Archibald, der inzwischen wieder seinen Platz Jeanie gegenüber im Wagen eingenommen hatte, beugte sich zum Fenster hinaus und rief den Leuten zu: »Sie ist närrisch, aber unschuldig an dem Schaden, der Euch Leute betroffen hat, tut ihr nichts zu leide, sondern bringt sie aufs Amt!«
»Was kümmert Dich einer Hexe Tochter?« rief einer aus der Menge; »scher Dich, steck Deine Nase nicht in fremde Sachen!« – Ein andrer schrie: »Der Kerl ist ein Schotte! Hört ihr's nicht an der Sprache? Er soll sich bloß mucksen oder gar aus seinem Rumpelkasten herauskommen, so kann's ihm passieren, daß er seine Knochen und Rippen in seinem Plaid nach Hause schleppen muß!«
Daß sich unter solchen Umständen für die Arme nichts tun ließ, war einleuchtend, und Herr Archibald suchte wenigstens so schnell wie möglich nach Carlisle zu gelangen, um dort polizeiliche Hilfe zu requirieren. Rohes Geschrei, der Vorbote grausamer Handlungen von wilden Volkshaufen, klang, untermischt mit schrillen Angstrufen des beklagenswerten Opfers, den Personen im Wagen noch lange nach.
In Carlisle wurde auf Archibalds dringendes Ersuchen sogleich ein Büttel mit ein paar Fronen vor die Stadt hinaus geschickt; nach etwa anderthalb Stunden kehrten sie mit der Meldung zurück, daß sie den Pöbel in heller Wut gefunden hätten, daß er die Irre, nach der Sitte jener Gegend, Hexen zu strafen, in einen Schlammtümpel getaucht und daß es unsägliche Mühe gemacht hätte, ihnen sein Opfer zu entreißen, das sich aber schon in einem Zustande gänzlicher Bewußtlosigkeit befunden hätte. Im Krankenhause sei es aber mit dem armen Geschöpfe schnell wieder besser geworden, so daß man wohl bald auf völlige Genesung rechnen dürfe. Das letztere war jedoch eine starke Beschönigung, denn daß Madge Wildfire in ihrem ohnehin sehr angegriffenen Zustande die ihr zugefügte grausame Behandlung überstehen werde, glaubte wohl niemand, aber Archibald wollte Jeanies Zustand durch die unverblümte Wahrheit nicht noch mehr verschlechtern.
Archibald entschied sich dafür, den Rest des Tages und die Nacht in Carlisle zu verbringen; Jeanie war dies um so lieber, als sie sich schon mit dem Gedanken befreundet hatte, sich nach dem Befinden von Madge Wildfire zu erkundigen. Sie wurde hierzu durch zweierlei Gründe bewogen, erstens durch die Sorge um die Unglückliche, zweitens weil sie versuchen wollte, etwas über das kleine Wesen zu erfahren, das ihrer Schwester solch namenloses Herzeleid bereitete. Und Madge Wildfire war doch jetzt die einzige, durch die einiges Licht über diesen dunklen Punkt vielleicht noch gewonnen werden konnte.
Archibald gegenüber äußerte sie nichts über den letzteren Grund, sondern nur, daß sie sich als Christin verpflichtet fühle, einen Mitmenschen im Elend nicht allein zu lassen, und so ließ sich Archibald bestimmen, sich zunächst nach dem Befinden der Unglücklichen zu erkundigen; er kam jedoch mit dem Bescheide aus dem Krankenhause zurück, daß der Arzt streng verboten hätte, jemand zu der Kranken zu lassen. Am nächsten Morgen jedoch, als Jeanie selbst hinging, wurde sie vorgelassen. Der Arzt sagte ihr, Madge sei gegen Abend ruhiger geworden, worauf der Geistliche versucht habe, ihren Sinn dem Glauben zuzuwenden. Es habe auch so ausgesehen, als wenn sie mit ihm gebetet habe; kaum aber sei er fort gewesen, so habe sich der böse Geist wieder über sie gesenkt. Seiner Meinung nach habe sich ihr Zustand im Laufe der Nacht so verschlimmert, daß er ihr schwerlich mehr als zwei Stunden Leben noch versprechen zu dürfen meine.
Sie lag in einem großen Krankenraume, worin zehn Betten standen, die aber, bis auf das ihrige, unbesetzt waren. Sie sang, als Jeanie mit dem Arzt und der Pflegerin eintrat. Aber ihre Stimme klang nicht mehr so überlaut wie ehedem im Walde, sondern war durch die Erschöpfung, die sie noch immer nicht verlassen hatte, und durch die ausgestandenen Schrecknisse sehr geschwächt. Ihr Sinn war noch immer verstört; die Lieder, die sie sang, hörten sich an wie Wiegenlieder, mit denen Mütter ihre Kleinen in Schlaf lullen.
