Schwerer aber als dieser erste, bedrückte sie der zweite Punkt: daß in den ganzen fünf Jahren, die nun seit jener letzten rätselhaften Begegnung auf der Insel Noseneath verflossen waren, von ihrer Schwester Effie nicht die geringste Nachricht an sie gelangt war. Der Gedanke, Effie möchte wohl nicht mehr am Leben oder in Jammer und Elend versunken sein, da sie ihr Wort, von sich hören zu lassen, wenn sie am Leben bleiben und wenn es ihr gut gehen sollte, nicht eingelöst hatte, ließ sich kaum abweisen, und Jeanie, die die vielen Jahre schwesterlichen Zusammenlebens nicht vergessen hatte und nicht vergessen konnte, verbrachte manche, manche kummervolle Stunde um ihrer Effie Schicksal,
Aber der Schleier, der dasselbe deckte, sollte im sechsten Jahre ihres Ehelebens gelüftet werden, denn eines Tages kam Hauptmann Knockdunder auf die Pfarre mit einem Briefe, der eben mit dem Postboote angekommen und ihm zur Besorgung gegeben worden sei. Er zeigte den Stempel York; aber in ihrer ersten Meinung, er komme von der guten Frau Bickerton vom Gasthof zu den sieben Steinen, mit der sie, wie auch mit der Frau Glas in London, aus Dankbarkeit gegen das ihr erwiesene Gute, im Schriftwechsel geblieben war, wurde sie bald irre, denn die zierlichen Schriftzüge wichen gar zu sehr ab von den ungelenken der beiden alten Frauen. Da aber Jeanie gerade mit dem Essen zu tun hatte, schob sie den Brief einstweilen hinter ihr Busentuch und deckte für die beiden Männer, die sich zu einer Brettspielpartie setzten, den Abendbrottisch.
Als sie indessen ihren Hausfraupflichten genügt hatte, erinnerte sie sich des Briefes wieder und brach ihn auf; doch hatte sie kaum einen Blick hineingeworfen, als sie die Stube verließ,, um sich in ihre Schlafkammer zurückzuziehen, wo sie sich ungestört wußte und ausschließlich mit dem für sie bedeutungsvollen Inhalte befassen konnte.
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Der Brief war mit einem bloßen E unterzeichnet, und die Schrift wies eine solche Eleganz, Stil und Ausdruck eine solche Gewähltheit auf, daß Jeanie wohl im Zweifel hätte sein können, von wem er käme; aber sie wußte es auf den ersten Blick, daß er von Effie kam.
»Herzliebe Schwester!« schrieb sie. »Es mag gefährlich für mich sein, Dir zu schreiben, aber ich schreibe Dir, auf alle Gefahr hin, um Dir endlich ein Lebenszeichen zu geben, um Dir endlich zu sagen, daß ich mich auch in weltlicher Lage eines weit besseren Geschicks erfreuen darf, als ich verdiene, als ich je habe erwarten dürfen. Sind Reichtum, Rang und Ehren Faktoren, das Glück einer Frau Zu begründen, so bin ich glücklich, denn ich besitze dies alles; Du aber, Jeanie, die den Anschauungen der Welt nach in einer soviel tieferen Klasse lebt als ich, Du bist doch weit, weit glücklicher als ich. Wäre ich nicht imstande gewesen, hin und wieder Nachrichten über Dein Befinden zu bekommen, hätte ich nicht gewußt, daß es Dir gut geht, so wäre, glaube mir, mir das Herz schon lange gebrochen. O, wie innig hat es mich gefreut, daß drei Kinderchen Dein Glück vermehren; wir, Jeanie, wir sind solches Segens nicht würdig! Zwei Kinder sind uns schnell hintereinander entrissen worden, und nun sind wir kinderlos! Doch, wie Gott will! Aber hätten wir ein Kind, so möchte es ihn wohl von den finsteren Gedanken ableiten, die ihn sich selbst ein Schrecken sein lassen. Aber, Jeanie, sorge Dich nicht um mich deshalb; denn gegen mich ist er nach wie vor der beste Mann, und mein Schicksal hat sich wirklich weit, weit besser für mich gestaltet, als ich verdient hätte. Du wunderst Dich gewiß über meine bessere Schrift und Ausdrucksweise? Nun, als wir im Auslande lebten, hat mir mein Mann die besten Lehrer gehalten, und ich, bin eine fleißigere Schülerin gewesen, als Du mir wohl zutraust; aber weil ihn meine Fortschritte im Lernen erfreuten, habe ich mir keine Mühe verdrießen lassen. O, glaube mir, Jeanie, er ist gut, sehr gut, wenn ihn auch viel, vieles, besonders aus der Vergangenheit, bedrückt und bekümmert. Wenn, ich mich in die Vergangenheit versenke, dann blinkt mir immer ein heller Strahl entgegen, die Großmut meiner Schwester, die mich nicht vergaß, als mich jedermann vergessen hatte, die mir Hilfe und Beistand leistete, als mich alles verließ. Gott segne Dich nach wie vor dafür, Schwester!
