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So große Beklommenheit Jeanie fühlte, konnte sie sich doch nicht genug wundern, wie sich auch ein so feiner Kenner der gesellschaftlichen Verhältnisse wie der Herzog von Argyle von einer vorgefaßten Meinung so vollständig beherrschen lassen konnte. Der Herzog aber fuhr fort: »Die Dame entstammt dem vom Unglück schwerverfolgten Geschlechte der Wintons. Infolge ihrer im Auslande vollendeten Erziehung ist sie jedoch mit ihrem Stammbaume nicht recht vertraut, und begrüßte es recht dankbar, als ich ihr sagte, daß sie ein Seton von Windygout sei. [Vergleiche hierüber den Roman »Der Abt« von Walter Scott.] Ich hätte Ihnen gewünscht, die Röte zu sehen, die infolge dieser Belehrung ihre Wangen färbte. Ich wurde an die Rose erinnert, die verborgen und ungepflückt im keuschen Schatten eines Klostergartens blüht.«

»Ut flos in septis secretus nascitur hortis« [Wie das Blümchen erblüht, versteckt im umfriedeten Garten], konnte der an klassischen Sentenzen reiche Pfarrer sich nicht erwehren, aus Catull zu zitieren, während die Frau Pfarrerin es kaum für möglich halten konnte, daß sich alle die Reden und Worte auf ihre einst so unglückliche Schwester beziehen sollten. Sie meinte jedoch, die Gelegenheit, die sich ihr so unerwartet bot, über Effies Verhältnisse einiges Nähere zu erfahren, wahrnehmen zu sollen, wenn auch nur, um sich über die bangen Sorgen hinwegzutäuschen, in die sie durch die Aeußerungen des Herzogs versetzt wurde; darum wagte sie einige Fragen nach dem Gemahl der Dame, die Seine Herrlichkeit in so hohem Maße interessierte.

»Es ist ein sehr vermögender Herr, und ein Herr aus sehr altem vornehmen Geschlecht,« erklärte der Herzog, »auch ein Herr natürlich, der über ein sehr feines und vornehmes Benehmen gebietet. Es läßt sich indessen von ihm nicht sagen, daß er in der Gesellschaft die gleiche Beliebtheit besäße wie seine Gemahlin. Manche meinen wohl, daß er ein sehr angenehmer Gesellschafter sei; ich habe ihn als solchen jedoch noch nie kennen gelernt; auf mich hat er immer nur den Eindruck eines finstern, verschlossenen Mannes gemacht. Er soll eine stürmische Jugend hinter sich haben, ist auch nicht im Besitz einer sonderlich festen Gesundheit; immerhin gilt er noch immer als ein stattlicher und auch schöner Herr, der übrigens,« sagte er, zu dem Pfarrer sich wendend, »mit Ihrem Oberkirchenrat in sehr freundlichen Beziehungen steht.« – »Dann hätte er sich ja des Umganges eines unserer würdigsten Herren vom schottischen Adel zu erfreuen,« bemerkte Reuben Butler.

»Verehrt er seine Gattin auch, wie es die Gesellschaft, Ihren Worten nach, Durchlaucht, tut?« fragte Jeanie schüchtern. – »Sir George? Nun, man sagt, er liebe sie abgöttisch,« erwiderte der Herzog. »Indessen habe ich wohl schon, wenn er das Auge auf sie richtet, ein leichtes Erbeben ihrer Züge bemerkt, und das erachte ich für kein sonderlich gutes Zeichen. Ich kann mich aber wirklich gar nicht beruhigen über die eigentümliche Aehnlichkeit, die zwischen Ihnen, Frau Pfarrerin, und Lady Staunton vorwaltet, im Blick sowohl als in der Stimme. Man könnte wirklich schwören darauf, sie müßten Schwestern sein.«

Jetzt war es Jeanie nicht mehr möglich, die Unruhe, die sie quälte, in sich zu verschließen. Der Herzog, bestürzt über die Wirkung seiner Worte, war gutmütig genug, dies auf Rechnung der Erregung zu setzen, in die sie durch seine Unvorsichtigkeit, sie an ihre unglückliche Schwester zu erinnern, geraten war, und wechselte, durch ein Taktgefühl verhindert, sich zu entschuldigen, was das Uebel nicht gebessert, sondern nur verschlimmert hätte, das Thema, indem er einige Differenzen zwischen dem Geistlichen und Hauptmann von Knockdunder erörterte, dem er seinerseits nicht abstreiten wollte, daß er sich nach bestem Wissen und Können befleißige, ihn schicklich zu vertreten, während er ihn anderseits von einer gehörigen Portion Eigensinn und Heftigkeit nicht freizusprechen vermochte.

Reuben Butler erwiderte, daß sich weder gegen das eine, noch gegen das andere etwas sagen ließe, nur sei es zu wünschen, daß sich der Hauptmann im Weingenuß Mäßigung auferlegen, wenigstens in solcher Stimmung nicht allzu derb über die Stränge schlagen möchte; und nun lenkte die Unterhaltung der beiden Herren auf Kirchspielangelegenheiten hinüber, mit denen wir den freundlichen Leser nicht zu behelligen brauchen.

