»Wie ein Geist, Jeanie, bin ich hier umhergewandelt, Dich zu sehen,« sagte sie, »und, daß Du mich für einen Geist hältst, Jeanie, wundert mich nicht – nein, Jeanie, nicht! Wollte ich ja nur einmal noch Dich vorübergehen sehen, nur einmal noch den Ton Deiner Stimme hören, aber Dich noch einmal zu sprechen im Leben, Jeanie, das war mehr, als ich verdiente, war mehr als ich hoffen durfte, durch Beten zu erlangen.« – »O, Effie! Wie kommst Du hierher? Allein? zu solcher Stunde? hierher an das wilde Seeufer? Bist Du es auch wirklich Effie, wirklich und leibhaftig?« – Da brach wieder Effies alter Mutwille hervor, denn statt der Schwester Antwort auf die Frage zu geben, kniff sie sie, gleich einer neckenden Fee so leicht, leise in den Arm. Und wieder umarmten sich die Schwestern und lachten bald, bald weinten sie.
»Aber Du mußt doch mit ins Haus kommen, Effie,« sagte Jeanie, »mußt mir dort alles, alles beichten. Es sind brave Menschen dort, Menschen, die Dich um meinetwillen freundlich willkommen heißen,« – »Nein, nein, Jeanie,« antwortete Effie traurig, »Du vergißt, was ich bin, – vergißt, daß ich verbannt, daß ich landflüchtig bin – daß ich schmählichem Tode nur entgangen bin, weil Du die beste, mutigste, tapferste Schwester bist, die jemals unter Gottes Sonne gelebt hat. Nein, nein, Jeanie! mich einem Deiner vornehmen Freunde zu nähern, das kannst Du nicht von mir erwarten, auch nicht, wenn keine Gefahr für mich damit verknüpft wäre.« – »Es ist keine Gefahr, – es soll keine Gefahr sein,« sagte Jeanie eifrig. »O, Effie, sei nicht eigensinnig, laß Dich nur diesmal leiten! Wir können ja so glücklich sein! Komm zu uns, Effie, komme zu denen zurück, die es am besten mit Dir meinen! Eine alte Hecke gibt immer besseren Schutz als ein neugepflanzter Wald.« – »Ich habe alles Glück, dessen ich wert bin, gefunden; jetzt, da ich Dich gesehen!« antwortete Effie, – »und ob Gefahr für mich dabei sein mag oder nicht, nachsagen soll mir niemand, daß ich hierhergekommen sei, fast, unmittelbar vom Galgen weg, – wie es Vaters Rede war –, um meiner Schwester Schande und ihren vornehmen Bekannten Verdruß zu machen.«
»Ich habe keine vornehmen Bekannten hier,« versetzte Jeanie – »keine anderen Bekannten, die nicht auch Deine wären – Reuben Butler und unsern Vater. – Ach, unglückseliges Mädchen! sei nicht so hartnäckig! Kehre zurück zu Deinem Glücke! Komm wieder zu uns, die es am besten auf der Welt mit Dir meinen!«
»Du sprichst vergebliche Worte, Jeanie, – was geschehen ist, läßt sich nicht ungeschehen machen! Ich bin verheiratet und muß meinem Manne folgen in Glück und Unglück.« – »Effie, verheiratet!« rief Jeanie. »Unglückliches Mädchen! Verheiratet an jenen Furchtbaren!« – »Still, still,« sagte Effie, ihr die Hand auf den Mund legend, indem sie mit der andern nach dem Dickicht hindeutete: »Er ist dort!«
Sie sagte dies in einem Tone, der deutlich erkennen ließ, ihr Mann habe ihr Furcht und Liebe in gleichem Maße eingeflößt. Da trat ein Mann aus dem Gehölz, es war der junge Staunton! Selbst bei dem undeutlichen Lichte des Mondes konnte Jeanie sehen, daß er vornehm gekleidet war und ganz so aussah, wie ein Mann von Rang und Stand.
»Effie,« sagte er, »unsere Zeit ist fast vorüber, – das Boot wird wieder in der Bucht sein, und wir dürfen nicht länger verweilen, – Deine Schwester, hoffe ich, wird mir erlauben, ihr guten Tag zu sagen?« Jeanie aber wich zurück, als er sie brüderlich umarmen wollte. »Nun, wie sie will,« sagte er, »viel gelegen ist nicht daran; verharren Sie auch in Abneigung gegen mich, so lassen Sie es mich wenigstens nicht fühlen, und dafür, daß Sie mein Geheimnis bewahren, wo ein Wort – das ich an Ihrer Stelle längst gesprochen hätte – mir das Leben kosten würde: dafür lassen Sie mich Ihnen danken – von Herzen danken. Es heißt immer: ein Geheimnis, das Dich den Hals kosten kann, hüte selbst vor dem Weibe Deines Herzens – mein Weib und ihre Schwester wissen beide um das Geheimnis, das auf mir lastet, und mein Schlaf wird darum nicht gestört.« – »Sind Sie wirklich mit meiner Schwester verheiratet?« fragte Jeanie, voll Angst und Zweifel; denn der nachlässig stolze Ton seiner Rede ließ sie das Schlimmste befürchten. – »Ich bin mit ihr verheiratet, recht- und gesetzmäßig; und unter meinem wahren Namen,« antwortete Staunton mit tiefem Ernst. – »Und Ihr Vater? Ihre Verwandten?« – »Mein Vater und meine Verwandten müssen sich aussöhnen mit dem Geschehnis, als mit einer Tatsache, die sich nicht mehr rückgängig machen läßt,« erwiderte Staunton. »Indessen beabsichtige ich, um einerseits gefahrvolle Beziehungen zu lösen, anderseits meinen Verwandten Zeit zur Beruhigung zu lassen, mit der Bekanntgabe meiner Heirat noch zu warten und ein paar Jahre außer Landes zu gehen. Sie werden in dieser Zeit nichts von uns hören, wenn Sie überhaupt je wieder von uns hören. Daß es für mich gefahrvoll ist, schriftlichen Verkehr zu unterhalten, müssen Sie einsehen; denn jeder würde ja doch in Effies Gatten den – den, nun, wie soll ich sagen? – nun, den Mörder des Edinburger Stadthauptmanns vermuten.«