Diese Gunst eines unzufriedenen, kriegslustigen Volks im Verein mit der dem Herzog eignen freien und oft stolzen Weise war wenig geeignet, ihn am Hofe beliebt zu machen; er genoß wohl Achtung, wurde, wo man ihn brauchte, berufen, galt aber nicht als Günstling. Sein Verhalten bei der Porteous-Affäre, sein lebhafter Widerstand gegen alle gewaltsamen Maßregeln, durch die man Edinburg demütigen wollte, hatte ihm sogar den besonderen Unwillen der Königin Karoline zugezogen, während ihm alle Edinburger dafür, daß es seinen Bemühungen schließlich doch gelungen war, die Strafe auf eine Geldbuße zu beschränken, die die Stadt an die Witwe des gemordeten Hauptmanns entrichten mußte, sich tief zu Dank verpflichtet fühlten.
Der Herzog saß allein in seinem Bücherzimmer, als ihm gemeldet wurde, daß ihn ein Landmädchen aus Schottland zu sprechen verlange.
»Ein Landmädchen? Aus Schottland?« rief er; »was mag denn das dumme Ding hierher geführt haben? Sicher doch, weil man ihr den Liebsten genommen und zum Matrosen gepreßt hat, oder weil ihre Angehörigen Geld in Südsee-Papieren verloren haben, oder sonst eine wichtige Angelegenheit dieser Art. Da muß dann immer der Mac Callumore herhalten! Volksgunst hat nämlich auch Unannehmlichkeit im Gefolge! Aber laß sie nur heraufkommen, unsere kleine Landsmännin, Archibald. Sie länger noch warten zu lassen, wäre ja unhöflich.«
Ein Mädchen, über die erste Jugend hinaus, von nicht großer Figur, mit einem Gesicht, zwar nicht schön und sonnenverbrannt, doch mit einem wohltuenden Ausdrucke sittsamer Bescheidenheit, gekleidet in echt schottische Tracht, mit dem großen Umschlagetuch, das ihr halb den Kopf bedeckte, halb über die Schultern zurückfiel, wurde in das glänzende Zimmer des Herzogs geführt. Eine Fülle von schönem Haar, einfach und anmutig geordnet, zierte ihr rundes, freundliches Gesicht, dem das wichtige Anliegen, das sie zu einem so hohen Herrn führte, und die tiefe Ehrfurcht vor demselben, fern jedoch von sklavischer Unterwürfigkeit oder blöder Schüchternheit, einen eigentümlichen Ausdruck von Hoheit verliehen. Sie blieb auf der Schwelle stehen, machte einen tiefen Knicks und legte, wie bittend, ohne aber eine Silbe zu sprechen, die Hände über der Brust zusammen. Der Herzog trat auf sie zu, und während sein edler Anstand, sein reiches, mit Orden geschmücktes Gewand, sein scharfer, von hoher Intelligenz kündender Blick die Verwunderung des schlichten Naturkindes erregten, fühlte er selbst sich nicht minder von dessen bescheidenem Wesen angezogen.
»Du willst mit mir sprechen, Kind?« fragte, durch den Gebrauch des »Du« bemüht, ihre beiderseitige Landsmannschaft hervorzuheben, der Herzog; »oder vielleicht mit der Herzogin?«
»Euer Gnaden, Mylord, – Eure Herrlichkeit wollte ich sagen,« verbesserte sie sich.
»Und welches Anliegen führt Dich zu mir?« fragte er in demselben milden Tone wie zuvor.
Jeanie sah sich nach dem Lakaien um, der noch im Zimmer stand. Der Herzog bemerkte den Blick.
»Verlaß uns, Archibald, und warte im Vorzimmer,« sagte er, worauf der Diener ging.
»Und nun setze Dich nieder, Kind, komm zu Atem, und dann sage mir, was Dein Herz bedrückt. Aus Deiner Kleidung sehe ich, daß Du geradeswegs aus unserm lieben alten Schottland kommst. – Bist Du mit Deinem Umschlagetuch durch die Straßen gegangen?«
»Nein, Herr,« sagte Jeanie, »eine gute Freundin hat mich in einer der Mietskutschen hergefahren, wie sie hier Mode sind. – Eine brave, anständige Frau,« fügte sie hinzu, denn je länger sie ihre Stimme hier hörte, desto größer wurde ihr Mut solchem vornehmen Herrn gegenüber; »Eure Herrlichkeit kennen Sie, Frau Glas, die den Laden zum Dornbusch hält!«
»Ach, die liebe Frau Glas!« rief der Herzog, »wenn ich meinen schottischen Schnupftabak bei ihr hole, schwatzen wir immer ein Weilchen. Aber, Mädchen, was führt Dich denn zu mir? Zeit, Ebbe und Flut warten, wie Du weißt, auf niemand.«
»Eure Herrlichkeit, bitte um Verzeihung, Mylord – Euer Gnaden wollte ich sagen,« – denn Frau Glas hatte ihr eingeschärft, den Herzog ja nicht anders anzureden – Jeanie hatte aber bislang, außer mit dem Laird Dumbiedike, noch mit keinem vornehmen Herrn gesprochen, – und so war es nicht eben verwunderlich, daß sie die »Herrlichkeit« mit der »Gnaden« durcheinander brachte.
