Siebzehntes Kapitel
Im Laufe des andern Vormittags fuhren sie durch die Grafschaften Dumfries und Lennark und erreichten die kleine Stadt Rutherglen, die etwa vier Meilen vor Glasgow lag; hier fanden sie einen Brief vom Herzog von Argyle, den dessen Edinburger Geschäftsträger für Herrn Archibald im Gasthofe hatte hinterlegen lassen. Dieser aber erwähnte seiner erst, als sie wieder unterwegs waren; der Herzog wünschte, sagte er, daß Jeanie noch ein paar Stationen über Glasgow hinaus in Archibalds Gesellschaft bliebe, zumal sie eine kurze Strecke weiter nördlich einen seiner Beamten treffen würde, der mit seiner Frau aus den Hochlanden nach Edinburg reise, und dem sie sich dann bis in die Heimat anschließen könnte. In Glasgow, setzte er hinzu, herrschten jetzt Unruhen, die sich bis in die Umgegend hinaus erstreckten und es für ein einzelnes Mädchen nicht rätlich erscheinen ließen, zu reisen,
Jeanie wollte im ersten Augenblick von solcher Aenderung der getroffenen Dispositionen nichts hören, da die Ihrigen nun schon so lange auf sie warteten und gewiß große Sehnsucht nach ihr hätten; lieber, sagte sie, wolle sie in Glasgow einen Wagen nehmen, der sie bis an den Sankt-Leonards-Felsen brächte, den wiederzusehen sie wirklich kaum noch erwarten könnte. Darauf wechselte Herr Archibald mit Jungfer Dutton, der erkorenen Verwalterin der herzoglichen Milchkammer, einen so eigentümlichen Blick, daß Jeanie erschreckt rief: »Herr Archibald... Jungfer Dutton! Hat sich etwa in Sankt-Leonard etwas zugetragen, das mir verheimlicht werden soll? Um Gottes Barmherzigkeit willen sagen Sie es mir! Lassen Sie mich nicht in solcher tödlichen Ungewißheit!« – »Daß ich nicht wüßte, Fräulein Deans,« erwiderte Herr Archibald, – »Und ich,« bemerkte Jungfer Dutton, »ich weiß erst recht nichts,« aber es schien doch, wie wenn sie etwas wüßte, denn Herr Archibald mußte, um ihr den Mund zu schließen, einen recht strengen Blick auf sie richten. So konnte sich Jeanie nicht verhehlen, daß ihr tatsächlich irgend etwas verheimlicht würde, und um ihre Unruhe zu bekämpfen, blieb Herrn Archibald nichts weiter übrig, als er den letzten Trumpf, den er noch in petto hielt, auszuspielen, und der in einem Billett bestand, das er jetzt Jeanie überreichte...
Er zeigte die Schrift des Herzogs und enthielt die Worte: »Liebes Fräulein Deans... Du wirst mir einen recht großen Gefallen tun, wenn Du Dich auf eine Tagereise hinter Glasgow noch in Archibalds Gesellschaft hältst, ohne weiter nach dem Grunde zu fragen... Du verpflichtest mich hierdurch zu einigem Danke... Dein Dir wohlgeneigter Argyle.«
Gegen eine solche Weisung eines so hohen Herrn, dem sie so außerordentlich viel zu verdanken hatte, durfte Jeanie weitere Einwände nicht erheben; sie fügte sich also darein, in Archibalds Gesellschaft über Glasgow hinaus, am linken Clyde-Ufer entlang, weiter zu fahren. Der Weg führte durch allerhand reizende Landschaft, bis der Fluß sich zum schiffbaren Strome und zuletzt zu dem breiten Seearme dehnte, »von dessen Klippen sich der Wasserrabe, das schwarze, triefende Gefieder vom Hauch des Windes leicht entfaltet, schwebend zu den Fluten neigt.«
»Nach welcher Seite zu liegt Inverary?« fragte Jeanie, den Blick auf das dämmrige Nebelmeer der Hochlandsberge richtend. »Das dort ist wohl das herzogliche Schloß?« – »Das dort? Aber, Fräulein! Sehen Sie denn schlecht? Das ist doch unsere alte Burg Dumbarton, Europens gewaltigste Festung, mögen sie alle Burgen zusammennehmen! Hier war, zu den Zeiten, da Schottland mit England im Kriege lag, Sir Wallace Gouverneur, und jetzt, ist's Seine Herrlichkeit unser Herzog. Wird es ja doch nie einem andern als dem ersten Manne im Reiche anvertraut!« – »Und wohnt Seine Herrlichkeit jetzt auf dem kühnen Horste?« fragte Jeanie, den Blick zu der jähen Höhe hinauf richtend. – »O nein, sein Verweser gebietet dort; er wohnt aber auch nicht oben auf der Höhe, sondern in dem weißen Hause dort am Fuße des Felsens.. Seine Herrlichkeit haben Ihre Wohnung überhaupt nicht in Dumbarton.«
»Nu, das läßt sich wohl denken,« rief Jungfer Dutton, die über das, was sie seit Dumfries von Schottland gesehen, nicht weniger als erbaut war, »denn wenn er dort hinauf eine Sennerin stecken wollte, so könnte er wohl lange suchen! Ich wenigstens möchte Bekannte und Freunde nicht verlassen haben, um auf solch kahlem Felsen meine Kühe eingehen zu sehen oder wie ein Eichkätzchen im Käfig dort oben herumzuzappeln.«
Herr Archibald, innerlich lächelnd, daß der Unmut der Jungfer erst zu Tage trat, als sie ihm ganz in die Hände geliefert war, antwortete gelassen, er habe die Felsen nicht gemacht und wisse auch kein Mittel, sie fortzuschaffen; was indessen ihre Wohnung anbetreffe, so würde sie solche bald in einem herzoglichen Schlosse angewiesen bekommen, und zwar auf Roseneath, einer prächtigen Insel, wo ein Schiff ihrer warten werde, sie hinüber nach Inverary zu bringen, und wo Fräulein Jeanie die Gesellschaft treffen werde, mit der sie die Reise bis Edinburg machen solle.
