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Im Pfarrhause angekommen, drückte die Dame ihr den Brief in die Hand und bat um etwas Milch. Frau Butler hieß die alte May Milch besorgen und eilte mit dem Briefe auf ihr Zimmer. Es waren zwei Schreiben in dem Umschlage. Das eine war vom Herzog von Argyle, der Frau Butler ersuchte, einer Freundin seines verstorbenen Bruders, Lady Staunton von Willingham, die eine Zeitlang in Roseneath zur Molkenkur verweilen wolle, während ihr Gemahl eine kleine Geschäftsreise in Schottland mache, freundliche Aufnahme zu gewähren. Das andere war von Lady Staunton selbst, die der Schwester schrieb, ihr Mann habe sich infolge ihrer Mitteilung vorgenommen, selbst nach Carlisle zu gehen und dort weitere Erkundigungen über die Murduckson einzuziehen. Seine Bemühungen seien nicht ganz erfolglos gewesen, sie habe ihn aber erst durch viele Bitten und das Gelöbnis strenger Verschwiegenheit zu der Erlaubnis, ein paar Wochen bei ihrer Schwester zuzubringen, bestimmen können. Jeanie eilte, als sie den Brief gelesen, die Treppe hinunter, halb von Furcht befangen, sich zu verraten, halb von dem heißen Verlangen erfüllt, der Schwester um den Hals zu fallen. Effie stand auf, als Jeanie eintrat, und sah sie liebevoll und doch warnend an – nahm auch, um aller Gefahr vorzubeugen, gleich das Wort, auf den Hauptmann zeigend, der sich inzwischen eingefunden hatte. – »Liebe Frau Butler, ich habe dem Herrn Hauptmann Knockdunder eben gesagt, daß ich lieber hier bleiben möchte als in Roseneath; da, wo die Ziegen weiden, sollen ja die Molken am kräftigsten wirken.« – »Ich habe der gnädigen Frau aber gesagt,« bemerkte Duncan, »daß sie drüben besser wohnen werde, und daß die Tiere herübergeholt werden könnten; es sei doch schicklicher, die Ziegen warten der gnädigen Frau auf, als umgekehrt.« – »Meinetwegen bemühen Sie die Ziegen nicht,« sagte Lady Staunton; »zumal ich überzeugt bin, hier bessere Milch zu bekommen.« Sie ersuchte ihn kurz und bündig, ihr Gepäck von Roseneath herüberschaffen zu lassen, und das mußte ihm, wenn es auch ihm nicht zu gefallen schien, daß er wie ein Lakai behandelt wurde, als Zeichen gelten, daß man seine Entfernung wünsche. Ein paar Worte über englische Arroganz brummend und mit dem Bescheide an die Pfarrersfrau, daß er ihr das Wildbret mitschicken werde, das er selbst für die hohen Gäste geschossen habe, empfahl er sich. – Die Schwestern überließen sich nun ganz der Wonne des Wiedersehens; jede bekundete ihre Freude auf die ihrem Wesen eigentümliche Weise: Jeanie, von Erstaunen und Verwunderung überwältigt, still und in sich gekehrt; Effie bald weinend, bald lachend, bald schluchzend, bald schreiend, bald in die Hände schlagend, der ihr angeborenen Munterkeit, die sie sonst in zeremoniellen Schranken halten mußte, freien Lauf lassend. – Jeanie konnte, je länger sie die Schwester betrachtete, desto weniger ihrer Verwunderung Herrin werden über den Unterschied zwischen jenem hilflosen, in Not und Verzweiflung versunkenen Mädchen, das auf dem Strohlager im Kerker einem schimpflichen Tode entgegensah, und dieser schönen vornehmen Dame, die alle gesellschaftlichen Formen beherrschte und über eine so hohe Bildung verfügte. Als sie den Schleier abgelegt hatte, kamen Jeanie die Züge ihres Gesichtes viel vertrauter vor als ihr Wesen, Blick und Benehmen. Sie gab ihrem Staunen darüber, daß Effie als Lady Staunton sich so zu beherrschen, daß sie in allen Situationen ihre Rolle zu behaupten wisse, unverhohlenen Ausdruck.

