»Was soll denn das arme Ding in der Fremde anfangen?« rief die Frau Glas; »da legt es ja der Kronanwalt direkt drauf an, daß sie in ihre alten Sünden zurückverfällt. Er sollte doch gerade befürworten, daß sie unter die Aufsicht der Ihrigen gestellt werde.« – »Das sind Fragen, liebe Frau,« erwiderte der Herzog, »die uns erst später zu befassen brauchen. Warum sollte sie nicht in London ihr Brot finden? Warum sollte sich ihr nicht Gelegenheit bieten, eine Heirat in Amerika zu machen? Dort braucht von dem, was hier vorgefallen, ja niemand was zu erfahren.« – »Ja, Eure Herrlichkeit,« erwiderte Frau Glas, »es ginge freilich an mit einer Heirat, und da fällt mir ein, daß mein alter Geschäftsfreund in Virginien, von dem ich nun schon vierzig Jahre meinen Laden equipieren lasse, mir schon seit zehn und mehr Jahren mit der Bitte in den Ohren liegt, ihm eine tüchtige Frau zu beschaffen. Er ist ein angehender Sechziger und in sehr guten Verhältnissen. Das wäre eine gar gute Partie, und von Not wäre da für Ihre Schutzbefohlene nicht im geringsten die Rede. Da wäre alles Unglück und aller Jammer der armen Person auf einmal wieder gut gemacht.«
Der Herzog äußerte auf diesen Vorschlag nichts, sondern erzählte nur noch, welche Anordnungen er für Jeanie Deans' Heimreise getroffen habe; dann ließ er sich seine Dose füllen, bestellte Grüße an seine kleine Landsmännin und verließ Frau Glas als die glücklichste aller Ladeninhaberinnen von London.
Der huldvolle Besuch des Herzogs war für Jeanie insofern indirekt von Vorteil, als ihre Tante, stolz auf die ihr widerfahrene Ehre, alles aufbot, ihr den Aufenthalt in London während der drei Wochen, die sie noch bei ihr zubrachte, so abwechselungsreich wie möglich zu machen. Hätte aber dieser vornehmste Edelmann Schottlands nicht so großen Anteil an Jeanie genommen, so wäre Frau Glas, die mit den Jahren doch zuviel vom großstädtischen Wesen angenommen hatte, um mit der heimischen Tracht, der heimischen Sprache und dem doch immerhin ein wenig ungeleckten Wesen ihrer Muhme sich durchaus einwandsfrei abfinden zu können, wohl kaum so freundlich gegen sie gewesen. Mitnehmen wollte sie sie freilich überallhin; aber außer einer Frau Dabby, die ein sehr gut gehendes Kolunialwarengeschäft hatte, und mit der später Jeanie oftmals die Königin in Parallele stellte, doch zum Nachteil der letzteren, denn Frau Dabby, sagte sie, sei nicht allein viel nobler einhergegangen, sondern gut und gern noch einmal so dick und stark, machte sie keine Besuche bei Bekannten ihrer Tante. Sie hätte sich vielleicht nicht in solchem Maße von allen Leuten ferngehalten, sich auch manches mehr noch in der großen Stadt angesehen, hätte nicht die der Begnadigung angehängte Bedingung der vierzehnjährigen Landesverweisung ihr Herz in arge Bekümmernis gesetzt. Ein Glück, daß in dieser Hinsicht die Antwort von ihrem Vater, die ziemlich mit wendender Post eintraf, sie beruhigte. Er sprach zu allen Schritten, die sie unternommen, seinen vollen Beifall aus, pries ihr Verhalten als Werk einer unmittelbaren göttlichen Eingebung, sie selbst aber als ein vom Himmel erkorenes Werkzeug, um eine Familie vor drohendem Untergange zu bewahren. Die Landesverweisung Effies betrachtete er als eine Aufforderung an ihn, »Haran zu verlassen, wie einst Abraham der Erzvater auch das Geschlecht seines Vaters und das Haus seiner Mutter, und Asche und Staub aller verlassen mußte, die vor ihm eingegangen zur ewigen Ruhe, wie aller, die noch ihm dorthin folgen sollten.. aber mein Herz wird mir leichter werden,« so schrieb er zum Schlusse, »wenn ich dies tue, da ich mir den Verfall der ernsten und wahren Religion in diesem Lande ins Gedächtnis rufe, und wenn ich die Höhe und Tiefe, die Länge und Breite der nationalen Irrtümer überschaue; und so werde ich bestärkt in meiner Absicht, diesen Wohnort zu verlassen, da ich höre, daß in Northumberland Pachtungen zu niedrigem Preise zu haben sind, wo da viele kostbare Seelen wohnen, die zu unserm reinen, wenn auch duldenden Bekenntnisse gehören... Auch läßt sich dasjenige Vieh, was mir mitzunehmen als ratsam erscheint, leicht dorthin treiben, während wir das andere, so gut es eben gehen wird, hier verkaufen wollen. Vom Land kann ich nicht anders sagen, als daß er sich in diesen Tagen schweren Herzeleids als ein braver Freund erwiesen hat. Das Geld, das er für Effies Sache ausgelegt hat, habe ich ihm wiedererstattet; denn der Herr Novit hat, wie der Laird es nicht anders erwartet hat, nichts davon wieder herausgegeben; es hat sich eben auch wieder bewahrheitet, was der gemeine Mann zu sagen pflegt, daß die Gerichte nun einmal am liebsten alles schlucken. Die Gnade, die Dir die Königin erwiesen, kann ich nicht anders als durch Gebet wettzumachen suchen, und beten will ich für ihr zeitliches und ewiges Wohl, wie auch für den Bestand der Herrschaft ihres Hauses auf dem Throne dieser beiden Reiche. Ueber den Herzog von Argyle mehr oder anderes zu sagen, als was Du selbst schreibst, geht nicht wohl an; er ist ein echter und wahrhafter Edelmann, dem dafür, daß er die Sache des Armen und Verlassenen so bereitwillig führt, der himmlische und irdische Lohn nicht vorenthalten bleiben wird.
