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Nachdem Jeanie Stall und Milchgebäude besichtigt, und der guten Alten ihre Zufriedenheit mit all den Einrichtungen, die sie getroffen, ausgesprochen, wurde das Hausinnere besichtigt. In Jeanies Schlafzimmer stand ein Koffer, dessen Aufschrift ihn als ihr Eigentum auswies und der Jungfer Duttons Neugierde rege machte, weil sie in der Schrift diejenige der ersten Kammerfrau der Herzogin erkannte. May Hettly übergab Jeanie in einem versiegelten Kuvert, das gleichfalls an sie adressiert war, den Schlüssel dazu. Auf dem Kuvert standen obendrein die Worte: »Andenken für Jeanie Deans von den ihr wohlgesinnten Freundinnen Herzogin von Argyle und ihren Töchtern.« In dem Koffer, der nun hastig geöffnet wurde, lagen schöne, Jeanies neuem Stande angemessene Kleidungsstücke. Stück für Stück wurde herausgenommen, ausgebreitet, gelobt und bewundert; die alte May meinte, keine Königin könne besser ausstaffiert sein. Andere Empfindungen hielten angesichts dieses Reichtums Einzug in das Herz der Jungfer, die über die Milchkammer gesetzt worden war.

Anfangs äußerte sich ihr Neid nur durch ein paar inhaltlose Tadelsworte; als aber auf dem Boden des Koffers ein weißes Seidenkleid erschien, mit dem Wunsch, Jeanie solle es am Tage ihres Namenwechsels tragen, da konnte Jungfer Dutton nicht länger an sich halten, sondern raunte Archibald ins Ohr, daß es doch gar nicht so übel sei, als Schottin auf die Welt zu kommen; denn von dem halben Dutzend Schwestern, die sie hätte, hätten wohl alle ein Kind kriegen und gehängt werden können, ohne daß es einem Menschen auch nur eingefallen wäre, ein Nastüchlein zu schenken.

»Oder, ohne daß es Euch eingefallen wäre, Jungfer, einen Finger für sie zu rühren,« entgegnete Archibald trocken. »Aber,« setzte er sogleich hinzu, »wie kommt es denn, daß wir noch kein Geläut hören!« »Der Tausend, Herr Archibald,« versetzte Hauptmann Duncan von Knockdunder, »Sie wollen doch nicht läuten lassen, bevor ich zum Kirchgange fertig bin? Den Glöckner möchte ich sehen, der sich solches herausnähme! Den Glockenstrang ließe ich ihn schlucken! Könnt Ihr's aber nicht erwarten, ihr Gebimmel zu hören, so brauche ich mich bloß auf der Höhe sehen zu lassen, dann, geht's auf der Stelle damit los!«

Und richtig! Kaum tauchte, gleich Hesperus, der Hut mit den goldenen Tressen über dem tauigen Hügel empor, so fing »das Gebimmel«, wie der Hauptmann gesagt – und eine andere Bezeichnung verdiente es wahrlich nicht – an und hörte nicht eher auf, als bis die kleine Gesellschaft im Gotteshause verschwunden war.

Hier gab manches dem alten Deans Ursache zum Verdruß, zum Beispiel die Predigt, die ihm viel zu kurz war, trotzdem sie fünf Viertelstunden gedauert hatte. Es half dem Prediger ihm gegenüber auch nicht, daß er sich damit entschuldigte, der Herr Hauptmann habe zu gähnen angefangen. Das schlimmste aber war, als der Herr Hauptmann, sobald sich die Gemeinde niedergesetzt hatte, in dem Lederbeutel, der ihm vorn am Schurze hing, nach seinem Tabaksbeutel zu suchen anfing und, als er ihn nicht fand, einem seiner Leute ungezwungen zuschrie, ins Dorf zu rennen und ihm eine Rolle Pastorknaster zu holen – was aber dem Mann dadurch erspart wurde, daß sich ein halbes Dutzend Hände dem Hauptmann zureckten, jede mit einem Tabaksbeutel, von dem er sich den besten aussuchte, um sich die Pfeife zu stopfen, die er alsbald in Brand setzte und vergnüglich rauchte.

