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Jeanie erkannte bald, so trübe auch das Licht war, das durch den Spalt in ihren Verschlag fiel, daß es von hier kein Entrinnen gab. Freilich war oben in der Wand eine Luke, aber sie war so schmal, daß es unmöglich war, sich hindurchzuzwängen, selbst wenn es ihr hätte gelingen können, bis dort hinauf zu klettern. Mißglückte die Flucht, so mußte sie sich schlechterer Behandlung gewärtigen, als sie schon hatte, und ehe sie also solches Wagnis unternahm, hielt sie es für klüger, eine günstigere Gelegenheit zu erspähen.

In dieser Absicht näherte sie sich der Lehmwand, die den Verschlag von der großen Scheune schied; einen Spalt in derselben, den ihr Auge zufällig fand, suchte sie nun mit den Fingernägeln behutsam zu erweitern, um einen Blick auf die Alte und auf die Räuber zu gewinnen. Bei der halberloschenen Glut saßen sie in eifriger Unterhaltung, die schreckliche Alte und der wilde Mann. Der Anblick machte ihr das Blut gerinnen, denn ein Gesicht übertrumpfte das andere in seinem Ausdrucke verhärteter Bosheit und Tücke.

Aber ihr Gottvertrauen hielt Jeanie aufrecht und bei klarem Verstande. Sie gedachte der Worte des heiligen Sängers: »Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, daß er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.« Und so gewann sie, trotz der Qual ihrer Lage, Fassung genug, den größten Teil des für sie bedeutungsvollen Gesprächs der beiden grausen Menschen zu belauschen, so leise dasselbe geführt wurde und so sehr es durchsetzt war mit Rotwelschworten.

»Du siehst, Weib,« sagte Frank, »daß ich Dein wahrhafter Freund bin. Daß Du mir damals die Feile zustecktest, die mir den Weg aus dem Loche in York zur Freiheit bahnte, vergeß ich Dir nicht; und Deinen Auftrag hab ich ausgeführt, ohne nach den Gründen zu fragen. Eine Liebe ist der andern wert. Madge, die immer wie ein Satan spektakelt, ist jetzt still, und Tom ist auf der Suche draußen nach dem Klepper. Den Augenblick, wo wir allein sind sollst Du wahrnehmen, mir reinen Wein darüber einzuschenken, wie es sich mit der Muckerdirne verhält, denn der Satan soll mir in den Brägen fahren, wenn ich leide, daß ihr was Uebles angetan werde, zumal sie vom Vater Kliff den Reisepaß bekommen hat.«

»Frank,« versetzte die Alte, »Du bist ein braver Kerl, aber für ein Handwerk, wie wir es treiben, zu weichen Gemüts. Das wird Dich noch ins Verderben stürzen. Paß auf! Ich seh Dich noch rücklings vom Hollbourn-Berge purzeln, weil Dich irgend ein Wicht verpetzt hat, dem Du das Messer nicht rechtzeitig in die Gurgel stießest.«

»Damit beschwatzt Du mich nicht, Alte!« versetzte er, »denn manchen netten Jungen, den ich gut kannte, haben sie schon beim Kragen genommen im ersten Sommer, den ich auf der Landstraße zubrachte, und bloß deshalb, weil er zu flink mit seinem Messer hantierte. Zudem könnte man ja, wenn man soviel auf dem Gewissen herumschleppte, sich keine zwei Jahre mehr in der Welt herumschleppen! Drum sage mir, wie das zusammenhängt, kurz und bündig, und was geschehen muß, um Dir auf anständige Manier zur Hand zu gehen!«

»Na, Frank, sollst's wissen,« antwortete die Alte: »aber vorerst nimm einen Schluck von dem Kümmel da, es ist eine gute Holländer Sorte.« Mit diesen Worten langte sie aus ihrer Tasche eine bauchige Flasche und goß dem Räuber einen tüchtigen Schluck in die Kehle, der ihm trefflich mundete. »Frank, auf einem Bein steht keiner, und doppelte Schnur hält besser als einfache! Also trink noch einmal!«

»Nein, nein!« wehrte er. »Will Dich ein Weib zu Schlimmem verleiten, dann ist's das erste, daß sie den Mann zum Trinken beschwatzt. Hol aber der Teufel allen Branntweinsmut! Was ich tue, will ich nüchtern tun. Dann wird's bloß um so besser.«

Ohne weitere Versuche, ihn zu beruhigen, sagte nun die Alte: »Nun, das Mädchen, weißt Du, ist auf dem Wege nach London.« Von dem Ende des Satzes konnte Jeanie weiter nichts als das Wort Schwester hören.

