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»Ich, und den Weg nicht kennen?« rief Madge, hell auflachend; »hab doch lange genug im Walde gehaust, daß ich Weg und Steg drin kennen muß! Freilich ist's gewesen vor dem Unglück, das über mich kam, und da könnt ich wohl manches vergessen haben; aber es gibt Dinge, die vergißt ein Mensch nie, und Madge vergißt ihren Wald im Leben nicht, das kann ich Dir sagen, Mädel!«

Sie gerieten immer tiefer in das Dickicht hinein und kamen an eine Stelle, wo um einen kleinen Rasenhügel herum die Bäume eine Art Rundell bildeten. Da geriet Madge plötzlich ganz außer sich, schlug die Hände vor das Gesicht und fing an, mörderlich zu schreien; dann sank sie wie ein Klotz über den Hügel hin und blieb darauf liegen.

Jeanies erster Gedanke war, den günstigen Moment für die Flucht wahrzunehmen; im andern Augenblick aber siegte ihre Menschenliebe über diesen selbstsüchtigen Drang; es erschien ihr gewissenlos, die arme Wahnsinnige ohne Beistand hier umkommen zu lassen, und mit einer, in ihrer Lage bewunderungswürdigen Aufopferung blieb sie und bemühte sich um das arme, verlorene Geschöpf, suchte es zu trösten und geistig und leiblich aufzurichten. Nach Aufwendung vieler Mühe gelang es ihr endlich, und da nahm sie mit Erstaunen wahr, daß sich die sonst so blühende Farbe von Madges Gesicht in Leichenblässe verwandelt hatte, und daß ihr Gesicht in Tränen schwamm. Jeanie fühlte sich tief durch diesen Anblick ergriffen, um so mehr als sie in dem wild umherschweifenden Gemüte der armen Irren eine gewisse Zuneigung durchschimmern sah, die von ihr Dankbarkeit forderte.

»Laß mich allein! Laß mich allein!« rief Madge, als ihr Schmerz zu schwinden begann; »mir ist's wohl, wenn ich weinen kann. Tränen sind eine Seltenheit bei mir, sie kommen nur ein paarmal im Jahre; dann gehe ich zu diesem Rasenhügel, ihn damit zu netzen, weil vom Tränennaß die Blumen am schönsten gedeihen und das Gras das lieblichste Grün annimmt.« »Aber, Madge, was ist Dir nur?« sagte Jeanie; »warum weinst Du denn so bitterlich?«

»Ach, Mädel,« klagte die Irre: »dazu hab ich wohl Grund, gar tiefen Grund! Mehr, mehr als mein armer Sinn tragen und aushalten kann. Warte bloß ein Weilchen noch, Mädel, dann will ich Dir alles, alles sagen, wie es gewesen. Denn, Jeanie, weißt Du, ich bin Dir gut, glaub's mir, Du hast so was Sanftes, und doch so was Festes an Dir, und alle Leute in Edinburg haben bloß Gutes von Dir gesprochen, und ich denke immer noch an den Trunk Milch, den Du mir damals gabst, als ich vierundzwanzig Stunden lang auf Arturs Sitz herumgestiegen war, um nach einem Schiffe zu sehen, das jemand von der Küste hinweg trug.«

Jetzt erst besann sich Jeanie darauf, daß ihr einmal früh am Morgen ein irres, halbverhungertes Mädchen in den Weg gekommen war, dicht vor ihres Vaters Hütte, über das sie sich erst erschrocken, das sie aber dann, aus Mitleid, mit Speise und Trank gestärkt hatte; und dieser Zug von Barmherzigkeit sollte ihr jetzt zum Segen gereichen ..

»Ja,« sagte Madge wieder, »ich will Dir alles sagen, alles, wie es zugegangen ist, denn Du bist eines frommen Mannes Tochter und kannst mir vielleicht den Weg zeigen, den ich wandeln muß; denn lange genug bin ich in den sengenden Wüsten des Aegypterlandes herumgeirrt und in den Wildnissen des Berges Sinai, und es hat mir nicht zur Freude gereicht, auch nicht zum Troste. Aber, Mädel, wenn meine Gedanken darauf geraten, dann überkommt mich die Scham und ich möchte die Lippen schließen für immer ..« Sie blickte in die Höhe und lächelte. »Sonderbar! Ich habe mit Dir in den paar Minuten mehr Gutes gesprochen, als ich's mit der Mutter in ebensoviel Jahren nicht zu Wege brächte! Manchmal möcht ich's, manchmal drängt's mich dazu; aber dann fährt der Satan über mich und fegt mir mit seinen schwarzen Fittichen über die Lippen, daß all meine guten Vorsätze zum Teufel gehen, und dann kommen mir wieder die sündigen Lieder ins Gedächtnis, und mein Sinn neigt sich zu Leere und Eitelkeit.«

»Such Dich doch zusammenzunehmen, Madge,« mahnte Jeanie die Arme, »und klaren Sinnes zu werden, dann wird's Dir auch leichter ums Herz sein. Widerstehe nur dem Teufel tapfer, und er weicht von Dir! Mein frommer Vater sagt immer, es sei kein Teufel so arg wie unsre eignen unstäten bösen Gedanken.«

