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»Und wo hast Du das Buch her, Femie?« fragte die Mutter; »an Vaters Büchern darfst Du Dich doch nicht vergreifen, wenn er nicht da ist?« –Aber Femie ihrerseits beteuerte, einen Bogen Papier in den Händen zerknüllend, es sei ja gar keins von Vaters Büchern, sondern nur Papier, das May Hettly von dem großen Käse abgenommen habe, der von Inveravy herübergeschickt worden; zwischen Jungfer Dolly Dutton, die inzwischen zu einer Frau Mac Corkindale aufgerückt war, und ihrer einstigen Reisegefährtin Jeanie hatte sich nämlich ein freundschaftliches Verkehrs-Verhältnis herausgebildet, das durch Austausch kleiner Aufmerksamkeiten warm gehalten wurde. Jeanie nahm ihrem Töchterchen den zerknüllten Bogen aus der Hand, um sich über seinen Inhalt zu vergewissern, schreckte aber förmlich zusammen, als sie beim ersten Blicke las: »Die merkwürdige Beichte der Margarethe Max Craw oder Murdockson, die sie am Tage ihrer Hinrichtung Anno 1737 auf dem Harabeeberge bei Carlisle vor allem Volke hielt.« Es war eines von den Zeitungsblättern, die Archibald, wie seinerzeit erwähnt, bei einem Krämer aufgekauft, und die Dolly Dutton aus Sparsamkeit zur Ausfütterung ihres Reisekoffers verwendet, jetzt aber zufälligerweise zum Einpacken des Käselaibes benutzt hatte. Schon dieser Titel reichte hin, Jeanies Aufmerksamkeit zu fesseln; der Inhalt selbst aber erschien ihr so wichtig, daß sie die Kinder sich selbst überließ und die Treppe hinauf in ihr Schlafzimmer eilte, um dort ohne Störung lesen zu können. – In der Druckschrift stand, Margarethe Murdockson sei wegen Raubes und Mordes vor zwei Jahren, begangen in Gemeinschaft mit dem berüchtigten Frank Levit und Thomas Tuck, gewöhnlich Tyburn Thoms genannt, zum Tode durch den Strang verurteilt und hingerichtet worden. Dann folgte eine kurze Beschreibung ihres sündigen Lebenslaufes, auf Grund der von ihr vor Gericht gemachten Aussagen, aus welchen Jeanie vor allem interessierte, daß sie ein Jahr vor ihrem Tode in der Vorstadt von Edinburg gewohnt habe, daß ihr dort ein Mädchen zur Pflege übergeben worden sei, das einem Kinde männlichen Geschlechts das Leben gegeben habe. Dieses Kind sei von ihrer Tochter, die seit dem Verlust ihres eigenen Kindes nicht mehr recht bei Verstande gewesen, gleich nach der Geburt fortgetragen worden, in dem Wahne, es sei ihr Kind, dessen frühen Tod sie sich nie habe einreden lassen wollend – Eine Zeitlang habe sie nun geglaubt, ihre Tochter habe das fremde Kind in einer Anwandlung von Wahnsinn umgebracht; sie, habe diese Vermutung auch dem Vater des Knaben gegenüber geäußert. Später aber habe sie in Erfahrung gebracht, daß eine Zigeunerin ihrer Tochter das Kind abgenommen habe.

Endlich also hielt Jeanie den unbestreitbaren Beweis für ihrer Schwester Unschuld an dem Morde ihres Kindes in der Hand! Hatten auch weder sie noch ihr Mann und ihr Vater Effie solcher Grausamkeit jemals für fähig gehalten, so hatte doch ein dunkler Schleier über dem Falle gelegen; und wer konnte wissen, ob nicht doch in einem Augenblick von geistiger Umnachtung das Schreckliche geschehen sei? – Es bedünkte sie nach einiger Ueberlegung für das richtigste, die Beichte dieses Weibes auf der Stelle ihrer Schwester zuzustellen, damit sich diese mit ihrem Manne über die Schritte, die hiernach zu unternehmen seien, beriete. Ungeduldig sah sie nun einer Antwort auf diese Benachrichtigung entgegen. Es verging aber längere Zeit, ohne daß eine solche eintraf, und sie begann schon zu befürchten, daß dies wichtige Zeugnis für Effies Unschuld in unrechte Hände gefallen sei. Da sah sie sich, als sie sich schon mit dem Gedanken trug, ihrem Manne über den Fall nach Edinburg zu schreiben, durch einen neuen Vorfall hiervon zurückgehalten.

