»Sie selbst, Mylord.«
»Ich selbst?« sagte er; – »ich könnte mich nicht, besinnen, Kind, Dich jemals zuvor gesehen zu haben.«
»Nein, Mylord! Allein jedermann im Lande weiß, daß der Herzog von Argyle Schottlands Freund ist, für Recht und Gesetz kämpft, und für Recht und Gesetz eintritt. Drum suchen alle, die sich im Unrecht wähnen, Zuflucht bei Ihnen, Mylord, und wenn Sie es ablehnen, für das Leben einer unschuldigen Landsmännin sich zu verwenden, was dürfen wir dann erhoffen von Fremden und Ausländern? Uebrigens hat mich wohl noch ein weiterer Grund darauf gebracht, Euer Gnaden mit solchem Anliegen zu nahen.«
»Und was für ein Grund ist das?«
»Mein Vater hat oft davon gesprochen, daß Euer Gnaden Vorfahren in den Zeiten, da unser Vaterland unter schwerer Verfolgung litt, ihr Leben auf dem Hochgericht gelassen haben. So Ihr Großvater, Mylord, und auch Ihr Urgroßvater. Auch mein Vater hat schwer gelitten für die gute Sache, wie in Peter Walkers des Krämers Buche zu lesen steht, was Euer Gnaden, die in Schottland so gut bekannt sind, recht wohl wissen werden. Und einer von den wenigen, die Anteil an mir nehmen, hat mir gesagt, ich solle zu Euer Gnaden gehen, denn sein Großvater habe Euer Gnaden gnädigem Großvater einen erheblichen Dienst geleistet, wie aus den Papieren, die er mir mitgegeben, zu ersehen sei.«
Bei diesen Worten überreichte sie dem Großherzog das kleine Schriftenbündel, das Reuben Butler ihr gegeben hatte.
Der Herzog löste die Schnur davon und las nicht ohne Staunen auf dem Umschlag: Musterrolle der Mannschaften, die unter dem Hauptmann Salathiel Bangtext gedient haben: Obadiah Muggleton, sündiger Rottenführer; Gips, Getreuer im Glauben; Thwack, gewandt in allem, was recht ist; fürwahr, alles Namen aus Cromwells bibelfesten Rotten! Was aber soll mir das bedeuten, Kind?«
»Das andre Papier, Mylord, ist das richtige,« sagte Jeanie, leicht beschämt über den Irrtum.
»O, sicher, das ist die Handschrift meines unglücklichen Großvaters! Und was schreibt er? – Allen, die dem Hause Argyle Wohlwollen,« las jetzt der Herzog, »bezeuge dies, daß Benjamin Butler von den Monkschen Dragonern mit Gottes gnädiger Hülfe mich aus den Händen von vier englischen Reitern errettet hat, die nahe daran waren, mir das Lebenslicht auszublasen. Da ich jetzt nicht im stande bin, ihm meine Dankbarkeit zu beweisen, gebe ich ihm das Zeugnis hier in der Hoffnung, daß es ihm in diesen unruhigen Zeiten noch einmal nützlich sein möchte, und beschwöre meine Freunde, Pächter, Verwandte und alle, die mir wohlwollen und imstande sind, etwas für mich zu tun, besagtem Benjamin Butler und seinen Nachkommen und Angehörigen in allen vor Gott gerechten Dingen beizustehen, und ihm allen mit Recht und Gesetz vereinbarlichen Schutz zu gewähren, zur Vergeltung dessen, was er an mir getan. Urkunddessen setze ich meine Namensschrift als Zeugnis hierher. Lorne.
