So setzte sie, ohne zu wanken, die einsame Wanderung in christlicher Ergebung fort, bis sie in die Nähe des kleinen Dorfes gelangte, in welchem der Mann ihres Herzens seines bescheidenen Amtes waltete. Es liegt am Abhang eines Hügels, ein Stück seitab von Edinburg, und zwischen blühenden Bäumen ragt die altertümliche kleine Kirche mit ihren spitzen Türmchen empor. Sie hatte sich vorgenommen, dort Einkehr zu halten, ehe sie ihre Wanderung fortsetzte, weil sie Butler für am besten geeignet hielt, dem Vater von ihrem Entschluß und von den Hoffnungen, die sie auf ihr Vorhaben setzte, Kunde zu geben. Vielleicht regte sich auch ein anderes Verlangen noch in ihrem Herzen: den Mann, ehe sie den Fuß aus Schottland setzte, noch einmal zu sehen, dem sie von Herzen zugetan war, und den sie vergeblich im Gerichtssaale gesucht hatte. Sie hatte halb und halb darauf gerechnet, daß er ihren Vater, seinen alten Freund und Wohltäter, an dem schweren Tage nicht ohne Trost und Beistand lassen werde, und wenn sie auch wußte, daß er noch immer nicht im Vollbesitz seiner Freiheit war, so hatte sie doch gemeint, es werde ihm nicht schwer fallen, sich für jenen Tag Erlaubnis zum Eintritt in den Gerichtssaal zu verschaffen. Sie war zu der quälenden Meinung gelangt, daß nur ernstliche Erkrankung den Freund von der Erfüllung dieser Pflicht habe zurückhalten können, und zitternd vor banger Sorge, erkundigte sie sich bei einer Frau, die mit dem Wassereimer auf dem Kopfe zum Bache schritt, nach der Wohnung des Lehrers.
Ihre Sorge war nicht unbegründet gewesen: Butler, von Natur schwächlich, hatte die körperlichen Anstrengungen und seelischen Erschütterungen der letzten Tage nicht überstehen können, sondern lag an schwerem Fieber krank zu Bett. Das Bewußtsein, noch immer unter Verdacht der Teilnahme an dem Porteous-Krawall zu stehen, lastete sehr schwer auf ihm, am schmerzlichsten aber bedrückte ihn. das Verbot jeglichen Verkehrs mit David Deans und dessen Angehörigen.
Das schreckliche Urteil hatte er noch am Abend des Verhandlungstages vernommen, und seitdem hatte er keinen Schlaf mehr gefunden. Die quälendsten Gedanken zermarterten ihm das Hirn; er fühlte, daß er denen, die ihm die liebsten auf Erden waren, im Lichte eines undankbaren und abtrünnigen Menschen erscheinen mußte; und wenn er auch nicht hatte hoffen dürfen, Effies Lage zu mildern, so hatte er doch vielleicht den greisen Vater vor der schweren Krankheit, in die derselbe nach der Verhandlung verfallen war, behüten können.
Als er endlich gegen Morgen ein wenig Schlaf zu finden gehofft hatte, war ihm auch dieser Trost geraubt worden durch einen widerwärtigen Gast, der ihn besuchte, und der kein anderer war als Saddletree, der eingebildete Rechtsnarr. Nachdem er sich mit Plumdamas und anderen Getreuen und Nachbarn in der bekannten kleinen Butike über die vom Herzog in London gehaltene Rede, über das gegen Effie gefällte Urteil und die für ihre Begnadigung vorhandene geringe Wahrscheinlichkeit bis in die späte Nacht hinein unterhalten und zumeist herumgestritten hatte, wobei natürlich auch mancher Tropfen den Weg in die Kehle hinunter gefunden, war er am andern Morgen mit so wüstem Kopfe aufgewacht, daß er es für geraten erachtet hatte, auf dem kleinen Klepper, den er mit ein paar nähern Bekannten zusammen hielt, einen kleinen Ritt in die Umgebung von Edinburg zu machen, um seinem Geiste die nötige Spannkraft wiederzugeben. Wie immer das Praktische mit dem Nützlichen verbindend, hatte er die Nase des Kleppers nach Libberton zu gerichtet, wo er zwei Kinder eingeschult hatte und einen Besuch bei Butler machen konnte, mit dem er sich gern einmal unterhielt.
Konnte noch etwas dem Wermut in Butlers Herzen Galle beimischen, so war es das Thema, das Saddletree für seine weitschweifige Diskussion wählte, nämlich die Wahrscheinlichkeit von Effies Hinrichtung. Jedes Wort aus dem Munde dieses Menschen drang ihm wie das Läuten der Armensünderglocke oder wie ein Eulenschrei in die Ohren.
