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Sie siegelte beide Briefe sorgfältig und brachte sie selbst zur Post, wo sie sich eingehend erkundigte, wann sie nach Edinburg abgingen und dort einträfen. Hierauf folgte sie gern einer Einladung der freundlichen Wirtin zum Essen und erklärte sich auch bereit, ihren Aufenthalt bis zum andern Morgen auszudehnen. Die wackre Frau war, trotzdem sie schon jahrelang den Gasthof zu den sieben Sternen in York führte, noch immer von all den vielen wunderlichen Vorurteilen ihrer Heimat erfüllt und bewies Jeanie darum auch so große Herzlichkeit, weil sie, wie Jeanie, aus Midlothian stammte; sie hatte soviel Teilnahme an der weiten Wanderung, die das Mädchen vorhatte, und erwies ihr soviel Gutes und Liebes, daß Jeanie, bei aller Vorsicht ihres Naturells, sich das Herz faßte, ihr alles zu offenbaren, was sie zu diesem Wagnis, zu Fuß von Edinburg bis London zu gehen, bestimmt hatte. Frau Bickerton – so hieß die brave Frau – schlug über all diesen schrecklichen Dingen die Hände über dem Kopfe zusammen; als sie sich aber wieder gesammelt hatte, gab sie Jeanie noch vielen guten Rat, fragte auch, wie es um ihre Geldmittel bestellt sei, die freilich zufolge der Spende, die sie ihrem Freunde Butler in die Heilige Schrift gelegt, und der Ausgaben für den Strohhut bereits bis auf fünfzehn Guineen zusammengeschmolzen waren.

Die Wirtin meinte, »wenn sie es sicher bis London brächte, möchte es wohl reichen,« und als Jeanie darauf sagte: »Sicher bis London?. O, außer dem Notwendigsten unterwegs will ich keinen Heller davon verausgaben, und es gewiß auch sicher aufbewahren.«

»Das glaube ich schon, mein Kind,« erwiderte die Frau, »aber die Straßenräuber und Wegelagerer zwischen hier und London! Bis jetzt hat Sie der Weg durch Land geführt, das von Zivilisation und größeren Ansprüchen ans Leben wenig oder gar nichts weiß, das wird aber hier anders, denn wir haben der Leute leider gar viel, die das viele, was sie zur Lebensführung brauchen, durch ihrer Hände Arbeit nicht zu verdienen imstande sind. Da versuchen sie es nun auf unredliche Weise, und ich weiß wirklich nicht, wie Sie sich weiterhin durchschlagen werden. Ja, könnten Sie acht Tage warten, da fahren unsre Wagen herauf, und ich könnte Sie dem John Bradwell anvertrauen, der Sie bestimmt in den Schwan mit doppeltem Halse nach London bringen würde. Aber nehmen Sie meinen Rat wahr, liebes Kind, und nähen Sie sich ihr Gold in ihr Leibchen ein und behalten sie in der Tasche bloß ein paar Guineen und das bißchen Silbergeld; denn an der Grenze von Pertshire, wenige Tagereisen von hier, treibt sich eine wilde Bande umher, der nichts Gutes zuzutrauen ist. Und wenn Sie in London sind, dann dürfen Sie auch nicht herumstehen und gaffen und fragen, ob jemand den Laden zur Distel wisse. Das machen Sie ja nicht, denn da würden Sie schön ausgelacht werden, und man würde gleich merken, daß Sie eben erst aus der Provinz kommen, und alles versuchen, Sie irre zu führen und zu bestehlen. Hier haben Sie die Adresse von einem ehrlichen Manne, der wohl alle ehrsamen Schotten kennt, die sich in London aufhalten; der wird Ihnen sicher sagen, wo Sie Ihre Verwandte antreffen.«

Jeanie bedankte sich bei der Frau aufs herzlichste; aber durch ihre Rede von Straßenräubern und Wegelagerern war sie so erschrocken und beunruhigt, daß sie nahe daran war zu weinen. Da aber fiel ihr ein, daß sie schon Ratcliffe vor ihnen gewarnt hatte, und sie zeigte der Wirtin den wunderlichen Paß, den ihr dieser gegeben. Frau Bickerton klingelte nicht – denn Klingeln kannte man damals noch nicht, sondern setzte eine kleine silberne Pfeife an den Mund, worauf eine Magd in die Stube trat. »Ruf mal den Aufwärter!« sagte Frau Bickerton. – Ein häßlicher Wicht mit verschmitzten Schielaugen und einem lahmen Beine zeigte sich auf der Schwelle. »Dick,« sagte die Wirtin zu ihm, »Du weißt ja auf der Landstraße Bescheid?«

»Kennst Du vielleicht so ein Ding wie das hier?« fragte Frau Bickerton und zeigte ihm das von Ratcliffe bekritzelte schmutzige Papier.