David Deans, den solches gottlose Benehmen schrecklich in Harnisch brachte, murrte, stöhnte, seufzte erst eine Weile; dann wandte er sich an einen der Kirchenältesten, dessen große Perücke ihm das meiste Vertrauen erweckte, und raunte ihm zu: »Sind wir denn unter Wilden und Heiden: für die möchte sich's nicht einmal schicken, im Gotteshaus« Pfeife zu rauchen, geschweige für einen Edelmann, der doch damit den Eindruck weckt, als sei ihm Kirche und Schenke eins,«

Isaak Meiklehose – so hieß der Aelteste – aber schüttelte den Kopf und erwiderte: »Wozu noch lange reden? Der Herr Hauptmann sind nun 'mal wunderlich – er hat die Gewalt im Lande, und ohne seinen Schutz kämen uns die Räuber vom Hochlande stündlich auf den Hals. Wenn ihm was zu Kopfe schießt, muß man ihm halt den Willen lassen – denn wer die Macht hat, hat's Recht, das wißt Ihr doch?« – »Mag sein, Nachbar,« versetzte Deans, aber Reuben Butler wird ihm schon beibringen, daß er die Pfeife anderswo rauchen muß als im Gotteshause!« – »Darf ein Tor dem Weisen raten,« versetzte Meiklehose, »dann soll er sich's zweimal überlegen, ehe er sich mit Duncan Knockdunder in einen Streit einläßt; denn bis jetzt hat jeder mit ihm den kürzern gezogen.«

Auf diese Weise wurde Reuben Butler zum Seelsorger von Knocktarlitie eingesetzt.