Jeanie blieb, als sie die laute Stimme des Schwadroneurs hörte, vor der Tür stehen, und so peinlich ihr die Verzögerung war, die hierdurch für sie entstand, wollte sie doch nicht früher in die Stube treten, als bis dieser überlästige Mensch gegangen sei. Da kam die Frau mit dem Wassereimer wieder, die sie um den Weg zum Schulhause gefragt, und machte, als Butlers Wirtin, Jeanies Zögern ein Ende durch die Frage:
»Wollen Sie zum Herrn, Kind, oder zu mir?«
»Ich möchte mit Herrn Butler reden, wenn er ein wenig Zeit hat,« antwortete Jeanie.
»Dann kommen Sie doch herein!« sagte die Frau und machte die Tür auf, zu der sie herein rief: »Herr Butler, ein Mädchen ist da und möchte Sie sprechen.«
Butler war nicht wenig erstaunt, Jeanie vor sich zu sehen, die sich nie weiter als eine halbe Stunde von Sankt-Leonard zu entfernen pflegte. Mit dem Rufe: »Himmel! Es ist wohl neues Unglück geschehen!« sprang er aus dem Lehnstuhle auf, den er heute zum ersten Male mit dem Bett hatte vertauschen dürfen. Jähe Röte der Ueberraschung verdrängte die bleiche Farbe, die infolge der Krankheit sein Gesicht bedeckte.
»Nein, Herr Butler,« antwortete sie; »weiteres Unglück ist nicht über uns gekommen, außer dem, wovon Sie Kenntnis haben. Aber Sie selbst sehen recht schlecht aus!«
»Nein, nein,« rief Butler eifrig, »mir ist wohl, ganz wohl, wenn ich für Sie oder den Vater was tun kann.«
»Ganz richtig, Herr Butler, ganz richtig,« bemerkte Saddletree, »die Familie darf man jetzt nur noch nach dem Mädchen hier und dem alten Manne bemessen, denn Effie, das arme Ding, kann nicht mehr mitgerechnet werden. Aber, Jeanie, was führt Sie denn so früh nach Libberton hinaus? Sie wissen doch, daß Ihr Vater noch krank in Edinburg liegt?«
»Ich habe was vom Vater an Herrn Butler auszurichten,« antwortete Jeanie verlegen, fühlte aber auf der Stelle das Beschämende ihrer Unwahrheit und verbesserte sich: »Das heißt, ich wollte mit Herrn Butler über etwas reden, das meinen Vater und die arme Effie angeht.«
»Etwa eine Rechtssache?« fragte Saddletree; »da könnte ich Ihnen am Ende besser dienen.«
»Nein, kaum eine Rechtssache,« erwiderte Jeanie, »ich wollte Herrn Butler bloß bitten, mir einen Brief aufzusetzen.«
»Schön, schön,« sagte Saddletree, »und wenn Sie mir sagen wollen, wovon der Brief handeln soll, will ich ihn Herrn Butler in die Feder diktieren, wie es Croßmyloof mit seinem Schreiber Macht. Feder und Tinte, Herr Butler, in initialibus.«
Jeanie sah den Freund flehentlich an, vor Verdruß und Ungeduld die Hände ringend.
»Meinen Sie nicht, Herr Saddletree,« fragte Butler, »daß es Herrn Whackbairn kränken muß, wenn Sie dem Knabenunterrichte nicht beiwohnen?«
»Freilich, freilich, Herr Butler, Sie haben recht!« rief Saddletree und sprang auf; »ich habe den Jungen doch versprochen, ihnen beim Herrn Whackbairn einen halben Feiertag auszuwirken, damit sie sich die Hinrichtung mitansehen. Dergleichen Schauspiel ist für Kinder von gewaltigem Nutzen, denn wer kann wissen, wohin sie einmal im Leben kommen? Ach, Jungfer Deanie, ich habe mit keinem Atem daran gedacht, daß Sie da seien. Aber Sie müssen sich ja doch einmal daran gewöhnen, von der Sache reden zu hören. Herr Butler, behalten Sie die Jungfer nur so lange hier, bis ich wieder da bin. Ich bleibe keine zehn Minuten.«
Jeanie säumte nicht, die von dem widerwärtigen Menschen gegebene Frist auszunützen.
»Reuben,« hub sie sogleich an, »ich will nach London wandern, um beim König und der Königin um Effies Leben zu bitten.«
»Jeanie!« rief Butler, der vor Staunen in die Erde sinken wollte, »Sie sind wohl nicht bei Troste? Sie, und nach London wandern? Sie, und mit König und Königin sprechen?«
»Warum nicht?« erwiderte sie mit der ihr eigenen schlichten Ruhe. »sind sie denn nicht Menschen wie wir? Und haben sie nicht auch Fleisch und Blut wie wir? Und wenn ihre Herzen von Stein wären, das Schicksal meiner armen Effie müßte sie erweichen!«