Der Herzog bemerkte ihre Verlegenheit und sagte in der ihm eigenen leutseligen Weise: »Es tut nichts, Kind; sprich nur gerade zu, und tu Deiner schottischen Zunge keinerlei Zwang an.«
»Ach, vielen Dank, Herr; ich bin die Schwester einer armen, unglücklichen Gefangenen, Herr, die Schwester von Effie Deans, die in Edinburg zum Tode verurteilt worden ist.«
»Ah!« sagte der Herzog, »davon habe ich, dächte ich, schon gehört. Das Mädchen ist des Kindesmordes angeklagt und auf Grund eines Parlamentsbeschlusses verurteilt. Ja, ja, es wurde kürzlich bei Tische davon gesprochen.«
»Und ich bin vom Norden heruntergekommen, Herr, um ihr Begnadigung auszuwirken.«
»O, Du armes Ding, da hast Du eine lange mühsame Reise umsonst gemacht. – Deiner Schwester ist das Urteil gesprochen, und da gibt's keine Hilfe mehr.«
»Aber es ist mir gesagt worden, es gäbe ein Gesetz, nach welchem sie, wenn der König es will, begnadigt werden könne.«
»Gewiß gibt es ein solches Gesetz, allein nirgendswo geschrieben als in des Königs Brust. Das Verbrechen, das Deiner Schwester zur Last gelegt wird, ist in Schottland häufig vorgekommen, und so hält man ein warnendes Beispiel für nötig. Zudem ist wegen der jüngsten Unruhen in unserer Hauptstadt die Regierung gegen unser ganzes Volk sehr eingenommen, und glaubt blutige Strenge anwenden zu müssen. Welchen anderen Grund, mein armes Kind, als schwesterliche Liebe kannst Du ins Feld dagegen führen?«
»Nein, außer Gott und Eurer Durchlaucht niemand,« sagte Jeanie beherzt.
»Ach,« sprach der Herzog, »da möchte ich fast sagen, daß es kaum noch andere gäbe, deren Einfluß bei Königin und Staatsministern geringer wäre. Es gehört zu den Annehmlichkeiten unseres Standes, mein Kind, ich meine zu denen der Leute in meiner Lage, daß man ihnen eine Gewalt zuschreibt, die sie nicht besitzen. Aber ich will Dich nicht mit Hoffnungen täuschen, die Du auf meinen Einfluß zu setzen scheinst. Ich kann Deiner Schwester Schicksal nicht ändern. Sie ist zum Tode verurteilt und muß den Tod erleiden.«
»Wir müssen alle sterben, Herr, das ist unser allgemeines Los, um der Sünde unserer Väter willen. Allein es soll keiner des anderen Tod beschleunigen, und das wissen Euer Gnaden besser als ich.«
»Mein Kind,« sagte der Herzog mild, »wir Menschen sind alle geneigt, das Gesetz zu tadeln, unter dem wir gerade leiden. Du scheinst mir aber für Deinen Stand recht wohl erzogen, wirst also wissen, daß es göttliches und menschliches Gesetz ist, daß, wer einen Mitmenschen ums Leben gebracht hat, zur Strafe dafür vom Leben zum Tode gebracht wird,«
»Aber, Herr, Effie, – meine arme Schwester, Herr, – hat nicht gemordet, und wenn sie keine Mörderin ist, und das Gesetz sie dennoch vom Leben zum Tode bringt, wer ist dann Mörder?«
»Ich bin kein Jurist,« sagte der Herzog, »lasse aber gern gelten, daß dem Gesetzesparagraphen, unter dem Deine Schwester leidet, ein sehr strenger Charakter innewohnt.«
»Aber Sie sind mit Gesetzgeber, Mylord, haben also Macht über das Gesetz.«
»Nicht als einzelner,« sagte der Herzog, »sondern nur, als Mitglied des gesetzgebenden Körpers dieses Landes, eine Stimme zusammen mit vielen. Das kann Dir jedoch nicht helfen, Kind; auch ist zur Zeit, wie ja nicht unbekannt, in London und bei Hofe mein Einfluß auf den Landesherrn nicht gerade weither, und auch nur eine geringfügige Gunst von ihm zu fordern, möchte ich mir ohne ganz besonderen Anlaß nicht beikommen lassen. Was und wer hat Dich veranlaßt, mit solchem Anliegen grade mir zu nahen?« .