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Butler antwortete, daß ihm das freilich ein sehr großes Glück bedeuten werde, daß er es aber in allererster Reihe für notwendig erachte, mit sich zu Rate zu gehen, ob er sich auch für das Amt, und ob das Amt sich für ihn eignen werde. – »Ganz recht, mein Sohn, ganz recht!« versetzte Deans, »Euer Gewissen muß eins mit Eurem Sinne sein! Wer kann andere unterrichten wollen, der die heilige Schrift nicht im Herzen trägt? Wer darf die Hand nach irdischem Gute heben, der nicht zuvor sich die geistige Speise erworben?« – Butler antwortete, daß er sich auch jetzt, wie im früheren Leben, gern nach dem Rate des erfahreneren Freundes richten werde, – worauf Deans hocherfreut antwortete: »Recht gut gesprochen, mein lieber Reuben! recht gut! und angenommen, Ihr wäret nun in solchem Falle, so würde ich meinerseits es für meine heilige Pflicht erachten, Euch alle Uebel der Zeit, in der wir leben, klar zu legen« – und nun war er in seinem Elemente, und Reuben mußte sich darein schicken, vieles anzuhören über die Geschichte der englischen Kirche, über Männer, die für sie gewirkt, über Lehren, die von ihnen stammten, – wenn er auch oft die Meinung des Greises nicht völlig teilte. Aber auch hier kam die Zeit, da Deans mit seinen religiösen Betrachtungen ein Ende fand und hinüber lenkte zu weltlicheren Dingen, zumal ihn Reuben durch seine Bescheidenheit und sein liebevolles Eingehen auf all seine Gedanken und Meinungen so für sich eingenommen hatte, daß er sich – was vielleicht seit seiner zweiten Hochzeit nicht wieder vorgekommen war, – dazu entschloß, zwei Flaschen alten kräftigen Doppelbieres aus dem Keller heraufzuholen und seinem jungen Freunde vorzusetzen. Bei dem Abendbrote, das sich daran fügte, brachte er die Rede auf seine Tochter Jeanie, auf die Tugenden derselben, auf ihre Wirtschaftlichkeit, Sparsamkeit, Biederkeit, auf ihre praktische Gesinnung – und nun konnte es nicht fehlen, daß auch Reuben sich in den lobendsten Worten über dieses Muster von einer Tochter und Schwester, wie er sie nannte, erging. – Und da er nun durch den Vater selbst die Kunde bekam, daß ihm durch die herzogliche Pfarre alle Sorge für sein zukünftiges Leben genommen sei, so konnte es weiter nicht fehlen, daß zwischen den beiden Männern ein Wort das andere gab, und daß sie schließlich auseinandergingen in der Zuversicht, daß Vater Deans nichts dawider haben werde, wenn der neue Pfarrer um die Hand von Jeanie anhalte. Hieran schloß sich nun das weitere Abkommen, Jeanie bis Roseneath, dem herzoglichen Jagdschlosse, entgegenzufahren.

So hatten sie sich endlich gefunden, Jeanie und Reuben, die in so schlichter, treuer, verständiger Weise die vielen Jahre hindurch aneinander festgehalten; und in der gleichen schlichten, verständigen Weise spielte sich auch jetzt die Szene des Wiedersehens ab. Vater Deans ließ es sich nicht nehmen, als er sie nun freudigen Herzens zusammengab, eine lange Betrachtung seines Lebens und seines Glaubens vorauszuschicken; und es währte geraume Zeit, bis er soweit war, ihnen auseinanderzusetzen, daß der Ehestand nicht bloß ein Wehestand, sondern ein Ehrenstand sei, und daß es an beiden Ehegatten sei, denselben so zu führen, daß ein jeglicher daran seine Lust und seine Freude habe. – Mit den Worten, sie möchten nun allein miteinander besprechen, was sie noch zu sprechen hätten, verließ er sie hierauf.