»Dies ist freilich ein Zeugnis, dem ich mich beuge, Kind! – Benjamin Butler war wohl Dein Großvater? Um seine Tochter zu sein, scheinst Du doch zu jung, Kind!«
»Es war kein Verwandter von mir, Mylord, sondern der Großvater eines jungen Mannes aus der Nachbarschaft, der es gut, recht gut mit mir meint, Mylord.« Sie machte einen sittsamen Knicks, als sie dies sagte. »O, ich merke, ich merke, eine Herzenssache! Benjamin Butler war der Großvater eines Mannes, mit dem Du versprochen bist?«
»Versprochen war, Mylord,« sagte Jeanie mit schmerzlichem Seufzer; »aber der unglückliche Fall mit meiner Schwester –«
»Was?« fiel der Herzog ihr hastig ins Wort, »er hat Dich doch deshalb nicht sitzen lassen? Das will ich nicht hoffen, um seinetwillen nicht hoffen!«
»Nein, Mylord: Er wäre sicher der letzte, der den Freund in Not verließe. Aber an mir war es, auf sein und nicht bloß mein Bestes zu denken. Er ist Geistlicher, Mylord, und mich zu heiraten, nachdem solche Schmach über mich und die Meinigen gekommen, hatte sich für einen Mann seines Standes wohl kaum geschickt.«
»Du scheinst mir ein wunderliches Mädchen,« sagte der Herzog: denn Du denkst, wie mir vorkommt, an alle andern eher als an Dich selbst. Und Du bist wirklich zu Fuß von Edinburg hierher gewandert, um es mit diesem hoffnungslosen Anliegen für Deine Schwester zu versuchen?«
»Nicht ganz, Mylord, zuweilen habe ich einen Platz auf einem Frachtwagen gefunden, von Ferrybridge ab hatte ich ein Pferd, und von dort bin ich in der Landkutsche –«
»Laß gut sein,« fiel ihr der Herzog ins Wort. »Welche Umstände bestimmen Dich, Deine Schwester für unschuldig zu halten?«
»Daß sie der Schuld nicht überführt worden, wie aus diesen Schriftstücken hervorgeht.«
Jeanie übergab dem Herzog die protokollierten Zeugen-Aussagen, nebst der von ihrer Schwester gemachten Aussage, die sich Butler gleich nach ihrer Abreise durch Saddletree verschafft und nach London an Frau Glas geschickt hatte, wo Jeanie sie bei ihrem Eintreffen vorfand.
»Setze Dich solange, bis ich diese Schriftstücke durchgesehen, auf den Stuhl, mein Kind,« sagte der Herzog.
Jeanie gehorchte, mit höchster Angst nach jedem Wechsel seiner Miene spähend, solange er die Papiere durchging; hie und da unterstrich er eine Stelle, las manche Stelle ein paarmal, dann blickte er auf, im Begriff, etwas zu sagen, änderte jedoch seinen Vorsatz, als befürchte er, seine Meinung allzurasch zu äußern, las ein paar Stellen noch einmal, und zwar, wie Jeanie sah, diejenigen, die er als besonders wichtig unterstrichen hatte. Nachdem er noch einige Minuten in tiefem Sinnen gesessen, erhob er sich und sagte: »Mein Kind, es ist wirklich ein hartes, recht hartes Urteil, das über Deine Schwester gefällt worden ist.«
»Gott segne Sie, Mylord, für dieses Wort!« sagte Jeanie.
»Es scheint dem Geiste britischen Gesetzes zuwider,« fuhr er fort, »als wahr anzunehmen, was nicht erwiesen ist, oder ein Verbrechen mit dem Tode zu strafen, das trotz allem, was vom Staatsanwalt vorgebracht worden, vielleicht doch nicht begangen worden ist.«
»Gott segne Sie für solche Worte, Mylord,« rief Jeanie abermals; sie war aufgestanden, mit verschlungenen Händen, bebenden Lippen und nassen Augen, gierig nach jedem Worte aus dem Munde des Herzogs haschend.
»Aber, aber mein gutes Mädchen,« fuhr er fort, »was hilft Dir meine Ansicht, wenn sie nicht von denjenigen geteilt wird, in deren Händen Deiner Schwester Leben liegt? Indem bin ich, wie schon gesagt, kein Jurist und muß deshalb erst mit einigen unserer schottischen Rechtsgelehrten über den Fall sprechen.«
»O, Mylord, was Euer Gnaden recht und billig erscheint, wird es auch ihnen sein.«
»Wer weiß! Jeder knüpft sich den Gurt nach seiner Art, wie unser schottisches Sprichwort sagt, das Du ja kennen wirst. Aber Du sollst mir nicht vergebens Zutrauen geschenkt haben. Laß mir diese Schriftstücke da, Du wirst morgen oder übermorgen von mir hören. Halte Dich bereit, auf der Stelle zu mir zu kommen, wenn ich schicke. Daß Frau Glas Dich begleite, ist unnütz. Aber es wäre mir lieb, hörst Du, wenn Du in der gleichen Tracht kämest wie heute.«
»Ich hätte einen Hut aufgesetzt, Mylord,« sagte Jeanie, »aber Euer Gnaden wissen ja, daß ihn ledige Frauen in Schottland nicht tragen, und ich dachte,« sie sah nach dem Zipfel ihres Tuches, »soviele Meilen weit von der schottischen Heimat möchte der schottische Schleier vielleicht Euer Gnaden Herz erwärmen.«
»Darin hast Du nicht geirrt, Kind,« erwiderte der Herzog; »ich kenne den vollen Wert des jungfräulichen Haarschmucks; und Mac Callumores Herz muß erst im Tode erkaltet sein, wenn es der Anblick des schottischen Schleiers nicht mehr erwärmt. – Geh nun, Kind, und sorge, daß man Dich zu Hause finde, wenn ich schicke.«