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Jeanie, von so vielem Lobe höchlich überrascht, – wußte sie doch nicht, daß der Herzog sich Nachricht über den Verlauf des gegen ihre Schwester geführten Prozesses verschafft und auf diese Weise auch Auskunft über ihr Verhalten während desselben bekommen hatte, – errötete tief und stammelte: »Vielen, vielen Dank!« – »Aber, meine liebe Landsmännin,« nahm nun der Herzog das Wort, »ohne einen Abschiedstrunk darfst Du doch nicht reisen!« Mit diesen Worten nahm er von dem Tische, auf dem Wein und Kuchen standen, ein Glas und brachte den Spruch aus: »Auf aller treuen Herzen Wohl, die unser Schottland lieben!« Aber Jeanie lehnte es ab, ihr Glas zu leeren, indem sie sagte, sie habe noch nie in ihrem Leben einen Schluck Wein genossen.«

»Warum denn nicht, Jeanie?« fragte der Herzog; »der Wein erfreut ja doch des Menschen Herz!«

»Mein Vater, gnädiger Herr,« antwortete Jeanie, »ist wie Jonadab, der Sohn Rehabs, der seinen Kindern gebot, keinen Wein über die Lippen zu bringen.«

»Ich hätte Deinen Vater für verständiger gehalten,« antwortete der Herzog, »es müßte denn sein, daß er dem Branntwein hold ist. Aber, Jeanie, essen mußt Du doch wenigstens, denn einen Teil seines heiligen Rechts mußt Du meinem Hause schon lassen.« Mit diesen Worten nötigte er sie, ein Stück Kuchen zu nehmen; und litt nicht, daß sie einen Bissen davon weglegte. »Was Du jetzt nicht essen kannst oder magst,« sagte er, »das tu in Deine Reisetasche. Ehe Du die Turmspitze von Saint-Giles zu Gesicht bekommst, wirst Du längst damit aufgeräumt haben. Ich wünschte von ganzem Herzen, ich könnte sie auch so bald sehen wie Du. Nun, zum wenigsten grüße mir alle meine lieben Freunde droben in Schottland, und Dir selbst, Kind, wünsche ich eine recht, recht glückliche Reise dorthin!«

Darauf überantwortete er sie Archibalds Fürsorge, und in kurzen Tagereisen, um die Fohlen nicht zu übernehmen, die der Herzog bei dieser Gelegenheit mit nach dem Norden sandte, gelangten sie bis in die Gegend von Carlisle. Unfern der alten Stadt erblickte sie auf einem kleinen Hügel, in geringem Abstande von der Heerstraße, einen Haufen Volks und hörte von Leuten, die auf dem Wege dorthin an ihnen vorbeieilten, daß eine schlimme Hexe aus Schottland gehenkt werden solle, die die Gegend schon lange durch ihre Diebereien unsicher gemacht habe, und die mit dem Strick noch viel zu gnädig wegkäme, da sie mit ebensolchem Rechte den Scheiterhaufen verdient habe.

›Die Magd, der die Milchkammer in Inverary übergeben werden sollte, rief, als sie die Kunde vernommen: »Ach, liebster Herr Archibald, ich habe so etwas noch nie in meinem Leben gesehen; lassen Sie uns doch hinüberfahren!« Herr Archibald aber, der sich als Schotte keinen Genuß von der Hinrichtung einer Landsmännin, wenn sie auch Hexe und Diebin war, versprach, zudem auch Einsicht und Zartgefühl genug besaß, um Jeanie nicht einen Anblick zu bieten, der ihr das schreckliche Los, dem die Schwester um Haaresbreite verfallen wäre, vor Augen führte, – Herr Archibald antwortete, daß er unmöglich halten lassen dürfe, da er zu ganz bestimmter Zeit, gewisser Aufträge des Herrn Herzogs halber, in Carlisle sein müsse. Er hieß deshalb die Postillone weiter fahren. Die Augen der neugierigen Jungfer, Dolly Dutton mit Namen, wichen aber nicht von der kleinen Höhe, die den Schauplatz des grausen Ereignisses bildete. Trotz der Entfernung ließen sich die Hauptgestalten ziemlich genau unterscheiden, und mit einem Male kündete ein lauter Schrei aus ihrem Munde den Vollzug der schrecklichen Prozedur an. Jeanies Blicke nahmen unwillkürlich die gleiche Richtung. Aber als sie den Leib der Verbrecherin an dem Galgen in die Höhe schnellen sah, als sie sich vorstellte, welchem schrecklichen Schicksale ihre arme Schwester hatte verfallen sollen, da mußte sie sich abwenden, denn sie fühlte sich einer Ohnmacht nahe. Ihre Gefährtin bestürmte sie mit Fragen und Versicherungen ihrer Teilnahme, mit Angeboten von Beistand und Hilfe, rief, der Wagen solle halten, ein Arzt solle geholt, Tropfen oder Hirschhornsalz sollte herbeigeschafft werden; Archibald aber, der die Ruhe auch jetzt nicht verlor, befahl den Postillonen, flotter zu fahren, damit man bald aus dem Sehbereiche der Hinrichtungsstätte gelange. Dann erst ließ er, durch die Leichenblässe, die Jeanies Gesicht verfärbte, bestimmt, halten und stieg aus, um eine Arzenei zu holen, leichter erhältlich und wirksamer als alle von Dolly Dutton vorgeschlagenen Mittel, einen Trunk frischen Wassers nämlich. Inzwischen trollten all die Menschen, die der grausen Prozedur beigewohnt hatten, an dem Wagen vorbei ihren Heimstätten zu, und aus ihren Reden entnahm Jeanie, daß die Verbrecherin als verstockte Sünderin, ohne alle Spur von Gottesfurcht, in den Tod gegangen sei. Als eben ein Troß von Buben und Dirnen sich vom Richtplatze heranwälzte, schreiend und johlend, kam Archibald mit dem endlich gefundenen Quellwasser zurück. Da sah Jeanie, daß in der Mitte der Schar eine lange, wunderlich herausstaffierte Person weiblichen Geschlechts, bald hüpfend, bald tanzend, sich vorwärts bewegte.