Nachdem sie nun in einsamer Zwiesprache den tiefen Empfindungen, die ihr Herz erfüllten, Ausdruck gegeben, von ihren Hoffnungen und Aussichten gesprochen hatten, und sich gelobt hatten, wie im bisherigen auch im neuen Leben treu miteinander zu halten, führte Jeanie das Gespräch auf das minder frohe Thema der Flucht ihrer Schwester. Sie vernahm von Reuben, daß Effie nach ihrer Freilassung aus dem Gefängnis noch drei Tage in St.-Leonard bei dem Vater geblieben, dann aber nächtlicherweile verschwunden sei. Nach vieler Mühe sei es ihm gelungen, ihre Spur bis zu einer kleinen, zwischen Dalkeith und Edinburg versteckten Seebucht aufzufinden, wo nur Fischerboote und Schmugglerschiffe zu landen pflegten, und wo in letzter Zeit ein solches Fahrzeug öfter gesehen worden und einmal spät in der Nacht an das Ufer herangekommen sei, um eine weibliche Gestalt zu einem größeren Schiffe hinüberzuführen, das unmittelbar nachher in See gegangen sei, ohne das mindeste von Fracht ans Land zu schaffen. Daß diese Schleichhändler Genossen des berüchtigten Robertson seien, und daß das Schiff nur zu dem Zwecke die Bucht aufgesucht habe, seine Geliebte zu entführen, darüber hegte Butler nicht den mindesten Zweifel. – Butler hatte bald darauf einen Brief, E. D. unterzeichnet, dem aber jede Bezeichnung von Ort und Zeit fehlten, erhalten. Wahrscheinlich war er von Effie an Bord geschrieben worden, während sie seekrank war, denn es war kein Muster von einem korrekten Briefe, sondern enthielt allerhand Schreib- und Stilfehler und war stellenweise recht verworren und unklar. Es war aber, wie in allem, was dieses unglückselige Mädchen sprach oder tat, auch in diesem Briefe zu loben so wohl als zu tadeln. Sie könne es, schrieb sie, nicht ertragen, daß ihr Vater und ihre Schwester um ihretwillen die Heimat verließen und ihre Schmach mit auf sich nähmen, denn da sie allein die Schuld trüge, so träfe auch sie allein die Strafe. Sodann wäre es doch hinfort nicht mehr möglich, einander in Zukunft ein Trost zu sein, denn jedes Wort, jeder Blick des Vaters erinnere sie an ihre Sünde und zerreiße ihr das Herz; in den drei Tagen, die sie in dem väterlichen Heim verlebte, sei sie fast um den Verstand gekommen. Der Vater meine es ja gut mit ihr, wie mit allen Menschen, allein er wisse nicht, welche Marter es für sie sei, wenn er ihr ihre Sünde vorhalte. Wäre die Schwester zu Hause gewesen, hätte sich alles vielleicht besser gestaltet; denn Jeanie gleiche den Engeln im Himmel, die wohl um Sünden weinen, die Sünden aber um der Sünde willen nicht verdammen. Indes stünde es auch Jeanie gegenüber bei ihr fest, daß sie einander nicht mehr wiedersehen könnten, wenngleich ihr dieser Gedanke schmerzlicher sei, als alles, was bereits über sie gekommen. Auf ihren Knieen wolle sie für Jeanie beten, Tag und Nacht, nicht bloß dafür, was sie an ihr getan, sondern mehr noch dafür, was sie um ihretwillen zu tun sich geweigert habe; denn wie furchtbar müßte es ihr jetzt sein, wenn dieses lautere Gemüt, um sie zu retten, die Schuld eines Meineides auf sich genommen. Sie bäte den Vater, Jeanie alles zu geben, auch was von ihrem mütterlichen Erbe auf sie komme. Sie hätte sich aller Rechte daran schriftlich begeben und das betreffende Schriftstück befinde sich in Herrn Novits Händen. An irdischem Gut werde sie wohl, soweit sich vorläufig ermessen lasse, keinen Mangel mehr leiden. Dagegen hoffe sie, daß sie dadurch beitrüge, für die Schwester eine gute Aussteuer zu schaffen. In einer Nachschrift wünschte sie Herrn Butler alles Gute, und dankte ihm für alle ihr bewiesene Freundschaft. Was sie selbst anging, so wisse sie recht gut, daß sie einem traurigen Schicksal entgegengehe, aber sie habe es sich selbst zugezogen und verlange darum nicht, bedauert oder beklagt zu werden; aber zu ihrer Lieben Beruhigung wolle sie noch erwähnen, daß sie nicht auf schlimmen Wegen wandle, daß die, so schuld an ihrem Unglück seien, auch beflissen seien, es nach Kräften wieder gut zu machen, und daß es ihr in gewisser Hinsicht über Verdienst gut gehe. Indessen richte sie an die Ihrigen die Bitte, sich mit dieser Versicherung zu begnügen und nicht nach ihr zu forschen.

David Deans sowohl als Reuben Butler hatten aus diesem Briefe wenig Tröstliches entnommen. Was ließ sich von Effies Verhältnis zu einem Menschen wie Robertson anders erwarten, als daß sie Genossin an seinen künftigen Verbrechen sein und schließlich ihnen zum Opfer fallen werde? Jeanie dagegen, die über Georg Stauntons gesellschaftliche Stellung und Vermögensverhältnisse auf ihrer Wanderung durch den Zufall Aufklärung gewonnen, sah ihrer Schwester Lage in einem weniger herben Lichte an. Seine innige Teilnahme an ihr, und die Eile, mit der sie sich ihrer angenommen, sobald sie der Haft ledig war, gaben ihr die Zuversicht, daß Staunton und Effie bereits getraut seien. Auch war es kaum wahrscheinlich, daß Staunton seinen früheren ruchlosen Lebenswandel fortsetzte, denn das schwer auf ihm lastende Geheimnis, die Hauptschuld an dem Morde des Edinburger Stadthauptmannes zu tragen, sowie, daß der reiche Erbe von Willingham ein und derselbe sei mit dem zum Tode verurteilten Georg Robertson, konnte er nur zu bergen hoffen, wenn er ein durchaus anderer Mensch wurde. Jeanie glaubte, er würde mit Effie England auf Jahre verlassen und nicht eher wiederkehren, bis Gras über den Porteous-Krawall gewachsen sei. Nichtsdestoweniger hielt sie es nicht für geraten, ihren Vater und ihren Bräutigam des Trostes teilhaftig zu machen, der ihr Herz belebte; denn es bedünkte sie, daß es unbedingt notwendig sei, darüber, daß Georg Staunton und Georg Robertson ein und dieselbe Person seien, das strengste Geheimnis zu wahren.