Wann der Glaubenskampf vollendet,
Wann das Hochzeitskleid gewebt,
Wann der Glaub' die Zweifel endet,
Hoffnung sehnend aufwärts strebt...
Wann die Liebe, hier gefangen,
Nach dem Höhern fühlt ein Bangen,
Dann wirf ab die Sündenhülle!
Auf, o Christ, zur Segensfülle!
Jeanie trat, als das Lied verklungen war, an ihr Bett heran; aber selbst als sie sie bei ihrem Namen rief, regte sich kein Zeichen von Erinnerung bei der Kranken; es sah vielmehr ganz so aus, als sei sie über die Störung unwillig, die ihr der Besuch bereitete, denn sie rief verdrießlich: »Schwester, ich will nach der Wand zu liegen: mir ist alles zuwider, was ich auf dieser jammervollen Welt noch sehe.«
Die Wärterin legte sie, wie sie es haben wollte, aber kaum hatte sie die Wand vor Augen, so stimmte sie ein anderes Lied an, das sie wohl zur Erntezeit gesungen oder gehört haben mochte...
Das Werk ist aus – die Müh' getragen,
Der muntre Schnitter atmet neu.
Es schwankt dahin der volle Wagen,
Zur Lust und Freude sind wir frei.
Die Nacht bricht an... es sinkt die Sonne,
Wenn mit dem Tag die Mühe weicht,
Vorm Winter flieht des Herbstes Wonne,
Wenn sich der erste Frühreif zeigt.
Der nahende Tod verlieh der von Natur schönen Stimme ein süßes, schmachtendes Weh, so daß selbst Archibald sich einem tiefen Mitgefühl nicht verschließen konnte, trotzdem sein Sinn, wie bei einem Lakeien wohl begreiflich, fast nur auf das Weltliche gerichtet war.
Ueber Jeanies Wangen rannen heiße Tränen, und auch Jungfer Dutton, der es im Gasthofe keine Ruhe gelassen hatte, schluchzte laut; die Kranke wurde schwächer und schwächer, ihr Atem kurz und schwer; zuweilen schien ihr die Stimme versagen zu wollen; allein der Sinn für Melodie, der dem armen Wesen angeboren zu sein schien, gewann über die leibliche Schwäche immer wieder den Sieg, so daß sie, sobald die Schmerzen eine Weile aussetzten, gleich wieder zu singen anfing; und aus den Liedern, die sie dann sang, klang immer etwas heraus, das auf ihre augenblickliche Lage Beziehungen zu haben schien. Was sie zum Beispiel jetzt sang, ein Bruchstück aus einem alten Volksliede, nannte sogar den Namen des herzoglichen Lakaien...
Kalt ist mein Bett, Lord Archibald,
Mein schwerer Schlaf so trüb',
Doch morgen ist auch trüb und kalt
Dein Lager, falsches Lieb!
Ihr Dirnen, die ihr mich geliebt,
Beweint mein Schicksal nicht!
Er, der den Tod mir heute gibt,
Tritt morgen vors Gericht.
Darauf änderte sie abermals die Weise; die Melodie wurde wilder, regelloser; der Klang der Stimme wieder lebhafter. Aber die Umstehenden konnten nur Bruchstücke von dem ergreifenden Texte verstehen:
In den düstern Hain,
Als der Morgen graut,
Tritt sie ein.
Und im Hain wird's laut...
Sag mir, Vögelein,
Wann wird Hochzeit sein?
Wann geben Edelleut'
Dir das Geleit?
Wer macht das Brautbett sein,
Sag' es mir, Vögelein,
Dorten der Greis am Stab
Gräbt Dir das frühe Grab.
Glühwurm auf Gruft und Stein
Soll Dir die Leuchte sein;
Grüß Dich, Du stolze Braut,
Krächzet das Käuzchen laut.
Mit dem letzten Verse schwand ihre Stimme; sie sank in einen Schlummer, aus dem sie, wie die Schwester sagte, entweder gar nicht wieder oder zum letzten Todeskampfe erwachen würde... Diese Vorhersage erfüllte sich; die Arme verschied, ohne noch einmal zu einem Liede anzusetzen; aber die Reisenden warteten den letzten Augenblick nicht ab; denn Jeanie hatte eingesehen, daß sie von Madge Wildfire irgend welche Aufklärung über ihrer Schwester Unglück nicht erlangen konnte.