Einundzwanzigstes Kapitel

An dem reichen Mahl, das der Herzog von Argyle hatte herrichten lassen, nahmen außer den ehrwürdigen Herren von der Geistlichkeit, die der feierlichen Einweisung Butlers in sein Amt beigewohnt hatten, viel andere angesehene Leute des Kirchspiels teil, und es wurde gar wacker gezecht und auf des Herzogs Gesundheit getrunken, in die zum erstenmal in seinem Leben auch David Deans laut mit einstimmte, wie auch auf des ehrwürdigen Pfarrers von Knocktarlitie und seiner künftigen Gattin Gesundheit; bei welchem Anlaß aber David Deans sich zum ersten Scherz verstieg, den die Welt je von ihm gehört, der ihm aber recht schwer und sauer wurde, denn er verzog das Gesicht gewaltig, und stotterte gewaltig, bis es ihm gelang, den Scherz in Worte zu kleiden: »Da Reuben kaum noch mit seiner geistlichen Braut vermählt worden, sei es hart, ihm noch am gleichen Tage mit einer weltlichen zu drohen,« so rief er unter einem unbändigen Lachen, das er aber, als schäme er sich der maßlosen Lebhaftigkeit, sogleich verstummen ließ. – Jeanie, Jungfer Dolly Dutton und die anderen Frauen zogen sich in die Meierei zurück, wo sich später auch Reuben Butler und Herr Archibald einfanden. Deans und Butler sollten noch in derselben Nacht in ihre neuen Wohnungen einziehen, Jeanie mit Jungfer Dutton aber noch auf einige Tage nach Roseneath zurückkehren. Das Boot lag bereit, aber Knockdunder ließ noch auf sich warten, trotzdem es schon zu dämmern begann. Da kam Herr Archibald mit dem Bescheide, der Hauptmann habe sich so fest getrunken, daß er in dieser Nacht wohl nicht von der Insel wegkommen werde und, wenn es noch der Fall sein sollte, für Damen kaum einen schicklichen Begleiter abgeben dürfe; er schlüge deshalb vor, in der Barke ohne ihn die Ueberfahrt zu machen; womit sich Jeanie im Vertrauen auf seine bewährte Eigenschaft als Führer gleich einverstanden erklärte, während Jungfer Dutton wieder Einwände machte, daß es doch besser sei, zu warten, bis sie das große Boot benutzen könnten. Aber schließlich gelang es ihm, auch die Bedenken der Jungfer zu zerstreuen, und so machten sie sich unter dem Geleit von Butler auf den Weg zum Strande. Es verging aber noch einige Zeit, bis die Schiffer, sich von dem Dienerschafts-Gelage trennen konnten und bis die beiden Frauen sich eingeschifft hatten. So stand der Mond schon über den Bergen und beleuchtete mit seinem bleichen zitternden Scheine die herrliche Szenerie. Aber die Nacht war so sanft und ruhig, daß Butler, als er seiner Braut am Ufer Lebewohl sagte, nichts für ihre Sicherheit, und, was noch seltsamer war, daß auch Jungfer Dutton nichts für die eigene zu fürchten fand. Die Luft war mild und ruhig und streifte mit leisem Hauche die kühle Flut, Berge, Felsen, Buchten zogen in lieblichem Wechsel an ihnen vorüber und entsprühten den Wellen bei jedem Ruderschlag glitzernde Funken, ein Schauspiel, so neu und bezaubernd, daß Jeanie wie auch Jungfer Dutton die Blicke nicht davon wenden konnten. – Der Landungsplatz lag im Hintergrunde einer kleinen Bucht, in nicht erheblichem Abstande vom Hause; aber das Boot konnte infolge der Ebbe nicht bis zu den Steinen gelangen, die die Landungsbrücke ersetzten; Jeanie, rasch und beherzt, sprang behend vom Bootsrande zu den Steinen hinüber; Jungfer Dutton aber wollte von solch einem Wagestück nichts wissen, so daß Archibald ihr diesmal den Gefallen tat, das Boot zu einem andern Landungsplatze zu steuern, wo es sich bequemer aussteigen ließ. Jeanie blieb nun allein am Ufer zurück, denn sie hatte Archibald gutmütig gebeten, sich der ängstlichen Jungfer zu widmen, das Haus sei ja nahe, und da das Mondlicht ihr die weißen, hinter dem Wäldchen hervorragenden Schornsteine zeige, könne sie den Weg ja unmöglich verfehlen. Es war eine so wunderschöne Nacht, daß Jeanie, statt gleich zum Jagdschlosse zu eilen, am Ufer stehen blieb, und dem Boote nachblickte, wie es, wieder in die silberne Flut tauchend, zu der kleinen Bucht hinaussteuerte, während die dunklen Gestalten ihrer Gefährten allmählich im Nebel verschwanden und der schwermütige Sang herüberklang, bis das Boot endlich um das Vorgebirge bog und ihren Blicken gänzlich entschwand, – Auch jetzt noch verharrte Jeanie an der Stelle und in derselben Stellung, den Blick auf die See hinausgerichtet. Der wunderbare Wechsel, der binnen wenigen Wochen sich in ihrer Lage vollzogen – Verzweiflung zu Ehre, Freude und froher Aussicht in die Zukunft wandelnd – glitt an ihrem geistigen Auge vorüber und führte helle Tränen in ihr leibliches Auge. Doch nicht der Freude allein flossen sie in diesen einsamen Augenblicken, sie hatten noch eine andere Quelle! Irdisches Glück ist nie vollkommen, und edle Gemüter fühlen das Leid ihrer Lieben immer dann am tiefsten, wenn sie selbst sich in glücklicher Lage wissen. So gedachte auch Jeanie jetzt mit herbem Schmerze des Schicksals der unglücklichen Schwester, an die sich so viel teure Hoffnungen geknüpft hatten, die, soviele Jahre hindurch des Vaters verzärteltes Schoßkind, jetzt landflüchtig und, was noch schlimmer war, dem Willen eines leidenschaftlichen, ruchlosen Menschen Untertan sein mußte, – Während sie diesen trüben Gedanken nachhing, war es ihr, als husche aus dem dichten Buschwerk zu ihrer Rechten eine dunkle schattenhafte Gestalt hervor. Jeanie fuhr erschreckt zusammen und alles, was ihr von Geistern und Gespenstern, die zu solcher Zeit und Stunde an solch stillem abgelegenen Ort gesehen worden, bekannt war, drängte sich in ihrer Phantasie zusammen. Die Gestalt kam ihr näher – sie zeigte weibliche Konturen – und plötzlich erklang eine sanfte, süße Stimme: »Jeanie, Jeanie!« O, was war das? Konnte es die Stimme der Schwester sein? Weilte sie noch unter den Lebenden, oder waren des Grabes Siegel gesprengt? – Aber es blieb ihr nicht Zeit, sich diese Fragen zu stellen, geschweige zu beantworten, denn schon hing Effie an ihrem Halse, hielt sie in ihren Armen, drückte sie an ihre Brust und bedeckte sie mit Küssen.