In dem Wesen des Burschen lag nichts, was sie zur Fortsetzung der Unterhaltung hätte reizen können, und so setzte sie ihren Weg munter fort. Ein mühseliger Marsch brachte sie bis Ferrybridge, dem besten Gasthofe, damals wie jetzt, auf der Straße nach London von Norden her. Der Brief der Frau Bickerton, im Verein mit ihrem freundlichen schlichten Wesen, gewann Jeanie das Herz auch dieser Wirtin, die ihr günstige Gelegenheit verschaffte, mit einem Rückpostpferde bis Tuxton zu reiten, so daß sie am zweiten Tage von ihrem Aufbruch von York die größte Strecke bezwang, die sie bisher hatte hinter sich bringen können. Aber diese ungewohnte Art zu reisen, hatte sie so angegriffen, daß sie erst weit später als sonst am andern Morgen imstande war, ihre Wanderung wieder aufzunehmen.
Um 9 Uhr hatte sie die Ruinen des Newarker Schlosses hinter sich. Daß Jeanie kein Verlangen fühlte, sich in dem altertümlichen Bauwerk umzusehen, wird mir der Leser gern glauben, der meiner Charakterschilderung dieses eigentümlichen Mädchens gefolgt ist. Sie begab sich vielmehr nach dem ihr in Ferrybridge empfohlenen Gasthause, und während sie sich hier an einem Glase Milch erfrischte, trat die Magd, die sie bediente und mit aufmerksamen Blicken gemustert hatte, zu ihr und fragte sie, ob sie nicht aus Schottland sei und Deans heiße und unterwegs nach London in Gerichtsangelegenheiten sei?
Bei aller Schlichtheit ihres Charakters gebrach es ihr doch nicht an der den Schotten auszeichnenden Eigenschaft, vorsichtig im Umgange mit Menschen zu sein, die er zum ersten Male sieht, und sie begehrte von dem Mädchen, ehe sie ihm Antwort gab, zu wissen, wie sie zu diesen Fragen komme? Darauf sagte das Mädchen, es seien am Morgen ein paar Weiber hier gewesen, auch auf Wanderung begriffen, die sich nach einem Mädchen mit Namen Jeanie Deans bei ihr erkundigt und sie ihr genau beschrieben hätten.
Was sich der Mensch nicht erklären kann, hat immer etwas Beängstigendes für ihn, und so erging es auch Jeanie. Sie befragte sich umständlich nach den beiden Weibern, konnte aber von dem Mädchen nichts weiter in Erfahrung bringen, als daß die eine davon eine sehr alte, die andere noch eine junge Person gewesen sei, und daß beide Schottisch gesprochen hätten. Dadurch wurde Jeanie um nichts klüger; und von einem unerklärlichen Angstgefühl befallen, entschloß sie sich, bis zur nächsten Ortschaft Postpferde zu nehmen; da aber im Augenblick keine zur Stelle waren und der Knecht, der sie bringen sollte, lange auf sich warten ließ, besann sie sich eines andern, schämte sich ihrer Furchtsamkeit und setzte ihre Wanderung fort, zumal man ihr sagte, es sei bis kurz vor Grantham, dem nächsten Nachtquartier, das sie machen müsse, gerader Weg; dort aber käme sie an einem großen Berge, dem Gunersbury, vorbei. Darüber war Jeanie fast froh, denn Berge, sagte sie, hätte sie schon tagelang nicht mehr gesehen, und als sie den letzten blauen Gipfel aus dem Gesicht verloren, wäre es ihr zu mute gewesen, als ob der letzte Freund von ihr gewichen sei.
»Na, Jungfer,« sagte der Wirt, der gerade hinzutrat, »wenn Sie auf Berge so versessen sind, dann nehmen Sie sich nur den Gunersbury in Ihrem Bündel mit; wir würden froh sein, wenn wir ihn los wären, denn er ist der Ruin für all unsre Postpferde. Viel Glück zur Weiterreise! Sie scheinen ja ein mutiges Ding zu sein, aber ein bißchen Mut werden Sie schon brauchen können.«
»Hoffentlich treffe ich keine bösen Menschen dort?« fragte Jeanie.
»Na, Gott geb's,« erwiderte der Wirt, »aber Mangel hat's dort nicht daran, das dürfen Sie mir schon glauben. Wie Vater Kliff noch da war, haben sie bessere Zucht gehalten, jetzt marodiert jeder auf eigne Rechnung, und seitdem ist's gar schlecht geworden hierzulande. Nun, Kind, nehmen Sie einen guten Schluck mit auf den Weg. Vor Mitternacht werden Sie kaum was anderes als einen Trunk Wasser finden.«
Jeanie lehnte dankend ab und fragte, was sie schuldig sei?