Eine schreckliche Erinnerung trat vor ihre Seele, als sie das unglückliche Wesen erblickte. Aber auch dieses erkannte sie, und mit jäher Gewalt die Menge auseinander schiebend, rannte sie zu der Kutsche, klammerte sich an den Wagenschlag und schrie, zwischen Weinen und Lachen:

»Jeanie, Jeanie Deans, weißt Du auch, eben haben sie die Mutter gehängt!« Dann begann sie auf einmal zu jammern und zu schreien: »O, sag's ihnen, daß mir erlaubt wird, sie loszuschneiden! Sag's ihnen, bitte! sag's ihnen! Sie ist doch meine Mutter, wenn sie gleich schlimmer war als der leibhaftige Teufel. Ansehen wird's ihr so wenig jemand, daß sie schon am Galgen gehangen wie der Maggie Dickson, die auch rechtzeitig abgeschnitten wurde und dann noch lange mit Salz gehandelt hat, der man's auch, bloß an der etwas heisern Stimme und an dem etwas schiefen Hals anmerkte, daß was nicht ganz in Ordnung mehr bei ihr war, die aber sonst niemand von den andern Salzweibern unterscheiden konnte.«

Herr Archibald, außer stande, die Wahnsinnige von dem Wagenschlage zu entfernen, und belästigt durch die sie umdrängende Menge, sah sich vergeblich nach einem Fron oder Büttel um; da sich keiner sehen ließ, wollte er versuchen, den Wagen schnell in Gang zu setzen, wurde aber durch einige Schreier in der Menge, die die Pferde auszuspannen drohten, daran verhindert.

Unterdes schrie Madge Wildfire wieder: »So laßt mich doch die Mutter losschneiden! Bitte, bitte! Es kostet ja bloß einen armseligen Strick, und was ist ein Strick gegenüber einem Menschenleben!« Da wurde aber Herrn Archibald unvermutete Hilfe durch einen neuen Menschentrupp, der sich in der Hauptsache aus Viehhändlern zusammenzusetzen schien, denen vor kurzem durch eine Seuche viel Vieh krepiert war: ein unglücklicher Zufall, den sie den Künsten der eben gerichteten Hexe zuschrieben. Mit Gewalt rissen sie die Madge Wildfire vom Kutschenschlage los und schrieen sie an: »Was kommt Dir denn bei, Du Hexe, die Leute auf königlicher Heerstraße zu überfallen? Hast Du nicht schon Unheil genug angerichtet mit Deinen Hexen- und Zauberkünsten?«

»O Jeanie, Jeanie, Jeanie Deans!« schrie die Wahnsinnige aus dem Menschentroß heraus, »rette meine Mutter, und ich will Dich wieder ins Mittlerhaus führen, und will Dich alle Lieder lehren, die ich kenne, und will Dir sagen, was die Mutter gemacht hat mit dem ...« Aber das wilde Gejohle der Menge verschlang die Schlußworte ihrer Bitte oder ihrer Verheißung.

»Herr Archibald,« rief Jeanie, »um der himmlischen Barmherzigkeit willen, retten Sie die Arme aus den Händen dieser Rasenden!«