»Ich habe auch unser armes, mißleitetes Kind gesehen. Morgen wird sie, nachdem sie sich verbürgt hat, Schottland auf die Zeit von vierzehn Jahren zu meiden, aus der Haft entlassen werden. Aber noch liegt ihr Sinn in den Banden des Argen. Noch hat sie Sehnsucht, statt zerknirscht das bessere Wasser der Wüste zu trinken, die Fleischtöpfe Aegyptens wieder zu schauen. Ich werde Deine Heimkehr mit wahrer Freude begrüßen, denn Du bist, nächst dem ewigen Gotte, in diesen schweren Drangsalen meine einzige Stütze, mein einziger Trost.«
Zum Schlusse meinte er noch, daß er die Art, wie sie ihre Heimkehr bewirken wolle, nur billigen könne, und fügte noch allerhand Bemerkungen bei, mit deren Erörterung wir uns hier nicht zu befassen brauchen, da sie für den Verlauf unserer Erzählung belanglos sind. Als Nachschrift hatte er aber eine Zeile geschrieben, die von Jeanie wieder und wieder gelesen wurde: »Reuben Butler war mir in diesen schweren Wochen ein getreuer und lieber Sohn.« Diese Worte galten Jeanie als gutes Vorzeichen, da sie jeglicher Bemerkung über Butlers weltliches Wissen oder die ketzerische Gesinnung seines Großvaters entbehrten, die der Vater sonst immer anzubringen liebte. Hoffnung von Liebesvolk gleicht nun einmal der Bohne im Ammenmärchen: hat sie erst einmal Wurzel geschlagen, so wächst sie schnell und baut schon in wenigen Stunden ein Schloß auf hohem Gipfel, bis zu guter Letzt die Erfahrung mit ihrem Richtschwert sowohl die Pflanze als das luftige Gebäude hinwegmäht. Jeanies Phantasie entschwebte alsbald in die Gefilde Northumberlands, in eine Meierei mit reichem Viehbestand, neben der ein Kirchlein sich erhob, das rechtgläubigen Christen als Sammelstätte diente, wo Reuben Butler goldene Worte des Evangeliums predigte. Und diese Bilder wurden ihr bald so lieb und wert, daß sie sich von ganzem Herzen freute, als der Herzog von Argyle ihr sagen ließ, sie möchte sich binnen zwei Tagen bereit halten, da er Herrn Archibald schicken werde, sie abzuholen.
Sechzehntes Kapitel
Gerade drei Wochen war Jeanie in London, als Herr Archibald, der Kammerdiener des Herzogs, in einer Equipage vor dem Laden der Frau Glas vorfuhr. Nach herzlicher Verabschiedung von der Tante stieg sie ein, und alsbald trieb der Kutscher die Pferde an, nachdem Herr Archibald den Platz ihr gegenüber eingenommen hatte. Jeanie war nicht wenig überrascht, als sie, vor dem herzoglichen Palais angelangt, vernahm, daß der Herzog sie noch einmal zu sehen wünsche; aber weit größer noch wurde ihre Ueberraschung, als sie den Fuß in ein herrlich eingerichtetes Prunkzimmer setzte, in welchem der Herzog mit seiner Gemahlin und seinen Kindern versammelt war. »Da, meine Liebe,« sagte der Herzog, Jeanie an der Hand nehmend und zu seiner Gemahlin führend, »ist meine kleine Landsmännin.« Die Herzogin reichte ihr huldvoll die Hand und sagte ihr mit wenigen, aber herzlichen Worten, daß sie einen Charakter, der so fest und zäh an der für recht erkannten Sache halte, anderseits soviel aufopfernde Liebe berge, aus vollem Herzen hochschätze, und schloß ihre Anrede mit der Versicherung, »daß sie wohl noch von ihr hören werde, wenn sie den Fuß in die Heimat setzen werde«, worauf die kleinen Prinzessinnen eine nach der andern hinzusetzten: »Und von mir auch! von mir auch!« – Die älteste von ihnen aber trat auf Jeanie zu und reichte ihr die Hand. »Ja, Jeanie, Du wirst noch von uns allen dort hören, denn Du gereichst der lieben, lieben Heimat zu großer Ehre!«