»Eine Insel?« fragte Jeanie, die zwar eine weite wunderliche Reise gemacht hatte, aber dabei doch nie den Fuß vom festen Lande gesetzt hatte, »so werden wir wohl in eins von den schmalen Booten steigen müssen, wie ich sie manchmal vom Leonardsfelsen aus im Meere gesehen habe?«
»Dagegen protestiere ich, Herr Archibald,« rief Jungfer Dutton, »ich bin nicht verpflichtet worden, den Fuß vom Lande zu setzen. Sagen Sie also dem Kutscher, daß er mich auf dem Landwege bis zum Hause des Herzogs bringt.« – »Sie brauchen sich nicht im geringsten zu ängstigen,« versetzte Archibald; »ich bringe Sie schon in der festen Jolle des Herzogs sicher und wohlbehalten hinüber,« – »Ich fürchte mich aber,« rief die Jungfer, »und gehe nicht davon ab, daß ich zu Lande hingebracht werde, und sollte es gleich ein Umweg von zehn Meilen sein, den Sie machen müßten.« »Lieb Jüngferchen,« versetzte Archibald neckisch, »da wird wohl alles nichts helfen können, denn wenn Roseneath eine Insel ist, so bleibt's eben eine, und zu Lande hinüber führt da kein Weg.« – »Dann sehe ich noch immer nicht ein,« rief die Jungfer, vor Zorn schier außer sich, »wie ich dazu komme, auf einer Wasserfahrt mein junges Leben aufs Spiel zu setzen.« – »Na, Jüngferchen,« versetzte Archibald, dem langsam die Geduld zu reißen drohte, »das kann ich auch nicht einsehen; aber daß Sie zu Lande nicht auf die Insel kommen können, darein werden Sie sich schon finden müssen.«
Darauf gab er den Postillonen einen Wink. Die Kutsche bog in einen schmalen Weg ein, der zu einem seitwärts der großen Straße liegenden kleinen Fischerdorfe führte; dort lag eine Schaluppe vor Anker, die einen erheblich freundlicheren Anblick gewährte als die düstern Schiffe, die rechts und links von ihr das Wasser bedeckten. Sie war mit einer Fahne geschmückt, die über einem Eberkopfe die herzogliche Krone zeigte, und mit Matrosen und Hochländern bemannt.
Der Wagen hielt. Die Postillone spannten die Pferde aus. Herr Archibald überwachte mit gewichtiger Miene den Transport des Reisegepäcks an Bord der Schaluppe hinüber.
»Liegt die Karoline schon lange hier?« fragte er einen der Matrosen. – »Wir sind vor fünf Tagen von Liverpool in See gegangen und liegen unten in Greenock.« – »Dann werden Pferde und Wagen nach Greenock gebracht,« befahl Archibald, »und warten dort, bis Befehl kommt, sie nach Inverary einzuschiffen.« Dann wandte er sich an die beiden Fräulein, die er hierher gefahren hatte. »Wir dürfen die Flut nicht vorbeilassen, Fräulein Deans und Jungfer Dutton,« sagte er, »drum bitt' ich, einzusteigen.«
»Fräulein Deans,« erklärte Jungfer Dutton, »meinetwegen steigen Sie ein oder nicht; ich bleibe jedenfalls lieber die ganze Nacht hier sitzen, statt mich in solche Eierkiste zu wagen. Sie da, Mann!« rief sie einem Hochländer zu, der eben einen Koffer auf die Schulter nahm, »das ist mein Koffer, ebenso die Schachtel, der Mantelsack und die sieben Pakete mit dem Pappkasten, das bleibt alles hier, lassen Sie sich nicht beikommen, das in die Eierkiste zu schaffen!«