Sie ging am Morgen mit den Kindern am Ufer des Meerbusens spazieren, als der kleine David des Hauptmanns »Kutsche mit Sechsen« in der Ferne erspähte, die, wie er sagte, gerade auf sie zukäme, mit Frauen darin. Bald erkannte auch sie zwei weibliche Gestalten neben dem am Steuer befindlichen Hauptmanne. Um der Höflichkeit zu genügen, begab sie sich nach dem Landungsplatze, wo der Hauptmann inzwischen schon angelegt hatte und sich eben anschickte, den beiden fremden Damen beim Aussteigen zu helfen, von denen sich die größere, ältere auf die Schulter der andern lehnte, die augenscheinlich ihre Kammerfrau war. – »Frau Butler,« begann der Hauptmann wichtigtuerisch, »ich habe die Ehre, Ihnen hier Lady – Lady – ei, ich hab' Ihrer Gnaden Namen vergessen.«

»Es hat nichts auf sich,« sagte die fremde Dame, »Frau Butler wird wohl nicht in Ungewißheit sein? Sie haben Ihr doch den Brief Seiner Herrlichkeit gestern abend übergeben, Herr?« fragte sie, nicht frei von Verdruß, als sie Jeanies Verlegenheit bemerkte. – »Nein, Euer Gnaden, ich bitte um Entschuldigung; aber es war gerade kein Boot zur Hand, und so dachte ich, es würde Zeit haben bis heute, weil ja Frau Butler immer zu Hause ist. Hier ist der Brief von Seiner Herrlichkeit.«

»Geben Sie ihn her,« sagte die fremde Dame, »da Sie es gestern nicht für notwendig hielten, ihn zu besorgen, will ich es selbst tun.«

Aufmerksam und mit ganz eigenartigen Gesinnungen betrachtete Jeanie diese Dame, die so streng und stolz mit einem Manne wie Knockdunder sprach, der dieser sonst so störrische, ja grobe Vertreter herzoglicher Jurisdiktion jetzt förmlich demütig den Brief überreichte.

Sie war von etwas über Mittelgröße, neigte ein wenig zur Fülle, wies aber trotzdem ein schönes Ebenmaß auf; ihr Wesen war frei und vornehm und schien auf edle Abkunft und ständigen Umgang mit den besten Kreisen der Gesellschaft zu deuten. Sie trug ein Reisekleid, einen Biberhut und einen Schleier von Brüsseler Spitzen. Zwei Lakaien in reicher Livree stiegen mit ihr aus der Barke, blieben aber in einigem Abstande hinter ihr, Reisekoffer und Mantelsack in den Händen haltend.

»Da Sie den Brief nicht erhalten haben, der mir als Einführung bei Ihnen dienen sollte, Frau Pfarrerin – Sie sind doch Frau Butler, nicht wahr? – so will ich ihn nun erst abgeben, nachdem ich gesehen, daß Sie mir auch ohne ihn den Willkomm nicht versagen.« – »Ihnen den Willkomm zu verweigern, wird sich Frau Butler, gnädigste Frau, wohl nicht einfallen lassen,« sagte Hauptmann Knockdunder; »Frau Butler,« setzte er hinzu, »dies ist Lady – Lady – diese vermaledeiten südlichen Namen wollen mir nicht in den Kopf; aber die gnädige Frau ist eine geborene Schottin, ich glaube aus dem Hause.«

»Der Herzog von Argyle ist mit meiner Familie gut bekannt, Herr,« fiel ihm die Dame, mit einem Tone, der ihm Schweigen gebot, ins Wort.

Jeanie kam sich vor, als durchlebte sie einen jener seltsamen Träume, die uns durch ihre täuschende Aehnlichkeit mit der Wirklichkeit schlimme Qual bereiten. Im Ton und im Wesen der fremden Dame lag etwas, das sie an ihre Schwester Effie erinnerte; und als dieselbe jetzt den Schleier lüftete, kamen Züge zum Vorschein, an die sich unsägliche Erinnerungen knüpften. Die Dame war wenigstens dreißig Jahre alt, konnte aber in der vornehmen Toilette gut und gern für einundzwanzig gehalten werden. Ihr Auftreten aber war so sicher und fest, und sie hielt sich so voll in der Gewalt, daß Jeanie, so oft sie eine neue Aehnlichkeit mit ihrer unglücklichen Schwester herausfühlte, eben so oft an ihren Mutmaßungen irre wurde. In maßloser Verwirrung, und ohne ein Wort zu sprechen, geleitete sie die Dame zum Pfarrhause, die der schönen Gegend, wie jemand, der mit Natur und Kunst gleich vertraut ist, volle Bewunderung schenkte. Endlich lenkten die Kinder ihre Aufmerksamkeit ab.

»Zwei hübsche Knaben, wohl die Ihrigen, Frau Pfarrerin?« sagte sie. – Jeanie bejahte. Die Fremde seufzte, und seufzte wieder, als ihr die Namen der Knaben genannt wurden. – »Komm doch her, Femie,« sagte Jeanie, jetzt auch die Tochter vorstellend. – »Wie heißt sie eigentlich, Frau Pfarrerin?« – »Euphemia, gnädige Frau.« – »Ich dachte, die gewöhnliche Abkürzung sei Effie?« sagte die Dame in einem Tone, der Jeanie das Herz zerriß; denn in diesem einzigen Worte lag mehr von ihrer Schwester, mehr von alten, längstvergangenen Zeiten als in allen Erinnerungen, die Wesen und Züge der Dame bereits in ihr geweckt hatten.