Die grimme Hexe hatte wieder nach dem Messer gegriffen, das an ihrer Hüfte steckte, ließ es aber, die Hand öffnend, fallen und rief mit teuflischem Grinsen:
»Machst wohl Witze, Junge? Wer wird Kinderchen anrühren? Madge, das arme Ding, hat Unglück gehabt mit dem einen, und das andre.« Was nun folgte, sprach sie so leise, daß Jeanie, so angstvoll sie auch lauschte, kein Wort verstehen konnte, als am Schlusse: »und so hat's, meines Wissens, Madge in ihrem Wahnsinn in den See geschmissen!«
Madge, die, wie gemeinhin Geisteskranke, einen lückenhaften Schlummer hatte, fuhr auf und rief: »Das lügst Du, Mutter! In den See geschmissen hab ich's nicht.«
»Still, Du Satansbalg!« keifte die Alte, »wirst die andre Dirne noch munter schreien! Wenn sie nicht gar schon gehorcht hat!«
»Das wäre schlecht!« rief Frank Lewitt und stand auf, um der Alten zur Tür zu folgen, die nach dem Verschlage führte.
»Steh auf, Balg,« schrie sie der Tochter zu, »oder ich renn' Dir das Messer durch die Türfüllung in Deinen Narrenbuckel!«
Es schien, als wenn sie ihre Drohung wahr machen wollte, denn sie fuhr mit dem Messer in einen Spalt hinein, und im andern Augenblicke schrie Madge auf, wich von ihrem Platze, und die Tür ging auf.
Die Alte hielt ein Talglicht in der einen, ein Messer in der andern Hand; der Räuber schritt ihr hinterher, ob in der Absicht, eine Gewalttätigkeit zu verhindern oder mit auszuführen, war zweifelhaft. Jeanies Retterin in diesem Augenblicke höchster Gefahr wurde ihre Geistesgegenwart; sie besaß Willensstärke genug, sich wie eine Schlafende zu stellen und, trotz ihres Schrecks, auch beim Atemholen den Anschein tiefster Ruhe zu wahren. Die grimme Alte fuhr ihr mit dem Licht vor den Augen hin und her, und die Furcht, die Jeanies Herz erfüllte, war so stark, daß sie meinte, die Gestalten der beiden feindlichen Personen durch die festgeschlossenen Lider zu erkennen; und doch wich die Kraft, sich nicht zu verraten, nicht von ihr.
Der Räuber betrachtete sie eine ganze Weile mit scharfem Blicke. Dann stieß er die Alte zurück und ging ihr hinterher. In der Scheune sagte er, zu Jeanies nicht geringer Beruhigung:
»Die Muckerdirne schläft ganz fest, als ob sie bei sich zu Hause im Bett läge, und nicht in solcher Höhle auf Stroh. Der Satan soll mich bei lebendigem Leibe holen, wenn ich begreife, was Dir's nützen soll. Immerhin will ich nach wie vor zu meinen Freunden halten und ihnen zu Gefallen sein, wo und wie ich kann; ich sehe ja, es ist ein schlechter Streich, aber es wird sich vielleicht machen lassen, daß ich sie bis zum Strande bringe und in Toms Boote drei bis vier Wochen halte, wenn Dir das recht ist? Aber daß ihr jemand was antut, Alte, das leide ich nicht, sei es wer es sei. Schlecht ist's ja, was Du vorhast, und grausam erst recht; und mir wär's schon lieber, Du und er, und Madge, wären mitsammen da, wo der Pfeffer wächst.«
»Aber schwatz doch keinen Unsinn, Junge,« erwiderte die Alte, »Du bist ein Gauner und bleibst einer, und recht willst und mußt Du eben behalten, das weiß ich ja. Mir liegt nichts dran, ob sie eine Stunde früher oder später in den Himmel hinauf kutschiert, ich pfeife drauf, ob sie krepiert oder länger noch in Psalmen flötet. Bloß die Schwester! Die Schwester!«
»Gut, Alte, und kein Wort mehr drüber! Tom kommt. Legen wir uns aufs Ohr und schlafen wir eine Stunde. Es wird uns gut tun.«
Sie warfen sich auf die Streu, und von jetzt ab herrschte Ruhe in der Scheune. Jeanies Augen fand der Schlaf noch lange nicht. Als der Tag graute, hörte sie, wie die beiden Räuber ihr Lager verließen, nachdem sie noch eine Zeitlang mit dem alten Weibe getuschelt hatten. Das Bewußtsein, jetzt nur mit Personen des eignen Geschlechts zusammen zu sein, gab ihr eine gewisse Beruhigung, und sie widerstand dem Bedürfnis, zu schlafen, nicht länger.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als sie wieder erwachte. Noch immer war Madge Wildfire in dem Verschlage, sagte ihr aber gleich mit der ihr eigenen irren Lebhaftigkeit guten Morgen.