Vierundzwanzigstes Kapitel

Die Schwestern blieben nun, unter Beobachtung der äußersten Vorsicht, in schriftlichem Verkehr, wie es Effie in ihrem Schreiben gesagt hatte. Lady Staunton klagte jedesmal, daß ihr Gemahl mehr und mehr in Hypochondrie verfalle, und daß sie vor allem sich über ihre Kinderlosigkeit nicht hinwegsetzen könne. Ihr Mann könne sich mit seinem nächsten Leibeserben gar nicht gut stehen, da er denselben im Verdacht habe, unter der übrigen Verwandtschaft gegen ihn zu agitieren, und hätte sich wiederholt verschworen, lieber ganz Willingham einer wohltätigen Stiftung zu vermachen, als ihm einen Stein davon zukommen zu lassen. »Hätte mein Mann Kinder,« schrieb sie, »oder wäre nur jenes arme Wesen am Leben geblieben, um dessentwillen ich soviel und schwer gelitten, dann hätte er doch etwas, was ihn ans Leben fesselte, was ihm das Dasein lieb und wert machte. Aber der Himmel versagt uns solchen Segen, und es muß wohl sein, daß es uns seiner nicht für wert befindet.«

Aus den hohen, weiten Hallen des Willinghamer Schlosses drangen die fruchtlosen Klagen hinüber in das stille, gemütvolle Pfarrhaus zu Knocktarlitie, und Jahre um Jahre flossen darüber hin. Von allen tief, am tiefsten aber von Reuben Butler und seiner Frau bedauert, starb anno 1743 John, Herzog von Argyle und Greenwich. Standen sie auch seinem Bruder und Erben, dem Herzog Archibald, nicht so nahe wie ihm, so trat doch in ihr Verhältnis keinerlei Aenderung, sondern der Schutz, den ihnen Sir John gewährt, blieb auch unter Sir Archibald bestehen. Er tat ihnen aber auch nötiger denn je, da nach dem unglücklich verlaufenen Putsche des Prätendenten Charles Stuart und seiner Niederlage bei Culloden in den beiden Jahren nach dem Tode Sir Johns Ruhe und Frieden in den an die Hochlande grenzenden Distrikten noch geraume Zeit gestört blieben. In den Felsenklüften von Perth, Stirling und Dumbarton rottete sich allerhand Gesindel zusammen, das die romantischen Bergtäler und das Unterland zum Schauplatze seiner Räubereien und Plünderungen machte.

Die Hauptgeißel von Knocktarlitie war der unter dem Namen Donacha Dhuna Dunaigh oder schwarzer Duncan bekannte Räuber, dessen bereits flüchtig in dieser Erzählung gedacht worden. Von Haus aus Kesselflicker, gab er während des in Schottland wütenden Bürgerkrieges sein wenig lohnendes Gewerbe auf und wurde Hauptmann einer Räuberbande. Er war ein kräftiger Mann, kühn und verschlagen und im Hochlande mit jedem Passe, jeder Kluft und Schlucht vertraut. Daß Duncan von Knockdunder seinem Namensvetter, sobald er es ernstlich gewollt hätte, das Handwerk hätte legen können, davon war jedermann überzeugt, gab es doch im Kirchspiel junger, kräftiger Burschen genug, die dem Herzog in den Krieg gefolgt waren und sich ausgezeichnet geschlagen hatten. Man meinte aber, es müsse Donacha irgendwie geglückt sein, sich der Gunst Knockdunders zu versichern, und besonders bestärkt wurde man in dieser Meinung durch den Umstand, daß David Deans' Viehherden von seiten des Räubers verschont blieben, wahrend dem Pfarrer alle Kühe weggetrieben wurden.

Bei einem neuerlichen Ueberfall entschloß sich Reuben, sein friedliches Amt zu verleugnen und an der Spitze einiger Nachbarn den Räubern ihre Beute wieder abzujagen. Natürlich ließ es sich der greise David Deans nicht nehmen, trotz seines hohen Alters seinen Schwiegersohn auf diesem Zuge zu begleiten, und auf seinem hochländischen Klepper, mit dem breiten Schwert an der Seite, glich er ganz David, dem Sohne Jesses, als er wider die Amalekiter zog. Donacha Dhuna Dunaigh wurde durch Reuben und David Deans, wenn auch nicht festgenommen, so doch dermaßen eingeschüchtert, daß er sich geraume Zeit nicht mehr ins Kirchspiel wagte, sondern seine Raubzüge nach entfernteren Distrikten verlegte. Aber vor seinem Namen herrschte noch Furcht und Schrecken bis über das Jahr 1751 hinaus; in diesem Jahre aber wurde, wenn ihn die Scheu vor dem zweiten David zurückgehalten hatte, dieser Zwang durch das Schicksal von ihm genommen, indem in diesem Jahre der ehrwürdige Patriarch zu seinen Vätern versammelt wurde. Reich an Jahren und Ehren, ging David Deans zum Himmel ein. Sein Geburtsjahr kannte niemand; da er sich aber mancher Vorgänge erinnerte, die mit der Zeit nach der Schlacht an der Brücke von Bothwell zusammenfallen, ist der Schluß erlaubt, daß er über neunzig Jahre alt geworden. Dankbar für den ihm durch die Vorsehung während seines Wandels durch dieses Tränen- und Sündental gespendeten Segen, entschlief er in den Armen seiner geliebten Tochter Jeanie, für deren ferneres Wohl er ergreifende Gebete zum Himmel sandte. Lange hörte man ihn dann noch murren über den Verfall der Zeiten und ähnliche Dinge; aber wie die greise May Hettly meinte, schien er nicht mehr recht bei sich und führte solche Reden nur, weil sie ihm zur Gewohnheit geworden waren; sein Ende war ganz das eines frommen Christen, der im Frieden mit seinem Gott, seinem Gewissen und seinen Brüdern selig im Herrn entschläft.