Der Hochländer gaffte erst die Jungfer, dann Herrn Archibald an, und als er auf dessen Gesicht nichts erblickte, was sich als Verbot, in der Absicht fortzufahren, deuten ließ, brachte er alles, was die Jungfer für sich reklamiert hatte, im Handumdrehen an Bord der Schaluppe, ohne sich an deren Geschrei und Versuche, ihn daran zu hindern, im geringsten zu kehren.
Sobald das Gepäck untergebracht war, brachte Archibald Jeanie an Bord hinüber, die zwar nicht frei von Furcht war, sich aber willig den Anordnungen des erfahrenen Dieners fügte. Anders Jungfer Dutton, die außer sich vor Wut in einem fort nach ihrem Gepäck schrie, das sie wieder ans Land forderte, weil sie unter keinen Umständen sich zu der Wasserfahrt bereit erklären würde. Herr Archibald gab sich nicht lange Mühe, sie eines Bessern zu belehren, sondern rief den Hochländern ein paar Worte auf gälisch zu, worauf diese die Jungfer so plötzlich und so geschickt ergriffen, daß sie, der Länge nach auf ihren Schultern gelagert, pfeilschnell zur Bucht hinunter und an Bord der Schaluppe kam, ohne alles weitere Leid, als daß ihre Kleider ein paar Falten mehr zeigten, als sie vom Sitzen im Wagen bekommen hatten. Die Jungfer war dermaßen entsetzt über die ihr angetane Behandlung, daß sie erst wieder zu sich kam durch den Ruck, den es gab, als die Schaluppe vom Lande abgestoßen wurde. Dann aber fing sie an zu keifen:
»Sie abscheulicher schottischer Grobian!« – womit sie niemand anders als Herrn Archibald meinte – »wie können Sie sich erfrechen, eine anständige Person auf so schimpfliche Weise zu behandeln?« – »Meine sehr werte Jungfer,« antwortete Herr Archibald mit seiner unerschütterlichen Ruhe, »Zeit und Flut warten auf niemand, und damit Sie wissen, wie Sie sich hinfort zu verhalten haben, so lassen Sie sich hiermit gesagt sein, daß Sie sich jetzt auf dem Grund und Boden des Herzogs von Argyle befinden, daß die Hochländer, die Sie hier sehen, seine Untertanen sind, und daß keiner von ihnen sich auch nur eine Sekunde besinnen würde, Sie kopfüber ins Meer zu stürzen, sobald es Seiner Herrlichkeit gefallen sollte, ihnen solchen Befehl zu erteilen.«
»Um Jesu Christi willen,« rief die Jungfer, »wie hab' ich so rücksichtslos gegen mich selbst sein können, mich mit solchem Bären einzulassen!« – »Das hätten Sie freilich sich ein bißchen früher überlegen sollen,« erwiderte Archibald, kurz angebunden. »Sie werden es wohl aber, denke ich mir, bald herausfühlen, daß man sich auch im Hochlande ganz gut zurechtfinden kann. Sollen doch an ein Dutzend Dirnen zu Inverary unter Ihr Regiment kommen, und wenn Ihnen eine nicht parieren will, so können auch Sie sie dreist ins Meer schmeißen lassen, denn des Herzogs Beamten und Leute haben fast ebensoviel Gewalt über die ihnen Untergebenen wie der Herzog selbst.«
»Sie bringen mich aber,« erwiderte die Jungfer, hierdurch einigermaßen besänftigt, »in eine recht prekäre Lage, und wenn ich sehe, daß ich mich drein schicken muß, so möchte ich doch wenigstens fragen, ob das Boot auch ganz gewiß nicht untergehen wird?«
– »Darüber können Sie sich völlig beruhigen, meine liebe Jungfer,« erwiderte Herr Archibald, indem er sich eine Prise genehmigte, »der Clyde kennt uns, wie wir ihn, und daß auf dem Clyde 'mal was einem von unsern Leuten passiert sei, dafür läßt sich wohl, so lange wir einander kennen – und das soll geraume Zeit her sein – kein Beispiel anführen... Wären die Unruhen nicht in Glasgow gerade jetzt ausgebrochen, so wären wir vom andern Ufer hinübergefahren; aber unter solchen Umständen durch die Stadt den Weg zu nehmen, wäre für die Leute des Herzogs nicht schicklich gewesen.«
»Haben Sie denn gar keine Furcht, Fräulein Deans?« fragte die künftige Meierei-Verweserin unsere Heldin, die sich dicht neben den am Steuer sitzenden Kammerdiener des Herzogs gesetzt hatte und auch nicht ganz ruhigen Gemüts war, »fürchten Sie sich wirklich nicht vor diesen rohen Gesellen, die gar nicht 'mal Strümpfe an den Beinen tragen? auch nicht vor dieser Eierkiste, die immer auf und nieder geht wie ein Schaumlöffel in einer Milchsatte?«
