»Aber die Pracht bei Hofe? Die vielen Menschen! Das Zeremoniell. Wie denken Sie, sich da Zutritt zu verschaffen?«
»Das habe ich freilich auch schon gedacht, Reuben, aber es soll mir den Mut nicht rauben; trage ich doch das in mir, was mein Herz hoch halten wird, und ich bin fast sicher, daß ich stark genug sein werde, meiner Schwester das Leben zu retten.«
»O, Jeanie,« sagte Butler, »das ist ein eitler Wahn. Es wird Ihnen nimmer gelingen, über all die Diener und Schranken hinweg den Weg zu den Majestäten zu finden, es sei denn, Sie fänden die Fürsprache irgend eines vornehmen Herrn, und selbst dann wird es noch große, sehr große Schwierigkeiten haben!«
»Vielleicht könnte ich solchen Fürsprecher durch Sie gewinnen, Reuben?«
»Durch mich, Jeanie? ach, Jeanie, Sie träumen!«
»Durchaus nicht, Reuben! Haben Sie mir nicht einst gesagt, Ihr Großvater habe vorzeiten einem Vorfahren des berühmten Mac Callumore einen wichtigen Dienst geleistet?«
»Das wohl,« sagte Butler, »und die Beweise vermöchte ich beizubringen. Ich will an den Herzog von Argyle schreiben. Er wird als guter, freundlicher Herr gepriesen und ist bekannt als ein tapfrer Soldat und aufrichtiger Freund Schottlands. Viel Hoffnung habe ich freilich auf das Gelingen meines Planes nicht, aber ich will doch kein Mittel unversucht lassen.«
»Es muß jedes Mittel versucht werden, Reuben,« antwortete Jeanie, »aber mit dem Schreiben ist's nicht abgetan. Ein Brief kann nicht bitten, nicht zu Herzen sprechen. Ein Brief ist wie die Noten, die die vornehmen Damen auf ihr Spinett stecken, leblose, schwarze Punkte, denen erst Töne Leben und Seele leihen. Uns aber, Reuben, kann nur die lebendige Sprache des Mundes helfen, andernfalls gibt es für die arme Effie keine Hilfe!«
»Jeanie, Sie haben recht,« sagte Butler, sich ermannend; »ich will festhalten an der Hoffnung, daß der Himmel treuen Herzen den rechten Weg gewiesen habe, das Leben dieses unglücklichen Mädchens zu retten. Aber, Jeanie, allein dürfen Sie diese weite, schwere Reise nicht unternehmen. Habe ich nicht heiligen Anteil an Ihnen? Darf ich dulden, daß meine Jeanie sich aufopfere? Unter so ernsten Verhältnissen müssen Sie mir das Recht des Gatten einräumen, Sie zu beschützen, Sie zu begleiten. Ja, Jeanie, dieses Recht fordere ich von Ihnen. Ich will die Reise mit Ihnen machen, will Ihnen beistehen in der Erfüllung Ihrer Pflicht gegen Ihre Angehörigen.«
»Nein, Reuben, das kann nicht sein! Denn auch eine Begnadigung stellt Ruf und Ehre meiner Schwester nicht wieder her, kann mich nicht würdig machen, die Gattin eines ehrsamen, lieb und wert gehaltenen Predigers zu werden. Was würde seine Gemeinde von seinen Predigten halten, wenn von der Schwester seiner Frau bekannt wäre, daß sie solch schrecklichen Verbrechens angeklagt gewesen sei?« ,
»Aber, Jeanie, ich kann's nicht glauben und glaube es nicht, daß Effie solche Tat verübt hätte.«
»O, Reuben, Gott segne Sie für diesen Glauben! aber die Schande wird sie nimmer los!«
»Aber nicht auf Sie, Jeanie, fällt die Schande, selbst wenn sie gerechterweise auf ihr ruhte!«
»Reuben, dergleichen trifft Kind und Kindeskind! O, wie sagte mein Vater: Der Glanz unseres Hauses ist erloschen; denn auch die Hütte des Armen hat ihren Glanz, wenn Gottesfurcht und Biedersinn darin wohnen, wenn er den guten Ruf sich erhalten hat. Doch ach! der Ruf ist von uns gewichen!«
»Aber, Jeanie! Sie haben mir doch Ihr Wort gegeben! und Sie können doch nicht daran denken, solche Wanderung ohne den Schutz eines Mannes zu unternehmen!«
»Reuben, Sie sind ein treuer, braver Mensch, und Sie würden mich, wie ich keinen Augenblick zweifle, zur Frau nehmen, trotz aller auf mir ruhenden Schmach! Aber Sie müssen doch selbst sagen, daß es jetzt nicht an der Zeit ist, von solchen Dingen zu reden. Nein! nur wenn uns fröhlichere Tage winken, könnte von so etwas die Rede sein. Sie sprechen davon, Reuben,« fuhr sie nach kurzer Zeit fort, »mir ein Beschützer zu sein? wer aber wird Sie schützen? Wer wird für Sie sorgen? Kaum einen Augenblick stehen Sie, und zittern doch schon an allen Gliedern! Wie könnten Sie die Beschwernisse solch weiter Reise auf sich nehmen?«
»O, ich bin nicht krank, Jeanie!« erklärte Butler; die Erschöpftheit aber, die ihn zwang, sich wieder in seinen Stuhl zu setzen, strafte ihn Lügen.
