»Porteous?« wiederholte Jeanie: »ach, es ist ja wahr! Woran ich am ehesten denken sollte, vergesse ich gerade. Liebe Frau Saddletree, ich muß Ihnen Adieu sagen. Muhme, möge es Ihnen in Not und Kummer niemals an einem Freunde fehlen!«

»Kind, Du wirst doch Deinen armen Vater nicht verlassen wollen?« rief Frau Saddletree: »laß Dir doch so etwas nicht beikommen!«

Jeanie wies nach dem Stockhause. »Ich werde drüben wohl mehr von nöten sein,« sagte sie, »und gehe ich nicht jetzt, später brächte ich es wohl kaum über das Herz. Um sein Leben ist mir nicht bange, Muhme, ich weiß ja, wie stark sein Herz ist, weiß es,« setzte sie hinzu, die Hand auf die Brust legend, »von meinem eigenen.«

»Nun, Jeanie, wenn Du meinst, es sei besser so, dann tue es nur. Er mag ruhig hier bleiben, bis er sich erholt hat.«

»Ja, Muhme! es wäre besser, er käme nicht nach Sankt-Leonard zurück. Lassen Sie ihn nicht fort, bis Sie von mir hören, Muhme, und nun, Adieu! Gott segne Sie! Gott segne Sie!«

»Aber, Jeanie, Du kommst doch wieder? Drüben werden sie Dich ja nicht behalten?«

»Ich muß gleich nach Sankt-Leonard hinaus und nach dem Rechten sehen, muß auch noch mit Freunden sprechen. Viel Zeit bleibt mir nicht. Gott segne Sie, Muhme! und sorgen Sie für den Vater! Bitte, bitte!«

Sie war schon an der Tür, drehte aber noch einmal um und kniete vor dem Bette nieder. »Vater, gib mir Deinen Segen!« bat sie; »ohne Deinen Segen darf ich, kann ich nicht gehen. Sprich wenigstens: Gott segne Dich, Jeanie!«

Mehr instinktiv, als mit Bewußtsein, lallte der Greis die Worte, »daß aller Segen der Verheißung und Vergeltung auf ihrem Haupte ruhen möge!«

Jeanie stand auf. »Er hat meinen Weg gesegnet,« sagte sie; »und jetzt ist mir's ums Herz, als müßte mein Vorhaben gelingen.«