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Schreib mir recht bald, Jeanie! Sonst schwebe ich in der schrecklichsten Angst, daß diese Zeilen in unrechte Hände gefallen sein könnten... Adressiere die Antwort nur an L. S. und lege sie ohne eine begleitende Zeile in einen Umschlag, den Du an Seine Hochwürden George Whiterose, Pfarrer zu York, richtest. Er befindet sich in der Meinung, ich stände mit einem jakobitischen Verwandten vom Hochadel in Schriftwechsel. Wüßte er, daß er den Brief nicht für Euphemia Seton aus dem hohen Hause von Winton besorgt, sondern für E. D., eines presbyterianischen Viehpächters jüngste Tochter: wie würde das dem geistlichen Herrn in die Glieder fahren! Ich glaube, die Röte der Entrüstung wiche wochenlang nicht von seiner echt jakobitischen Wange! O, Schwester! Du siehst, ich kann noch immer einmal lustig sein; aber, Kind! Gott schütze Dich vor solcher Lustigkeit! – Der Vater – Dein Vater, Jeanie, wollte ich schreiben, – möchte es vergleichen mit dem Prasseln dürren Dorngestrüpps, aber die Dornen verbrennen dabei nicht mit, sondern bewahren ihre Spitzen. Lebe wohl, Jeanie! Zeige den Brief niemand, auch Deinem Manne nicht! Ich achte ihn gewiß hoch; aber er ist ein Mann von strengen Grundsätzen, und meine Situation verträgt keine Strenge...

Mit treuer schwesterliche Liebe Deine E.«

Es war gar manches, was in dem langen Briefe Frau Butlers Staunen sowohl als Schmerz wachrufen konnte. Was ihr aber tatsächlich in dem Briefe mißfiel, war die Selbstsucht, die aus manchen Sätzen sprach, und die sie zu dem Schlusse brachte, daß Effie vielleicht auch jetzt nichts von sich hätte hören lassen, wenn es ihr nicht darum zu tun wäre, dem Herzog von Argyle ihre niedrige Herkunft zu verheimlichen. »An sich,« sagte Jeanie traurig, »hat ja doch Effie immer mehr als an andere gedacht!« Dann war es die Geldsumme, die Effie beigelegt hatte. »Fünfzig Pfund! Sieht es nicht aus, als wollte sie mich damit beschwichtigen oder gar bestechen? Wir haben doch, was wir brauchen, und daß ich ihr für alle Schätze Londons kein Leid antun möchte, dessen kann sie sich doch versichert halten. Aber mit meinem Manne muß ich darüber reden. Was sie von diesem redlichen Herzen zu befürchten hätte, wüßte ich nicht; bloß den lärmigen Hauptmann will ich zuvor aus dem Hause lassen«. Sie ging zur Tür, blieb aber auf der Schwelle stehen und drehte sich um.. »Ich weiß wahrhaftig nicht, wie mir zu Mute ist,« sagte sie, »so töricht, mich darüber zu ärgern, daß Effie eine vornehme Dame, ich aber bloß eine Pfarrersfrau geworden, bin ich doch wahrlich nicht, und doch verdrießt es mich, während ich doch vielmehr dem lieben Gott dankbar sein sollte, daß er sie aus Not und Schande erlöst hat!«

Es gelang ihr aber, die Empfindung von Unmut zu bekämpfen, die in ihr aufgestiegen war, und sie begab sich in das kleine Wohnzimmer zurück, wo ihr Mann und Knockdunder eben ihr Spiel beendigten. Der letztere bestätigte, was der Brief ihr gemeldet hatte, daß die Ankunft Seiner Herrlichkeit in den nächsten Tagen zu erwarten sei. »Es wird eine gute Jagd setzen, denn an Wildbret mangelt es, Gott sei Dank! in Auchingower noch immer nicht, und soweit ich unterrichtet bin, gedenkt der Herr, wie es immer seine Gewohnheit war, im Pfarrhause zu speisen.« – »Ich denke, das Recht dazu möchte ihm wohl niemand bestreiten wollen,« versetzte Frau Butler. – »Freilich, freilich, Frau Pfarrerin! Aber ich meine, Ihrem Vater sagten Sie doch vielleicht lieber, daß er sein Vieh in Ordnung hielte und auf ein paar Tage seinen presbyterianischen Kram an den Nagel hinge; denn kein Wort darf man gegen die Biester fallen lassen, ohne daß er einem mit einem Worte aus der Bibel Antwort gibt und unter Männern, wenn nicht gerade einer davon ein Pfaffe ist, schmeckt einem so etwas doch ein bißchen herb und sauer.« '