»Schuldig?« rief der Wirt und wollte sich ausschütten vor Lachen, »na, das wär noch schöner! Sie haben ja kaum was verzehrt, und wenn man im Sarazenenkopfe für eine schmucke Jungfer, die nicht 'mal eine christliche Sprache redet, nicht ein Stück Brot und einen Schluck Bier mehr übrig hätte, dann täte er gescheiter, auf der Stelle einzupacken! Also noch einmal und ein andres Mal, denn aller guten Dinge sind drei, auf Ihr Wohl, liebe Jungfer, und dann Gottes Segen auf den Weg!«
Jeanie nahm von dem treuherzigen Gastwirte Abschied und setzte ihren einsamen Weg fort, hatte aber die öde Ebene, die sich am Fuße des Gunersbury dehnt und die, von Sumpf und Morast, dazwischen Gestrüpp und Buschwerk bedeckt, dort eine Art Bruch bildet, noch immer nicht hinter sich gebracht, als sich die Dämmerung einstellte. Von unsäglicher Angst vor Räubern und anderm schlimmen Gesindel befallen, beflügelte sie ihre Schritte, als sie Pferdetrab hinter sich vernahm. Unwillkürlich trat sie so weit auf die Seite, als der Sumpf neben der Straße ihr erlaubte; sie hoffte, ungesehen zu bleiben, aber als das Pferd näher kam, erkannte sie, daß ein paar Weiber drauf saßen, die eine auf einem Quersattel, die andere auf einem Reitkissen.
»Ei, guten Abend, Jeanie Deans,« rief ihr die vorderste zu, indem sie das Pferd ein wenig anhielt; »was sagst Du denn zu dem stattlichen Berge, der mit der Spitze zum Monde reicht? Meinst wohl, das sei das Himmelstor? Hinauf willst Du ja, nicht wahr? Na, vielleicht kommen wir heute nacht noch hin! Wenn bloß die Mutter nicht so faul wäre!«
Während die, die so gesprochen, sich mit halbem Leibe nach ihr herumdrehte, trieb die andere und, wie Jeanie jetzt sah, die ältere, sie zur Eile an. »Still doch,« rief sie ihr zu, »mondsüchtiger Balg! Was scherst Du Dich um Himmel oder Hölle?«
»Freilich, Muttchen, was schert man sich drum! was um den Himmel, wenn man Dich hinter sich hat; was um die Holle, wohin man immer kommt
zur rechten Zeit, fürs Feuer bereit, und zum ewigen Streit!
Na, Hengstchen, trab, trab, trab! Renne, als seist du der Besenstiel, auf dem zwei Hexen galoppieren!
Mit der Mütze am Fuß und dem Schuh auf der Hand, juchhe! Jag ich als Flamme durch Busch und Land, juchhe!«
Der Pferdetrab und die zunehmende Distanz erstickten den weiteren Gesang, aber noch eine ganze Zeitlang schallten die wilden, abgerissenen Töne über die Einöde her zu ihren Ohren. Von tausend bangen Besorgnissen gequält, blieb sie wie betäubt zurück. Sich in fremdem Lande auf so seltsame Weise, von so seltsamem Wesen ohne weitere Erklärung bei ihrem Namen gerufen zu hören, kam ihr schier übernatürlich vor. Sie setzte aber ihren Weg fort, und ihr gutes Gewissen, wie ihr Vertrauen auf die gute Sache, der sie diente, hatten ihr bald die Ruhe wieder gegeben, als sie gleich nachher wieder in Schreck und Angst gesetzt werden sollte. Aus einem Gebüsch neben der Straße sprangen zwei Männer hervor und traten ihr drohend in den Weg. Der eine, ein gedrungener, kräftiger Mensch, in einem schmutzigen Mantel, wie ihn Fuhrleute tragen, schrie sie an: »Steht und ergebt Euch!«
Der andere, eine große, hagere Figur, sagte: »Was weiß das Weib von unserm Komment? Sprich deutlich: Geld her, Dirne, oder das Leben!«
»Ich habe wenig Geld, meine Herren,« antwortete die arme Jeanie, ihnen das wenige reichend, das sie von ihrer eigentlichen Barschaft geschieden und für solchen besonderen Fall bereit hielt! »doch wenn Sie es mir armen Frauensperson nehmen wollen, dann muß ich es schon geben.« »Das langt nicht, Dirne,« rief der andere wieder, »oder meinst Du, wir trügen unsre Haut zu Markte um solcher Lappalie willen? Jeden Silberling wollen wir haben von Dir, und wenn Du nicht alles, was Du bei Dir führst, gutwillig herausrückst, dann ziehen wir Dich aus bis aufs Hemde!«
Sein Kamerad schien mit der Todesangst, die sich in Jeanies Gesicht malte, Mitleid zu haben.
»Nein, Tom,« sagte er, »das ist eine von den frommen Puritaner-Dirnen, der man aufs Wort glauben darf. Ich will Dir was sagen, Du,« rief er, dicht an sie herantretend, »guck mal zum Himmel 'nauf und sag, Du hättest keinen Heller weiter, und wir lassen Dich frei laufen.«