»Du, weißt Du, Mädel, während Du im Lande der Träume wärest, sind hier schnurrige Dinge vorgegangen. Die Frone waren da; mein Muttchen haben sie weggeholt, wegen dem Weizenfelde, worin der Gaul gefressen hat. Sieh doch bloß, was für Hunde diese englischen Kerle sind, was für ein Wesen sie machen um ein paar Körner und ein paar Halme! gerade als ging's um Rebhühner und Hasen. Nein, Mädel, komm, wir wollen ihnen einen Streich spielen, wenn Du Lust dazu hast; wollen uns ein bißchen draußen im Freien umsehen. Hei! werden die einen Lärm anheben, wenn sie uns beide nicht mehr finden, aber um die Mittagszeit können wir wieder daheim sein, jedenfalls doch vor Einbruch der Nacht und einen Heidenspaß wird's setzen; komm, Mädel, komm! Oder willst Du erst frühstücken und Dich dann noch ein Weilchen aufs Stroh hauen, ist's mir auch recht! Brauchst Dich aber nicht vor mir zu fürchten, kannst ruhig mitgehn; ich tue Dir nichts an.«
Jeanie beteuerte, keinen Appetit zu haben, weder auf Speise noch auf Trank; und sie hätte gegen den Vorschlag, die Scheune zu verlassen, auch dann noch keinen Einspruch erhoben, wenn Madge Wildfire nicht bloß eine gutmütige Irre gewesen wäre, sondern wirklich gerast hätte. In der Hoffnung, sich durch solche Verstellung keiner Sünde schuldig zu machen, redete sie ihr sogar zu, sich gar nicht lange in dem Verschlage mehr aufzuhalten, sondern hinaus in den grünen Wald zu schweifen.
»Ich denke mir, Mädel,« sagte Madge, »daß es Dir nichts schaden wird, wenn Du der Sippe hier ein bißchen aus dem Gesichte kommst. Ich will ja nicht sagen, daß es böse Menschen seien, aber sie sind doch wunderlich, und seit wir in solcher Umgebung sind, Mutter und ich, kommt's mir immer vor, als seien wir gar nicht mehr gut daran.«
Hastig griff Jeanie nach ihrem Bündel und lief hinter ihrer Kameradin her, in den Wald hinaus; aber so sorglich ihre Augen spähten, wenn sie freien Blick auf das Bruch gewann, von Menschen oder einer menschlichen Behausung war nichts zu sehen; hin und wieder war wohl der Boden bebaut, aber zumeist sah sie bloß Gestrüpp oder Sumpf.
Schmeichlerisch, wie eine Wärterin zum Kinde spricht, das sie ihrem Willen gefügig machen will, fragte sie Madge, als sie erkannte, daß sie in dieser Wildnis keine Aussicht habe, ihren Weg wieder zu finden, ob es nicht besser sei, auf die Straße zu gehen? auf einem hübschen, breiten Wege lasse es sich doch besser ausschreiten als hier zwischen Dornen und Disteln.
Madge aber blieb, als sie diese Frage hörte, jäh stehen und heftete auf Jeanie einen argwöhnischen Blick, als errate sie, was diese in Wirklichkeit wolle. »Aha, Mädel!« rief sie, »hast wohl Lust, mich aus meinen Wäldern zu locken? Willst wohl Deinen Kopf durch Deine Füße in Sicherheit bringen?«
Einen Augenblick war Jeanie unschlüssig, ob sie der Andeutung nicht auf der Stelle folgen und ihr Heil in der Flucht suchen solle; aber sie wußte nicht, nach welcher Richtung sie sich wenden müßte, und war ihrer Sache auch insofern nicht sicher, als ihr die Wahnsinnige an Körperkraft doch vielleicht überlegen war. Darum leistete sie vorderhand noch Verzicht auf die Ausführung des Gedankens, der sie, je weiter der Tag vorrückte, desto hartnäckiger beschäftigte. Madge lief sehr schnell; und ihre Gedanken liefen ebenso schnell von einem Gegenstande zum andern, so daß sie bald wieder anfing, allerhand durcheinander zu schwatzen.
»An so schönem Morgen ist's doch gar zu schön im Walde, ach! und viel schöner als in einer Stadt. Hier schreit kein Rudel zerlumpter Rangen hinter einem her, als ob man ein Wundertier war, bloß weil man anders angezogen ist als sonst alles in der Stadt und keine so bleiche, häßliche Fratze hat. Freilich, Jeanie! auf Kleid und Fratze soll man sich nie was zu gute tun, das sind bloß Fallstricke, sonst hab ich viel drauf gehalten, Jeanie, gar viel! Aber was ist dabei herausgekommen für die arme Madge?«
»Weißt Du denn auch den Weg, Madge?« fragte Jeanie aus Furcht, sie werde sich noch tiefer in den Wald hinein und schließlich gar von der Heerstraße so weit verirren, daß es ihr nicht mehr möglich sein möchte, sie wieder aufzufinden.