»Sie sehen doch, mein teurer Freund, daß ich recht habe, und daß die Natur Sie zwingt, mich allein reisen zu lassen. Es ist ein neuer Kummer, der mich unterwegs bedrücken wird,« sagte sie, nahm die Hand, die er ihr matt reichte, und blickte ihm freundlich ins Angesicht, »aber Sie müssen Ihr Leben schonen um meinetwillen, denn kann ich Ihnen nicht als Frau gehören, so keinem andern Manne. Und nun, Reuben, geben Sie mir die Papiere für Mac Callumore und bitten Sie zu Gott, daß er mich schütze!«
Er sah, daß ihr Entschluß felsenfest stand, und mußte seine Unfähigkeit, sie zu unterstützen, einräumen; so gab er ihr die Papiere, das einzige Andenken, das an seinen Großvater noch vorhanden war, an den mannhaften, schwärmerischen Bibel-Butler. Jeanie hatte inzwischen seine Taschenbibel genommen und gab sie ihm jetzt wieder. »Ich habe mit Ihrem Bleistift einen Spruch bezeichnet, der uns beiden zum Heile sein kann. Teilen Sie dem Vater alles, was ich Ihnen gesagt habe, mit; denn Ihrer Fürsorge vertraue ich ihn, und hoffentlich bekommen Sie bald Erlaubnis, ihn zu besuchen. Und, Reuben, wenn Sie mit ihm diskutieren, so lassen Sie seine Meinung gelten, um Jeanies willen! Vor allem brauchen Sie keine lateinischen Worte und Sätze, denn er mag sie nicht, er ist eben noch einer vom alten Schlage. Lassen Sie ihn nur reden, damit er sich das Herz frei mache, denn das wird ihm am ehesten Trost bringen. Und dann noch ein anderes, Reuben! Dem armen Kinde im Kerker sagen Sie – ach! ich brauche Ihr liebes Herz ja nicht erst dazu aufzufordern – ihm sagen Sie, doch nein! Von ihr darf ich nicht sprechen, denn nicht mit Tränen will ich von Ihnen Abschied nehmen. Das wäre ein schlimmes Vorzeichen, Reuben. Doch nun leben Sie wohl, Sie teurer Freund! Gott segne Sie! Adieu, adieu!«
Fast schien es, als sei die Kraft, zu reden, zu denken, zu handeln, von ihm gewichen, als sie das Zimmer verlassen; in solchem hohen Maße hatte ihre jähe Erscheinung auf den erschöpften Mann gewirkt. Als unmittelbar darauf Saddletree eintrat und ihn mit Fragen überschüttete, gab er wohl Antwort, wußte aber kaum, was er gefragt worden. Endlich erinnerte sich der rechtsgewandte Herr, daß irgendwo eine Gerichtsverhandlung angesetzt sei, bei der er nicht fehlen dürfe. Butler, froh, ihn los zu sein, griff nach der Taschenbibel, das letzte Buch aufschlagend, worin Jeanie geblättert hatte. Zu seiner maßlosen Verwunderung fiel ein Papier heraus, das einige Goldstücke enthielt. Die mit Bleistift von ihr angestrichne Stelle war Vers 16 und 25 im 37. Psalm.
»Das wenige, das ein Gerechter hat, ist besser denn das große Gut vieler Gottlosen.«
»Ich bin jung gewesen und alt geworden, und habe noch nie den Gerechten verlassen gesehen oder seinen Samen nach Brot gehen.«
Tief ergriffen von der liebevollen Zartheit, die eigne Großmut in das Gewand göttlicher Hilfe zu kleiden, drückte er die Lippen auf das Gold, mit größerer Inbrunst als je ein Geizhals. Ihr nachzueifern in gottergebenem Vertrauen, war jetzt das höchste Ziel seines Strebens, und für seine erste Aufgabe sah er es an, David Deans von dem Entschlusse seiner Tochter in Kenntnis zu setzen, und, um dem alten Manne die Aussöhnung damit zu erleichtern, wog er jedes Wort, jeden Gedanken sorgfältig ab. Durch einen Bauern aus dem Dorfe, der hin und wieder mit Deans zu tun hatte, ließ er den Brief nach Edinburg tragen und persönlich bei Deans abgeben. Welchen Eindruck er machte, werden wir in einem spätern Kapitel sehen.
Viertes Kapitel