Выбрать главу

Jeanie las den Brief der Schwester wieder und wieder; all die Gedanken, die in ihrem Herzen über das Schicksal derselben schlummerten, erwachten von neuem, und der tiefe Schmerz, den sie um die Schwester fühlte, löste sich langsam in einer bittern Tränenflut; Butler suchte sie zu trösten und ihren Tränen Einhalt zu tun. Aber erst der Eintritt ihres Vaters in Begleitung von Duncan Knockdunder vermochte sie ruhiger zu stimmen.

Dieser war für Roseneath und Umgebung ein Mann von großer Wichtigkeit. Auf hohem, über den See hängenden Felsen gebaut, stand die stolze Knockdunder-Burg, von der man noch heute Ruinen sieht, und Duncan schwur Stein und Bein, daß dieselbe vorzeiten eine Königsburg gewesen sei, trotzdem sie zu den kleinsten Burgen im Lande gehörte, denn ihr innerer Raum bildete ungefähr ein Viereck von sechzehn Fuß, das in gar keinem Verhältnis zu den zehn Fuß dicken Außenmauern stand. Immerhin bot sie den Vorfahren Duncans den Vorteil, daß mit ihrem Besitze der Titel eines Landeshauptmannes verbunden war, und daß sie allein der Oberherrschaft des Hauses Argyle unterstanden und eine erbliche Gerichtsbarkeit, wenn auch nur in einem beschränkten Gebiete besaßen. Der damalige Vertreter des alten Geschlechtes war ein untersetzter Mann von etwa fünfzig Jahren, der es sich zum besonderen Gaudium machte, die hochländische mit der im Süden gebräuchlichen Tracht zu vermischen und zu der schwarzen Knotenperücke mit kühn aufgestutztem Tressenhut mit Vorliebe den Schottenmantel mit rundem, kurzem Unterkleide trug. Sein Benehmen war derb und geradezu, seine aufgestülpte Kupfernase verriet seine Neigung zu Zorn und Branntwein.

Dieser vornehme Burgherr trat jetzt auf Reuben und Jeanie zu und redete sie an, wie folgt: »Ich nehme mir die Freiheit, Herr Deans, Ihre Tochter zu begrüßen, und mein Amt verleiht mir das Recht, jedes Mädchen, das nach Roseneath kommt, mit einem Kusse zu bewillkommen.« – Den sinnigen Worten die minnige Tat folgen lassend, nahm er den Tabakpriem aus dem Munde, begrüßte Jeanie mit einem derben Schmatz und hieß sie im herzoglichen Gebiet von Argyle willkommen. Hierauf setzte er Reuben Butler in Kenntnis, daß seine feierliche Amtseinführung schon an dem nächsten Tage vollzogen und daß der Branntwein nicht dabei gespart werden solle, denn hierzulande Pflege man bei dergleichen Gelegenheiten nicht trocken zu sitzen.. »Der Laird« – wollte Deans anfangen. Aber dieser unterbrach ihn: »Bitte, der Hauptmann; die Leute wissen ja sonst nicht, wen Ihr meint, Wenn Ihr Herrschaften den ihnen zustehenden Titel verweigert.« – »Der Hauptmann also,« fuhr David fort, »versichert, daß das ganze Kirchspiel einmütig für Euch gestimmt habe. Reuben – Ihr seid also wirklich berufen, hier Eures Amtes zu walten.«

Duncan meinte aber, da die Hälfte Sächsisch, die Hälfte Gälisch rede, und keiner gewußt habe, was der andere geredet, so sei das beste von allem der Ruf: »Lang lebe Mac Callumore und Knockdunder!« gewesen; indes brauche sich Herr Butler darum nicht weiter zu kümmern, da nur er und der Herzog hier zu befehlen hätten, und diese Rede bekräftigte er mit einem derben Fluche gegen alle, die sich dagegen widerspenstig verhalten sollten.

Zwanzigstes Kapitel

Am andern Tage, der für die Einführung Butlers in sein Seelsorgeramt festgesetzt war, befand sich die Bewohnerschaft früh auf den Beinen. Duncan, ein ebenso wackerer Esser als Streiter vorm Herrn, hatte für ein stattliches Frühstück gesorgt. Es gab allerhand Speisen aus Milch, dazu kaltes Fleisch in Mengen, geschmorte Quabben, geröstete Eier, ein mächtiges Faß Butter, Heringe in Unmenge, gebraten, gesotten, frisch und gesalzen, dazu Tee und Kaffee, wer solches Getränk liebte. Der Wirt betonte, indem er auf einen kleinen Kutter, der der Windseite gegenüber an der Insel herumkreuzte, mit den Fingern zeigte, beides koste kaum mehr als den Lohn für das Ausladen – womit er eine entschuldbare Anspielung auf den hierzulande betriebenen Schleichhandel machte.