»Ich begreife, daß Du Dich darüber wunderst, liebe Jeanie,« sagte sie; »bist Du doch, von der Wiege an, die Wahrheit selbst gewesen! Mir gegenüber darfst Du jedoch nicht vergessen, daß ich schon fünfzehn Jahre lang Verstellung und Lüge kultivieren, in meiner Rolle also nachgerade zu Hause sein muß.«

Jeanie wurde, als sich der erste Tumult ihrer Empfindungen einigermaßen gelegt hatte, bald inne, daß das Verhalten ihrer Schwester im vollen Widerspruch zu der Niedergeschlagenheit stand, die aus ihren Briefen sprach. Der Anblick von ihres Vaters Grabe, der schlichte Grabstein, der von seiner Gottesfurcht und Rechtschaffenheit sprach, ergriff sie freilich tief und drängte ihr Tränen in die Augen; aber anderen Eindrücken gab sie sich eben so leicht hin, amüsierte sich köstlich in der Milcherei, die in früherer Zeit so lange ihr Bereich gewesen, und hätte sich um Haaresbreite der alten May gegenüber verraten als sie sich hinreißen ließ, über das wichtige Geheimnis der Bereitung von Dunlop-Käse in ausführlicher Weise zu sprechen. Alles dies gewann ihr aber nur solange Interesse ab, als es neu war, und nur zu bald merkte Jeanie, daß die glänzende Außenseite, hinter der sie ihr Herzeleid verbarg, ihr so wenig wahren Trost gewährte, wie dem Krieger die bunte Uniform, die seine Todeswunde verdeckt. – Nur aus einer Quelle schöpfte Lady Staunton wahre Freude: aus der herrlichen Gottesnatur; wenn sie den Fuß ins Freie setzte, hörte sie auf, die Rolle der feinen Dame zu spielen; und mit ihren beiden Neffen als Führern unternahm sie lange, ermüdende Wanderungen durch das nahe Gebirge, zu den Seen und Wasserfällen, durch Täler und Schluchten, so daß es bald keinen irgend wie hervorragenden Punkt mehr gab, den sie nicht in Augenschein genommen hätte. Auf einer dieser Wanderungen führte David Butler sie zu einem Wasserfalle, höher und gewaltiger als alle, die sie bis jetzt gesehen. Ein beschwerlicher Weg von etwa dreiviertel Stunden Länge, auf dem sich die herrlichsten Durchblicke boten, bald auf den Meerbusen und seine Eilande, bald auf ferne Seen oder drohende Felsen und Abgründe, führte dorthin. In einem einzigen Strahle von mächtiger Höhe an einem schwarzen Bergrücken hernieder, dessen dunkle Farbe wunderbar gegen den weißen Schaum des Gischtes abstach, schoß die Wasserflut; in zwanzig Fuß Tiefe sprang ein zweiter Felsen vor, den Blick des Beschauers hindernd, bis zum Boden des Falles zu dringen; rund um den Vorsprung herum wälzte sich und goß sich das Wasser in weißem Gischt die Kluft hinunter.

Lady Staunton fragte den kleinen David, ob man nicht den Abgrund sehen könnte, in den sich das Wasser ergösse. David sagte, es gäbe wohl einen Fleck, einen Vorsprung am äußersten Ende des unteren Felsens, wo der ganze Wassersturz sichtbar sei, aber der Weg dahin sei steil und gefährlich und man könne leicht ausgleiten. Lady Staunton wollte aber ihre Neugierde durchaus befriedigen, und so führte sie der Knabe über Stock und Stein; bald mußten sie mehr klettern als gehen, und endlich gelangten sie, wie Seevögel sich an die Felsen klammernd, zur anderen Seite hinüber, von wo sie den vollen Anblick des grandiosen Falles hatten, der heulend und donnernd aus einer Hohe von annähernd hundert Fuß in einen schwarzen, dem Schlund eines Vulkans ähnlichen Kessel stürzte. Das Getöse, das Sprühen des Gischtes, das allen Gegenständen rings ein schwankes Ansehen gab, so daß der mächtige Fels, auf dessen Kuppe sie standen, gleichsam zu zittern schien, alles dies zusammengenommen übte auf Lady Stauntons Phantasie eine so gewaltige Wirkung, daß es ihr war, als müsse sie fallen; und hätte David sie nicht gehalten, so wäre sie tatsächlich in die Tiefe gestürzt. David besaß zwar Kraft und Mut, war aber doch erst ein Junge von vierzehn Jahren, dessen Hilfe ihr wenig Vertrauen einflößte, und in richtiger Erkenntnis der großen Gefahr ihrer Lage schrie sie laut auf vor Angst, wenn sie auch kaum Hoffnung hatte, Hilfe dadurch zu gewinnen. Zu ihrem Erstaunen antwortete aber ein scharfer, heller Pfiff aus der Höhe, und aus einer Felsenkluft über ihnen blickte ein dunkles Menschengesicht, mit schwärzlich-grauem struppigen Haar, das über Stirn und Wange hing und sich mit Kinn- und Backenbart von gleicher Farbe mischte, auf sie herab.

»Der Teufel ist's!« rief David, kaum noch im stände, die Dame zu stützen,