»Als mein Mann in sein väterliches Erbe trat, führte er mich in seine Familie als«die Tochter eines vornehmen schottischen Edelmannes ein, der zur Zeit der Unabhängigkeitskämpfe aus dem Lande verwiesen worden sei und mich in einem Kloster habe erziehen lassen. Lange genug, um solche Rolle wahrscheinlich zu machen, habe ich ja in solcher Klausur verlebt. Treffe ich aber einmal mit einem Schotten zusammen und werde ich über die Familien gefragt, die an jenen Unruhen mitbeteiligt waren, dann beschleicht mich immer ein schreckliches Gefühl von Angst, daß ich mich verraten könnte, besonders wenn ich sehe, wie sein Auge sich dann auf mich richtet. Bis jetzt haben ja Courtoisie und Bonhommie mich vor allzu dringlichen Fragen bewahrt; aber sollte ich hierdurch Schmach über ihn bringen, so sagt mir mein Gefühl, daß er mich hassen würde, daß er mich, so innig er mich auch liebt, verstoßen, wenn nicht töten würde, denn er ist auf die Ehre seines Hauses jetzt ebenso eifersüchtig, wie sie ihm einst gleichgültig war.
»Ich bin schon vier Monate lang m England und habe Dir schon oft schreiben wollen; fürchtete mich aber vor der Gefahr, daß ein Brief aufgefangen werden könnte, und unterließ es noch immer. Jetzt aber muß ich es auf diese Gefahr ankommen lassen. Vorige Woche lernte ich nämlich den Herzog v. A. kennen; er wurde mir vorgestellt und machte mir in meiner Loge seine Aufwartung. Eine Szene in dem Theaterstücke brachte ihm Dich in Erinnerung. Und denke Dir! er erzählte nun allen, die mit in der Loge waren, das Heldenstück Deiner schwesterlichen Aufopferung! Hätte er geahnt, daß er in mir jene Elende vor sich hatte, über die er nicht mit den zartesten Reden herzog, wer weiß, was dann noch gekommen wäre! Welche Qualen ich dabei litt, kann ich Dir nicht beschreiben. Eine Zeitlang habe ich sie ertragen; dann aber überstieg es meine Kräfte, und eine Ohnmacht umfing mich. Sie wurde der in dem Räume herrschenden Hitze beigemessen,, von manchen auch meiner großen Teilnahme an dem Schicksale des unglücklichen Mädchens. Und ich, ich vollendete Heuchlerin ließ beides gelten . , O! ein Glück, daß »Er« nicht dabei war! Aber die Begebenheit blieb nicht ohne Folgen. Ich sehe Deinen Freund jetzt öfter, und niemals unterläßt er es, von E. D., J. D., von R. B. und D. D. zu reden, die so glücklich gewesen seien, mein Interesse in so hohem Maße zu fesseln. Und das alles wird mir gesagt in jenem gräßlichen Tone zeremonieller Seichtheit, in dem sich die »Hautvolée«, über die tragischsten Vorkommnisse zu unterhalten pflegt. In der ersten Unterhaltung mit dem Herzoge kamen die Dinge Schlag auf Schlag, und jetzt, jetzt martern mich Nadelstiche langsam zu Tode.
»Der H. v. A. gedenkt im nächsten Monat Schottland zu besuchen, weil er dort jagen will. Wie er sagt, nimmt er im Pfarrhause von R. B. regelmäßig die Mahlzeiten ein. Sei also auf Deiner Hut, Jeanie, falls er die Rede auf mich bringen sollte, und laß Dir nicht etwa was merken! Wiederum ruht E.'s Leben in Deiner Hand, Du getreue Schwester! Wieder sollst Du sie beschützen, damit ihr das fremde Gefieder nicht ausgerupft werde! damit sie nicht entlarvt, nicht gebrandmarkt werde von eben dem, der sie auf die erste Stufe zu dem glitzernden Gipfel hinaufführte, auf dem sie jetzt steht... Was ich Dir beifüge, Jeanie, lehne nicht ab; ich nehme es von meinem Nadelgelde, und ich will es Dir hinfort zweimal im Jahre senden... Ist's Dir recht, so kann ich es, ohne mir wehe zu tun, verdoppeln. Bei Dir kann das Geld wohl nützliche Zinsen bringen... bei mir nie!