»Ist der Schmuggel hier frei?« fragte Butler. – »Ich meinesteils halte ihn für die Volkssitten schädlich.« – »Der Herzog hat keine Befehle dagegen gegeben,« erwiderte dieser Hüter des Rechts,»der seine von Selbstsucht diktierte Milde hierdurch für völlig begründet ansah. Butler wußte als Mann von Verstand, daß Ermahnungen Gutes nur dann bewirken, wenn sie zu rechter Zeit gegeben werden, und ließ den Gegenstand deshalb fallen, – Als das Frühstück eingenommen war, machte Knockdunder Deans und Butler den Vorschlag, im Boote zu ihren zukünftigen Wohnsitzen hinüberzufahren, – Es war ein wunderschöner Tag und die gewaltigen Berge warfen auf den Spiegel des Meerbusens, der ruhig wie ein Binnensee sich vor ihnen dehnte, ihre tiefen Schatten. Sogar Jungfer Dutton fühlte jetzt keinerlei Bange mehr; zumal ihr Herr Archibald gesagt hatte, daß es nach dem Gottesdienst noch einen solennen Schmaus geben werde, wovon sie eine besondere Liebhaberin war. In einem geräumigen Boote, das Duncan als seine »sechsspännige Equipage« bezeichnete, wurde es doch von sechs handfesten Ruderern bedient, daß es wie ein Pfeil durch die Fluten schoß, fuhren sie in der Richtung auf das Türmchen der alten Kirche von Knocktarlitie zu. Die Bewohnerschaft strömte dem Hauptmanne entgegen, ihm ihre Ehrfurcht zu bezeigen; manche davon waren Männer nach David Deans' Herzen, eifrige Bekenner des reinen Glaubens, denen der Vater des jetzt regierenden Herzogs hier eine Zuflucht gewährt hatte, weil sie durch die Teilnahme an der mißlungenen Unternehmung seines unglücklichen Vaters Anno 1686 um ihr Hab und Gut gekommen waren. Aber auch Pfarrkinder wilderen Gemütes kamen: Leute aus dem Gebirge, die Gälisch sprachen, Waffen und die echte Hochlandstracht trugen. Der Herzog wußte aber so gute Ordnung in seinem Gebiete zu halten, daß Gälen und Sachsen in bestem Einvernehmen lebten. Zuerst wurde das Pfarrhaus besucht; es war alt, aber in gutem Stande; im Hintergrunde stand ein kleiner Erlenwald, vorn dehnte sich ein hübscher Garten, begrenzt von dem Flüßchen, das, von den Fenstern aus sichtbar, zwischen Bäumen und Gesträuchen sich hinwand. Innen war die Wohnung mit neuem sauberen Hausgerät ausgestattet, das der Herzog auf seinem eigenen Schiff hierher hatte bringen lassen.

Mit einer Empfindung ruhiger, heiterer Freude betrachtete Butler dies abgeschiedene Tal, wo er seine künftigen Tage in Amt und Würden verleben sollte, und mancher Blick innigen Einverständnisses wurde zwischen ihm und Jeanie gewechselt, deren gütiges Antlitz heute wie verklärt erschien, als sie mit sittsam-bescheidener Freude das neue Heim betrachtete, in welchem sie bald als Gebieterin herrschen sollte. Vom Pfarrhause lenkte die Gesellschaft die Schritte nach dem Orte, wo künftighin ihr Vater sein Domizil haben sollte. Zur gemeinsamen Zufriedenheit wurde bemerkt, daß die Meierei kaum einen Büchsenschuß weit vom Pfarrhause entfernt lag. Ein gemächliches Wohnhaus, gut eingerichtete Wirtschaftsgebäude, und ein großer Obst- und Gemüsegarten liehen ihm vor der Hütte zu Woodend oder dem Häuschen zu St.-Leonard erhebliche Vorzüge. Die Aussicht war malerisch; zu Füßen erstreckte sich das Tal mit dem niederen Pfarrhause, dahinter der Meerbusen mit seiner idyllischen Inselflur; noch weiter hinten türmten sich die majestätischen Bergriesen. Aber mehr noch als von all diesen Naturschönheiten wurde Jeanie ergriffen, als sie die treue alte Mary Hettly in der weißen Haube, dem braunen Sonntagsrock und der blauen Schürze auf der Schwelle, zu ihrem Empfange bereit stehen sah. Die gute treue Seele war nicht minder selig über das glückliche Wiedersehen und hielt mit der Versicherung, sie habe für den Vater und das Vieh nach Kräften gesorgt, nicht hinter dem Berge.