Der Aufwärter blinzelte, zog den Mund von einem Ohre bis zum andern, kratzte sich den Kopf und sagte: »Kennen? Hm, freilich, sofern es ihm keinen Schaden bringt.«

»Ihm Schaden?« fragte die Wirtin, »keineswegs, Dick; aber Dir soll's ein Glas Branntwein bringen, wenn Du uns sagst, wie es sich darum verhält.« –

»Nun, dann darf ich schon sagen, daß diesseits von Stafford jeder ordentliche Kerl auf der Heerstraße James Ratcliffes Paß kennt und ihn auch gelten lassen wird.«

»Aber was ist das für ein Mensch, James Ratcliffe?« fragte die Wirtin, »ich höre den Namen doch zum ersten Male.«

»Ja, was weiß ich?« antwortete der Aufwärter, »gemeinhin heißt er Väterchen Kliff und war in den letzten zwölf Monaten im Norden Hahn im Korbe, zusammen mit einem, den sie den schottischen Wilson nannten oder Andie Dandie; aber seit einiger Zeit ist er außer Landes, soviel ich weiß; sein Paß gilt aber trotzdem bei allen!«

Frau Bickerton gab ihm das versprochene Glas Branntwein, das er mit einem Zuge leerte, und ließ ihn gehen.

»Ich rate Ihnen, liebes Kind,« sagte sie zu Jeanie, »jedem groben Gesellen, den Sie treffen, das Stück Papier zu zeigen und es nicht aus den Händen zu lassen; es wird Ihnen sicher von Nutzen sein.«

Ein bescheidenes, aber kräftiges Abendbrot beschloß den Tag. Frau Bickerton aß tüchtig und trank ein Paar Krüge kräftigen Bieres dazu, setzte ein gutes Glas Negus darauf und klagte vorm Zubettgehen Jeanie ihr Leid, daß sie seit Jahren schon von schwerer Gicht geplagt sei, ohne zu wissen, woher sie solche Krankheit habe, von der sie doch, so lange sie oben im Schottischen gewesen sei, nie etwas gespürt habe, und von der in ihrer ganzen Familie, bis zu ihren Urvätern hinauf, nie ein Wort geredet worden sei. Jeanie hielt sich nicht für berechtigt, gegen die freundliche Frau über die Gründe, die ihrer Meinung nach die Krankheit habe, sich auszusprechen, beschränkte sich aber, trotz allem Zureden, auf ein wenig Gemüse und ein Glas frischen klaren Quellwassers.

Von Bezahlung wollte Frau Bickerton nichts hören, legte ihr nochmals ans Herz, mit dem Gelde recht vorsichtig zu sein, und sagte ihr, da sie so früh, wie Jeanie aufbrechen wollte, nicht auf den Beinen sein werde, aufs herzlichste Lebewohl.

Fünftes Kapitel

Als unsre Wandrerin am andern Morgen in aller Frühe aus dem Gasthof trat, fand sie Dick schon vor der Tür, der also entweder gar nicht zu Bett gegangen sein konnte oder mit dem ersten Hahnenschrei aufgestanden sein mußte. »He, guten Morgen, Mamsellchen!« rief er ihr nach, »nimm Dich in acht vor den Gunersbury-Felsen; wenn auch Robin Hood schon ins Gras gebissen hat, so fehlt's doch im Bewer-Tale noch lange nicht an Raubvögeln aller Art!« Jeanie sah ihm, wie wenn sie auf nähere Aufklärung warte, ängstlich ins Gesicht, aber Dick wandte sich mit listigem Seitenblicke zu seinen dürren Pferden und trällerte, während er sie mit der Striegel bearbeitete:

Der Robin war ein tapferer Schütz, Sein Pfeil schoß wie ein Feuerblitz, Und hieß Dich der Robin Rede stehn, Warum soll's Dir von uns aus besser geschehn?