In der andern Woche traf, wie Effie geschrieben, der Herzog auf Roseneath ein und meldete sich in der Pfarrei als Gast an; schon bei dem ersten Mittagessen, das er dort einnahm, brachte er gleich die Rede auf Lady Staunton von Willingham in Lincolnshire und erzählte von dem Aufsehen, das ihr Witz und ihre Schönheit in London wachriefen. Jeanie hatte sich doch anders besonnen, als Hauptmann Knockdunder in seiner »sechsspännigen Equipage« wieder abgefahren war. Sie hatte sich gesagt, daß es ein gar zu schreckliches Geheimnis sei, das sie ihrem Manne offenbaren müsse, wenn sie ihn von dem durch den Hauptmann ihr überbrachten Briefe Kenntnis geben wolle. Wie konnte sie wissen, ob er es mit seinem geistlichen Berufe für vereinbar halte, dasselbe in seinem Heizen zu verschließen? Daß Effie mit jenem schrecklichen Robertson entflohen sei, mußte er ja ohnehin annehmen, aber davon, daß dieser Robertson identisch sei mit Georg Staunton, der eine solche Stellung jetzt in der englischen Gesellschaft einnahm, davon wußte er nichts, und das ahnte er auch gewiß nicht! Darum hielt sie es für richtiger, dem Manne gegenüber reinen Mund zu halten: das Geld wollte sie erst zurückschicken, entschied sich aber später ebenfalls anders, indem sie sich vornahm, es auf die Erziehung der Kinder zu verwenden.

Die Worte des Herzogs trafen sie also in mancher Hinsicht nicht unvorbereitet; in anderer Hinsicht aber überraschten sie dieselben. Nie hätte sie für möglich gehalten, daß Effie in ihrer Bildung es so weit bringen werde, daß sie die Aufmerksamkeit der Londoner Gesellschaft, wie der Herzog sagte, damit wachrief; war es ihr doch nicht bekannt, daß man in den höheren Ständen über die Menschen ebenso gern herzieht, wie in den unteren Klassen. Der Herzog bemerkte vielleicht einen Zug von Ungläubigkeit in dem Gesichte der Frau Pfarrerin, denn er setzte jetzt hinzu: »O, wie ich Ihnen sage; sie war im vergangenen Winter die gefeiertste Schönheit, der leuchtende Stern! Keine Dame, die beim Geburtsfeste Seiner Majestät zur Cour erschien, konnte mit ihr wetteifern!«

»Wie zur Cour? Wie bei Hofe?« und Jeanie dachte der Audienz, die sie selbst bei der Königin gehabt, und all die seltsamen Umstände, unter denen sie sich vollzogen hatte, zogen noch einmal an ihrem Geiste vorüber.

»Ich spreche nur darum Ihnen gegenüber von dieser Dame,« bemerkte der Herzog, »weil mich der Klang ihrer Stimme und der Schnitt ihres Gesichts in so eigentümlicher Weise an Sie erinnerte, Frau Butler; aber wenn Sie so bleich aussehen wie heute, dann verliert sich dieser Zug von Ähnlichkeit. Sie haben sich gewiß zu sehr angestrengt um meinetwillen, Frau Butler. Ich muß Sie deshalb schon bitten, mir mit einem Gläschen Wein Bescheid zu tun.« – Während sie der Aufforderung des Herzogs nachkam, meinte Reuben, es sei für eine schlichte Predigersfrau doch eine gar nicht so unverfängliche Schmeichelei, durch herzogliche Durchlaucht mit einer Schönheit bei Hofe verglichen zu werden. – »Ei, ei! Herr Pfarrer, Sie werden doch nicht etwa eifersüchtig? Damit kämen Sie aber ein bißchen zu spät; denn ich gehöre ja schon geraume Zeit zu den Verehrern Ihrer lieben Frau. Aber im Ernste, zwischen den beiden Damen besteht Aehnlichkeit, und zwar eine jener unerklärlichen Ähnlichkeiten, die man in Gesichtern findet, die, sich doch eigentlich nicht ähnlich sehen.« – Jeanie mochte fühlen, daß es einen ungünstigen Eindruck auf den Herzog machen müßte, wenn sie sich aller Aeußerung zu der Frage enthielte, und meinte, die Aehnlichkeit könne vielleicht mehr in dem Anklange des hochländischen Idioms liegen als im Aussehen oder doch den Eindruck desselben wesentlich beeinflussen. – »Sie dürften mit dieser Meinung den eigentlichen Kernpunkt getroffen haben,« erwiderte der Herzog, »die Dame, ist tatsächlich Schottin und spricht auch das Englische mit schottischem Accent, ja hin und wieder passiert es ihr, daß ihr eine echt provinzielle Wendung entschlüpft, was sich aber immer wie lauter Poesie anhört. – »Ich hätte gemeint,« warf Reuben Butler dazwischen, »daß die vornehme Welt eine Redeweise, die sich nicht frei von provinziellen Wendungen zu halten weiß, für vulgär ansieht?« – »Nicht im geringsten, lieber Herr Pfarrer, nicht im geringsten,« antwortete der Herzog, »denn Sie dürfen nicht etwa meinen, die Dame spräche jenes grobe schottische Platt, das man in den Edinburger Vorstädten hört... Meines Wissens hat die Dame überhaupt nur wenig in Schottland gelebt, sondern ist in einem ausländischen Kloster erzogen worden. Sie spricht das reine, vornehme Schottisch, das zu meiner Jugendzeit am Hofe gesprochen wurde, aber jetzt leider so außer Gebrauch gekommen ist, daß es einen wie fremdartig anmutet, wenn man es noch einmal hört.«