»Nun, das ist doch aller Ehren wert von dem Mädel,« meinte der Wegelagerer, so daß es Jeanie verstehen konnte, »ich möchte bloß wissen, was die Sache Dich angeht.«

»Gerade genug, sollt ich meinen. Entgeht das Balg in Edinburg dem Galgen, dann heiratet sie doch der Robertson.«

»Und was kann Dir dran liegen?«

»Was mir dran liegt, Du Tropf?« versetzte die Alte, »viel, sage ich Dir, viel; und ehe ich das zugebe, eher erwürge ich sie mit meinen beiden Händen; Madges Recht soll Madges Recht bleiben!«

»Madges Recht? .Tragen Dich Deine alten Augen nicht weiter? Meinst Du denn, der nähm ein albernes Stück, wie die Madge, zum Weibe? wenn es zutrifft, was Du von ihm gesagt, glaub ich's in aller Welt nicht, daß er es täte! Donner und Doria! Ein glorioser Einfall, ein Kalb wie die Madge, zur Frau zu nehmen!«

»Was redst Du, Du Beutelschneider, Du ausgefeimter Spitzbub, Du Galgenvogel, Du Lumpenmatz! Und wenn er sie nicht nehmen sollte, muß dann der andern der gebratene Täuberich ins Maul fliegen? Um keines andern als seinetwillen bin ich zur Bettlerin, und Madge, mein Kind, reif fürs Narrenhaus geworden! Aber ich weiß was von ihm, das ihn an den Galgen bringt, und wenn er tausend Leben hätte! An den Galgen! Ja, an den Galgen!« – Bei den letzten Worten fletschte sie grimmig die Zähne und rollte wild die Augen.

»Und warum bringst Du ihn nicht an den Galgen, ja, an den Galgen,« äffte Frank ihr höhnisch nach. »Darin läge doch Verstand, mehr Verstand, als Dein Mütchen zu kühlen an ein paar harmlosen Weibsbildern, die weder Dir noch Deiner Tochter was zuleide getan haben!«

»Weder mir noch ihr was zuleide?« wiederholte wild die Alte; »so, und die Rache, die kaufst Du für nichts?«

»Mag ihn der Teufel sich selber holen, wenn er Appetit nach ihm hat,« rief Frank, »aber hängen lasse ich mich, wenn mir die Brühe passen sollte, worin er ihn schmort.«

»Rache!« zischte die Alte, »Rache ist der schönste Lohn, der leckerste Bissen, mit dem uns Satan traktiert! Ha, wie hart hab ich dafür gekämpft, gelitten und gesündigt, und die Rache muß ich kosten, sonst gäb's keine Gerechtigkeit, mehr auf der Erde, und weder im Himmel noch in der Hölle!« Frank hatte sich mittlerweile seine Pfeife angesteckt und hörte die Wutausbrüche der alten Hexe mit Seelenruhe an. Um Aergernis daran zu nehmen, dazu war er zu abgehärtet im Bösen, und die leidenschaftliche Kraft zu fassen, die sich darin zum Ausdrucke brachte, dazu war er zu gleichgültigen Charakters, wenn es ihm nicht vielleicht auch an Verstand dafür fehlte.

»Aber, Mutter,« sagte er nach einer Weile, »dabei bleibe ich trotz alledem: wenn Du Dich durchaus rächen willst, dann läg doch der Kerl näher als die beiden Dirnen!«

Mit der Gier eines dem Verdursten nahen Wesens sog sie den Atem hinter: dann rief sie: »Ich wollt, ich könnt's! Ich wollt, ich könnt's! Aber ich kann's nicht, nein! Ich kann's nicht!«

Und warum kannst Du's nicht? He?« fragte Frank; »eine Lappalie war's, ihm wegen der Porteous-Geschichte zum Stricke zu helfen! Gott verdamm mich! Mehr Aufhebens könnten die in London auch nicht machen, wenn er die ganze englische Bank ausgeraubt hätte!«

»Ich kann's nicht,« wiederholte die Alte; »an dieser welken Brust hab ich ihn genährt,« – und sie kreuzte die Hände über der Brust, wie wenn sie ein Kind dran hielte – »und wenngleich er sich als eine Natter erwiesen hat, als ein böses Subjekt, mir und den Meinigen zum Unglück, wenn er auch mich zur Gesellin des Satans gemacht hat, wenn's einen Satan gibt, so kann ich ihm doch nicht ans Leben, nein! ich kann's nicht! Ich kann's nicht! Gedacht dran hab ich,« sagte sie, wie von einem Schauder geschüttelt, »auch versucht hab ich's; aber es war das erste Kind, das ich an der Brust hatte, und was ein Weib fühlt für ein solches Wesen, davon hat kein Mann einen Begriff.«

»Aber, Mutter, es heißt doch, gegen andre Kinder, die Dir in den Weg gerieten, hättst Du kein Mitleid gekannt? Ruhig, ruhig,« rief er hart, »hier bin ich Herr, und Auflehnung leide ich nicht!«