– »O, Furcht wohl nicht gerade, Fräulein,« versetzte Jeanie, »Hochländer habe ich schon gesehen, wenn auch nie in so dichter Nähe wie heute... Und was das tiefe Wasser anbetrifft, so wissen wir Menschen doch, daß die Vorsehung über uns nicht bloß auf dem festen Lande wacht, sondern auch auf dem Wasser,« – »Es ist eben gar schön,« sagte darauf die Jungfer, »wenn man lesen und schreiben gelernt hat, denn man hat dann immer die schönsten Worte bei der Hand, um sich in schlimmen Situationen zu trösten.«
Archibald war von Herzen froh, daß sein rücksichtsloses Vorgehen keine ungünstigere Wirkung auf die Jungfer hervorgebracht hatte, und bemühte sich nun, auch weiterhin Herr der Situation zu bleiben, indem er der Jungfer klar zu machen suchte, daß es ein Ding der Unmöglichkeit gewesen sei, sie ihrem Willen gemäß drüben am Strande allein zurückzulassen; und es gelang ihm auch, eine vollständige »entente cordiale« während der Ueberfahrt herzustellen, die auch nicht gestört wurde, als man endlich zu Roseneath ans Land stieg.
Achtzehntes Kapitel
Die Inseln in dem vom Clyde gebildeten Meerbusen sind von hoher, aber sehr verschiedenartiger Schönheit. Das felsige Arran, eigentlich ein Eiland, ist reich an romantischen Ausblicken; Bute ist ein liebliches Wald-Idyll, und die Cumerays gleichen grünen Wiesenflächen, zwischen denen das Meer sich Bahnen bricht, seinen Busen zu runden. Weiter aufwärts im Bereiche desselben, seinem westlichen Ufer nahe, liegt Roseneath, größer als Arran, und doch fast auch nur ein Eiland, umspült vom Lochgare, der sich hier zusammen mit anderen Wasserläufen des Hochlands in den Clydebusen ergießt. Die Lage der Inseln schützt sie fast sämtlich sowohl vor den eisigen Frühlingswinden Schottlands als vor den gewaltigen Stürmen des Atlantischen Ozeans. Drum gedeihen die Hängebirke und Trauerweide, wie manch andere früh knospenden Bäume auf dieser stillen, einsamen Inselflur zu einer den östlichen Gegenden Schottlands unbekannten Fülle und Schöne.
Die Grafen und Herzöge von Argyle hegten seit Jahrhunderten für die malerisch-schöne Insel eine besondere Vorliebe und hatten sich ein Schloß dort bauen lassen, das durch viele Zubauten mit der Zeit wesentlich vergrößert und verschönert worden war.
Diesem lieblichen Eiland näherte sich jetzt die kleine Reisegesellschaft. Auf dem mit niedrigen, aber dicht belaubten Eichen und Haselstrauchen bestandenen Landungsplatze sahen sie schon von weitem eine Menschengruppe, die dem Anschein nach auf sie wartete. Jeanie aber gab wenig acht auf sie, und es wirkte darum ähnlich einem schweren Blitzschlage auf sie, als die Hochländer, die sie ans Land trugen, sie aus den Armen ließen, um sie den Armen ihres Vaters zu überantworten.
Es schien ihr so wunderbar, einem seligen Traume so ganz ähnlich, daß sie es im ersten Augenblick nicht für wirklich wahr zu halten vermochte. Sie entwand sich den sie fest umschlingenden Armen des Vaters, hielt, um sich zu überzeugen, daß es wirklich keine Täuschung sei, den Vater auf Armeslänge von sich, betrachtete ihn von Kopf zu Füßen, – und doch, es war nicht anders – es war wirklich David Deans, wirklich er selbst, ihr leiblicher Vater in seinem besten hellblauen Sonntagsüberrock mit großen Metallknöpfen, und eben demgleichen Gehrock – wirklich David Deans in seinen Gamaschen von grauem Tuch und seiner breiten blauen Mütze, – die sich jetzt, als er die Augen in stummer Dankbarkeit gen Himmel hob, zurückschob und die silbergrauen Locken, die offne tiefgefurchte Stirn, die hellen blauen Augen zeigte, die, noch ungetrübt von den Jahren, noch klar und licht unter den buschigen, grauen Wimpern blitzten, – ja, es waren wirklich die Züge von David Deans, deren gewohnte Strenge jetzt in einen Ausdruck hehrer Freude, hehrer Liebe, hehrer Dankbarkeit verschmolzen.