»Mädel,« rief Madge, in die Höhe fahrend, »das ist wahr, nur allzu wahr, und drum will ich gleich einen Weg gehen, wohin mir kein Teufel folgen kann. Aber Du wirst ihn gern mit mir gehen, bloß muß ich mich an Deinem Arme festhalten, denn sonst könnte Apollyon mir über den Weg kommen und mich hindern, wie er's dem Pilger auf seiner Wallfahrt angetan hat.«

Sie hing sich fest an Jeanies Arm, und bald kamen sie, zu Jeanies nicht geringer Freude, an einen gangbaren Pfad, mit dessen Krümmungen Madge wohlvertraut zu sein schien, denn sie schritt fest und zuversichtlich weiter. Jeanie versuchte, die Unglückliche bei ihren guten Regungen festzuhalten, aber ihr irrer Geist war schon wieder davon gewichen; glich er doch so ganz einem Haufen dürrer Blätter, die wohl eine Weile lang still auf einem Flecke liegen, aber vom leisesten Windhauche bewegt und verjagt werden. Jetzt war ihr Sinn ausschließlich bei der Pilgerfahrt, und mit großer Zungenfertigkeit schwatzte sie: »Hast Du sie schon gelesen, die Pilgerfahrt von Bunyan?. O, ein schönes Buch, Kind! ein schönes Buch! Du könntest die Maria draus sein, die Frau, und ich das Mädchen, die Magdalena. Du weißt ja, die Magdalena war schöner als die andere, und hätt ich meinen kleinen dürren Hund noch, so wäre auch Goodheart vertreten, denn der war grade so frech wie mein kleiner Kläffer. Die Frechheit hat ihm den Tod gebracht, denn eines Morgens fiel ihm ein, Max Alpin, den Korporal, in die Waden zu beißen, und dafür schleppten sie mich auf die Wache und dort erschlug mir der Korporal den Hund mit seinem Beile. Hol den alten Hochländer dafür der Teufel!«

»Ach pfui, Madge! Du solltest solch böses Wort nicht über Deine Lippen bringen!« sagte Jeanie.

»Aber so ist's doch hergegangen, Mädel!« sagte Madge, »der arme nette Shnog! Es tat mir so weh, als ich ihn krepiert im Rinnstein liegen sah. Aber vielleicht war's ganz gut für ihn, daß er so schnell krepierte, denn er hat sein Lebtag kaum was anders als Hunger und Durst gekannt und hätte vielleicht 'mal verhungern müssen, das arme niedliche Vieh! Im Grabe findet alles seine Ruhe, ob Hund, ob Kind!«

»Dein Kind?« fragte Jeanie weich.

»Ja doch, meins,« erwiderte sie verdrießlich; »warum sollt' ich nicht auch ein Kind haben wie andre? und warum nicht auch eines verlieren,« setzte sie heftig hinzu, »wie Dein niedliches Schwesterchen, die Lilie von Sankt-Leonard?«

Diese Antwort erschreckte Jeanie, und sie gab sich alle Mühe, den Mißmut zu beseitigen, den sie durch ihre Frage, ohne es zu wollen, geweckt hatte. »Es tut mir recht leid um Dich, Madge.« »Leid tun?« wiederholte Madge, »was denn? Das Kind war zum Segen gewesen wär nicht die Mutter gewesen; aber die Mutter, die Mutter ist ein schlimmes Weib! Laß Dir sagen, da war ein alter Kerl im Lande, mit einem kleinen Hut auf dem Kopfe, und einem dicken Beutel voll Gold. O, ich hätt was drum gegeben, wenn Du den mal hättest watscheln sehen, ein Bein hierhin, ein Bein dorthin, als wenn sie nicht einem allein gehörten. Ich hab mich immer ausschütten wollen, wenn der schmucke Georg ihm nachäffte. Ach, Mädel, mir ist's, als hätt ich damals viel froher, wenn auch nicht soviel gelacht, als jetzt!«

»Und wer war der schmucke Georg?« fragte Jeanie, ängstlich gespannt, denn daß im Leben dieser armen Irren Dinge vorgegangen, die mit dem Leben ihrer Schwester in so seltsamem Zusammenhange standen, hätte sie nun und nimmer vermutet.

»O, das war ja Georg Robertson! der Edinburger Robertson! Aber sein rechter Name ist das auch nicht. Mädel! Was geht das Dich an?« rief sie, sich plötzlich besinnend; »warum fragst Du mich aus nach anderer Leute Namen? Oder soll ich Dir, wie Mutter immer sagt, das Messer schleifen zwischen Deinen Rippen?« – In ihrer Sprache und ihrer Gebärde kam ein solches Maß von Wildheit zum Ausdruck, daß Jeanie es für geraten hielt, ihr zu beteuern, sie habe bei der Frage nicht die geringste Absicht verfolgt, wodurch sich Madge beruhigen ließ. »Jeanie, merk Dir, nach anderer Leute Namen mußt Du mich nicht fragen! Dabei kommt nichts heraus, und das ist auch nicht artig. Bei der Mutter sind manchmal über ein Dutzend Menschen gewesen, und es hat doch keiner den andern nach seinem Namen gefragt. Das war auch immer Papa Kliffs Rede, so was zu tun sei die größte Unhöflichkeit auf der Welt, das täten die Herren vom Rat und Gericht schon genug, die kämen immer mit dergleichen blöden Fragen, ob man den oder jenen kenne, ob man wisse, wie er heiße, ob er überall so, heiße, und so weiter. Wenn man aber Namen nicht weiß, dann hört alles Gerede ganz von selbst auf.«